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Der Fall Mollath


  • Tag 3: Mollaths Verteidiger, Gerhard Strate, macht da weiter, wo er am Vortag aufgehört hat: Er bringt die illegalen Geldgeschäfte bei der Hypovereinsbank in die Verhandlung ein. Er stellt wieder neue Beweisanträge, wieder geht es um die Verwicklungen von Petra M. in illegale Geldgeschäfte. Er beantragt, ein Fax von einer Freundin der Nebenklägerin zu verlesen und zwei Bankangestellte zu laden, die an der internen Prüfung der Hypovereinsbank beteiligt sind. Über die Anträge wird später entschieden.

    An diesem Mittwoch sind mehr als nur zwei Zeugen geladen. Der erste Mann im Zeugenstand sitzt dort nicht lange. Der Bruder von Mollaths Ex-Frau macht von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Die zweite Zeugin kann das nicht: Eine Freundin von Petra M., die mit ihrem Bruder verheiratet ist, dem Mann der gerade im Zeugenstand saß. Petra M. habe sie 1998 kurz kennengelernt, heute seien sie gut befreundet. Sie habe schon früh davon erfahren, dass es beim Ehepaar Mollath immer wieder heftig krachte. Mollath habe sich von seiner Frau aushalten lassen, sein Reifenhandel sei eher ein Hobby gewesen. Den Angeklagten habe sie "mehr oder weniger freiwillig" kennengelernt - und zwar erst am Freitag, 31. Mai 2002, dort habe er einen bleibenden Eindruck hinterlassen:

    Petra M. sie sei schon vor ein paar Tagen ausgezogen. Sie wollte an diesem Freitag Sachen aus dem Haus holen; aus Sorge um sie, fuhr die Zeugin knapp eine Stunde später mit dem Motorrad hinterher. Sie wartete draußen, ein bis zwei Stunden lang und habe zunächst weder etwas gehört noch gesehen - irgendwann wurde das schlechte Gefühl immer größer, bis sie so lange an die Tür klopfte, bis jemand öffnete. Die Frau erinnert sich so: Im Haus sei es dunkel gewesen, Petra M. sei froh gewesen, sie zu sehen, sie habe verängstigt gewirkt. Mollath habe sich dann vor ihr, der Zeugin, aufgebaut und sie aufgefordert, unverzüglich sein Haus zu verlassen. Den Blick des Mannes habe sie nicht vergessen: "Sein Ausdruck war sehr beeindruckend." Er habe die Fäuste geballt, war knöchelweiß und verschwitzt, und sie habe ihm angesehen, dass sich Mollath habe "beherrschen müssen". Die Damen seien dann so schnell geflüchtet, wie sie gekommen waren. Petra M. soll rote Flecken am Oberarm gehabt haben, später erzählt sie ihrer Freundin noch, Mollath habe sie im Schlafzimmer eingesperrt.

    Am selben Tag, ein paar Stunden später, sind die zwei Frauen mit Petra M.'s Bruder nochmal zum Haus der Mollaths gefahren: Der Angeklagte sei "wie eine andere Person" gewesen. Petra M. hätte dann problemlos ihre Sachen holen können. Mit irgendwem telefoniert habe sie den ganzen Tag lang nicht, zumindest habe sie davon nichts mitbekommen.

    In dem Aktenberg dieses Falles steht aber eine Zeugenaussage, die etwas anderes behauptet: Das hält ihr Oberstaatsanwalt Meindl vor. Petra M. soll an diesem Tag noch mit Zahnarzt Edward Braun telefoniert haben. Der Mann, der wegen dieses Anrufs eine eidesstaatliche Versicherung abgegeben hat, weil Mollaths Ex-Frau ihm gegenüber gesagt hätte, sie würde ihren Mann wegsperren lassen. Dafür erhielt Braun Post vom Landgericht Regensburg und eine Rechnung über 60 Euro, weil er angeblich ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt hatte, dazu jedoch nicht berechtigt sei. (Update: In einer ersten Version haben wir berichtet: Braun habe selbst ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt, das war juristisch nicht korrekt.) Den Namen Edward Braun habe die Zeugin dagegen laut eigener Aussage am Mittwoch überhaupt erst im Jahr 2013 das erste Mal gehört.

