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Von 0 auf 100 in drei Sekunden

Die "Dynamics" der OTH Regensburg bauen Rennboliden für internationale Wettbewerbe der "Formula Student". Jahr für Jahr feilen bis zu 90 Motorsport-Enthusiasten aus allen Fachrichtungen am perfekten Rennauto. 5000 Teilnehmer und 10.000 Zuschauer auf Wettbewerben, Sponsorengelder, Prestige - trotzdem ist die Studenten-Rennserie auf dem Campus erstaunlich unbekannt. Ein Werkstattbesuch.

Ferrari-rotes Interieur: Eine Regalwand in der Werkstatt der "Dynamics". (Fotos: Heckler)  
Im Maschinenbau-Gebäude der OTH Regensburg stellen die Dynamics ältere Boliden aus. Zwei ältere Modelle... 
...ein Stockwerk höher zwei aktuellere Modelle. Rechts der Bolide von 2015. Gewicht: ca. 200 kg, von 0 auf 100 in beeindruckenden drei Sekunden.
Eine Innenansicht des Cockpits. Der Einstieg fühlt sich an, als zwänge man sich in ein sehr enges Kanu. 
Probesitzen: Größer als 1,90 Meter sollte der Fahrer nicht sein - und kein Klaustrophobiker. 
Ausgezeichnet: Die Dynamics gewinnen regelmäßig Preise für ihre Teamleistung. Links zu sehen: der "Longest Travelled Cone". Das bedauernswerte Hütchen geriet in das Fahrgestell der 100-PS-Maschine.
Im Keller des Maschinenbau-Gebäudes stellen Teammitglieder der Dynamics den neuen Motor auf den Prüfstand. Gesucht: der ideale Zündmoment für die optimale Fahrleistung.
Der Eingang in das Allerheiligste der Dynamics - die Teamwerkstatt. 
Dicht an dicht werden Bauteile in Regalen verstaut. 
Der IT-Bereich der Werkstatt - durch das Fenster geht's auf die private Dachterrasse. 
Wer bei den Dynamics mitarbeitet, hat oft wenig Zeit für das Studium. Deadlines für internationale Wettbewerbe drängen, der eigene Perfektionsanspurch spornt auch mal zu Nachtschichten in der Werkstatt an.
 
 

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Acceleration, Skid-Pad, Autocross, Endurance: so heißen die Herausforderungen für das Rennteam "Dynamics" auf den internationalen Wettbewerben der "Formula Student". Auf deutsch: Beschleunigung, liegende Acht, Slalom, Hauptrennen. Wer mit Missbilligung notorische Anglizismen wittert, dem sei zur Rechtfertigung der Dynamics gesagt: die offizielle Sprache auf allen Veranstaltungen der "Formula Student" ist Englisch. Es treten Hochschulteams aus ganz Europa gegeneinander an, sogar Kanada schickt regelmäßig Vertreter auf die Rennstrecken.

Und zwar nicht auf irgendwelche Rennstrecken, sondern: auf den baden-württembergischen Hockenheimring, den Red-Bull-Ring im österreichischen Spielberg, den Circuit de Barcelona-Catalunya, um nur eine Auswahl der prestigeträchtigen Veranstaltungorte zu nennen. 2006 fanden erste Rennen der "Formula Student" statt, mittlerweile trifft sich das who-is-who der internationalen Automobilbranche bei den Veranstaltungen. Namhafte Autohersteller, darunter BMW oder Daimler, halten dort Ausschau nach den Autobauern von morgen. Firmen wie Continental zahlen Geldbeträge im sechsstelligen Bereich - nur für einen Werbestellplatz bei den Veranstaltungen.

Insgesamt werden in der "Formula Student" erstaunliche Summen bewegt, wie Michael Lermer erzählt. Der 22-jährige Maschinenbaustudent ist seit Jahren Mitglied der Dynamics und mittlerweile Teamleiter."Bis zu einer halben Million Euro kostet die Konstruktion eines Boliden", sagt Lermer. Die OTH sei der größte Geldgeber des Teams, sie steuere jährlich bis zu 20.000 Euro bei. Der Rest werde von privaten Sponsoren aus der Region finanziert, darunter Continental oder eine bekannte Firma für Chip-Tuning.

