Bennis Wühlkiste

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Sonntag, 6. November 2016 7

Bennis Wühlkiste Live

Lesen bedeutet für mich, die Seele auf Reisen zu schicken. Schon Oscar Wilde wusste: "Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben, sonst nichts." Gleiches gilt für Hörbücher oder DVDs. In meinem Blog finden Sie Rezensionen über Neuerscheinungen und ältere Titel.

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  • Robert Harris: Vaterland

    Hitler hat den Krieg gewonnen. Großdeutschland, das vom Rhein bis zum Ural reicht, dominiert Europa. Ständige Partisanenkämpfe und der Kalte Krieg mit den USA zermürben das Reich. In Berlin geschieht ein brutaler Mord an einem Parteibonzen – und Kripo-Sturmbannführer March gerät im Zuge seiner Ermittlungen gefährlich nah an die Wahrheit.

     
    Abbildung: Heyne
     
    Robert Harris entwirft ein düsteres Szenario: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Die Nazis haben ein koloniales Großreich geschaffen, in dessen Zentrum die gigantische, von Albert Speer mit monumentalen Bauten ausgestattete Metropole Berlin liegt. Von den ungeheuren Verbrechen der Nazis in den Kriegsjahren wissen fast 20 Jahre danach nur noch die Täter. Und die versuchen alles, um nichts durchsickern zu lassen. Denn das Reich sucht die Aussöhnung mit den USA. Der Mord an einem hohen Nazi-Parteifunktionär scheint mit all dem auf den ersten Blick nichts zu tun zu haben. Doch Xaver March, ein Freigeist, der unter der Gleichschaltung im Reich leidet, fallen Ungereimtheiten auf. Er beginnt, intensiv zu ermitteln, und untersucht gemeinsam mit einer amerikanischen Journalistin die Vergangenheit des Toten. Und schon bald muss der Kripo-Sturmbannführer erkennen, auf welch lebensgefährliches Terrain er sich begeben hat.
     
    Natürlich ist ein Krimi mit dieser Thematik heikel. Doch Harris bietet keine Nazi-Nostalgie und der Vorwurf der Deutschfeindlichkeit in früheren Rezensionen ist absurd. Der Brite hat ganz einfach einen packenden Thriller mit einem wirklich ungewöhnlichen Setting geschrieben. Besonders atmosphärisch ist die gespenstische Darstellung des Alltags in einem Nachkriegs-Siegerdeutschland und der bedrückenden Atmosphäre Berlins. Robert Harris hat eindrucksvoll bewiesen, dass der Krieg für Deutschland von dem Tag an verloren war, an dem ihn die Nazis begannen. Ein militärischer Sieg hätte nichts besser gemacht, sondern die Katastrophe nur verzögert und ihr Ausmaß noch verschlimmert. Mittendrin die beiden sympathischen Hauptfiguren, der grüblerische Nonkonformist March und die lebenslustige Amerikanerin Charlotte Maguire.
     
    Eine finstere Vision. Beklemmend, beunruhigend. Aber einfach ein klasse Roman - den ich erst viel zu spät gelesen habe. Aber besser zu spät als nie. 
     
    Robert Harris: Vaterland; Taschenbuch, Klappenbroschur, 432 Seiten, 10,99 Euro;
    ISBN: 978-3-453-42171-4
     
  • H. G. Wells: Die Zeitmaschine

    Ende des 19. Jahrhunderts unternimmt der »Zeitreisende« – ein nicht namentlich genannter Erfinder – einen Ausflug in das Jahr 802.701, wo er zwei verschiedene Menschenrassen antrifft: die scheinbar sorgenfrei und glücklich an der Erdoberfläche lebenden Eloi und die unterirdischen Morlocks. Erst mit der Zeit findet er heraus, dass zwischen den Eloi und den Morlocks ein Anhängigkeitsverhältnis besteht, das seine schlimmsten Befürchtungen übertrifft!

    Nach einem Abstecher in die ferne Zukunft, wo über der stillstehenden Erde ein riesiger roter Feuerball lodert, kehrt er in die Gegenwart zurück. Da ihm jedoch niemand Glauben schenken will, begibt er sich erneut auf die Reise …

    Diese Ausgabe enthält neben einem Nachwort des Wells-Experten Elmar Schenkel die gestrichenen Passagen ›Die Rückkehr des Zeitreisenden«; drei Vorworte der Ausgaben der Jahre 1924, 1931 und 1934; den Vorläufer: ›Die Chrononauten‹ aus dem Jahr 1888 sowie die Essays aus dem Jahr 1893 ›Der Mann aus dem Jahr 1.000.000. Eine wissenschaftliche Vorausschau‹ und›Das Aussterben des Menschen. Einige spekulative Gedanken‹ von 1894.

     
    Abbildung: Fischer-Verlag
     
    H. G. Wells‘ Roman ist trotz seines unaufgeregten Erzählstils spannend und aufwühlend. Der ScienceFiction-Klassiker steht zurecht auf einer Ebene mit Dystopien der Weltliteratur wie 1984 oder Fahrenheit 451. Reisen in die Zukunft beschäftigte die Menschheit schon zu Wells‘ Zeiten. Er gab dem Ausdruck, diskutiert in seinem Roman mittels seiner Charaktere zu Beginn vor wissenschaftlichem Hintergrund über die Machbarkeit einer "Reise in der Zeit". Als diese  tatsächlich gelingt, scheint die weit entfernte Zukunft im Jahr 802.701 auf den ersten Blick anziehend und fortschrittlich. Schon bald kehrt sich dieses Bild jedoch ins Gegenteil und weicht einem Horrorszenario endet.
     
    Wells scheut sich auch nicht, reichlich Gesellschaftskritik in die Geschichte einfließen zu lassen, soziale Unterschiede anzuprangern und als Ursache für die alptraumhafte Zukunft zu vermuten. Wie es tatsächlich zur beschriebenen grotesken Entwicklung der Menschen zu den überirdisch schönen Eloi auf der einen Seite und den boshaften Morlocks auf der anderen Seite kommen kann, bleibt letztlich der Phantasie des Lesers überlassen.
     
    Mögliche Auswege aus dem Untergangsszenario wusste Wells in seinem Roman nicht zu nennen. In der Zeitmaschine schien ihm der Untergang der menschlichen Zivilisation unausweichlich. Der Zeitreisende, lässt er den Ich-Erzähler resümieren, „dachte nicht freudig an den Fortschritt der Menschheit und sah im wachsenden Turm der Zivilisation nur ein törichtes Häufen, das unweigerlich auf seine Schöpfer zurückstürzen und sie vernichten mußte“.
     

    Oder sollte der Untergang der Menschheit vielleicht doch nicht unausweichlich sein? Ganz aufgeben wollte Wells, der zeitlebens ein Suchender geblieben ist, die Hoffnung offenbar doch nicht, wie die Schlusssätze seines Romans nahelegen. Im Gegensatz zum Zeitreisenden kann sich der Ich-Erzähler nicht vorstellen, „daß unsere Tage […] wirklich der Höhepunkt des Menschen“ sein sollen, auch wenn „die Zukunft noch dunkel“ und „ein ungeheures Nichtwissen“ sei.

    Ein Science-Fiction-Klassiker, den jeder, wirklich jeder gelesen haben sollte. 
     
    H. G. Wells: Die Zeitmaschine - Eine Erfindung. Roman. Vollständig. Neu übersetzt von Hans-Ulrich Möhring. Mit einem Nachwort zu Leben, Werk und Wirkung von Elmar Schenkel; Hardcover; 19,99 Euro; 
    ISBN: 978-3-596-95030-0
     
  • Jussi Adler Olsen: Selfies
    Der siebte Fall für das Sonderdezernat Q

    Vizepolizeikommissar Carl Mørck wird zur Aufklärung eines brutalen Todesfalls von der Mordkommission in Kopenhagen hinzugezogen. Wie sich herausstellt, gibt es eine Verbindung zu einem mehrere Jahre zurückliegenden und ausgesprochen brisanten cold case, aus dem sich schwerwiegende Konsequenzen für die aktuellen Ermittlungen ergeben. Ausgerechnet jetzt geht es Carls Assistentin Rose sehr schlecht. Sie wird von grauenhaften Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit heimgesucht. Rose kämpft mit aller Macht dagegen an – und gegen das Dunkel, in dem sie zu ertrinken droht. Welche Rolle spielen die jungen Frauen Michelle, Jasmin und Denise, die sich zu einem starken und hochexplosiven Kleeblatt verbündet haben?

    Abbildung: dtv
     
    Der vorherige Band, „Verheißung“,war nicht so ganz mein Ding:  Tempo und Spannung waren da nicht gerade Mangelware, aber nicht so ausgeprägt, wie man es von Jussi Adler Olsen kennt.  Mit „Selfies“ hat der Bestseller-Autor aber wieder zu einer besseren Form zurückgefunden, auch wenn mehr Streitereien und  bissige Bemerkungen von Carl Mørck oder Assad schön gewesen wären. Über Langeweile kann man sich aber nicht beklagen - ein Ereignis jagt das nächste. Dabei bleiben trotzdem sowohl die Handlung als auch die Personen gut übersichtlich.
     
    In Selfies stehen aber nicht die Ermittlungen im Fokus, sondern die Geschichte um Rose und die Einblicke in die Vita verschiedener Täter. So schön es ist - und es ist ja auch das prägende der Olsen-Romane - viel über die Protagonisten zu erfahren, kommt zum Fall etwas zu wenig. Die Fälle einzeln aufzurollen, dafür gibt es aber auch zu viele: Den Überblick verliert man aber dennoch an keiner Stelle und immer wieder blitzt auch die Frage auf, wie all dies im Zusammenhang mit einem zwölf Jahre alten unaufgeklärten Mord steht. Olsen versteht es aber meisterlich,  alle Perspektiven und Geschehnisse zu einem in sich stimmigen, spannenden Gesamtbild zu verweben. 
     
    Selfies ist allerdings kein Band, um in die Serie einzusteigen - etwas Vorwissen schadet nicht, gerade im Bezug auf die Lebensgeschichte von Rose.
     
    Letztlich ist Selfies ein tolle Roman, der gute Unterhaltung bietet und an dessen Ende auch das Serienende wieder ein bisschen näher gerückt ist. Denn Olsen hat seine Serie um das Sonderdezernat Q auf zehn Bände angelegt. also: Noch drei!
     
    Jussi Adler Olsen: Selfies - der siebte Fall für das Sonderdezernat Q; Hardcover; Deutsche Erstausgabe, 576 Seiten, dtv Allgemeine Belletristik, 23.00 Euro;
    ISBN 978-3-423-28107-2 
     
     
  • Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen

    Seit Herbst 2015, als zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hat sich das Land grundlegend verändert. Viele erleben die Migrationsbewegung als eine Zäsur, deren Folgen noch längst nicht abzusehen sind. Um zu verstehen, was da in den letzten Monaten eigentlich genau passiert ist, ist Tuvia Tenenbom einmal mehr kreuz und quer durch die Republik gereist. Er wollte wissen, was die wahren Gründe der »Willkommenskultur« waren, warum Deutschland ein großes Herz gezeigt, aber immer noch keinen Plan hat, und wie es hier eigentlich um die Meinungsfreiheit bestellt ist. Seinen Gesprächspartnern – seien es Gregor Gysi, Volker Beck oder Kardinal Reinhard Marx, seien es Frauke Petry von der AfD, Pegida-Gründer Lutz Bachmann oder der geistige Führer der neuen Rechten Götz Kubitschek, seien es Akif Pirinçci oder Jürgen Todenhöfer – hat er unbequeme Fragen gestellt. Die Erkenntnisse, die er dabei gewonnen hat, sind mindestens ebenso verstörend wie seine Besuche in den Flüchtlingslagern, wo er von beschämenden Zuständen berichtet, deren Auswirkungen nicht nur individuell verheerend sind, sondern in nicht allzu ferner Zukunft die gesamte deutsche Gesellschaft betreffen werden.
     
    Abbildung: Suhrkamp
     
    Die Welt definiert Deutschland und Deutschland definiert sich selbst heute im Großen und Ganzen über seinen Umgang mit Flüchtlingen - und deshalb musste ein neues Buch her, dachte sich Tuvia Tenenbom, der den teutonen schon vor Jahren tief in die Seel blickte.  Er machte sich also wieder auf in das Land, "dessen Leute ich liebe. Fragen Sie mich nicht warum."
     
    Auf seine ureigene investigative Art versucht er, die Wahrheit herauszukitzeln - aus wem auch immer: Politiker, Promi, Mann/Frau auf der Straße oder eben den Flüchtlingen. Allein dem Begriff "Flüchtling" widmet er ein ganzes Kapitel. Das gelingt ihm zwar, aber nicht in dem Maße, wie man sich das von Tenenbom erwarten darf. Ja, provokant ist er allemal, diesmal aber auch teils zu verbissen in seine vorgefertigte Meinung, die er nicht loslässt - um keinen Millimeter. Er pauschalisiert mir in seinem neuesten Werk zu sehr - im Positiven wie im Negativen. Im Falle des grünen Herrn Beck macht er es aber scheinbar so großartig, so hintersinnig, dass dessen Ausführungen zur Gänze geschwärzt werden mussten. Chapeau!
     
    Tenenbom nimmt wie gewohnt sine Tarnung ein - etwa als Sohn einer Jordanierin - und outet er sich kaum als Tuvia Tenenbom aus Tel Aviv, aber solche Tricks kennt man von ihm ja schon. Schließlich möchte er die Flüchtlingslager ja auch von innen sehen. An Wachleuten mogelt er sich vorbei, um sich ein eigenes Bild von den Zuständen zu machen, und wenn man liest, was er da vorfindet, möchte man keinen Tag und vor allem keine Nacht dort verbringen. Er rügt die Presse, provoziert Politiker und stellt sie bloß, schwärmt von den Syrer, ist von Afghanen nchct angetan. 
     
    Allerdings geht es mir zuweit, dort eingesetzte Securities im Buch verbal abzuohrfeigen, immer wieder die deutsche Mentalität durch den Kakao zu ziehen und sein Bild der Flüchtlingslager und die Zustände dort auf die Verantwortung der Bevölkerung zu projezieren. Ein Beispiel:
     
    "Was mir am meisten auf die Nerven geht, ist, dass diese guten Deutschen alles andere als gut sind. [...] Das Einzige, was in dieser ganzen Willkommenskultur-PR-Maschine funktioniert wie geschmiert, ist das, was auch im letzten Jahrhundert prima geklappt hat: die perfekte Organisation der Transporte."
     
    Manches Mal geht die Gehässigkeit mit Tenenbom durch. Aber man verzeiht es ihm, denn er tut es das meist pointiert und warmherzig; wenn es über irgendeinen übel beleumundeten Zeitgenossen etwas Positives zu berichten gibt, dann tut er das auch. Und umgekehrt. Teilweise leider zu polemisch.
     
    Letztlich kommt Tenenboms neuestes Werk aber nicht ganz an die Vorgänger heran. Aber Tenenbom berichtet eindrucksvoll und persönlich von seinen provokativ geführten Gesprächen und bringt dabei  rassistische oder antisemitische Einstellungen sowohl bei Flüchtlingen als auch bei  Deutschen ans Licht.
     
    Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen; suhrkamp taschenbuch 4758, Klappenbroschur, 234 Seiten; 13,95 Euro;
    ISBN: 978-3-518-46758-9
     
  • Tenenbom: Allein unter Amerikanern

    Seit über drei Jahrzehnten lebt Tuvia Tenenbom in New York. Als er sich 2015 für seine neue Großreportage erstmals auf eine Reise quer durch die USA begab, ahnte er nicht, was ihn erwarten würde: »Ich hätte nie gedacht, dass die Vereinigten Staaten so völlig anders sind, als ich immer angenommen hatte. Lange Jahre war ich überzeugt, dass ich sie ziemlich gut kennen würde. Aber ich bin mir da nicht mehr so sicher. Erst jetzt entdecke ich so nach und nach das wahre Amerika, Stück für Stück, Mensch für Mensch, Staat für Staat.« 
    Tenenbom reiste von Florida bis nach Alaska, von Alabama bis nach Hawaii, vom Deep South und Bible Belt bis an die Großen Seen und die Westküste, sprach mit Politikern und Predigern, mit Evangelikalen, Mormonen und Quäkern, mit Rednecks und Waff ennarren, Kriminellen und Gefängnisinsassen, mit Indianern und Countrymusikern, Antisemiten und Zionisten, mit Obdachlosen und Superreichen und vielen, vielen mehr. 

     
    Abbildung: Suhrkamp
     

    Der Leser genießt mit "Allein unter Amerikanern" ein leichtes Buch, einen gelockerten Schreibstil, dialogisch, selbstkritisch, aber den Blick auch kritisch auf andere gerichtet.

    Unverzagt und Mutig

    So bewegt der Autor Tuvia Tenenbom sich über die diversen Stationen bzw. Etappen vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean und nach Miami, unverzagt, mutig, er sucht die Menschen auf, er will ihnen zuhören und geht ihnen mit mancher hartnäckigen Frage aufs Gemüt. Er will ihre Lebensweise kennenlernen, um es dem Leser in der Art einer live-Reportage wiederzugeben, er hielt sich bereits »Allein unter Deutschen« (2012) und »Allein unter Juden« (2014) auf.

    "political correctness"

    Für manch einen unerwartet beschreibt Tuvia Tenenbom die Vereinigten Staaten als ein Land, in dem Rassismus und vor allem Antisemitismus tief verwurzelt sind – allerdings unter einer Schutzschicht der "politischen Korrektheit". Die Bewohner sind stolz auf ihr Land. Sie preisen es als "Land der Freien" und "Heimat der Tapferen". In den Interviews aber traut sich zunächst kaum einer, offen über seine politischen Ansichten zu sprechen. Tenenbom enttarnt die Doppelmoral durch beharrliches Nachfragen. Dabei stellt er sich seinen Gesprächspartnern wahlweise als Deutscher oder Israeli vor und entwaffnet sie durch seine scheinbare Naivität.

    Unterhaltsam und athentisch

    Er besucht Indianer-Reservate, eine Klima-Konferenz in Alaska, Gottesdienste von Charismatikern und Quäkern, er lässt sich im Schusswaffenladen beraten und findet an jeder Straßenecke Experten für den Israel-Palästina-Konflikt. Geschickt webt Tenenbom Interview-Dialoge in den Text ein. Das Ergebnis ist ein ebenso unterhaltsames wie authentisches Buch. Wer sich einen Eindruck über die politische und gesellschaftliche Situation in den Vereinigten Staaten machen will, ist mit „Allein unter Amerikanern" gut versorgt.