    Petra M. habe in dieser Zeit bei ihr gewohnt; immer wieder seien viele Faxe gekommen, viele von Mollath. An das, was darauf stand, könne sie sich nicht erinnern. Nur so viel: "Es waren meterlange Faxe."

    Bei der Polizei sagte sie, Petra M.'s Kleider seien an jenem 31. Mai 2002 zerrissen gewesen, sie habe zersaust ausgesehen, Verletzungen habe sie dagegen keine gehabt - und den Angeklagten habe sie an diesem Tag gar nicht zu Gesicht zu bekommen. Verteidiger Strate mischt sich daraufhin ein, entschuldigt sich aber gleich dafür. "Verzeihung, ich bin etwas in Rage. Das sind ja völlig neue Tatsachen hier." Den Widerspruch zu ihrer Vernehmung kann die Frau nicht aufklären. Wie diese Aussage zustande gekommen sei, könne sie sich selbst nicht erklären. Auf Nachfrage weiß sie auch nicht mehr, wer ihr die Tür geöffnet hat. Warum es zum Streit gekommen sei, habe sie nie erfahren.

    Zum Vorfall von August 2001, als Mollath seine Frau verprügelt, gewürgt und gebissen haben soll, kann sie nur sagen, dass sie damals wenig Kontakt zu ihr hatte. Zwei Tage später hätten sich die beiden Frauen aber in einer Eisdiele getroffen. Dort habe ihr Petra M. von den Übergriffen berichtet und ihr die Bissabdrücke am rechten Unterarm gezeigt. Die Bissverletzung sei sehr markant gewesen, sie habe ihr geraten, sich gegen Tetanus impfen zu lassen und sich wegen den Kopfverletzungen röntgen zu lassen. Petra M. sei dann mit ihr in die Praxis gegangen, in der die Arzthelferin angestellt ist.

    Untersucht worden sei sie dann vom Sohn der Praxisinhaberin, der die Praxis schon länger geführt hatte. "Wie ist es dann zum Attest gekommen?", will Escher wissen. Zeugin: "Das macht der Arzt ganz allein." Sie habe das Attest weder gesehen noch geschrieben.

    Dieses Attest ist deswegen so wichtig, weil es der Grund ist, warum es dieses Wiederaufnahmeverfahren überhaupt gibt. Nach langen juristischen Wirren um die Echtheit dieser Urkunde, weil es nicht von der Praxisinhaberin, sondern von dessen Sohn ausgestellt worden ist: Der Sohn war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch kein approbierter Arzt, das Attest trug neben der Unterschrift mit dem Kürzel "i.V." (in Vertretung). Dieses Attest dient im ersten Verfahren gegen Mollath als Beleg für seine Gemeingefährlichkeit, das OLG zweifelte jedoch an der Echtheit und entschied im Sommer 2013, den Fall vor dem Landgericht Regensburg neu aufrollen zu lassen.

    Richterin Escher will nun mehr über einen anderen Vorfall wissen, als Mollath Post aus dem Briefkasten der Zeugin gestohlen haben soll. Die Zeugin berichtet das: Mollath stand im Treppenhaus, habe sie an die Wand gedrückt und Briefe in der Hand gehabt. Ihr Mann kam ihr dann zu Hilfe, es gab ein Handgemenge. Mollath wollte nicht gehen. Das Paar rief die Polizei.
    Mollath habe seiner Frau wiederholt nachgestellt, berichtet die Zeugin. Er habe auch Fotos gemacht vor der Arztpraxis, mitgeschrieben, wer wann dort reingeht.

    Um 11.30 Uhr ist die erste Unterbrechung vorbei. Nun ist Strate dran mit dem Fragestellen an. Und schon nach wenigen Minuten wird klar, für die Zeugin wird das kein Spaziergang.

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