Was zählt, ist Leidenschaft für Motorsport

90 Leute arbeiten aktuell im Dynamics-Team. Und nicht nur Maschinenbauer: Die Dynamics haben eine große Wirtschafts- und Sponsoringabteilung, die sich um Finanzen, Sponsoren und Buchhaltung kümmert - vornehmlich Studierende der Wirtschaftswissenschaften übernehmen diese Aufgaben. "Obwohl wir ein Verein sind, agieren wir wie ein Unternehmen", sagt Lermer. Was für eine Mitgliedschaft bei den Dynamics vor allem zähle, so Lermer, sei nicht etwa die Fachrichtung, sondern echte Leidenschaft für Motorsport. "Wir haben auch ein Mädchen aus der Vergleichenden Kulturwissenschaft, das bei uns mitmacht", erzählt Lermer. Die Dynamics sind zwar männerdominiert, doch etwa ein Viertel der Mitglieder sind Frauen. 

Gerade baut das Team einen neuen Boliden für die anstehenden Wettbewerbe im Juli und August. Nur einmal darf ein Team mit einem Auto antreten - das schreibt die "Formula Student" vor. Daher entstehen Jahr für Jahr neue Boliden, stets etwas ausgefeilter konstruiert. "Letztes Jahr war unser Auto mit rund 200 Kilogramm etwas schwer - diese Saison peilen wir 180 Kilo an", sagt Lermer. Um ein möglichst geringes Gewicht zu erreichen, verbauen die Dynamics aufwändige Bauteile aus Carbon. Die einzelnen Bauteile werden von den Sponsoren geliefert und von den Ingenieuren der Dynamics modifiziert.

Im Mai ist das sogenannte "Roll-Out" - dort präsentieren die Dynamics ihre neue Konstruktion vor geladenen Gästen. "In der Regel laden wir befreundete Teams ein, es gibt ein Buffet und eine bunte Abendgestaltung", sagt Felix Rolka. Der 22-jährige studiert BWL und ist seit einem Semester bei den Dynamics. Er freut sich auf seine erste Rennsaison. Und er wundert sich ein wenig: darüber, dass die "Formula Student" trotz vieler Teilnehmer - rund 5000 auf großen Wettbewerben - und namhafter Unterstützer auf dem Campus weitgehend unbekannt ist. Als Mitglied des Wirtschaftsteams will er das in den kommenden Semestern ändern.

Die "Formula Student": Kontaktbörse und interkultureller Austausch

"Wir wollen als Team noch präsenter sein, bei Stadtfesten und bei Campusveranstaltungen", so Rolka. Eine Mitarbeit bei den Dynamics lohne sich, sagt Teamleiter Lermer. "Die Veranstaltungen machen immer riesigen Spaß - darüber hinaus ist die "Formula Student" eine riesige Kontaktbörse. Auch im Lebenslauf ist ein Engagement bei uns gern gesehen.

Neben dem Curriculum wird auch der interkulturelle Austausch gepflegt. Die Dynamics stehen in regem Kontakt zu einem kanadischen Team, Technologie- und Wissenstransfer inbegriffen. "Wir hoffen, das die Kanadier auch dieses Jahr wieder am Hockenheimring starten", sagt Lermer. Eine Teilnahme ist nicht selbstverständlich: Aufgrund der hohen Bewerberzahlen müssen die Rennteams ein Quiz absolvieren, das als Qualifikation dient. Abgefragt werden Regeln und Modalitäten, zudem werden physikalische und mathematische Kenntnisse geprüft. "Bisher haben wir den Test aber jedes Mal geschafft", sagt Rolka.

Am 17. Mai stellen die Dynamics ihren diesjährigen Rennboliden vor - man darf gespannt sein. Hier bekommt ihr einen Eindruck von den Wettbewerben der "Formula Student":

Die "Formula Student" 2015: Da kocht der Hockenheim-Ring. 
von Bernhard Heckler

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