     

    Tuvia Tenenbom: Allein unter Amerikanern; suhrkamp taschenbuch 4734, Klappenbroschur, 463 Seiten, 16,95 Euro;
    ISBN: 978-3-518-46734-3
     

  • Die Insel der besonderen Kinder - leider ncht so besonders...

    Viele Kinder leiden unter einer schmerzlich empfundenen Andersartigkeit. Tim Burton, der Spezialist für verschrobene Außenseiter, gibt mit dem 3D-Coming-of-Age-Horrormärchen "Die Insel der besonderen Kinder" (2016) jenen beschützenswerten Außenseitern ein skurriles Zuhause. In einer scheinbar sicheren Zeitschleife tummeln sich die Kinder der exzentrischen Miss Peregrine: Enoch kann zum Beispiel Puppen und Skelette zum Leben erwecken, Emma ist so leicht, dass sie stets Bleischuhe tragen muss, damit sie nicht davonschwebt, und ein Junge ist in der Lage, seine Träume und Albträume auf eine Leinwand zu projizieren. Nach solidem Erfolg im Kino erscheint der Genre-Mix auf DVD, Blu-ray Disc, Blu-ray 3D, Ultra HD Blu-ray und als Video-on-Demand.

     

    Abbildung: 20th Century Fox
     

    Jake (Asa Butterfield), aus dessen Perspektive der Zuschauer das Fantasy-Abenteuer miterlebt, ist zu Beginn ein schüchterner Einzelgänger, der eine besondere Beziehung zu seinem kriegstraumatisierten Großvater (überzeugend: Terence Stamp) hat. Von klein auf hat dieser ihm von einem Heim in Wales erzählt, in dem Kinder mit schockierend kuriosen Begabungen wohnen. Als sein Opa unter mysteriösen Umständen ermordet wird, glaubt Jake am Tatort ein Monster gesehen zu haben. Ein Grund für seine Eltern, ihn zu einer Psychiaterin zu schicken, die ihn schließlich auf die geheimnisumwitterten Insel vermittelt, von der Jakes Opa immer vermeintlich fantasierte.

    Ruine plötzlich voll Leben

    Zunächst findet der verstörte Junge nur die Ruine des gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ausgebombten Waisenhauses. Doch dann gerät er in eine Zeitschleife, in der es für immer der 3. September 1943 ist. Er wird bereits von der toughen Miss Alma LeFay Perigrine (Eva Green) erwartet, die diese Zeitschleife geschaffen hat und sich jederzeit in einen Vogel verwandeln kann.

     

     

    Bald begreift Jake, dass auch er eine Gabe besitzt: Er sieht als Einziger entsetzlich verunstaltete Monster, die es auf die Augen der besonderen Kinder abgesehen haben, um ein menschliches Aussehen wiederzuerlangen. Nicht zuletzt diese sogenannten Hollowgasts - die Wortnähe zu Holocaust liegt auf den Lippen - geben dem Film einen derart gruselig-morbiden Touch, dass es wirklich nicht ratsam ist, sich den Film mit Kindern unter zwölf Jahren anzusehen. Schade, denn das schräge Märchen könnte gerade auch jüngeren, "besonderen" Kindern sehr gut gefallen - während es für Erwachsene leider erzählerisch zu vorhersehbar ist.

    Fazit: Es fehlt zu viel

    Leider löst sich die Verfilmung zu stark von der Romanvorlage - sie bringt zwar ein paar wenige neue gute Ideen ein, verschlankt aber die Trilogie zu einem Film. Das muss an sich noch nichts schlechtes heißen, in diesem Fall aber leidet die Dramaturgie. So viele details, die mich bei der lektüre fasziniert haben, fallen dadurch heraus. Wendungen sind nicht mehr existent. Charaktere - die ich gerne gesehen hätte, fehglen gänzlich. Besonders aber stört mich, dass die spezielle gabe von Jake auf ein Minimum zusammengestrichen wurde. Auch wenn Autor Ransom Riggs in den Specials von der filmischen Umsetzung schwärmt, bin ich doch enttäuscht. (tsch/nb)

    FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
    Studio: 20th Century Fox Home Entertainment
    Erscheinungstermin: 9. Februar 2017
    Produktionsjahr: 2016
    Spieldauer: 122 Minuten
    DVD: ca. 13 Euro; Bluray: Ca. 16 Euro

     

  • Inferno - Robert Langdon ist zurück und rettet die Welt

    Die Menschheit, so heißt es in Dan Browns "Inferno", sei ihr eigenes Krebsgeschwür. Während des 20. Jahrhunderts hat sich die Weltbevölkerung nahezu vervierfacht. Etwa im Jahr 2025 sollen es acht Milliarden Menschen auf der Erde leben - und bald sind es wohl zehn. Mehr, als dieser Planet verkraften kann? Aus dieser Problemstellung heraus entwickelte Brown seinen Roman "Inferno", dessen Verfilmung (2016) nun auf DVD, Blu-ray Disc und als Video-on-Demand erscheint. Im Mittelpunkt auch diesmal: Robert Langdon - nun in drei Filmen und vier Büchern mehrfach leidgeprüfter Symbolologe. Regisseur Ron Howard inszenierte den Film erneut mit Tom Hanks in der Hauptrolle.

     
    Abbildung: Sony Pictures Home Entertainment
     

    Robert Langdon hat sein Gedächtnis verloren und findet sich gleich zu Beginn im Krankenhaus wieder. Offensichtlich sollte er getötet werden. Nur warum? Bevor diese Frage beantwortet wird, erhält er ungebetenen Besuch von einer Frau, die ihm "Terminator"-gleich erneut nach dem Leben trachtet. Gemeinsam mit der jungen Ärztin Dr. Sienna Brooks (Felicity Jones) ergreift Langdon die Flucht und macht sich auf die Suche nach seiner eigenen Vergangenheit.

    Bald schon wird klar: Langdon hat es ganz offensichtlich mit dem Schweizer Milliardär Bertrand Zobrist (Ben Foster) zu tun, der die Lösung des Problems der Überbevölkerung selbst in die Hand genommen hat. Zobrist kreierte ein Virus, das etwa die Hälfte aller Menschen töten könnte.

     

     

    Wie üblich bei Dan Brown gerät Langdons Errettung der Welt zur turbulenten Schnitzeljagd, die ihn quer durch Europa führt. Der Palazzo Vecchio in Florenz, der Markusdom in Venedig und die Hagia Sophia in Istanbul sind nur einige der Stationen. Hinweise soll die Totenmaske von Dante Alighieri, Verfasser der "Göttlichen Komödie", enthalten. Doch die wurde gestohlen. Als der immer noch von Gedächtnislücken gepeinigte Langdon die Videoaufzeichnung des Diebstahls sieht, wird ihm klar, warum er zur Zielscheibe wurde: Er selbst war es, der die Maske entwendete, was Regisseur Ron Howard in eine eigentlich unspektakuläre, aber dennoch nachhaltige Szene gepackt hat.

     

    Abbildung: Sony Pictures Home Entertainment
     

    "Inferno" ist allerdings der schwächste der drei Langdon-Filme. Nicht etwa, weil das ewig gleiche Rezept der Schatzsuche inzwischen langweilen würde. Schließlich bietet der Film, der sich diesmal an einigen Stellen doch deutlich von der Romanvorlage löst, immer noch einige wirklich gelungene Überraschungen. "Inferno" setzt dabei mehr als seine Vorgänger auf Actionelemente und legt ein weit höheres Tempo vor, das es dem Zuschauer schwer macht, folgen zu können. Der Film kreiert ein vollkommen irrationales Szenario, das im Buch noch als Fantasy durchging, hier aber bisweilen absurde Blüten trägt. Es wimmelt von Verrätern, perfiden Fallen, entwickelt monströse Szenarien und endet schließlich mit einem schnöden Plastikbeutel - und ganz anders (weitaus simpler), als die Romanvorlage. (tsch/nb)

     

    FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
    Studio: Sony Pictures Home Entertainment
    Erscheinungstermin: 23. Februar 2017
    Produktionsjahr: 2016
    Spieldauer: 117 Minuten
    DVD: ca. 10 Euro; Bluray: ca. 13 Euro

     

  • Nordkorea - Innenansichten eines totalen Staates

    Nordkorea ist das isolierteste Land der Erde. Wenige Nachrichten dringen aus dem vom Kim-Clan diktatorisch regierten Staat nach außen, und wenn, dann sind es meist Negativschlagzeilen: Nahrungsmittelknappheit, Menschenrechtsverletzungen, brutale Straflager, Atomwaffenversuche, Waffenhandel, Streit mit Südkorea. Die völlige ideologische Gleichschaltung wird von der Bevölkerung augenscheinlich klaglos hingenommen. Rüdiger Frank ist weltweit einer der wenigen Kenner Nordkoreas, seit vielen Jahren besucht er das Land regelmäßig. Er beschreibt die Machtstrukturen und die wirtschaftlichen Verhältnisse, das Geschichtsverständnis und den Alltag. Aus seiner langen Erfahrung berichtet er aber auch von den Veränderungen, die er in den letzten Jahren beobachten konnte, und versucht eine für uns unbegreifliche Gesellschaft ein wenig begreiflicher zu machen.

    Abbildung: Pantheon
     
     
    Bücher über Nordkorea gibt es mehrere, sie kamen vor einigen Jahren ein bisschen in Mode. So sind einige Titel von Journalisten oder Reisenden erschienen, die das verschlossene Land kennenlernen konnten. Was Rüdiger Franks Buch unterscheidet, ist seine Kennerschaft. Nur wenige Menschen im Westen haben sich so intensiv mit der kommunistischen Diktatur auseinandergesetzt und Nordkorea so häufig besucht wie der Wiener Wirtschaftsprofessor und Ostasien-Experte. Das merkt man seinem fundierten Buch an. Frank kommt es nicht darauf an, mit schockierenden Details oder Kuriositäten über das Land zu beeindrucken. Er will aufzeigen, wie diese Diktatur funktioniert und was sie im Innersten zusammenhält.
     

    Die erste Reise nach Nordkorea im Oktober 1991 war für Rüdiger Frank ein Schock - oder wie er selbst schreibt: "Der Einstieg in eine fremde, bizarre, unwirkliche und oft auch frustrierende Welt." Die DDR, in die Frank 1969 hineingeboren wurde, hatte sich gerade selbst abgeschafft. Und der damalige Koreanistikstudent war dabei, sich kritisch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

    "Just zu dem Zeitpunkt komme ich nun in ein Land wie Nordkorea, wo sich in der Hinsicht überhaupt nichts getan hatte. Dazu muss man sagen, dass auch im Vergleich zur stabilen DDR in den 80er-Jahren Nordkorea eine ganz andere Welt gewesen ist. Vielleicht wie in den 1950er-Jahren es vielleicht in der Sowjetunion gewesen sein muss. Ich war der Meinung, ich kenn' den Sozialismus aus eigenem Erleben, das wird schon nicht so anders sein. War es aber letztlich doch. Und das war das für mich Schockierende."

    Zeilen wie diese sind es, die Frankes Werk authentisch werden lassen, auch wenn Kritiker ihm vorwerfen, "nur eine weitere Außenansicht, keineswegs ein Innenansicht zu schildern".
    Und in der Tat kommt man nicht umhin, ihnen in gewissem Maße  zuzustimmen. Rüdiger Franks Buch über Nordkorea ist eine  Mischung aus Reisebericht, Wirtschaftsanalyse und historischem Abriss. Insiderinformationen und ungefilterte O-Töne von Nordkoreanern sucht man aber vergebens. Diese zu bekommen, sei nahezu unmöglich, meint Frank. Dafür findet man in seinem gut lesbaren Buch kenntnisreiche Hintergrundinformationen und diskussionswürdige Ansichten eines Kenners des Landes. Mag es also den Titel nicht gänzlich treffen, hat mich diese Buch dennoch fasziniert - so, wie es dieses verschlossene Land in Asien tut. Denn: Informationen und tiefe Einblicke bietet das Buch reichlich!
     
    Rüdiger  Frank: Nordkorea - Innenansichten eines totalen Staates; Paperback, Klappenbroschur, 464 Seiten, Verlag: Pantheon; 14,99 Euro;
    ISBN: 978-3-570-55293-3
  • Tad Williams grandioses Finale der Otherland-Reihe
     
    Die Zeit wird knapp - schon hat die Gralsbruderschaft die Vorbereitungen abgeschlossen, bald wird das Netzwerk stehen, und dann wird es kein Entkommen mehr geben. Da sehen sich Renie, !Xabbu und die anderen Freunde einer noch schlimmeren Gefahr gegenüber: Dread, der durchgeknallte Killer des größenwahnsinnigen Jongleur setzt zu seinem letzten Coup an: Er wird die Kontrolle an sich bringen, er wird sein Werk der diabolischen Zerstörung beenden. Und dann gibt es vielleicht keine reale Welt mehr, in die die Freunde zurückkehren können.
     
    Abbildung: Klett-Cotta/Hobbitpresse
     

    „Meer des silbernen Lichts“ ist von allen vier Teilen der düsterste und extremste, Spannung und Horror stehen im Vordergrund. Streckenweise will man gar nicht lesen, was geschieht – Dread macht hier seinem Namen alle Ehre. Und auch das sadistische Duo Finney und Mudd, die ewigen Häscher von Paul Jonas und Helfershelfer von Felix Jongleur (der Mann scheint nur Abnormitäten auf der Lohnliste zu haben), gibt sich reichlich Mühe, die Protagonisten – und Leser – das Grausen zu lehren.

    Schön ist, dass es endlich Antworten gibt – und zwar auf praktisch alle Fragen. Auf regelrecht bewunderswerte Art und Weise finden auch einst völlig voneinander unabhängig wirkende Erzählstränge zusammen, verweben sich und ziehen gemeinsam auf das Finale hin. Es gibt sogar Antworten, die man überhaupt nicht erwartet hätte. Noch im Endspurt gelingt es Williams, ein paar wahrlich haarsträubende Wendungen in den Plot einzubauen - manche fast zu absurd, um wahr zu sein. Nur zwei Fragen werden nicht wirklich befriedigend beantwortet: Welche Funktion genau erfüllten nun eigentlich die Kinder innerhalb des Otherland-Netzwerks? Und wie kamen die Protagonisten letztlich wieder raus? Dass es sich dabei gerade um die eigentlich zentralen Fragen der ganzen Tetralogie handelt, ist wohl die Ironie des Ganzen.

    „Meer des silbernen Lichts“ ist der spannende, wenn auch vielleicht etwas zu exzessive Abschluss der großartigen Tad Williams „Otherland“-Tetralogie. Noch einmal werden dramaturgisch  alle Register gezogen und man sollte besser erst gar nicht versuchen, das Buch aus der Hand zu Legen. Das Ende ist überwiegend versöhnlich und so schließt man, aller schrecklichen Ereignisse, die einem in den letzten sechs Stunden noch präsentiert werden, zum Trotz mit einem guten Gefühl ab.

    Tad Williams: Otherland 4 - Das Meer des silbernen Lichts; 1. Aufl. 2016, 1144 Seiten, broschiert; Klet-Cotta/Hobbitpresse; 15,00 Euro;
    ISBN: 978-3-608-94964-3

  • Lenburg: Matt Groening - Der Gott der Simpsons

    Matt Groening, Erfinder und Zeichner der beliebten Serie, benannte die Figuren nach seiner eigenen Familie: dem Vater Homer, der Mutter Margaret, den Schwestern Lisa und Maggi. Matt selbst ist von klein auf rebellisch, spielt teuflisch gerne Streiche und schikaniert seine kleinen Schwestern – damit liefert er das beste Vorbild für Bart Simpson. Die Biographie gibt so Einblick in das Leben eines einstigen Außenseiters und damit auch in das berühmte Wohnzimmer der Familie Simpson in Springfield. Jeff Lenburg zeigt, was den jungen Matt Groening prägte und woher er die Fantasie und gestalterische Kreativität für seine Geschichten mit der gelben Fernsehfamilie nahm. Mit subversivem, beißendem Humor schuf er eines der einflussreichsten Werke in der Geschichte der Popkultur, geleitet vom Motto: »Machen Sie was, was Sie selbst zum Lachen bringt – so wird ein Gag brillant, unerwartet und komisch.«
     
    Abbildung: Klett-Cotta
     
    Matt Groening – Der Gott der Simpsons stellt neben der frühen Jugend und Kindheit Groenings auch seine ersten Gehversuche in der Cartoonbranche dar. Der Kern der Biographie widmet sich der Zeit ab 1986, in der die Simpsons entstanden. Wer die Serie ein bisschen kennt, weiß, dass es sich keineswegs um eine Serie, die sich nur an Kinder und Jugendliche wendet, handelt. Viele Witze haben einen doppelten Boden, den man teils erst mir dem entsprechenden Hintergrundwissen versteht.
     
    Jeff Lenburgs Biografie erzählt dem Leser die epochal wichtigen Kreuzungen, Entscheidungen und Weichen Groenings auf seinem Weg zum Kultzeichner. Dabei legt Lenburg vor allem auf den Weg zum Erfolg viel Wert und setzt nicht erst beim Entstehen „Der Simpsons“ an. Das ermöglicht es, den Menschen hinter der genialen Idee zu verstehen, dessen Leben und Lebensstil sich mit einsetzendem Erfolg komplett wandelte. Denn: Matt Groenings Karriere verlief nicht geradlinig und er war keineswegs zeitlebens auf Rosen gebettet. Das Büchlein - oder vielmehr Groenings Vita - beweist jedoch, dass es sich lohnt, Talenten Raum zu geben und hart an der Verwirklichung einer Karriere in der Kreativbranche zu arbeiten. Matt Groening hat sich seinen eigenen Weg gesucht und hat ihn ausdauernd verfolgt.
     
    Nach dem Lesen der Biographie ist man förmlich gezwungen, ein paar Lieblingsepisoden der Serie oder den Film noch einmal anzuschauen. Das Buch eignet sich als Geschenk für jeden Fan, der sich mehr Wissen über den Erschaffer seiner gelben Lieblinge aus Springfield anlesen möchte. Am besten kauft man gleich ein zweites Exemplar und legt es für jemanden bereit, der vor der Entscheidung steht, eine Karriere als Künstler oder doch sicherheitshalber eine Bankkaufmannslehre zu beginnen.
     

