Leben und Überleben in der Karibik

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Sonntag, 6. November 2016 7

Leben und Überleben in der Karibik

Am 12. Januar 2010 traf ein Erdbeben der Stärke 7,0 Haiti. Das ohnehin schon ärmste Land der Welt wurde dadurch noch tiefer ins Elend gestürzt. Was hat sich seither getan? Wie entwickelt sich die Nachbarinsel Kuba? Christian Kucznierz ist mit einer Gruppe deutscher Journalisten vor Ort.

  • Straßenszene in Carrefour, Haitis zweitgrößter Stadt

  • Die letzten Tage auf Haiti waren randvoll mit Eindrücken und Terminen. Und da der Verkehr hier ein echtes Problem darstellt, war es schwer, alles zu schildern, weil man immer zu spät beim nächsten Treffen ist.

    Was mir heute früh noch einmal durch den Kopf ging: Haiti ist ein einerseits wunderschönes, aber auch erschreckendes Land. Es wird ein paar Tage dauern, alles zu sortieren. Wobei wohl stimmt, was man mir hier mehrfach gesagt hat: Wirklich verstehen kann man dieses Land nicht. Zumindest nicht, wenn man hier nicht geboren ist. Das allerdings macht es sehr spannend.
  • Traumstrand im Süden Haitis. Aber die Abbruchkante der früheren Straße und das abgesackte Haus zeigen, wie die Erosion an der Insel knabbert.

  • Mildrède Beliard ist Beraterin und Journalistin in Port au Prince. Nach dem Erdbeben arbeitete sie für eine Hilfsorganisation, um beim Wiederaufbau zu helfen. Ja, Haiti habe viele Probleme, sagt sie. Aber sie glaubt an ihr Land: "Wir werden es schaffen, Haiti zu verändern."

  • Sieht nach Idylle aus, ist es aber nur bedingt. Im Süden Haitis ist Fischerei für die Menschen vor Ort ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Noch wichtiger aber ist die Produktion von Vetiver-Öl. In Kreisen der großen Parfümhersteller gilt Vetiver aus Haiti als der beste der Welt. Weil aber die Pflanze mit der Wurzel geerntet wird, trägt der Anbau mit zum Fortschreiten der Erosion bei - und das, wo die Hügel hinter der Küste ohnehin schon kahl geschlagen sind. Das ausgespülte Sediment läuft ins Meer, wo es zusammen mit der Überfischung dazu beiträgt, dass die Fischer immer weniger Fische fangen und so immer weniger zum Leben haben.

  • Markt in Port Salut

  • Der Süden Haitis ist landschaftlich traumhaft schön. Karibikidylle mit Palmen, grünen Bergen und türkisem Meer. Eigentlich eine perfekte Tourismus-Kulisse. Aber hierher zu kommen, ist ziemlich aufwändig. Die Straßen sind rumpelig, man kommt nur langsam voran. Und die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel, es ist schwül. Nach wenigen Minuten ist man reif für die Dusche. Und hier ist gerade Winter...
  • Cavaillon sieht aus, wie Haiti aussehen könnte: Die Straßen sind sauber, die Häuser bunt. Keine Müllberge, kein Dreck und vor allem: keine Erdbebenfolgen. Der Süden war verschont geblieben. Am Brunnen am Stadtplatz holen Kinder Wasser, ein paar Männer spielen Basketball auf einem improvisierten Platz. Aber fünf Jahre nach dem Erdbeben und zehn Jahre, nachdem die UN ihre Mission zur Friedenssicherung hier begonnen haben, ist noch nichts gut hier in Haiti.

    Es gibt zwei grundlegende Theorien, warum das so ist. Die einen sagen, die internationale Hilfe, die vor allem nach dem Beben 2010 hier einsetzte, lasse nicht zu, dass das Land und seine Menschen selbstständig werden. Die anderen sagen, dass hier noch nie die Voraussetzungen vorhanden waren, um ohne Hilfe von außen klarzukommen. Beide Theorien lassen nicht Gutes für die Zukunft Haitis erahnen. Zumal die Vereinten Nationen beschlossen haben, ihre Mission hier zwar weiterzuführen. Aber sie wird verkleinert. Ausgerechnet jetzt.