    Wer die Simpsons mag - LESEN!

     
    Jeff Lenburg: Matt Groening - Der Gott der Simpsons; 1. Aufl. 2016, 176 Seiten, Flexcover, mit zahlr. farbigen Abbildungen; Verlag: Klett-Cotta/Tropen; 16,95 Euro;
    ISBN: 978-3-608-50227-5
     
  • Drei tolle Bücher für die Kleinen und Kleinsten
     
    Töchterchen hat wieder einmal Bücher getestet - das möchte ich euch nicht vorenthalten:
     
    Abbildung: Loewe
     
    "Tschüss Windel, Hallo Töpfchen" zeigt den erfolgreichen Weg vom Windelträger zum AufsKloGeher. Natürlich war das Buch mit gewissen Hoffnungen meinerseits verbunden - nur leider ist Töchterchen wohl noch nicht so weit...
     
    An den tollen Illustrationen und Mutmachern im Buch liegt es sicher nicht. Die sind nämlich klasse - besonders die Ausziehbildchen, die Töchterchen immer wieder Ahs und Ohs entlocken. Wenn ihr für euren Nachwuchs Ansporn oder Anstoß sucht, windelfrei zu werden, kann ich dieses Büchlein wärmstens empfehlen. Es ist wirklich toll gemacht - und auch bei uns zu Hause wird es noch funktionieren und sein Scherflein beitragen.
     
    Abbildung: Loewe
     
    "Die Weihnachtsgeschichte": Über den Inhalt muss ich ja wohl nicht allzuviele Worte verlieren. Fest steht, dass dieses Buch zum festen Vorlese-Inventar meiner Tochter (2 1/2 Jahre)  geworden ist. Ich gebe zu, anfangs auf etwas Druck von Papa, aber mittlerweile fragt sie immer wieder danach. Kein Wunder, schließlich wird eine der bekanntesten Geschichten der Welt wunderbar illustriert und in klaren knappen Worten dargestellt. Absolut kindgerecht - und auch die Eltern haben Spaß dabei. So muss es sein - mein großes Kompliment. Übrigens: Die Weihnachtsgeschichte kann man nicht nur in der Adventszeit vorlesen...
     
    Abbildung: Loewe
     
    "Weihnachten im Wimmelwald": Was soll ich sagen, Wimmelbücher sind für mein Töchterchen immer wie Weihnachten. Sie beschäftigt sich sehr lange damit, scannt jede Seite zigfach ab - und findet immer wieder neue kleine Details. Das ist auch bei diesem Exemplar nicht anders. Besonders toll für die Eltern - man kann sehr viele Fragen stellen, Suchaufträge geben, sich Dinge zeigen lassen. Darum geht es doch, Bücher lebendig werden lassen, den Kindern Spaß bereiten. So fördert man die Lust am Lesen, an guten Büchern. 
    Deshalb gilt: Bei Wimmelbüchern - auch bei diesem - kann man beinahe nichts falsch machen!
     
    Alle Bücher finden sie auf www.loewe-verlag.de
     
     
  • Tuvia Tenenbom: Allein unter Juden

    Ende 2012 erschien Tuvia Tenenboms furioser Reisebericht Allein unter Deutschen,  der heftig diskutiert wurde und monatelang auf der Bestsellerliste stand. Nach seiner Deutschland-Tour hat sich Tenenbom 2013 auf Entdeckungsreise durch Israel begeben. Dreißig Jahre nachdem er seine Heimat in Richtung USA verlassen hat, kehrte er, der Sohn eines Rabbiners, zurück, um sich ein eigenes Bild davon zu machen, wie sich die kulturelle und politische Identität Israels verändert hat.Dafür ist er wieder kreuz und quer durchs Land gereist: vom Gazastreifen bis zu den Golanhöhen, von Eilat bis zu den Hisbollah-Stellungen im Norden. Und schon bald erkennt er, dass man, um dieses Land wirklich zu verstehen, mit allen sprechen muss: mit Ultraorthodoxen und Atheisten, mit Fundamentalisten jeglicher Couleur, mit Kibbuzniks und Siedlern, Rabbis und Imamen, mit Mystikern und Intellektuellen, Militärs und Geheimagenten, mit israelischen Prominenten und palästinensischen Politikern, mit Journalisten und NGO-Aktivisten u.v.m. Das Ergebnis dieser nicht immer ganz konfliktfrei verlaufenen Begegnungen ist eine ebenso unterhaltsame wie erhellende Erkundung eines Landes der Extreme, wie man sie so noch nie gelesen hat.

     
    Abbildung: Suhrkamp
     
     
    Wer sich für das „endlose Labyrinth des Heiligen Landes“ interessiert, kann Tenenbom getrost auf seiner 55 Stationen umfassenden Reise folgen. Langweilig wird es nie – und dies nicht nur wegen der umwerfenden Schönheit der beschriebenen Landschaften, des feierlich-geheimnisvollen Klangs der Namen der historischen Orte und der überwältigenden Fülle an Begegnungen mit Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.
     
    Tenenboms amüsantes Buch ist zudem brillante Reiseliteratur und doch übersteigt es deutlich dieses Genre, wie auch die Verkleidungsspiele, die der Autor betreibt, nicht zweckfrei sind. Hinter Lederhose und arabischem Umhang, hinter der lustigen Fassade verbirgt sich ein kluger, hartnäckiger, unnachgiebiger Entlarver von Illusionen, von unhinterfragt angenommenen Halbwahrheiten, von Mythen und „Sprüchen“ sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite. Tausende von Fragen durchziehen das Buch  und treiben seine Gesprächspartner oft „in den Wahnsinn“, zum Beispiel wenn er die palästinensische Christin Nadja – eine mit einem Moslem verheiratete Sängerin – kompromisslos durchleuchtet. Was sich aus diesem Interview herauskristallisiert, ist Nadjas enormer Hass auf Israel – auf das Land, das ihr ermöglicht hat, „einige Jahre“ an der Hebräischen Universität in Jerusalem und danach „fünf Jahre lang Musik an der Jerusalemer Akademie für Musik und Tanz“ zu studieren. Dass Nadja kostenlos studieren durfte, betrachtet sie aber als Pflicht der israelischen Besatzer, wie Tenenbom staunend zu hören bekommt: „Besatzer müssen einen Preis für ihre Besatzung zahlen: Sie müssen für die Krankheitskosten, Ernährung und höhere Bildung aufkommen.“    
     

    Exzerpt aus Henrik M. Broders Rezension in der "Welt": Mit mehr Wissen als zuvor und dennoch ohne Ahnung, was den Nahen Osten angeht, geht Henryk M. Broder aus Tuvia Tenenboms wilder Reise durchs gelobte Land hervor. Mut gesteht er dem Autor zu, Mut, als Deutscher in Lederhosen getarnt durchs Land zu reisen und NGOs oder einen palästinensischen General zu interviewen. Wenn dabei etwas herauskommt, ist das für Broder aber auch der Verrücktheit des Autors zu danken. Und was kommt heraus? Literatur, meint Broder, einfache Erklärungen für scheinbar Mysteriöses, wie der direkte Draht der Rabbis zu Gott, der sich als cleveres Bezahlsystem erweist. Das ganze Drama im Heiligen Land erschließt der Autor dem Rezensenten so erfrischend subjekiv und witzig wie lange keiner.

    „Allein unter Juden“ entpuppt sich einerseits als eine erschütternde, viele frappante und beunruhigende Einsichten eröffnende Reisereportage auf den Spuren und zu den Wurzeln des Judenhasses. In seinen Interviews führt Tenenbom auch den Selbsthass vieler Juden auf 2000 Jahre Verfolgung zurück. Weil viele Juden damit nicht umgehen könnten, reagierten sie – wie Entführungsopfer – mit einer Art Stockholm-Syndrom: "Wenn jeder behauptet, ich sei böse, ich sei hässlich, ich sei ein Dieb, ich sei ein Mörder, ich sei gerissen und sei geldgierig, dann bin ich das wohl. Wie kann ich mich davon reinigen? Indem ich einen anderen Juden suche und erwische, der etwas Falsches tut", sagt Tenenbom.
     
     
    Tuvia Tenebom: Allein unter Juden - Eine Entdeckungsreise durch Israel; Erschienen: 10.11.2014; suhrkamp taschenbuch 4530, Klappenbroschur, 473 Seiten, 16,99 Euro;
    ISBN: 978-3-518-46530-1
  • Saat der Schatten - diese Trilogie gefällt mir immer besser

    Die magischen Bestien, die das Imperium von Peredain überrennen, scheinen unaufhaltbar. Und nun ist auch noch Prinz Lar dem Fluch erlegen und hat sich ebenfalls in eine Bestie verwandelt wie schon so viele andere vor ihm. Nur Tejohn und Cazia wissen von seinem Plan, eine uralte Magie wiederzuerwecken und so das Blatt im Krieg gegen die Untiere zu wenden. Tejohn ist schwer verletzt, und Cazia wurde ihre Magie entrissen. Doch beide setzen alles daran, den Kampf um das Bestehen des Imperiums voranzutreiben – und verlieren dabei ihr eigentliches Ziel aus den Augen …

     
    Abbildung: blanvalet
     
     
    Wie soll ich anfangen? Eigentlich dachte ich mir während des Lesens von Saat der Schatten ständig: "Wann kommen die jetzt endlich mal einen Schritt weiter?" Aber dennoch war ich kaum fähig, das Buch aus der Hand zu legen. An zwei Abenden habe ich es verschlungen - und am nächsten Morgen, als der Wecker (meine Tochter) erbarmungslos an mir zerrte, hätte ich am liebsten gleich weitergelesen.
     
    Es ist komisch, aber auch wenn die Geschichte an sich quasi auf der Stelle tritt, ist der Roman keineswegs inhaltsleer - er strotzt vor Fantasie. Neue Völker, neue Pfade, Ideen, die ich so in noch keinem Fantasy-Roman gelesen habe. Sicher, in Grundzügen kommt dem Leser immer irgendwas unter, das er so schon in abgewandelter Form gelesen hat - aber Connolly strotzt vor Neuem. Das hat Klasse!
     
    Besonders die Art, wie man sich bei den "Indrega" Respekt verschafft, hat mir imponiert  und mich zum Lachen gebracht. Wie die das machen? Lest doch selbst. Wer Auf Martin, Sanderson oder Abercrombie steht, der wird auch an Connolly Gefallen finden. Tolle Schreibe, starker Spannungsaufbau, Unerwartetes. Alles, was ein guter Roman braucht.
    Ich freue mich schon auf Band drei!
     
    Harry Connolly: Saat der Schatten; Paperback, Klappenbroschur, 416 Seiten, Verlag: blanvalet; 14,99 Euro;
    ISBN: 978-3-7341-6088-2

     
     
  • Berg aus schwarzem Glas
     
    Im dritten Band, dem bisher spannendsten, erhält die Erzählung ein neues Tempo, denn die Zeit wird knapp: Die Gralsbruderschaft macht sich bereit, den letzten Schritt zu tun - nämlich einzugehen in das Netzwerk Otherland, um das ewige Leben zu gewinnen. Die Rätsel um Paul Jonas werden gelüftet, und Renie und ihre Freunde sehen sich mit dem schrecklichsten Geheimnis von Otherland konfrontiert, das immer nur schaudernd »Der Andere« genannt wird... 
     
    Abbildung: Hobbit-Presse/Klett-Cotta
     
     
    Um es gleich vorweg zu nehmen: Der dritte Band verspricht aus meiner Sicht nicht ganz das, was der Buchrücken verspricht. Er ist leider nicht mehr ganz so aufregend wie die vorangegangenen. Orlando, Xabbu und Co. treffen sich endlich wieder, in der ersten aller Simulatione: dem alten Troja. Dorthin hat sie sie eine als Vision ab und zu auftauchende Frau geschickt. Die Gruppe würde dort den Berg aus schwarzem Glas finden, hieß es. Sie geraten mitten ins Schlachtengetümmel vor Trojas Mauern...

    Schade, dass Williams sich in seinem selbst erdachten Otherland verliert und den Leser gewissermaßen in eine Warteschleife schickt. Lange Strecken über passiert eigentlich gar nichts, was einem Vorwärtskommen gliche. Die acht kämpfen ein wenig gegen den Verräter unter ihnen und irren durch die Simulationen. "So langsam könnte Tad Williams aber mal auf den Punkt kommen", schoss mir nicht nur einmal durch den Kopf. Nichts gegen die Abenteuer einer Gruppe von sympathischen Leuten, und es ist nun mal das Charakteristikum einer Odyssee, dass sie nicht geradlinig verläuft und auch in Sackgassen endet, aber etwas mehr Fortschritt innerhalb von mehreren hundert Seiten wären dann teils doch schön gewesen. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Plot hat Input, die Dramaturgie ist durchaus gegeben, aber es ist teils zäh. Williams Sprache ist weiterhin gigantisch, er zeichnet Otherland mit Worten. Ach, vergessen Sie, was ich in den vorangegangenen Zeilen schrieb, auch wenn es sich zieht, Berg aus schwarzem Glas ist allemal die Lektüre wert.
     
    Besonders, weil die Story auf den abschließenden 250 Seiten wieder gewaltig  Fahrt aufnimmt. Wer weiß, vielleicht bin ich ja zu ungeduldig. Das Finale hat mich für alles entschädigt, mehr noch, es hat mich begeistert. Und deswegen werde ich mit der Lektüre von Band 4 - Meer des silbernen Lichts - nicht mehr allzu lange warten.
     
    Tad Williams: Otherland 4 - Berg aus Schwarzem Glas. 1. Aufl. 2016, 1144 Seiten, broschiert, Hobbit Presse/Klett Cotta; 15,00 Euro.
    ISBN: 978-3-608-94964-3
  • Tuvia Tenenbom: Allein unter Deutschen

    Tuvia Tenenbom, aufgewachsen als Sohn eines Rabbiners in Jerusalem, begibt sich auf Entdeckungsreise durch Deutschland. Auf seiner Suche nach der deutschen Identität schreckt er vor keiner Begegnung zurück: Er ist zu Gast in einem rechtsradikalen Club, er begleitet linke Autonome auf Demonstrationen. Er besucht Synagogen, Konzentrationslager, den Weltkirchentag, die Passionsspiele in Oberammergau. Er spricht mit Studenten und Professoren, mit Bankern und Industriellen, mit Politikern und Künstlern, mit Obdachlosen und Junkies. Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten stellt er immer wieder die gleichen drängenden Fragen: Wie ist es um den Nationalstolz der Deutschen bestellt? Wie gehen sie mit der deutschen Vergangenheit, wie mit dem Antisemitismus um? Wie reflektiert und kritisch sind sie dabei?

     
    Abbildung: Suhrkamp
    "Allein unter Deutschen" ist keine sozialwissenschaftliche Studie, sondern eine radikal subjektive Sicht auf die Deutschen. Oft bekommt Tuvia Tenenbom die Antworten, die er erwartet. Und er ist ein Vereinfacher, etwa wenn er eine Verbindung zwischen dem Rauchverbot auf dem Münchner Hauptbahnhof und dem einstigen Rauchverbot im Konzentrationslager Dachau zieht. Er findet, was er sucht - und er sucht vor allem nach dem Wesen der Deutschen. Tuvia Tenenbom schätzt: "Der Antisemitismus, dem ich in Deutschland begegnet bin, ist vermutlich eher unbewusster als bewusster Natur." Der schnellste und kindischste Weg aber, sich vom "Gewicht der Erinnerung an den Holocaust zu befreien", so meint er, bestehe für die Deutschen darin, "'den Juden' die Schuld zu geben. Sie sind die wahren Nazis, nicht Opa, und Oma schon gar nicht."
     
    "Der Erkenntnisgewinn dieses Buchs ist gleich null", konstatiert Barbara Bollwahn in einer eher ungnädigen Kritik dieses umstrittenen Buchs in der "Tageszeitung. Ihr gefällt die "Sacha Baron Cohen-Attitüde nicht", mit der sich Tenenbom etwa auf den Balkon des Hotels Elefant in Weimar stellt, wo einst auch Hitler logierte, und wie dieser herunterwinkt. Sie findet's "nicht witzig, und auch nicht intelligent". Leicht erstaunt registriert sie auch, dass Tenenbom die Deutschen zwar durchweg als Antisemiten identifiziert, aber dennoch behauptet, sie irgendwie zu lieben. Und sei es nur wegen ihrer Schnitzel. Denn: Ein wenig hoffen lässt Tenenbom den "geplagten Deutschen" schon. Ein Volk, das jeden Stein seiner Geschichte originalgetreu bis in kleinste Detail zu restaurieren vermöge, habe auch die Kraft, "sich aus dem Nichts ein starkes Rückgrat zuzulegen und die Kurve zum Besseren zu kriegen".
     
    Ein unterhaltsames, stark polarisierendes Buch, aber kein Spiegel der Gesellschaft: Der "Blick des tumben Außenseiters" eigne sich zwar für humorvolle Einlagen, für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit offenem oder latentem Antisemitismus in Deutschland taugt er kaum", so das Fazit der Rezensentin Sieglinde Geisel von der Neuen Zürcher Zeitung.
     
     
    Tuvia Tenenbom: Allein Unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise. Taschenbuch, Broschur, Suhrkamp Verlag, 430 Seiten, 9,99 Euro
    ISBN: 978-3-518-46374-1
     
  • Joe Abercrombie: Schattenklingen
     
    Der Meister der düster-grimmigen Fantasy gibt sich erneut die Ehre und mit ihm die Helden, die Hunderttausenden von Lesern ans Herz gewachsen sind: der zynische Großinquisitor Glokta muss sich der größten Herausforderung seines Lebens stellen, König Bethod versucht vergeblich, dem Norden endlich Frieden zu bringen, und der legendäre Barbarenkrieger Logen Neunfinger zieht erneut in die Schlacht. Die insgesamt dreizehn – zum Teil brandneuen – Geschichten aus der Welt der beliebten Klingen-Romane machen Schattenklingen zu einem absoluten Muss für jeden Joe-Abercrombie-Fan.
     
    Abbildung: Heyne
     
    Düster-grimmige Fantasy gibt es in Schattenklingen zwar schon, nur hat mich der Roman nicht so wirklich erreicht. Was heißt Roman, die Geschichtensammlung. Von Joe Abercrombie bin ich mehr gewohnt. Klar, die Geschichten sind teils preisgekrönt und es ist auch toll, viele alte Bekannte wiederzutreffen, aber irgendwie sprang bei mir der Funke nicht über.
     
    Die Stories um Sand dan Glokta oder Oberst Gorst haben für ich - andere Leser mögen das durchaus anders beurteilen - einen Makel: Das Ende ist meist unbefriedigend. Ich bin kein Gegner des offenen Endes, wenn aber Personen dann in anderen Stories wieder auftauchen und in ihren Leben zig Jahre verschwinden - die aber essentiell wären - dann stört mich das schon.
     
    Es gibt aber durchaus Ansatzpunkte aus denen großartige Romane enstehen hätten könne - oder vielleicht noch entstehen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das Buch ist nicht schlecht, nur teils...unbefriedigend.
     
    Letztlich ist Schattenklingen der schwächste teil der reihe, auch wenn ich ihn sowieso von der Konzeption her ausklammern würde. Fantasy-Lesern empfehle ich, mit einem anderen Abercrombie-Roman anzufangen - sonst schmähen sie eventuell einen der besten Autoren aufgrund eines nicht so optimalen Werkes.
     
    Joe Abercrombie: Schattenklingen; Paperback, Klappenbroschur, 432 Seiten, Verlag: Heyne; 12,99 Euro
    ISBN: 978-3-453-31806-9
     
     
  • Walking Dead - in Staffel 6 verschwindet auch das letzte Stückchen Menschlichkeit
     
    Abbildung: WVG Medien
     

    Für Sky und RTL II ist "The Walking Dead" nach wie vor ein Erfolgsgarant. Im Pay-TV läuft bereits der siebte Durchgang der Serie, der achte ist für Herbst 2017 angekündigt. Derweil erscheint Staffel 6 (2015) auf DVD und Blu-ray Disc. Während die Ausstrahlung im Fernsehen in zwei Blöcken erfolgte, enthalten die Discs alle 16 Folgen der Staffel.

    Rick (Andrew Lincoln) hat im Zufluchtsort Alexandria inzwischen das Sagen. Das trifft nicht bei allen unter den Überlebenden auf Begeisterung. Allen voran Rückkehrer Morgan (Lennie James), der sich von einem Einzelkämpfer zu einer eher nachdenklichen Seele gewandelt hat, lässt Ricks Führungsanspruch nicht unangefochten gelten.

    Im sechsten Durchgang der preisgekrönten Serie stehen einmal mehr die Befindlichkeiten und Entwicklungen innerhalb der Gruppe der Überlebenden im Vordergrund. So wird Morgan sogar eine komplette Folge als Rückblick gewidmet: Wie wurde er zu dem talentierten Stockkämpfer, und warum möchte er weder Zombies noch menschliche Angreifer töten?

    So widmen sich die ersten Episoden jeweils kleinen Figurengruppen und bremsen das Erzähltempo der Serie. Währenddessen droht Alexandria, von einer Horde Zombies überrannt zu werden. Bald aber löst Serienschöpfer Robert Kirkman die Handbremse, und es geht wieder ans Eingemachte.

    Doch auch mit dem Auftauchen der feindlich gesinnten Menschen-Gruppe der Wolves stellt sich einmal mehr die Frage: Sind die Zombies oder die Menschen die schlimmere Bedrohung? So bleibt "TWD" eine sowohl aufregende als auch nachdenkliche Dystopie über das Gute und das Schlechte in unserer Gesellschaft und in jedem Einzelnen. Dass nicht viel Gutes übrigbleibt, offenbart die letzte Episode der Staffel - gab es vorher zumindest noch  ansatzweise so etwas wie Menschlichkeit, verschwindet diese nun gänzlich. (tsch/nb)

    The Walking Dead, Staffel 6; 16 Episoden; 6 DVDs; WVG-Medien; DVD: 26,99 Euro; Bluray: 36,99 Euro;

     

  • Totenfang: Simon Beckett ist ein wahrer Meister
     
    Hunter is back! Sein fünfter Fall führt Dr. David Hunter in die Backwaters, ein unwirtliches Mündungsgebiet in Essex, wo die Grenzen zwischen Land und Wasser verschwimmen. Aber die wahren Gefahren lauern nicht in der Tiefe, sondern dort, wo er sie am wenigsten erwartet.
    Seit über einem Monat ist der 31-jährige Leo Villiers spurlos verschwunden. Als an einer Flussmündung zwischen Seetang und Schlamm eine stark verweste Männerleiche gefunden wird, geht die Polizei davon aus, Leo gefunden zu haben. Der Spross der einflussreichsten Familie der Gegend soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls als vermisst gilt: Leo steht im Verdacht, Emma Darby und schließlich sich selbst umgebracht zu haben. Doch David Hunter kommen Zweifel an der Identität des Toten. Denn tags darauf treibt ein einzelner Fuß im Wasser, und der gehört definitiv zu einer anderen Leiche. 
    Für die Zeit seines Aufenthalts kommt David Hunter in einem abgeschiedenen Bootshaus unter. Es gehört Andrew Trask, dessen Familie ihm mit unverholener Feindseligkeit begegnet. Aber sie scheinen nicht die einzigen im Ort zu sein, die etwas zu verbergen haben. Und noch ehe der forensische Anthropologe das Rätsel um den unbekannten Toten lösen kann, fordert die erbarmungslose Wasserlandschaft erneut ihren Tribut…
     
    Abbildung: Rowohlt
     
    Lange war es still um  Dr. David Hunter - nun ist er aber wieder da. Und wie. Simon Beckett dreht die Geschichte um den bei Polizei und Behörden in Ungnade gefallenen Forensiker wie gewohnt in zig Wendungen auf. Genial. Selbst kleinste "Nebengeräusche" finden ihre Auflösung - die stets unerwartet ist. Vergessen sie es, den Mörder zu erraten, keine Chance. 
     
    Dabei setzt Beckett zahlreiche Cliffhanger so clever ein, dass man das Buch einfach nicht weglegen kann. Nicht nur einmal wollte ich Totenfang aufgrund der fortgeschrittenen Zeit beiseite legen und mich ins Bett trollen, ich konnte es schlichtweg einfach nicht. Zu Spannend, zu mitreißend ist die Geschichte in den Backwaters. Und bildreich. Teils zu bildreich. Denn wenn Beckett den Zustand der Wasserleichen beschreibt, sollte der Leser einen stabilen Magen haben. Dabei bleibt Beckett detailgenau wie gewohnt.
     
    Des Öfteren hängt Hunters Leben wieder am seidenen Faden und auch Grace Strachan, die ihn schon einmal niedergestochen hatte, will ihm wohl wieder ans Leder. Zudem gibt es wieder ein mehr als angedeutete Liebelei - aus der diesmal sogar mehr werden könnte...
     
    Alles in allem ein Thriller, den man gelesen haben sollte. Ohne Wenn und Aber.
     
    Simon Beckett: Totenfang; gebundene Ausgabe, 560 Seiten, Verlag: Rowohlt/Wunderlich; 22,95 Euro; 
    ISBN-10: 3805250010
    ISBN-13: 978-3805250016
  • Eine wilde Hatz mit Cato und Macro
     
    Britannien, A. D. 52: Die westlichen Stämme planen einen Aufstand. Während Centurio Macro seine Wunden pflegen muss, führt Präfekt Cato eine Legion gegen die Stammeskämpfer an. Doch der Winter naht. Cato und seine Männer kämpfen gegen erbarmungslose Kälte und tödliche Schneestürme. Unterdessen kommt Macro ein schrecklicher Verdacht. Soll Catos Truppe im Zeichen einer Intrige geopfert werden? Schon bald merken die beiden Blutsbrüder, dass ihre Feinde überall lauern ...
     
    Abbildung: Heyne
     
    "Quintate, rede me legiones" - dieses abgewandelte Zitat von Augustus, der dies nach der Schlacht im Teutoburger Wald - als Varus drei Legionen verlor - gesagt haben soll, könnte man auf Simon Svarrows Britannia anwenden. Legat Quintatus führt Legionäre und Hilfstruppen in einen aussichtslosen Kampf, nur um Ruhm zu erhaschen...
     
    Macro und Cato müssen also wieder einmal um ihr Leben kämpfen, scheinen mehrmals aussichtslos verloren und kommen doch irgendwie wieder raus aus der Sch... Soweit, so gut, aber die Hatz durch Britannien zur Insel Mona, der Feste der Druiden, die den britischen Widerstand aufrechterhalten, ist dann doch eher einer der mäßigeren Romane Scarrows. Ich kam als Leser nicht so richtig rein, der Plot lässt etwas zu wünschen übrig - wobei gerade die Druiden viel an Stoff geboten hätten. Nur kommen die leider kurz bis beinahe gar nicht zum Zug. 
     
    So wird es für Macro und Cato - die anfangs getrennt werden - zu einem Wettlauf um Leben und Tod und einer beinahe vernichtenden Niederlage der Römer. Letztlich bringt der Roman die Serie nicht wirklich weiter, was das Geschehen in Britannien betrifft und der 15. Band soll ja in Spanien spielen. Eventuell war Britannia der Auftakt zu einem späteren Band, in dem dann die Story weitergesponnen wird.
     
    Fazit: Lesbar, aber nicht zwingend nötig. Wer ihn auslässt und die Adlerserie erst mit Band 15 fortsetzt, hat nicht wirklich was verpasst.
     
    Simon Scarrow: Britannia; Taschenbuch, Broschur, 528 Seiten; Verlag: Heyne; 9,99 Euro
    ISBN: 978-3-453-47140-5
     
  • Warten auf den großen Bestseller - der literarische Frühling 2017

    Terranauten, ein rosaroter Elefant und die Freundinnen Lila und Elena tummeln sich auf dem kommenden Buchmarkt. Das sind aber nur einige Protagonisten im weiten Feld der Literatur.

    Was haben Martin Walser und Elena Ferrante gemeinsam? Ihre Romane eröffnen den Bücherfrühling 2017, und der beginnt im Januar. Vom Nestor der deutschen Literatur, der im März 90 Jahre alt wird, erscheint gleich zu Beginn des neuen Jahres der Roman "Statt etwas oder Der letzte Rank" bei Rowohlt. Nach Angaben des Verlages ist es "ein Roman als Selbstporträt eines Mannes, der sich mit der Sprache zu Wehr setzt, ein Roman als Summe und Bilanz".

    Der zweite Teil der weltweit erfolgreichen neapolitanischen Saga der geheimnisumwitterten Italienerin Elena Ferrante ("Meine geniale Freundin") kommt ebenfalls im Januar auf den deutschen Büchermarkt. In "Die Geschichte eines neuen Namens" geht es wieder um die Freundinnen Lila und Elena, die inzwischen 16 Jahre alt sind. Ebenso wie der italienische Hausverlag wollte auch Suhrkamp die Enthüllungen eines Journalisten nicht kommentieren, hinter Ferrante verberge sich die Übersetzerin Anita Raja. Auch der dritte Teil soll noch in diesem Jahr herauskommen.

    Als philosophischen Schelmenroman kündigt Hanser Jostein Gaarders Buch "Ein treuer Freund" an. Vielleicht gelingt es dem Norweger, an seinen Welterfolg "Sofies Welt" anzuknüpfen. Ebenfalls bei Hanser berührt T.C. Boyle "die großen Fragen der Menschheit". In "Die Terranauten" des US-Amerikaners unternehmen Wissenschaftler in einem geschlossenen Ökosystem in den 90er Jahren in den USA den Versuch, Leben nachzubilden. Von seinem Landsmann Paul Auster erscheint bei Rowohlt "4321" als "vier Variationen eines Lebens". Für den Verlag ein Höhepunkt in Austers Schaffen.

    Ebenfalls mit den unheimlichen Möglichkeiten der Wissenschaft beschäftigt sich ein guter Bekannter mit Bestsellerqualitäten. Zu Jahresbeginn erscheint bei Diogenes der Thriller "Elefant" von Martin Suter. Der kleine rosarote Elefant sei ein Wesen, das die Menschen verzaubert, "woher er kommt, weiß nur ein Genforscher".

    Auch Thomas Brussig meldet sich zurück. In seinem Roman "Beste Absichten" bleibt er seinem Sujet treu und beschäftigt sich mit der DDR. Bei Fischer heißt es: "Ein kleiner Wenderoman über den größten Moment im Leben."

    Die Krimifreunde treffen wieder alte Bekannte - selbstverständlich auch an den gängigen Schauplätzen Venedig und im Périgord. Donna Leon lässt Commissario Brunetti in "Stille Wasser" seinen 26. Fall lösen. Bruno, Chef de police, wird in "Grand Prix" von Martin Walker (ebenfalls Diogenes) mit seinem neunten Fall betraut. Auch die regionalen Krimischreiber bleiben ihren Lesern treu, darunter Jörg Maurer mit seinem neuen Alpenkrimi "Im Grab schaust du nach oben" und Klaus-Peter Wolf mit "Ostfriesentod".

    Posthum werden der Italiener Umberto Eco (1932-1916) und der Ungar Peter Esterhazy (1950-2016) mit Neuerscheinungen auf dem deutschen Markt geehrt. "Pape Satàn" von Eco mit dem Untertitel "Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, diese Welt zu ertragen" ist nach Angaben von Hanser ein letztes Geschenk an seine Leser. Von Esterhazy, der an Krebs gestorben ist, erscheint im selben Verlag dessen "Bauspeicheldrüsentagebuch".

    Und dann wären neben vielen anderen Jahrestagen noch die Reformation und Martin Luther. Zum Reformator und seiner Zeit sind bereits im Jahr vor dem 500. Jubiläum am 31. Oktober 2017 zahllose Bücher erschienen. Doch auch zu Beginn des Festjahres werden Neuigkeiten zu dem weltumspannenden Ereignis angekündigt. Um nur eine zu nennen: Der Germanist Karl-Heinz Göttert beschäftigte sich mit "Luthers Bibel". Sein Buch (Fischer) trägt den Untertitel "Geschichte einer feindlichen Übernahme".

    Aber wird es in dem schier unüberschaubaren Buchmarkt in diesem Jahr mal wieder einen ultimativen und gewinnbringenden Bestseller geben? Die Verlage sind immer für Überraschungen gut - vielleicht kurz vor den diesjährigen Buchmessen im März in Leipzig und im Oktober in Frankfurt. Oder wird die Britin Joanne Kathleen Rowling wieder aushelfen mit einem neuen Harry Potter? (dpa)

  • Hennen treibt die Saga voran: Die Wölfin ist ein "Übergangsroman"
     
    Nach ihren Abenteuern im Himmelsturm führt ihr Wettstreit mit Beorn dem Blender Asleif Phileasson und seine Mannschaft schließlich in den wilden Nordosten Aventuriens. Dort, in den verwunschenen Wäldern und weiten Ebenen, müssen sich Phileasson und seine Gefährten grimmigen Feinden und waghalsigen Herausforderungen stellen. Währenddessen wird auch Beorn mit dunklen Gefahren konfrontiert, die einen Schatten auf seine Seele legen. Beide, Beorn und Phileasson, beginnen zu begreifen, dass diese Wettfahrt sie vielleicht mehr kosten könnte als nur das Leben …
     
    Abbildung: Heyne
     
    Ich vertraue Bernhard Hennen - er wird sich beim dritten Teil der Phileasson-Saga schon seinen Teil gedacht haben. Denn der Roman "Die Wölfin" ist etwas anders, als die beiden Vorgänger. "Übergangsroman" trifft es wohl ganz gut. Denn es passiert zwar einiges, handlungstragendes ist aber eigentlich nicht großartig dabei. 
     
    Während Phileassons Konkurrent Beorn Asgrimmsson noch im Himmelsturm gefangen ist, stromert Phileassons Ottojasko durch Aventurien, heilt Seuchen, verkauft Waren, betritt einen Seltsamen Wald, gerät in das Visier von Kopfgeldjägern...die Wölfin spielt dabei eine relativ hintergründige Rolle. Es könnte das berühmte "Luftholen" sein, bevor der große Hammerschlag fällt. Neue Begleiter werden eingeführt, potenzielle Feinde aufgebaut, Fährten gelegt, die später noch von Bedeutung werden könnten und zum großen Ganzen beitragen. Dadurch entsteht aber ein gewisses Durcheinander. Das Positive daran: Hennen investiert nochmals zeit in seine Protagonisten, schärft deren Profil.
     
    Letztlich liest sich "Die Wölfin" ob der vielen Sprünge in Handlung und Örtlichkeiten aber weniger gut, als die ersten beiden Bände "Nordwärts" und "Himmelsturm". Aber, wie gesagt, ich vertraue Hennen voll und ganz, dass dieser Band seinen Sinn hat und freue mich schon auf Band vier - "Silberflamme" - der allerdings erst im September 2017 erscheint. Dann - da bin ich mir sicher - nimmt die Saga wieder dramatisch an Fahrt auf.
     
     
    Berhard Hennen/Robert Corvus: Die Phileasson-Saga: Die Wölfin; Paperback, Klappenbroschur, 592 Seiten, Verlag: Heyne, 14,99 Euro
    ISBN: 978-3-453-31753-6
  • Die großen literarischen Preise gingen in diesem Jahr eher an Außenseiter, die Potter-Freunde kamen wieder auf ihre Kosten, und ein Geheimnis wurde gelüftet oder auch nicht. Das Literaturjahr 2016 im Rückblick:

    DIE ÜBERRASCHUNG:

    Alle Fans konnten aufatmen: Anfang Februar lässt die britische Erfolgsautorin Joanne K. Rowling ankündigen, dass HARRY POTTER weiterlebt - in der achten Folge als beschäftigter Familienvater. Zunächst ist die Geschichte "Harry Potter and the Cursed Child" (Harry Potter und das verwunschene Kind) Ende Juli in London als Theaterstück zu sehen. In Deutschland erscheint das Buch Anfang September, doch bereits die englische Ausgabe landet auch hierzulande an der Spitze der Bestsellerlisten. Im Oktober ist es das meistverkaufte Buch in Deutschland.