    Im Januar endet die Amtszeit für die Abgeordneten des Unterhauses des Parlaments. Dazu scheidet ein weiteres Drittel der Senatoren aus dem Amt. Das Oberhaus ist damit nur noch mit zehn Senatoren besetzt. Zu wenige, um Entscheidungen durchzusetzen. Faktisch hat Haiti dann keine Volksvertretung mehr. Wahlen gab und gibt es bislang nicht, weil das Wahlgesetz nie vom Senat verabschiedet wurde. Ja nach dem, ob man Präsident Michel Martelly wohl gesonnen ist oder nicht, ergeben sich dann zwei Szenarien: Entweder, er wird einen Wahltermin per Dekret festsetzen. Oder er regiert künftig einfach mit Dekreten quasi autokratisch weiter. Er wäre in der Geschichte des Landes nur ein weiterer Diktator. Den Menschen wäre es wahrscheinlich erst einmal egal. Viel ändern dürfte sich für sie nicht. Zwei Dollar am Tag gelten als Existenzminimum. In Haiti leben viele von weniger als einem am Tag. Schlechter geht also nicht. Für das Land, das nach dem Erdbeben ohnehin genug Probleme hat, wäre das aber eine weitere Katastrophe. Und Stadtbilder wie das in Cavaillon blieben noch lange Zeit die Ausnahme.
  • ... Für diejenigen, die täglich auf dem Weg zur Arbeit im Stau stehen, ist es kein Trost, das ist mir klar, aber trotzdem: Es geht noch schlimmer. Siehe Stau Port au Prince im Video. Und wir haben keine mannstiefen Löcher auf der Straße. Und keine Schlaglöcher, bei denen das Auto aufsitzt, trotz erhöhter Bodenfreiheit. Zumindest noch nicht. Und weil die Maut ja umpfzig Millionen in die Kassen spülen wird, wird das auch nie passieren. Oder so.

  • Straßenszenen in Haiti auf dem Weg vom Flughafen

  • Die Fahrt vom Flughafen in Port au Prince zum Hotel ist ein Kulturschock. War der Zwischenstopp auf dem Airport von Panama City nach ein paar Tagen in Havanna schon wie die Ankunft in einer neuen, alten Welt - allein die Masse an Geschäften mit Mode und Elektronikartikeln! Seltsam, wie Konsum auf einmal bekannt und fremd wirken kann - gleicht die Fahrt durch die haitianische Hauptstadt kaum etwas, das ich bisher gesehen habe. Während sich uns Bus die schlaglöcherige Straße immer weiter nach oben in die besseren Teile der Stadt fährt, ziehen an uns vor allem Mauern vorbei. Mauern, auf denen Stacheldraht und Glasscherben klar machen, dass hier niemand ungebetenen Besuch will. Wobei Haiti die geringste Verbrechensrate aller Karibik-Staaten hat (außer Kuba). Weiter unten, in den schlechteren Vierteln der Stadt, sind diese Mauern teilweise eingestürzt, ebenso wie die Gebäude dahinter. Es wirkt alles, wie eine große Baustelle, und das ist es ja irgendwie auch. Wobei man mir sagt, dass das Erdbeben daran nur zum Teil Schuld ist. Haiti war schließlich schon vor 2010 das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Und das wird es wohl auch noch eine Zeit lang bleiben.

    Heute geht es in den größten Slum der Stadt. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet.
  • Überlandfahrt auf Kuba. Eine Autobahn, auf der für deutsche Verhältnisse paradiesische Zustände herrschen. Kein Verkehr und die wenigen Autos und Lastwagen fahren gemäßigt. Gut, man muss sich damit abfinden, dass ab und zu Radfahrer unterwegs sind (auch nachts) und dass Autos auf einmal über den Grünstreifen, der die Fahrtrichtungen trennt, wenden. Entlang der Straße: Grünes Land. Ein paar Tiere hier und da, aber sonst: nichts. Das sieht idyllisch aus, aber von Idylle leben kann nur der Tourismus.

    80 Prozent der Lebensmittel auf Kuba werden importiert, und das, obwohl 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche nicht bebaut sind. Mit der Blockade hat das nichts zu tun, sagt einer, der es wissen muss, Misswirtschaft sei das, nichts anderes.

    Kuba lebt vom Tourismus. Wer kann, vermietet ein Zimmer und bessert so seinen Lebensunterhalt auf. Im Durchschnitt verdienen Kubaner irgendwo zwischen 25 und 30 Dollar - im Monat. Akademiker 45 Dollar. Wer auf Rente angewiesen ist, muss sich mit 10 Dollar durchschlagen.