    DAS GEHEIMNIS:

    Heißt Elena Anita? Die Identität der geheimnisumwobenen und gefeierten Bestsellerautorin ELENA FERRANTE ("Meine geniale Freundin") ist angeblich geklärt. Ein italienischer Journalist will herausgefunden haben, dass sich hinter dem Pseudonym die Übersetzerin Anita Raja verbirgt. Dafür sprächen zahlreiche Hinweise, er sei "der Spur des Geldes" gefolgt, schreibt er Anfang Oktober. Der italienische Verlag schweigt und auch Suhrkamp, wo der erste Band in Deutschland erschienen ist. Und hört Elena Ferrante nun auf zu schreiben, wie sie es für den Fall ihrer Enttarnung angekündigt hat?

    DIE EHRUNG:

    Der US-amerikanische Sänger und Songwriter BOB DYLAN bekommt den Literaturnobelpreis. Er wird für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition geehrt, wie die Schwedische Akademie in Stockholm bekanntgibt. "Blowin' In The Wind" und "Like A Rolling Stone" gehören zu seinen berühmtesten Songs. Allerdings lässt er die Akademie knapp drei Wochen auf eine Reaktion warten: Er fühle sich geehrt, lässt er schließlich wissen.

    Der Lyriker und Romancier MARCEL BEYER erhält den Georg-Büchner-Preis. Der mit 50 000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Ehrung in Deutschland. Der in Dresden lebende 50-Jährige sei ein Autor, "der das epische Panorama ebenso beherrscht wie die poetische Mikroskopie", begründet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihre Entscheidung. Beyer wurde 1995 einer breiteren Öffentlichkeit durch seinen Roman "Flughunde" bekannt.

    Die Journalistin und Publizistin CAROLIN EMCKE erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Emcke leiste mit ihren Büchern, Artikeln und Reden einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden, teilt der Börsenverein mit. Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert. Sie spricht sich in ihrer Rede in der Paulskirche gegen jede Form von Ausgrenzung und Fanatismus aus: "Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden."

    BODO KIRCHHOFF gewinnt mit seinem Buch "Widerfahrnis" den Deutschen Buchpreis. Das Buch sei "ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt", begründet die siebenköpfige Jury ihre Wahl.

    GUNTRAM VESPER wird mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Roman "Frohburg" ausgezeichnet. In dem über 1000 Seiten starken Roman beschäftigt sich Vesper mit dem Ort seiner Geburt: Frohburg, einer Kleinstadt südlich von Leipzig, wo er Kindheit und Jugend verbrachte, ehe die Familie 1957 in die Bundesrepublik floh.

    Der vietnamesische Autor VIET THANH NGUYEN gewinnt für seinen Spionage-Roman "The Sympathizer" den Pulitzer-Preis für Literatur. Das Buch handelt von einem vietnamesischen General im Vietnamkrieg, der mit seinen Landsleuten ein neues Leben in Los Angeles beginnt, während Saigon im Krieg versinkt. Für die USA, wo der Verlauf des Vietnamkriegs meist nur aus amerikanischer Sicht gedeutet wird, sei die Perspektive der Gegenseite eine Bereicherung, schreibt etwa die "New York Times".

    Die Schriftstellerin SHARON DODUA OTOO gewinnt den 40. Ingeborg-Bachmann-Preis. Die gebürtige Britin mit Wurzeln in Ghana erhält die Ehrung in Klagenfurt für ihren Text "Herr Gröttrup setzt sich hin". Die Jury lobt die unangestrengte Satire über den deutschen Alltag, in der ein Frühstücksei den Aufstand wagt. Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert und gilt als eine der renommiertesten Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum.

    DER TOD:

    Am 7. Februar stirbt der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator ROGER WILLEMSEN. Er erliegt einem Krebsleiden, das wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag festgestellt worden war. Willemsen gehörte zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen.

    Die US-amerikanische Schriftstellerin HARPER LEE, die mit "Wer die Nachtigall stört" Weltruhm erlangte, stirbt am 19. Februar in ihrer Heimatstadt Monroeville in Alabama im Alter von 89 Jahren. Im Jahr zuvor sorgte ein zweites Buch von ihr, "Go Set a Watchman" (Gehe hin, stelle einen Wächter), weltweit für Aufsehen.

    Ebenfalls am 19. Februar stirbt der italienische Schriftsteller UMBERTO ECO. Er wird 84 Jahre alt. Der millionenfach verkaufte Bestseller "Der Name der Rose" brachte ihm vor mehr als drei Jahrzehnten den Durchbruch, seine Romane machten ihn weltberühmt.

    HERMANN KANT, einer der erfolgreichsten Schriftsteller der DDR, stirbt am 14. August mit 90 Jahren. Populär wurde Kant mit seinen Romanen "Die Aula", "Das Impressum" und "Der Aufenthalt". Sie erzielten in der DDR eine Millionenauflage. Kant wurde nach der Wende vielfach für seine Nähe zum SED-Regime kritisiert. Er war lange Jahre Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes und Mitglied im Zentralkomitee der SED.

    DIE ZUVERSICHT:

    Es ist eine ernüchternde Bilanz: Im deutschen Buchhandel ist der Umsatz wieder auf dem Niveau von vor zehn Jahren angekommen. 2015 hat die Branche - wie schon 2005 - knapp 9,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. Zwischenzeitlich war sogar an der Marke von zehn Milliarden Euro gekratzt worden. Trotz des erneuten Umsatzrückgangs von 1,4 Prozent (2015) verbreitet der Dachverband dennoch Zuversicht. Der "beispiellose Medienwandel" sei inzwischen gut überstanden, heißt beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Juni. "Das Buch ist in unserer Gesellschaft fest verankert." In diesem Jahr - soviel ist jetzt schon sicher - hat wenigstens Harry Potter wieder mal die Umsatzzahlen ansteigen lassen. (dpa)

  • Otherland 2 - Fluss aus blauem Feuer
     
    Im zweiten Band von »Otherland«, Fluss aus blauem Feuer, ist es einer kleinen Gruppe Verzweifelter gelungen, tatsächlich in Otherland einzudringen. Und da schnappt die Falle zu. Sie sind gefangen, unfähig, wieder in ihre Körper aus Fleisch und Blut in der realen Welt zurückzukehren. Zufälle und gefährliche Abenteuer zersprengen die Gruppe. Ihre einzige Hoffnung ist der Fluss. Der Fluss aus blauem Feuer, der durch alle virtuellen Welten Otherlands fließt.
     
    Abbildung: Klett-Cotta/Hobbit-Presse
     
    Band 1 der Otherland Quadrologie war schon klasse, wenn auch anstrengend bei zahllosen Charakteren, Schauplätzen und etwas verwirrend - vor allem mit Cliffhangern am Ende des Romans. Tad Williams erklärt aber im Vorwort ziemlich detailliert die Gründe, warum er keine runde Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln abliefern konnte und quasi mitten im Satz aufgehört hat - es sei ihm verziehen.

    Aber auch nach dem Vorwort gibt es nicht viel zu mäkeln: Der Romanzyklus wächst sich langsam aber sicher zu einem grandiosen Meisterwerk von epischer Breite aus. Die konzipierten virtuellen Welten, durch die die Schaar der Gefährten springt,  sind so von überschäumender Fantasie gezeichnet, dass es eine wahre Freude ist und man als Leser neidisch wird, woher ein mensch so eine schiere unfassbare menge an Kreativität nimmt. Als Beispiele seien hier nur das London  nach dem Angriff, der Zauberer von Oz, eine Steinzeitsimulation, eine Insektenwelt - in der die Gruppe kleiner als Ameisen ist -, eine Comicwelt in einer Küche  oder  das Venedig des 16. Jahrhunderts genannt. Klasse, richtig klasse.  Doch Fluss aus blauem Feuer ist nicht nur fantastisch schön, es ist auch bedrohlich düster. Die Gefährten werden getrennt, Teile davon  finden wieder zueinander und  es gibt in der Gruppe einen Spion, Verrat sowie einen geglückten Mordanschlag. Das ist der Stoff aus dem Romane sind. Auch in der verworrenen Verschwörungsgeschichte des Otherlandnetzwerkes werden ein paar Schleier zu,mindest "angelüftet". 

    Tolle Fortsetzung, die wirklich Lust auf den vierten Teil machen - nun muss ich mich aber erstmal um andere Bücher kümmern...aber das steigert die Vorfreude!
     
     
    Tad Williams: Otherland. Band 2 - Fluss aus blauem Feuer; 1. Aufl. 2016, 814 Seiten, Klett-Cotta/Hobbit-Presse broschiert; 15,00 Euro
    ISBN: 978-3-608-94962-9
  • Der Bruder des Königs

    "Jeder mag Schurken, dabei sind sie oft käuflich, handeln moralisch fragwürdig oder sind politisch inkorrekt. Und gerade deswegen stellen Schurken den eigentlichen Helden so häufig in den Schatten. Denn was wäre Star Wars ohne Han Solo oder Game of Thronesohne Tyrion Lennister? George R.R. Martin und Gardner Dozois haben einundzwanzig Stories zusammengetragen – unter anderem von Patrick Rothfuss, Joe Abercrombie und Scott Lynch –, die sich den beliebtesten Charakteren aller Genres widmen: den Schurken."



    Laut Duden ist ein Schurke "jemand, der Böses tut, moralisch verwerflich handelt, eine niedrige Gesinnung hat". 
    Der Begriff wird gelegentlich verharmlosend oder ironisch gebraucht. Es existieren zahlreiche ähnlich gelagerte Begriffe, darunter: Gauner, Halunke, Schuft, Strolch, Übeltäter, Bösewicht. Schurken sind oftmals Protagonisten in Romanen, ja der Schurke ist meist ein essentieller Teil eines Romans.Ohne Schurken keine Guten oder: Ohne einen Schurken wirkt der Gute vielleicht gar nicht so gut. 

    Diesem Charaktertypus widmen sich in 21 Kurzromanen George R. R. Martin, Joe Abercrombie oder Patrick Rothfuss sowie weitere Fantasy-Bestseller-Autoren in der Anthologie "Bruder des Königs", herausgegeben von Gardner Dozois und eben Martin.

    Mitunter ist es wahrscheinlich auch die Geschichte rund um Daemon Targaryen, die vielen Lesern den Kaufentschluss nahelegt - ist doch das Warten auf die Fortsetzung des Epos Das Lied von Eis und Feuer" mittlerweile beinahe schon lähmend. Und es ist wieder ein Stückchen Geschichte, das der Fan über die Drachenreiter erfährt - nicht mehr und nicht weniger. 

    Doch Martin hat schon recht, wenn er in der Einleitung sagt: "Jedermann liebt coole Schurken". Das Böse fasziniert eben noch mehr, als das Gute, auch wenn das letztlich obsiegen soll. Und in vielen Helden steckt doch auch ein bisschen Schurkerei...

    Bei den bisher zwei Dritteln meinerseits geschafften Kurzromanen hat mir Martins Geschichte um Daemon Targaryen gefallen, Patrick Rothfuss Kurzroman um rund um Kvothe und Bast dazu animiert, mehr über die beiden zu lesen und Joe Abercrombie bestärkt, dass er einer meiner Lieblingsautoren ist und bleibt. Wie es bei einer Anthologie so ist, sagt einem das eine mehr, das andere weniger zu - das Gute daran: Für jeden ist etwas dabei. Wer sich nicht die Zeit für einen langen Schmöker nehmen will, aber dennoch gute Unterhaltung sucht, ist bei "Der Bruder des Königs" genau richtig. Der Preis von 19,99 kann allerdings Gelegenheitsleser abschrecken.


    Dozois/Martin: Der Bruder des KönigsPaperback, Klappenbroschur, 1.056 Seiten, Verlag: Penhaligon; 19,99 Euro
    ISBN: 978-3-7645-3175-1


     


  • Final Fantasy XV - Es war einmal ... ein Roadtrip mit den Jungs

    Begleitet von der fünfteiligen Anime-Serie "Brotherhood" auf Youtube und dem Animationsfilm
    "Kingsglaive" hat es das Mammut-Rollenspiel "Final Fantasy XV" endlich auf den Markt geschafft - nach über zehn Jahren Entwicklungszeit. 
    Ungewohnt: Bevor Square Enix zur gewohnt dramatisch-bombastischen Geschichte übergeht, muss sich der Spieler durch eine Art Open-World-Szenario arbeiten. Das ist zwar nicht annähernd so offen oder groß wie es zunächst den Anschein hat, ist für die Serie aber ein Novum. Wird Prinz Noctis samt unreifem Boyband-Gefolge dabei in Kämpfe gegen teils gigantische Monster verwickelt, wird neuerdings blitzschnell in Echtzeit und nicht mehr Runde für Runde gefochten. Magie und Moderne, Pop und Klassik, Science Fiction und neuerdings noch ein gehöriger Schuss Wild West - hier werden sie gekonnt vereint. In einer Erfolgsreihe, die sich insgesamt zwar über 135 Millionen Mal verkauft hat, zuletzt aber mit immer mehr Kritik und stetig sinkenden Zahlen zu kämpfen hatte. Teil 15 soll die veralteten Mechanismen jetzt neu erfinden und sie westlichen Genre-Schwergewichten wie einem "Witcher" näherbringen. Ist das gelungen?



    Abbildung: Square-Enix 

    Mit "Final Fantasy 7" für das Super Nintendo hat sich Squaresoft ein Denkmal gesetzt: 1997 war der Titel maßgeblich verantwortlich für den Durchbruch der noch jungen PlayStation - und seine Erfolgsformel dominiert das Subgenre des japanischen Rollenspiels bis heute. Doch wenn es darum geht, diese Rezeptur neu zu erfinden oder zu modernisieren, tun sich die traditionsbewussten Japaner sichtlich schwer. Resultat: Im Westen hat das "JRPG" dramatisch an Bedeutung verloren, anstelle von "Final Fantasy" & Co. brechen heute das polnische "Witcher" oder US-Vertreter wie "Fallout 4" und "Mass Effect" Verkaufsrekorde.


    Mit Teil 15 will Square Enix diesen Missstand wieder beheben: Ursprünglich stammt das Abenteuer um den jungen Prinzen Noctis und seine schwatzhafte Emo-Männertruppe aus dem Dunstkreis des ungeliebten "Final Fantasy 13". Unter dem Titel "Final Fantasy vs. 13" sollte es ursprünglich das Kunststück schaffen, die Marke noch zu PS3-Zeiten dem westlichen Markt weiter anzunähern - mit einem actionreichen Kampfsystem und drastischer Regel-Schlankheitskur als wichtigste Zutaten. Zur Produktionsreife hat es der vielversprechende Ansatz allerdings nie geschafft - darum präsentiert Square Enix ihn jetzt in veränderter Form als "Final Fantasy 15".


    Abbildung: Square-Enix 

    Kaum verwunderlich, dass man dem fertigen Produkt die rund zehnjährige Ochsentour deutlich ansieht: Hier prallen zwei Technik-Generationen und so viele verschiedene Design-Ansätze aufeinander, dass sich die Fantasy-Welt Eos und ihr spielerischer Unterbau mitunter wie ein Flickenteppich anfühlen. Ein Flickenteppich, mit dem man zwar Spaß hat, der seinen westlichen
    Genre-Kollegen eher nicht das Wasser reicht: Die Bemühungen der Entwickler, Eos in eine offene Spielwelt nach dem Vorbild eines "Skyrim" oder "Witcher" zu verwandeln, ist nicht nur gescheitert - sie führen auch noch dazu, dass die Kampagne erst zur Halbzeit Fahrt aufnimmt.
    Dann wird "Final Fantasy 15" deutlich geradliniger und beschert Spielern jene bombastisch inszenierten Momente, die Serien-Fans gewöhnt sind. Dann ist das Spiel richtig klasse!


    Als lockeres und mit Fantasy-Elementen angereichertes Roadmovie funktioniert Teil 15 aber auch in der offenen Welt. Wesentlich dafür verantwortlich sind die gigantischen Bestien des Spiels, die mal wieder für zahllose Wow-Momente sorgen. Obendrein dürfen sich Liebhaber auf Ausritte mit den drolligen Chocobo-Vögeln - der  Klassiker schlechthin -  und launige Anspielungen an die 16-Bit-Episoden der Serie freuen.


    Abbildung: Square-Enix 

    Gewöhnungsbedürftig sind allerdings die Fahrten hinter dem Steuer der fürstlichen Staats-Karosse: Anders als in modernen Open-World-Games à la "GTA 5" oder "Mafia 3" lässt sich das luxuriöse Gefährt nicht frei über Stock und Stein lotsen - stattdessen muss es schnurstracks dem Straßenverlauf folgen und darf nur gelegentlich zum Boxenstopp ausscheren. Wollen Noctis & Co. das Gelände abseits der Highways erkunden, müssen sie aussteigen - was dann folgt, ist meist anstrengendes Marschieren - das kann irgendwann langweilen. FF-Fans gewinnen aber auch dem etwas ab.


    Abbildung: Square-Enix 

    Weitaus spannender ist da schon das auf Action gebürstete Kampfsystem - auch wenn es  nicht so zugänglich ausfällt, wie es sich gibt: Unter der dynamisch präsentierten Echtzeit-Oberfläche schlummert ein bürokratisches Schwergewicht, das seine Mechanismen nur zaghaft und unbequem vermittelt. Serien-Profis können hier ungeniert die Taktik-Muskeln spielen lassen - die zu Spielbeginn so herzlich eingeladenen Neueinsteiger dagegen raufen sich frustriert die Haare. Dabei gibt es auch hier Elemente mit Klassiker-Potenzial: wie zum Beispiel ein raffiniertes System für den Zauberspruch-Eigenbau. Oder den "Schwert-Warp", bei dem Prinz Noctis seine Waffe zuerst in den Feindpulk schleudert, um sich anschließend hinterher zu teleportieren und seinem Eröffnungshieb auf diese Weise mehr Wucht zu verleihen.


    Abbildung: Square-Enix 

    Fazit: Wer Erfahrung mit japanischen Genre-Vertretern hat, wird auch mit diesem "Final Fantasy" seinen Spaß haben. Allerdings muss er ihm dafür ungewöhnlich viele Schwächen verzeihen - darunter veraltete Technik, ein im Vergleich zu westlichen Rollenspielen geradezu rückständiger Open-World-Ansatz. Ergebnis: "Final Fantasy XV" leistet viel Fan-Service, aber nicht mehr ganz diese Faszination auslöst, die vorhergehende Serienteile vermittelt haben. Dafür hätte man sich entweder mehr auf die klassischen Serien-Tugenden oder aber eine konsequente Rundum-Erneuerung einlassen müssen. Immerhin: Auf der PS4 Pro bietet das Abenteuer optionale Grafikeinstellungen, die es entweder flüssiger machen oder spürbar aufhübschen. (tsch)


    Final Fantasy 15
    Plattform (getestet): PlayStation 4
    Altersfreigabe: Freigegeben ab 12 Jahren
    Genre: Rollenspiel
    Sprache: Englisch, Französisch, Deutsch, Japanisch
    Bildschirmtexte: Englisch, Französisch, Deutsch, Japanisch, Spanisch, Italienisch
    Anleitung: Deutsch
    Publisher: Square Enix
    Preis: Je nach Edition zwischen 60 und 90 Euro
  • Bayerischer Buchpreis ehrt Ruth Klügers Lebenswerk

    Die Autorin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger (85) ist mit dem Bayerischen Ehren-Buchpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. "Ruth Klüger war ihr ganzes Leben lang unbequem und kritisch. Sie erhebt ihre Stimme, wenn andere schweigen - analytisch, ironisch und mit Lust am Diskurs", würdigte Bayerns Vize-Ministerpräsidentin Ilse Aigner (CSU) am Donnerstagabend in München die Preisträgerin laut Manuskript.
    Im Gegensatz zum Ehrenpreis wurden die Preisträger in den Kategorien Sachbuch und Belletristik erst nach einer öffentlichen Jurysitzung am Donnerstagabend in der Allerheiligen-Hofkirche bekanntgegeben. In der Kategorie Belletristik setzte sich Heinrich Steinfest für "Das Leben und Sterben der Flugzeuge" durch. Außer ihm waren noch Christian Kracht für "Die Toten" sowie Terézia Mora für "Die Liebe unter Aliens" nominiert gewesen.
    In der Kategorie Sachbuch siegte Andrea Wulf mit "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur". 
    Der Bayerische Buchpreis ist mit jeweils 10 000 Euro dotiert. In der Jury sitzen die Journalistin Franziska Augstein, Literaturkritiker Denis Scheck und die diesjährige Friedenspreisträgerin Carolin Emcke. 
  • Simon Scarrow: Blutsbrüder

    Abbildung: Heyne 

    Britannien, A.
    D. 52:
     Präfekt Cato und Centurio Macro, die besten Kämpfer der Legion, führen ihre Mannen weiter im Kampf gegen die einheimischen Stämme unter dem mächtigen Anführer Caratacus. Moral und Stärke der römischen Truppen sind durch unausgesetzte Attacken ausgehöhlt. In dieser verzweifelten Situation wählen Cato und Macro den direkten Angriffsweg ohne Rücksicht auf Verluste. Doch innerhalb ihrer Ränge gibt es einen Verräter. Die beiden römischen Blutsbrüder müssen nicht nur gegen Caratacus, sondern auch um ihr Leben kämpfen...


    Mein 13. Roman, den ich mit Cato, Macro, Narcissus und Co. verbringen durfte. Wie immer geraten die beiden Römer darin in schier ausweglose Schwierigkeiten, haben einen Feind in den eigenen Reihen und unfähige oder ihnen nicht wohlgesonnene Befehlshaber. Dennoch: Mit den beiden wird es auch nach zigtausend Seiten nicht langweilig.

    Wie immer gelingt den beiden ein Coup, diesmal Cato, der Caratacus gefangen nimmt. Der junge Präfekt wird gefeiert, aber als schon Stunden später der Widersacher unter dubiosen Umständen entkommt, zum Prellbock seiner Vorgesetzten. Scarrow lässt den Leser dabei im Unklaren, wer dem britischen Fürsten zur Flucht verhalf, schmiedet ein Ränkespiel, das gut inszeniert und schwer durchschaubar ist.

    Wie immer zeichnet er die Protagonisten der Geschichte sehr scharf, diesmal sogar mit einem Anflug von Sex and Crime. Ein toller Roman aus der Feder vom Simon Scarrow, der schon wieder Lust auf den 14. Serienteil macht: Britannia, das am 12. Dezember 2016 erscheint.

    Simon Scarrow: BlutsbrüderTaschenbuch, Broschur, 592 Seiten, Verlag: Heyne; 9,99 Euro
    ISBN: 978-3-453-47138-2
  • Fear The Walking Dead: Staffel 2 - Das Boot ist voller Zombies!

    Können Zombies schwimmen? Diese Frage stellten sich Travis (Cliff Curtis) und seine Gruppe am Ende der ersten Staffel von "Fear The Walking Dead", als ihr reicher Begleiter Victor seine Jacht präsentiert. In der zweiten Staffel (2015) des "The Walking Dead"-Spin-offs geht es also auf hohe See, um der Zombie-Apokalypse zu entkommen. Nach einem Amazon-exklusiven VoD-Start erscheinen die 15 Episoden hierzulande nun auf DVD und Blu-ray Disc.



    WVG-Medien 

    Es dauert nicht lange, bis die Gruppe feststellt: Ja, Zombies können tatsächlich schwimmen. Oder sich zumindest treiben lassen, weshalb schon ein kurzer Tauchgang zur ernsten Gefahr wird. Ist es vor der kalifornischen Küste also wirklich sicherer als auf dem Festland?

    Zumindest auf dem Schiff scheint es so zu sein. Wie auch bei der Hauptserie kristallisiert sich aber bald heraus, dass nicht die Untoten die größte Bedrohung sind. Denn brenzlig wird es vor allem dann, wenn Menschen auf Menschen treffen - ob auf fremde oder bekannte.

    Der Anblick eines gekenterten Schiffs wirft die Frage auf: Ist das Boot wortwörtlich voll? Wie viele Passagiere halten die Jacht, die Vorräte und vor allem die Kern-Mannschaft aus? Zum Glück gibt es ein Ziel: Victor (Colman Domingo) hat mit einem Gehilfen die Flucht nach Mexiko geplant. Dass die nicht reibungslos klappen wird, ist keine Überraschung ...

    Während sich die erste Staffel thematisch noch zu stark an die Hauptserie anlehnte - als treuer Zuschauer wollte man den Ausbruch der Zombie-Apokalypse nicht noch einmal sehen -, emanzipiert sich das Spin-off nun. Die Handlung zumindest teilweise aufs Meer zu verlagern, eröffnet neue Perspektiven und eine eigene dramaturgische Dynamik. In Sachen Spannung steht "Fear The Walking Dead" der Mutterserie in nichts nach. Lediglich die Figuren schwächeln noch etwas und wachsen bisher nicht so sehr ans Herz wie etwa Rick Grimes und Daryl Dixon. Aber sie bekommen mehr Zeit dafür: Staffel drei ist für 2017 bestellt. (tsch)

    Fear the Walking Dead - Staffel 2; Splendid Film/WVG; DVD 22,99 Euro; Bluray 24,99 Euro; Spieldauer 688 Minuten; Freigegeben ab 18 Jahren


  • Game of Thrones - Staffel 6

    In Staffel 6 werden Geheimnisse gelüftet, die Geschichte um Eis und Feuer nimmt Fahrt auf – und überholt die Romanvorlage.

    Daenerys Targaryen gewinnt immer mehr Macht - und mit ihr steigen andere Frauen empor. Foto: obs/Sky Deutschland | 


    Auch wenn der Winter in den sieben Königslanden nicht mehr nur naht, sondern sich voll entfaltet, heißt es schon länger: Schluss, aus, Staffel vorbei. Es ist Winterpause. Der Chartstürmer aus Eis und Feuer verstummt für ein paar Monate und lässt ein wartendes Publikum zurück. Die sechste Staffel „Game of Thrones“ stellt eine Zäsur dar – die gibt es nun auf DVD und Blu-ray zu begutachten.

    Romanvorlage überholt

    Vieles hat sich verändert. Startete Game of Thrones 2011 noch mit dem ungewöhnlichen Versprechen, die bekannten Fantasy-Konventionen mit komplexem Storytelling zu untergraben und jenseits der Dungeons & Dragons von einer giftigen Alchemie der Macht zu erzählen, so wurde der auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigte Plot in Staffel 6 endgültig auf ein anderes Gleis umgeleitet.

    Mit der deutlichen Abkehr von den Romanen und dem von Autor George R. R. Martin stets vehement bestrittenen Überholen der Buchvorlage, und einem eher unkonventionellen Heldentum ist Game of Thrones in Staffel 6 eine andere Serie geworden.

    Starke Frauen

    Nach jahrelangem Warten kommt endlich Bewegung in die Sache – die weißen Wanderer sind zwar nicht häufig zu sehen, kommen den Ländern der Menschen aber bedrohlich nahe und Daenerys hat endlich die östlichen Gefilde verlassen und macht sich auf den Weg nach Westeros. Überhaupt sind es die Frauen, die langsam aber sicher die Geschicke bestimmen: Sei es nun die letzte Targayren, die keine Liebe mehr kennt, Cersei Lennister, die alle Gefühle außen vor lässt, Sansa Stark, die sich zur starken Frau des Nordens entwickelt, deren Schwester „Racheengel“ Arya Stark, „Eisenfrau“ Asha Graufreud oder Oma Tyrell, die mit den Sandvipern paktiert. Klar, auch das starke Geschlecht hat noch seinen Anteil –besonders zwei davon: Jhon Schnee, der aus der blutigen Schlacht der Bastarde als Sieger hervorgeht und dessen Geheimnis gelüftet wird und Brandon Stark, der entscheidende Mann, wenn es um das Überleben der Menschheit geht.

    Martin schreibt noch immer

    Dabei wird beim Genuss der zehn Serien-Teile eines deutlich: Der Graben zwischen Büchern und TV-Serie ist tiefer denn je. Womöglich ist er sogar unüberwindbar geworden. Doch gerade die unausweichliche Lösung von der Romanvorlage – Band elf lässt noch immer auf sich warten – hat den Wandel der Serie ermöglicht. Zumindest hypothetisch, denn George Martin war ja wohl mit am Set. Und auch wenn viele Geheimnisse gelüftet, Erzählstränge zusammengeführt werden, bleiben viele Fragen: Wo soll das Ganze enden? Was ist eigentlich die Moral von dieser Geschichte? Wer sitzt am Ende auf dem Thron und was wird das bedeuten? Wir wissen es einfach nicht. George R. R. Martin schreibt bekanntlich noch.

    Game of Thrones - Staffel 6: Warner Home Entertainment; DVD, ca. 28 Euro; Blu-ray,  ca. 35 Euro


  • Tad Williams Otherland - Stadt der goldenen Schatten 

    Otherland – ein virtueller Raum, der von den reichsten und skrupellosesten Männern der Erde regiert wird: Der Gralsbruderschaft. Otherland, das ist ein Ort der kühnsten Phantasien und der schlimmsten Albträume.

    Eine Gruppe mächtiger Männer, die sich Gralsbruderschaft nennt, hat mit enormen Geldmitteln das Simulationsnetzwerk »Otherland« entwickelt. Es ist mehr als nur die Spielwiese einiger Exzentriker: Von langer Hand vorbereitet soll es das gigantische Kontrollsystem werden, das die gesamte Menschheit beherrscht. 
    Nur wenige haben eine Ahnung davon, welche Ausmaße das Netz bereits angenommen hat. Nur wenige erkennen die tödliche Gefahr. Angelockt von der Vision einer strahlenden, einer goldenen Stadt, versammeln sich neun Menschen in der VR, um sich dem Bösen entgegen zu stellen und seine Pläne zunichte zu machen. 

    Im November 2004 hat Tad Williams für »Otherland« den Corine-Future Preis erhalten.


    Abbildung: Klett-Cotta 


    Eins vorweg: Der Otherland-Zyklus ist nichts für Zwischendurch, der Leser wird gefordert, muss mitdenken. Logisch, bei an die 20 Hauptpersonen, die nach und nach auf- oder abtauchen.

    50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt eigentlich  nicht viel anders aus als heute -  sieht man einmal davon ab, das ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Hauptsächlich die, die es sich leisten können. Viel hat sich indes aber nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen.

    Renie Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

    Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem Zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. Eben diese Verschwörung, die sich die "Bruderschaft des Grals" nennt, und aus den mächtigsten Männern der Welt gebildet wird, benötigt die Kinder für Otherland, ein von ihnen erschaffenes gigantisches Simulationsnetzwerk. Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können. Die Ziele der Verschwörung: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls. 

    Fazit

    Otherland ist nicht neu, wurde von Klett-Cotta (Hobbit-Presse) nur neu aufgelegt - doch natürlich verliert die Tetralogie dadurch nichts an Inhalt.

    Tad Williams versteht es in seinem Mix aus Cyperpunk, Sci-Fi und Thriller weit übertroffen! zu verwirren. Der Leser weiß zu Anfang überhaupt nicht, um was es eigentlich geht. Williams streut Hinweise, lässt den Leser aber dennoch im Dunkeln tappen.  Scheinbar voneinander unabhängige Geschichten werden nach und nach miteinander verwoben, Geschichten von Menschen unterschiedlichster Art und Herkunft. Sie geraten in Situationen, aus denen es keinen Ausweg gibt...Der Leser ist dabei ein Spielball von Williams' erzählerischem Können. 

    Tad Williams: Otherland 1 - Stadt der goldenen SchattenAus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring; 1. Aufl. 2016, 937 Seiten, broschiert; 15,00 Euro
    ISBN: 978-3-608-94961-2


  • Robert Harris: Konklave - gut, einfach gut!

    Der Papst ist tot. Die um den Heiligen Stuhl buhlenden Gegner formieren sich: Traditionalisten, Modernisten, Schwarzafrikaner, Südamerikaner ... Kardinal Lomeli, den eine Glaubenskrise plagt, leitet das schwierige Konklave. Als sich die Pforten hinter den 117 Kardinälen schließen, trifft ein allen unbekannter Nachzügler ein. Der verstorbene Papst hatte den Bischof von Bagdad im Geheimen zum Kardinal ernannt. Ist der aufrechte Kirchenmann der neue Hoffnungsträger in Zeiten von Krieg und Terror – oder ein unerbittlicher Rivale mit ganz eigenen Plänen? Die Welt wartet, dass weißer Rauch aufsteigt ...

    Abbildung: Heyne 


    Robert Harris ist bekannt für seine Thriller, in denen er spannende Geschichten vor dem Hintergrund machtpolitischer Konflikte erzählt. In seinem neuen Roman "Konklave" spielt er mit einem besonderen Rahmen - einer Papstwahl. 
    Dramatischer Moment
    Am Anfang steht ein dramatischer Moment. Der Papst ist gestorben, und nun ist eine der mächtigsten Positionen der Welt nicht besetzt. Dieser Zustand darf nicht lange dauern, immerhin ist der Papst die höchste Autorität für mehr als eine Milliarde Katholiken auf allen Kontinenten. Aber es gibt eine seit Jahrhunderten festgelegte Regelung, wie diese Machtvakuum kurzfristig aufgehoben werden soll.
    Von der Außenwelt abgeschottet
    An diesem Punkt setzt der neue Roman des britischen Erfolgsautors Robert Harris (59) ein. In einem Konklave wählen die Kardinäle von der Außenwelt abgeschottet einen aus ihrer Mitte zum neuen Führer der Katholischen Kirche. Nichts darf in diese Versammlung mächtiger alter Männer hineinkommen und nichts darf herauskommen, bis der neue Papst gewählt ist. Seit Jahrhunderten blühen die Spekulationen darüber, was bei einer solchen Papstwahl vor sich geht. Harris geht in "Konklavemitten hinein in die Papstwahl. Hauptfigur seines Romans ist Jacopo Lomeli, Kardinal im Vatikan und durch sein Amt dafür zuständig, die Papstwahl zu organisieren und zu leiten. Der bescheidene Mann, selbst ohne jegliche Ambitionen auf das Amt, geht in seiner Aufgabe auf, die er als persönliche Pflicht dem verstorbenen Papst ebenso wie der Kirche im Allgemeinen gegenüber empfindet. 
    Neutraler Beobachter
    Lomeli ist der neutrale Beobachter, der mehr weiß als alle anderen. So kann er ganz genau die Favoriten benennen und ihre Chancen einschätzen. Aber er weiß auch um ihre dunklen Seiten. Und daher beginnt er 
    schon bald, sich Sorgen um die Entscheidung der Versammlung zu machen.
    Die 
    Favoriten entsprechen den klassischen Klischees über die Kurie.
    Einer ist italienischer Traditionalist, ein anderer ein nordamerikanischer Modernisierer, ein Dritter vertritt die Kirche der Dritten Welt. Nur einer wird sich durchsetzen können, und es sieht nach einen langwierigen Auswahlverfahren aus. 
    Viele Hintergrundinformationen
    Der Roman, der so ganz nebenbei viele Hintergrundinformationen über Vatikan und Papsttum vermittelt, nimmt Fahrt auf, als Lomeli Gewissensbisse bekommt und meint, den Entwicklungen nicht einfach zusehen zu können. "Ist es nur meine Pflicht, die Beratungen meiner Kollegen zu organisieren", fragt er sich. "Oder liegt es auch in meiner Verantwortung, mich einzumischen und das Ergebnis zu beeinflussen?"
    Mysteriöser Kardinal
    Hinzu kommt, dass er Vieles von dem, was er weiß, eigentlich gar nicht wissen dürfte, zumal dann auch noch ein mysteriöser Kardinal auftaucht, den niemand kennt oder einschätzen könnte. Hat auch der von Lomeli verehrte verstorbene Papst merkwürdige Spielchen mit den Kardinälen gespielt? Und was hat es auf sich mit den Gerüchten über die Favoriten? 
    Nur ein paar Tage, aber vollgepackt
    Die Handlung von "Konklave" nimmt nur ein paar Tage ein, aber diese sind erstaunlich vollgepackt mit Intrigen, Machtpoker und Finten. Die Kandidaten bekämpfen einander mit großer Härte, aber immer innerhalb des Rahmens der offiziellen Regeln. Die Doppeldeutigkeit vieler Aussagen und Fakten macht Lomeli zu einem Detektiv auf der Suche nach der Wahrheit im Konklave. Bis ganz zum Schluss hält
    Harris die Spannung in "
    Konklave" aufrecht. Es bleibt lange Zeit offen, wer sich durchsetzt und wie es ihm gelingt. Und ganz zum Schluss bringt Harris noch einen besonderen Clou unter - grandios, denn das Ende war irgendwie absehbar, doch was Harris daraus zaubert, ist genial! 
    Fazit
    "Konklave" ist mit seinem ungewöhnlichen Rahmen und Personal ein Thriller ganz eigener Art. Aber der Roman unterhält vorzüglich.