    Paladar San Cristobal ist ein Top-Restaurant in der Hauptstadt. Eines der Lokale, die im Zuge der von Kubas Regierung ausgerufenen neuen Politik nicht mehr staatlich betrieben werden, sondern in Privatbesitz sind. Die Küche bietet exzellentes Essen, der Wein ist gut, die Rumauswahl beeindruckend, das Ambiente karibisch-überbordend. Eine Mischung aus Kolonialstil, Ramsch und Hollywood-Nostalgie. Ein Normalsterblicher auf Kuba kann sich diesen Luxus nicht leisten. An einem Tisch sitzen zwei Herren mittleren Alters, mit ihnen am Tisch eine junge Frau, vielleicht Anfang 20. Vielleicht auch jünger. Sie ist gut gekleidet, aber man merkt, dass das weder ihr normales Outfit, noch ihr normales Umfeld ist. Für viele junge Kubanerinnen gleicht es einem Jackpot-Gewinn, wenn sie eine Mann aus Kanada, den USA, Europa kennen lernen, der sie mitnimmt, weg aus einem Land, das vielleicht bald implodiert.

    Kuba ist hoch verschuldet. Da hilft auch nicht, dass der einzige Partner Russland, der das Land in den 1990ern, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, fallen ließ wie eine heiße Kartoffel, die Altschulden erlassen hat. 38 Milliarden waren das, zumindest wird diese Zahl genannt, es dürften wohl mehr gewesen sein. Und Kuba lebt weiter auf Pump. Was passieren wird, wenn die Castro-Bürder einmal nicht mehr sind, weiß niemand. Fest steht, dass die Vorbereitungen laufen. Vor allem im Ausland.

    Aber auch im Land gibt es Projekte, die nur dann Sinn machen, wenn die Blockade fällt, die Kuba seit Jahrzehnten lähmt, und die regelmäßig 188 Staaten der Vereinten Nationen aufheben wollen. Die USA und Israel legen genauso regelmäßig ihr Veto ein. Die Regierung in Havanna baut einen neuen Hafen in Mariel, etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, der optimale Bedingungen für Containerschiffe bieten soll, auch aus den USA. Doch von dort kommen keine Schiffe. Im ersten Jahr wickelte der Hafen rund 15000 Container ab. Die jährliche Kapazität läge bei 822000.
    Ein neuer Yachthafen in Varadero bietet über 1000 Liegeplätze. Fragt sich, von wo die Schiffe kommen sollen, und wann. Die USA senden mittlerweile heftige Signale der Entspannung an Kuba, sogar die New York Times bezweifelt den Sinn des Embargos. Und Hillary Clinton ist für eine Annäherung. Doch ob sie ins Weiße Haus einziehen wird, weiß niemand. Und was, wenn Fidél und Raúl Castro dann immer noch leben? Ein Witz in Kuba geht so: Fidél liegt im Sterben. Das Volk steht vor seinem Fenster und will Abschied nehmen. Sie rufen seinen Namen. Fidél fragt seinen Pfleger: "Was machen die da?" "Das Volk nimmt Abschied, Comandante." "Wo will es denn hin?"

    Bei allem Scherz: Die Kubaner suchen tatsächlich noch immer ihr Heil in der Flucht. 50000 jährlich versuchen, in die USA zu kommen. Wer es schafft, das Land zu erreichen, darf bleiben, so ist die US-Rechtslage für Kubaner. Damit es aber nicht so kommt, haben Havanna und Washington eine enge Zusammenarbeit ihrer Küstenwachen beschlossen. Und dennoch versuchen es diejenigen, die es hier nicht mehr aushalten, weiter. Die Flüchtlingszahlen sind so hoch wie lange nicht mehr, und die führt zu einem Brain Drain, zur Abwanderung von Intellektuellen, Fachkräften, sprich von Menschen, die helfen könnten, das Land zu reformieren, wenn die harte Hand der derzeitigen kubanischen Regierung erschlafft. Opposition im Land gibt es kaum. Wer den Kopf hebt, dem wird er abgeschlagen, sagt einer. Zumindest noch.
  • ... So ein Bild muss jetzt auch mal sein, wir sind schließlich auf Kuba.

    Fun fact: Wir haben heute mit Experten über den Klimawandel gesprochen, darüber, wie er Kuba betrifft und wie sich das Land darauf vorbereitet. Unvermeidliche Frage: Wenn der Klimawandel so besorgniserregend ist, warum tut Kuba dann nichts gegen die echt miesen Abgase, die unter anderem aus den zahlreichen Oldtimern kommen? Darauf ein grinsender Klimaexperte: Unter den Motorhauben vieler US-Oldtimern laufen bereits modernere Motoren, auch deutsche... Mangel macht erfinderisch, klar. Aber das erklärt nicht, warum die Kisten so üble Abgaswolken produzieren. Naja. Sie sind zumindest sehr schön.