    Robert Harris: Konklave. Heyne Verlag, München, 350 Seiten, 21,99 Euro, ISBN 978-3-453-27072-5



  • Räuber Ratte - ich lese und lese und lese...

    Der neue Star des Traum-Duos Scheffler & Donaldson raubt alles und jeden aus, was ihm begegnet. Räuber Ratte ist nicht nett und schon gar nicht süß, aber Süßes liebt er über alles. Eine wahrhaftige Räubergeschichte mit wunderbaren Bildern des unübertroffenen Axel Scheffler.

    Abbildung: Beltz & Gelberg 

    "Chrrrräuber Chrrrratte!" - diese beiden Wort höre ich nun schon seit zwei Wochen Abend für Abend, wenn ich Töchterchen ins Bett bringe. Egal was ich an anderem Lesematerial präsentiere, Räuber Ratte muss dabei sein. Einmal, zweimal, zur Not auch dreimal! 

    Einerseits freut es mich, dass sich Töchterchen fürs Vorlesen so begeistern kann, nur langsam bräuchte ich das Buch gar nicht mehr, der Text ist mir schon in Fleisch und Blut übergegangen. Aber der ist auch wirklich gut. Schön vorzulesen, verständlich, witzig, schön auf den Höhepunkt hingetrieben und mit einer wunderbaren Pointe versehen. Räuber Ratte ist ein Kinderbuch, wie es sein soll: Klasse geschrieben und wunderbar illustriert. Wer noch ein Weihnachtsgeschenk für Tochter, Sohn, Enkel, Nichte oder wen auch immer sucht, der liegt mit Räuber Ratte mit Sicherheit nicht daneben!

    Scheffler/Donaldson: Räuber Ratte; erhältlich als Papp- und als Bilderbuch, 32 Seiten; Beltz & Gelberg, 12,95 Euro; 
    ISBN:978-3-407-79447-5



  • Riggs: Die Bibliothek der besonderen Kinder

    Nachdem ihre Freunde von den feindlichen Wights entführt wurden, machen Jacob und Emma sich auf eine gefährliche Suche, um sie und die gefangenen Ymbrynen – so nennen sich die Schutzpatroninnen besonderer Kinder – zu befreien.
    Die Spurt führt sie in die Zeitschleife Devil’s Acre, wo der Abschaum der Gesellschaft der Besonderen lebt, und schließlich zur geheimen Festung der Wights. Dort decken sie ein noch größeres Geheimnis auf: Caul, Miss Peregrines böser Bruder, will die sagenumwobene „Seelenbibliothek“ Abaton finden und sich mithilfe der dort verborgenen Kräfte zum Herrscher der Besonderenwelt aufzuschwingen. Und Jacob ist der Schlüssel dazu …



    Abbildung: Knaur 


    "Die Bibliothek der besonderen Kinder" - der lang erwartete Abschluss der Trilogie -  wartet mit einem schaurig-spannenden Finale auf, in dem Jacob über sich hinauswächst und mit seinen verbliebenen Freunden die Gemeinschaft der Besonderen zu retten versucht. Jacob hat hierbei eine ungeheure Wandlung durchgemacht. Der kleine eher schüchterne Junge avanciert zum dramatischen Helden, wird zum Gestrandeten, Verwundeten, Beinahetoten.  Auf seiner aufregenden Reise hat gefunden, wonach er immer gesucht hat: Liebe, Freundschaft, ein aufregendes Dasein. 

    Dabei tauchen er und Emma tief in die Abgründe der Besonderen-Welt hinab, und nehmen den Leser mit. Der kann sich niemals sicher sein, wer nun Freund oder Feind ist, wer hinter welchen Intrigen steckt, wen der Größenwahn packt und ob sich das Blatt doch noch zum Guten wendet. 

    Sicher, die Handlung ist schaurig, durchaus brutal (zumindest für einen All-Age-Roman) und so manches Mal kann es dem Leser die Haare aufstellen, andererseits voller Ereignisse und ruhigen Momenten in denen die Protagonisten (und damit auch der Leser) viel über die Welt der besonderen erfahren -  und genau diese Mischung macht's.

    Ransom Riggs ist mit die "Bibliothek der besonderen Kinder" (diese Bibliothek kommt dabei beinahe zu kurz...) ein wunderbarer Abschluss einer wunderbaren Trilogie gelungen. Flüssig zu lesen, schön erzählt, mal schauerig, mal fröhlich - sehr gut!


    Ransom Riggs: Die Bibliothek der besonderen Kinder; Taschenbuch, Verlag:  Knaur TB 
    02.11.2016, 544 Seiten; 14,99 Euro;
    ISBN: 978-3-426-52027-7
  • FIFA 17 - bockstark (das muss sogar ich als  als alter PES-Zocker zugeben)!

    Auf dem Cover ist BVB-Star Marco Reus, doch in EAs Fußballsimulation "FIFA 17" dreht sich alles um den "Hunter". Nein, nicht Klaas Jan-Huntelaar vom aktuell abstiegsbedrohten Pott-Konkurrenten Schalke 04, sondern um Alex Hunter. Nie gehört? Kein Wunder. Das junge Talent steht im Mittelpunkt des neuen Story-Modus "The Journey", in dem man sich in der Premier League unter Top-Trainern wie Guardiola, Mourinho und Klopp durchsetzen und auch neben dem Platz glänzen muss.

    Abbildung: EA 


    "The Journey" ist die größte Neuerung im Ableger mit der Rückennummer 17 und erzählt ein klassisches Sportmärchen: das vom jungen U11-Talent, das es ganz nach oben schaffen will, Rückschläge hinnehmen muss, mit familiären Problemen zu kämpfen hat und in Konkurrenz zum einst besten Kumpel tritt. EA orientierte sich deutlich an der "NBA 2K"-Reihe von Publisher Konkurrent 2K, der das Storytelling in Sportspielen etabliert hat und dafür mittlerweile sogar auf Hollywood-Größen wie Regisseur Spike Lee zurückgreift.


    Abbildung: EA 

    Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen, was nicht nur der aufwendigen Inszenierung, sondern auch ein paar bemerkenswerten Begegnungen geschuldet ist - etwa, wenn man im Spielertunnel aufmunternde Worte von Wayne Rooney auf den Weg bekommt oder Liverpool-Trainer Jürgen Klopp mit der gezeigten Leistung hart ins Gericht geht.
    Allerdings geht dem Aufsteiger-Drama nach ein paar Stunden die Luft aus, was mehrere Gründe hat: Zwar kann man die Persönlichkeit von Alex Hunter durch coole, hitzigköpfige oder ausgeglichene Entscheidungen und Statements in Gesprächen fernab des Platzes prägen. Echte Auswirkungen auf den Verlauf der recht linearen Karriere hat das aber kaum.

    Vielmehr schleicht sich irgendwann ein gewisser Trott ein - bestehend aus Trainingseinheiten, Spielen, in denen man nur Alex oder das gesamte Team steuert, Interviews und noch mehr Trainingseinheiten. Wer fleißig ist, kann dabei die eigenen Attribute in die Höhe treiben. Wer dagegen die auf Dauer ermüdenden Übungen vom Computer berechnen lässt, erzielt eine deutlich geringere Punkteausbeute, was wiederum zum Verlust des Stammplatzes führen könnte.

    Noch nie so emotional

    Böse Zungen könnten "The Journey" als das famoseste Tutorial in der Videospielgeschichte bezeichnen. Tatsächlich war "FIFA" aber noch nie so emotional, wie in jenen Momenten, in denen Hunter zum ersten Mal eingewechselt wird, seinen ersten Assist oder das entscheidende Tor in der Nachspielzeit macht.

    Entscheidender als Drama ist für viele Käufer jedoch auf'm Platz. Und hier hat sich ebenfalls einiges getan. EA setzt erstmals auf jenen Grafikmotor, der auch Shooter wie "Battlefield" oder die Rennspielreihe "Need for Speed" antreibt und vor allem beim Einmarsch ins Stadion seine Muskeln spielen lässt - Rauchschwaden über den tobenden Tribünen inklusive. Auf dem Rasen ist ein Qualitätssprung gegenüber dem Vorgänger allerdings kaum wahrnehmbar, was zugegebenermaßen Jammern auf verdammt hohem Niveau gleichkommt.

    Spielerisch ist der EA-Kick etwas zäher, dafür aber auch realistischer geworden. Durch eine neue Abschirmfunktion kann die Kugel selbst dann behauptet werden, wenn man von zwei Gegnern attackiert wird. Die verloren gegangene Dynamik kompensiert der neue tödlicher Pass in die Tiefe. Ebenfalls sinnvoll überarbeitet wurden die flachen Schüsse, die Standards, die sich gezielter zum Mann bringen lassen, sowie das Elfmeter-Procedere, bei dem der Schütze automatisch anläuft und die Schussstärke die Höhe bestimmt. Kleine, aber feine Änderungen.

    Seltsame Ballphysik

    Geblieben sind die zuweilen etwas seltsame Ballphysik mit ihren Querschlägern und nur scheinbar verhungernden Pässen - aber auch das erstklassige Kommentatoren-Duo Wollff-Christoph Fuss und Frank Buschmann sowie die enorme Lizenzstärke. "FIFA 17" wartet mit allen relevanten Ligen und 650 lizenzierten Mannschaften auf. Wer die Duelle der 1. und 2. Bundesliga nachspielen möchte, kann das nur hier tun. Beim Konkurrenten "PES 2017" lassen sich indes nur die Teams von Dortmund, Schalke und Leverkusen auswählen. Interessante Kader-Lücke bei EA: EM-Liebling Island fehlt. Das "Hu!" der Nordmänner hat es jedoch ins Spiel geschafft.

    Fazit: Ja, "FIFA 17" bietet auch in diesem Jahr wieder ein Rundum-Sorglos-Paket, das die meisten Fans vollends zufriedenstellen dürfte, zumal es On- wie Offline-Modi satt gibt. Allein: Wer sich taktisch austoben will und dynamischen Kombinationsfußball bevorzugt, ist beim Konkurrenten "PES 2017" besser aufgehoben - muss dafür aber ein Riesenloch bei den deutschen Teams in Kauf nehmen. (tsch)


    Abbildung: EA 


    Abbildung: EA 

  • RISIKO - was für ein Roman!!!

    Steffen Kopetzkys Roman "Risiko" erzählt die abenteuerliche Geschichte einer deutschen Orient-Expedition im Ersten Weltkrieg. Dabei schafft der Autor wunderbare Bilder und behält seine Erzählfäden sicher in der Hand. Als Leser sollte man trotzdem sehr ausgeschlafen sein, um den vielen akribisch recherchierten Fakten folgen zu können.

    Geheimexpedition des Deutschen Reichs an den Hindukusch: Nach einem Plan des Orientkenners Freiherr Max von Oppenheim ziehen zur Zeit des Ersten Weltkriegs sechzig Mann mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen 5000 Kilometer durch Wüsten und Gebirge. Das Ziel: den Emir von Afghanistan und die Stämme der Paschtunen im Namen des Islam zum Angriff auf Britisch- Indien zu bewegen.


    Abbildung: Heyne 

    Die deutschen Orient-Aktivitäten während des Ersten Weltkrieges sind kein Geheimnis und doch stand zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges im vergangenen Jahr anderes im Vordergrund. Um so schöner, dass sich Steffen Kopetzky dem fantastisch anmutenden Stoff angenommen hat. Auf mehr als 700 Seiten begleitet er die Afghanistan-Expedition in ferne Weltgegenden. Dabei hält er sich an die Fakten und nimmt sich alle Freiheiten, die ein Schriftsteller hat.
    Ein bayerischer Protagonist
    Den jungen Marinefunker Sebastian Stichnote - seines Zeichens Bayer - kürt Kopetzky zum Protagonisten, für die Leser wird er nicht selten zum Leuchtturm in einem Meer aus Namen, Orten und Ereignissen. Im Prolog lernen wir ihn kennen, da ist er bereits im Orient. Der Roman erzählt dann im Rückblick, was davor geschah. Die Geschichte Stichnotes beginnt auf dem Marinekreuzer Breslau, der vor der Küste Albaniens liegt, genauer gesagt vor Durazzo. Stichnote ist die einzige Figur, die so ganz der Fantasie Kopetzkys entstammt. Er ist von der ersten bis zur letzten Seite mit dabei, erlebt den Krieg und die Expedition nach Afghanistan am eigenen Leib und erweist sich als begnadeter Funker, ist ein schlaues Kerlchen und ein smarter Typ, und das, obwohl er das Leben und die Liebe noch gar nicht kennengelernt hat.
    Vergnügliches Leseerlebnis
    "Risiko" ist ein Roman, der mit nichts geizt, was es braucht, um eminente geschichtliche Unternehmungen zu einem vergnüglichen Leseerlebnis zu machen und en passant höchst aktuelle Begriffe wie den Jihad historisch zu fundieren. Da begegnet man einem Mann namens Adolph Zickler, der als Sonderkorrespondent für die «Neue Zürcher Zeitung» arbeitet und nur knapp dem Tod entgeht; da gibt es eine meisterhafte Szene, in der halb verdurstete Männer sich nicht um die Blutegel-Invasion in einem Tümpel kümmern; da tummeln sich Doppelagenten und Waffenhändler; da nehmen wir an einem frühen Fussballspiel zwischen Istanbuler Mannschaften teil und wundern uns über den Anachronismus, dass die hitzige Atmosphäre des Spiels mit gelben Karten beruhigt wird, und da kommt natürlich auch die leidenschaftliche und nicht leicht zu realisierende Liebe nicht zu kurz, wenn sich Stichnote in die schöne Arjona verliebt.
    Fazit
    Mit „Risiko“ ist Kopetzky ein ebenso komplexes wie famoses Werk gelungen. Ein Bildungs- und Abenteuerroman im besten Sinne, ein höchst unterhaltsames und trotz einiger Längen sehr spannendes Buch. Ein toller Roman. Chapeau Herr Kopetzky!

    Steffen Kopetzky: RisikoPaperback, Klappenbroschur, 736 SeitenHeyne; 12,99 Euro.
    ISBN: 978-3-453-41956-8

  • Ein halber Messi

    Ich lese gerne - wie hier ja man sieht. Wenn es nach meiner Gattin geht, zu gerne. Zumindest aber zu viel. Problem ist nicht die Zeit, in der ich das tue, sondern die Masse an Büchern, die sich im Haus stapelt. Erst kürzlich kam eine neue Lieferung. Diese „parkte“ ich im Flur zwischen. Ich gebe zu, dort lagen sie drei Tage. Sei’s drum. Augenscheinlich fühlte sich meine bessere Hälfte dadurch gestört. Für mich völlig unverständlich. Am Morgen des dritten Tags durfte ich mir anhören: „Du mit Deinen Büchern – Du bist wirklich ein halber Messi.“ Ich hab den zweiten Teil dieses Zitats meiner Gattin aufgezeichnet – auf Video – und an sämtliche Fußball Bundesligisten geschickt. Vielen davon würde ja schon ein Viertel-Messi guttun ...
  • Neben der Quadrologie von Tad Williams "Otherland", die ich grade lese, führe ich mir in Häppchen auch die 6. Staffel von Game of Thrones zu - bisher bin ich begeistert. Ich wäre zwar noch begeisterter, wenn ein gewisser Herr Martin endlich den nächsten Band veröffentlichen würde, aber so lässt es sich aushalten. Eine Rezension folgt in Kürze.

  • Der letzte Stern - das Ende entschädigt für den schwierigen Start

    Sie kamen, um uns zu vernichten: die 'Anderen', eine fremde feindliche Macht. Vier Wellen der Zerstörung haben sie bereits über die Erde gebracht. Sie töteten unzählige Menschen, zerstörten Häuser und Städte, verwüsteten ganze Landstriche. Sie verbreiteten ein tödliches Virus und schickten gefährliche Silencer, um jedes noch lebende Wesen aufzuspüren. Jetzt ist die Zeit der fünften Welle gekommen, die Vollendung ihres Plans, alles Menschliche auszurotten. Doch noch gibt es Überlebende: Cassie, Ben und Evan werden weiterkämpfen. Sie wollen die Menschheit nicht aufgeben. Und wenn sie sich selbst dafür opfern müssen...

    Abbildung: Goldmann 


    Mir ging es bei der Lektüre von "Der letzte Stern" nicht viel anders als anderen Lesern: Ich fand nur schwer zurück in die Geschichte. Der Auftakt des Abschlussbandes ist schwierig, meine Erinnerungen aus Band 2 waren wohl nicht mehr frisch genug. Da hätten ein paar mehr Rückblicke nicht geschadet - aber das ist immer ein schmaler Grat.
    Der Plot nimmt langsam fahrt auf, legt dann im Mittelteil enorm an Geschwindigkeit und Spannung zu, um dann kurzzeitig wieder abzuflachen. Etwas zu sehr abzuflachen. Letztlich ist das wohl aber nur das Luftholen vor dem Sturm.  Denn das Ende ist stark. Anders als erwartet, aber typisch für die Reihe.

    Wechselnde Perspektive/Protagonisten

    Yancey wirft in seinem Roman die Frage auf: Was ist man bereit zu opfern, um einen geliebten Menschen zu retten und was ist man bereit zu opfern, um das Überleben der Menschheit zu retten? Diese Fragestellung spiegelt sich in den Protagonisten - klar, irgendwie logisch! - wieder. Deren Hoffnungslosigkeit, die ständige Erinnerung an die  Vergänglichkeit des Lebens aber auch die kleinen Lichtblicke oder emotionalen Momente sorgen beim Leser für ein Wechselbad der Gefühle. Wer Einfühlungsvermögen besitzt, wird tief in die Story gezogen - dabei ist die ich-Perspektive, in der Yancey den Roman mittels wechselnden Protagonisten erzählt, eine gute Wahl.

    Fazit

    Der Finalband überzeigte mich letztlich nicht restlos, ist aber ein durchaus würdiger Abschluss der Trilogie - und die will man schließlich komplett gelesen haben. Zusammen mit den anderen beiden Bänden ein klare Leseempfehlung: Klasse All-Age-Romane mit mal mehr, mal weniger Tiefgang!