    Weniger schön und weniger fun factig: Kuba droht ein Verlust von 6% seiner Landmasse bis zum Jahr 2100 durch Folgen des Klimawandels. Das würde rund eine Millionen Menschen ihrer Heimat berauben. Und das ist dann der Fall, wenn die Weltgemeinschaft ihr Zwei-Grad-Ziel einhält. Und ob das gelingt...

  • Wie Ebola-Prävention auf Kuba funktioniert:

    An der Passkontrolle. Grenzbeamte:
    "Waren Sie in Afrika?"
    "Nein."
    "In Texas?"
    "Nein."
    "In Dallas?"
    "Äh... Nein?"
    "Okay."

    Gut, wenn man gefragt wird. Da weiß man sich in Sicherheit.

    Gleichzeitig ist Kuba eines der Länder gewesen, die umgehend nach dem Aufruf der WHO ein Kontingent an Ärzten in die von Ebola betroffenen Gebiete in Afrika entsandt hat, um schnellstmöglich Hilfe leisten zu können. Was ziemlich beeindruckend ist. Eigentlich sollten wir heute einen Zuständigen aus dem Gesundheitsministerium treffen, doch er musste absagen. Diese Missionen sind für Kubas Regierung sensibel, sagte man uns. Was eine gewisse Zurückhaltung erklären mag. Was ich nicht wusste: Offenbar hatte Kuba nach dem Hurrikane Katrina ein Ärzteteam für einen Hilfseinsatz in die USA bereit gestellt. Washington lehnte das Angebot ab.
  • Okay, vielleicht bin ich naiv. Aber ich war dann doch überrascht, als unsere Ansprechpartner vor Ort hier in Havanna mir erzählten, dass eines der schwierigen Dinge bei der Eingewöhnung für sie aus Kuba war, dass dieses Internet hier so etwas wie ein Novum ist. Man hat davon gehört, und ja, es gibt Internetzugang, zum Beispiel für Professoren in der Uni. Aber so allgemeiner Zugang ins Netz? Fehlanzeige. Ich habe das eher für eine Schauergeschichte gehalten. Bis ich versuchte, hier zu arbeiten.

    Kein Wlan im Hotel. Na okay. Aber kein Internet per Mobilfunkverbindung? Cubatel lässt mich telefonieren (für viel Geld) und SMS schreiben (ja, SMS. Für nicht ganz so viel Geld, aber teuer ist es trotzdem). Aber Cubatel mag nicht, dass ich ins Netz gehe.

    Ich muss es gestehen: Ich bin ein Smartphone-Junkie. Und wenn ich auch erst vor dieser Reise mir einen eigenen Twitter-Account zugelegt habe (@CKucznierz), so heißt das nicht, dass ich nicht dauernd irgendwie online bin. Und hier jetzt also ist Funkstille.

    Na gut, es gibt Auswege. Das große Hotel um die Ecke bietet Wlan in der Lobby. Die Stunde für 10 Euro. Besser als nichts. Sonst könnten diese Zeilen gar nicht entstehen. Aber es wird ziemlich interessant für mich, ohne Mails, Facebook und den Nachrichtenstream auf Twitter (gelesen und über @mz_pol genutzt habe ich Twitter schon lange) und ohne mal schnell was nachgucken zu können die Tage hier zu verbringen.

    Wobei: Hat ja mal irgendwas. So informationelle Unselbstbstimmung. Schießlich ist Kuba ja auch kein freies Land...
  • Haiti ist nach Definition der Vereinten Nationen einer von 51 Staaten, die unter dem Begriff SIDS (Small Island Developing States, kleine Insel- Entwicklungsstaaten) zusammengefasst werden. Auch die Nachbarinsel Kuba gehört dazu. Alle SIDS sind unterschiedlich, aber sie eint eines: ihre Verletzbarkeit. Der Klimawandel bedroht sie auf unterschiedliche Arten, ebenso wie Naturkatastrophen. Auch ihre sozioökonomischen Verhältnisse sind vergleichbar.

    Von heute an bin ich mit einer Gruppe deutscher Journalisten auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) für 10 Tage in beiden Ländern auf Recherche und werde meine Eindrücke an dieser Stelle immer wieder schildern.
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