    Rick Yancey: Der Letzte SternGebundenes Buch mit Schutzumschlag, 384 Seiten, Verlag: Goldmann; 16,99 Euro
    ISBN: 978-3-442-31336-5


  • Töchterchen testet Kinderbücher...

    Abbildung: Loewe 


    Das "Hallo" war groß, als Papa mit einer Kiste voller neuer Bücher zu Hause auftauchte. da war dann auch das Begrüßungsbussi nebensächlich, die Kiste musste ausgepackt werden. 

    Und was da alles zum Vorschein kam - vier Bücher unterschiedlichster Couleur und Machart waren drin. Das Lesebuch "Ich zeig dir das Glück, kleines Küken", das spannende Pappbuch "Coole Fahrzeuge - Los geht's, kleines Rennauto!" sowie zwei ganz besondere Exemplare: "Zieh meine Seiten lang - Alle Tiere werden groß!" und "Zieh meine Seiten lang - Bagger und Bohrer legen los!"

    Zieh meine Seiten lang – das sind Pappbilderbücher, deren Seiten sich vollständig ausziehen und dabei Bildelemente verlängern oder neu erscheinen lassen. Animierende Texte bringen so Kindern ab 2 Jahren bestimmte Themen näher. 

    Die anderen Bücher hatten da natürlich erstmal das Nachsehen, besonders - man möchte es nicht glauben, aber auch Mädels stehen auf Bagger - das Baustellenbuch hatte es Prinzessin angetan. Mit vielen Ahs und Ohs wurden die ausziehbaren Seiten kommentiert, Szenen begutachtet oder auch der Arbeiter ausgelacht, der mit dem Eimer Farbe hinfällt. Auch mir als Papa hat dieses Buch richtig gut gefallen, nur ist es sogar für mich mitunter schwierig, die Seiten auszuziehen. Für ein Kind mit gut zwei Jahren  umso mehr. 
    Nicht so begeistert war ich von "Alle Tiere werden groß!" - sind beim Baustellenbuch wirklich sinnvolle und realistische Szenen abgebildet, geht es bei diesem Exemplar doch zu sehr in Richtung Fantasy. Da ist das Zebra plötzlich zig Meter lang oder  auf der Kuh steht "MUH!". Das hätte man anders machen können. Naja, Töchterchen hatte trotzdem viel Spaß.

    Abbildung: Loewe 

    Richtig gut finde ich allerdings "Coole Fahrzeuge - Los geht's, kleines Rennauto!". Eine kurze prägnante Geschichte um zwei Rennauto-Rivalen: Finn und Ralf. Die bekämpfen sich anfangs auf der Rennstrecke, bis Ralf einen Unfall baut, Finn ihm hilft und Ralf Finn deshalb am Ende gewinnen lässt. Dann werden sie Freunde. Ein Kinderbuch mit Moral - top!
    Dieses kleine Büchlein ist mittlerweile schon etwas zerfleddert - nicht wegen der Qualität an sich, sondern weil Madame Finns Abenteuer bestimmt schon 50 Mal begutachtet hat!

    Nicht ganz so begeistert ist sie hingegen von "Ich zeig dir das Glück, kleines Küken". Das Vorlesebuch mit schönen Illustrationen zeigt drei  Geschichten über den zauber der kleinen Dinge und Geduld. Vielleicht ist es auch die Geduld, die Töchterchen nicht so begeistern kann - davon hat sie nämlich ebenso wenig wie ihr Herr Papa... nein, das Buch ist gut, schön zu lesen und hat erklärenden Charakter. Vielleicht ist es dafür bei Prinzessin einfach noch zu früh.

    Informationen über die vier Kinderbücher und eine Bestellmöglichkeit  findet ihr hier beim Loewe-Verlag



  • Simek: Die Wikinger

    Mit den Wikingern verbindet man oft die Vorstellung von beutegierigen und trinkfesten Seeräubern. Rudolf Simek konfrontiert im vorliegenden Band diese und andere Gemeinplätze mit den Ergebnissen der neuesten Forschung und entwickelt so auf ebenso verständliche wie anschauliche Weise das facettenreiche Bild einer faszinierenden Kultur, deren Spuren von Grönland bis nach Sizilien, von Amerika bis weit nach Rußland reichen.

    Abbildung: C. H. Beck 

    Rudolf Simek, Professor für mittelalterliche deutsche und skandinavische Literatur, ist ein Wikinger-Experte. Deren Geschichte liegt für ihn offen wie ein Buch dam studierte er doch unzählige Schriften aus dem mittelalterlichen Skandinavien.

    "Wikinger heißt altnord. Seeräuber", bezeichnet also nur den zur See fahrenden und plündernden Bruchteil eines Volkes, beschreibt der Autor gleich im Einstieg treffend den Mythos Wikinger. "Diese Gruppe hat aber einer ganzen Epoche ihren Namen gegeben."

    Simek trifft das Bild des plündernden bärtigen Sefahrers recht gut, schreibt über den Mythos Wikinger, "Die Geißel der Christenheit", "Fjordhunde und Wellenwölfe - und beschreibt sie aus chrtistlicher Sicht. Simek spart aber nicht die Entdecker, Händler und Staatengründer aus, beschreibt das alltägliche Leben der Nordmannen deren Gesellschaftsordnung und kulturelle Leistungen wie etwa die Götterdichtung.

    Letztlich bewegt sich Simek dabei - wie er selbst sagt - an der Oberfläche. Etwas anderes hätte die "Komplexität des Themas" auch gar nicht zugelassen. Dennoch: Simeks Büchlein ist eines der interessantesten Bände der Beckschen Reihe, die ich bisher gelesen haben. Was am Autor liegt, aber auch am Thema. Daumen hoch!

    Rudolf Simek: Die Wikinger6. Auflage 2016. 136 S.: mit 3 Karten. Paperback; C. H. Beck-Wissen; 8,95 Euro;
    ISBN 978-3-406-41881-5     

  • Generation Putin

    Als sie auf die Welt kamen, war die Sowjetunion bereits Geschichte. Lena aus Smolensk zum Beispiel, die Putin verehrt und von einer Karriere in der Politik träumt. Die Kreml-kritische Journalistin Wera, die sich nach mehr Demokratie sehnt. Alexander, der im Rollstuhl sitzt und darauf hofft, irgendwann ein selbständiges Leben führen zu können. Sie alle eint, dass sie zur »Generation Putin« gehören, dass sie Kinder des derzeitigen Systems sind.

    Diese Generation der nach 1991 Geborenen wuchs in politisch wie ökonomisch turbulente Zeiten hinein. Viele junge Russen sind heute hin- und hergerissen zwischen Ost und West, der Sehnsucht nach einem starken Führer und dem Traum von einem anderen, freieren Leben. In ihren Geschichten spiegelt sich die dramatische Entwicklung Russlands in den letzten 25 Jahren, vom Ende der sowjetischen Weltmacht bis zum Wiedererstarken unter Wladimir Putin. 

    SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Benjamin Bidder zeichnet in seinen eindrucksvollen Porträts ein überraschend anderes Bild des heutigen Russlands und zeigt, wie eine junge Generation sich aufmacht, ihr Land zu verändern.


    Abbildung: DVA 

    Russland – ein Land, auf das sich viel projizieren lässt: von Angst bis Hoffnung, das Geheimnisvolle allemal – ist heute interessanter denn je für die deutsche Öffentlichkeit. In den vergangenen Jahren, getrieben von Russlands nach innen und außen imperialer Politik, erschien eine unüberschaubare Anzahl von Büchern, zumeist mit dem Vorhaben, Russland erklären oder sogar verstehen zu können. Doch wie kann man ein ganzes Land „erklären“, dessen gut 140 Millionen Einwohner „verstehen“?

    Bidder lässt diejenigen zu Wort kommen, die das heutige Russland prägen und prägen werden. Dies sind die jungen Russinnen und Russen, die um 1991 geboren wurden, als die Sowjetunion zerfiel. Bidder begleitete seine Protagonisten über Jahre. So ergibt sich aus den persönlichen Geschichten, Orten und Karrieren ein mit den sonst zu oft ungehörten Zwischentönen gespicktes Panorama eines Landes, das so heterogen und umtriebig ist wie seine Menschen und für Beobachter von außen deshalb verwirrend wirken mag.

    Erschreckend realitätsnah zeichnet er Bild um Bild, geht ins Detail, beschreibt - und immer ist für den Leser erkennbar, das Bidder das Land eigentlich mag, das er da skizziert. "Generation Putin ist erfrischend anders, Bidder packt das Thema, das so viele Menschen bewegt anders an. Und so wie er es tut, nickt man nicht nur einmal mit dem Kopf - obwohl man das eigentlich ja gar nicht will... Lesenswerte Lektüre!

    Benjamin Bidder: Generation Putin - das neue Russland verstehenPaperback, Klappenbroschur, 336 Seiten; DVA; 16,99 Euro
    ISBN: 978-3-421-04744-1
  • Die Länder von Eis und Feuer...

    Mit dieser exklusiven Kartensammlung wird die Welt von Eis und Feuer noch lebendiger. Jede Karte ist vierfarbig illustriert, detailgetreu und unglaublich informativ. Das Kernstück bildet die Weltkarte mit Westeros und den Ländern jenseits der Meerenge, deren Details sich in den weiteren Karten noch vertiefen. Nie zuvor wurde die ganze Schöpfungskraft von George R.R. Martin so umfassend abgebildet. Und nie zuvor war es für Leser von Das Lied von Eis und Feuer und Fans der Fernsehserie so einfach und faszinierend, den Spuren ihrer Helden zu folgen.


    Abbildung: Penhaligon 


    "Die Kuh melken, solange sie noch Milch gibt" - recht viel mehr als dieses Sprichwort fällt mir zur Kartensammlung zu "Das Lied von Eis und Feuer" wirklich nicht ein. Nicht dass die zwölf-teilige Kartensammlung schlecht gezeichnet wäre, nein, sie ist schön gezeichnet, ausgezeichnet sogar. Und sie ist wirklich informativ - wenn man sich für die Lage von Städten und Landstrichen interessiert. 
    Leider bildete sich am Kartenfalz schon beim ersten Aufklappen und "glattstreichen" der ersten Karte ein leichter Riss in der Faltstelle...das kann aber auch an mir liegen. Deswegen klammere ich diesen Fakt bei meiner Bewertung aus.
    Ich will auch gar nicht lange herumreden, denn große Worte zu verlieren, ist nicht nötig: Diese Kartensammlung ist letztlich nicht mehr als ein nettes Gimmick für Fans - und das für 39,90 Euro. Edles Zusatzmaterial, das seinen Preis hat...

    George R. R. Martin: Die Länder von Eis und Feuer; Gebundenes Buch (Umschlag), Pappband
    12 vierfarbige Karten (gefaltet); Verlag: Penhaligon; 39,90 Euro;
    ISBN: 978-3-7645-3170-6

  • Die drei ??? und die Kammer der Rätsel

    Eine Wette der seltsamen Art: Justus, Peter und Bob sollen sich in weniger als sieben Stunden aus sieben verschlossenen Rätselräumen befreien. Doch der Spaß entpuppt sich bald als tödlicher Ernst...


    Abbildung: Kosmos 

    Jugenderinnerungen werden wach - wie ich sie geliebt habe, die drei Fragezeichen. Egal ob als Buch oder Hörspiel, sie haben mir meine Jugendzeit versüßt. Es war also schon höchste Zeit, dass ich mich wieder einmal eines Abenteuers von Justus, Peter und Bob annehme. Ausgelöst durch einen Umzug und das einpacken längst vergessener Hörspiele...

    Die drei Detektive geraten wie immer in Schwierigkeiten und wie beinahe immer fängt die Geschichte relativ harmlos am Schrottplatz - äh Gebrauchtwarencenter -  der Familie Jonas an. Eine Wette um eine Rätselburg sollen die drei Fragezeichen für ihren Auftraggeber lösen - letztlich geht es um Betrug und dicke Kohle. 

    Das Buch war wunderbar zu lesen, auch wenn ich in meinem mittlerweile fortgeschrittenen Alter, anders als zu Jugendzeiten, die Geschichte relativ zügig durchblickt habe. Klar, die Abenteuer der drei ??? sind ja immer ähnlich aufgebaut: Harmloser Anlass, zufällige Begegnung, ein Protagonist, der sich plötzlich als Bösewicht entpuppt, eine undurchschaubare Person am Rande... Dennoch war es mir ein wahres Vergnügen, mit den drei Detektiven mitzufiebern - und Überrashcungen gab es natürlich trotzdem. Ein toller Roman aus der Jugendbuchreihe, der sich hinter Klassikern wie "Der grüne Geist", "Die flüsternde Mumie" oder "Der Phantomsee" nicht zu verstecken braucht.

    Ben Nevis: Die drei ??? und die Kammer der Rätsellaminierter Pappband, 144 Seiten
    ab 10 Jahren; Kosmos; 8,99 Euro
    ISBN: 978-3-440-14832-7

  • T. C. Boyle: Hart auf Hart

    Kontrolle versus Freiheit - In Costa Rica überfallen drei bewaffnete junge Männer eine Rentnergruppe. Sten Stensen, Schuldirektor im Ruhestand und Vietnam-Veteran, erwürgt einen der Räuber. Sten wird von den anderen Reisenden als Held gefeiert, die Polizei drückt ein Auge zu.

    Bei Stens Sohn Adam liegen die Dinge anders. Seine Gewaltbereitschaft macht ihn zu einer lebenden Zeitbombe: Adam fliegt von der Schule, wird mit Medikamenten ruhiggestellt und ins Erwachsenenleben entlassen. Fortan lebt er ein Einsiedlerleben und hortet Waffen. Eines Tages gabelt Sara, Aushilfslehrerin und Hufschmiedin, ihn am Straßenrand auf. Auch Sara steht mit der bürgerlichen Gesellschaft auf Kriegsfuß. Adam und Sara werden ein Paar, doch in Adam wächst die Wut weiter, bis er handelt...


    Abbildung: dtv 

    Vordergründig handelt es sich bei dem Roman "Hart auf hart" von Tom Coraghessan Boyle um einen  Thriller. Aber es steckt sehr viel mehr dahinter. In der Tragödie geht es um den amerikanischen Freiheits-Mythos, den Konflikt zwischen der Freiheit des Einzelnen und staatlicher Ordnungsmacht, die Ausbeutung der Natur durch die Konsumgesellschaft und sensationsgierige Medien.
    Aus der Position des Außenseiters
    T. C. Boyle hat sich schon immer für die großen Themen der amerikanischen Gegenwart interessiert, seien es der Gesundheitswahn oder die sexuelle Prüderie, sei es die Grenzpolitik zum Nachbarland Mexiko, sei es der fahrlässige Umgang mit den Ressourcen der Natur. Boyle beschreibt gesellschaftliche Zustände aber nicht aus der Perspektive der bürgerlichen Mitte, sondern aus der Position des Außenseiters heraus, des vermeintlichen oder tatsächlichen Freaks. So ist es auch in seinem neuen Roman, in dem wiederum vom Rand her Druck auf die Normalität erzeugt wird.
    Wechselnde Hauptrollen
    Boyle überlässt jeder seiner drei Figuren im steten kapitelweisen Wechsel die Hauptrolle, beginnend mit Stens Kreuzfahrt- und Costa-Rica-Erlebnis, das allein lohnt, diesen Roman zu lesen: Es hat was von einer eigenständigen Short Story, die treffend erzählt, wie die arme, abhängige Dritte Welt und die reiche, ihrer selbst überdrüssige Erste Welt aufeinandertreffen und einander ausgeliefert sind. Der Sieger geht hier immer leer aus. Seinen weiteren Reiz bezieht der Roman daraus, dass Boyle ihn einerseits dynamisch nach vorn treibt, mit mal mehr, mal weniger knappen, anschaulichen Schilderungen, immer die Handlungszügel im rechten Moment anziehend, zudem die Lebensgeschichte John Colters aus dem 19. Jahrhundert zu dem sich immer weiter ausklinkenden und schon bald auch mordenden Adam eng- und parallelführend. Andererseits lässt Boyle den Introspektionen seiner Figuren dezent freien Lauf; ihm steht nie der Sinn danach, sie im Stich zu lassen oder zu verdammen. Alle drei haben ihr eigenes Problem mit dem vermeintlichen Freiheitsmangel. 
    Fazit
    Temporeich und mit großer Fabulierlaune entwickelt T. Coraghessan Boyle die mitreißende Geschichte. Zwei Szenen wiederholt er aus anderen Perspektiven. "Hart auf Hart" funkelt von unterschwelligem Humor, auch wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Die Moral: Eine Junge mit Gewehr ist Mist!


    T. C. Boyle: Hart auf Hartdtv Literatur; Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren; Taschenbuch; 400 Seiten; 11,90 Euro
    ISBN 978-3-423-14515-2 


  • Luftschiff: Irgendwas zwischen Homer und Kafka

    Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts macht Oberregierungsrat Neise in dem luxuriösen Luftschiff ›Berlin‹ eine Reise quer über den Atlantiknach Amerika. Bald zeigt sich, dass nichts an Bord mit rechten Dingen zugeht: Die ›Berlin‹ fliegt auf rätselhaften Routen, Zeit und Raum beginnen sich aufzulösen. Stefan aus dem Siepen erzählt wirklichkeitsgetreu von einer zwar unmöglichen, aber faszinierenden Irrfahrt.


    Abbildung: dtv 

    Stefan aus dem Siepens Werk "Luftschiff" - von dtv aktuell neu aufgelegt - hat etwas von Homers Odyssee. Protagonist Hermann Neise verliert sich mit dem größten Zeppelin der Welt, der Berlin, in den unendlichen Weiten des Himmels. Anfangs noch erbost, nicht am Ziel seiner Reise anzukommen, fügt er sich in sein Schicksal - zumindest nimmt er an, es wäre sein Schicksal. Während er nun immer mehr Teil des Luftschiffs wird - was mich wiederum an Fluch der Karibik "Teil der Crew, teil des Schiffs" - erinnert, durchlebt er eine Verwandlung. Mit ihm die anderen Gäste der Berlin. Niemand, so scheint es, störe sich - nach einer kleinen Eingewöhnungsphase, an das Schiff gebunden zu sein.

    Neise durchlebt seine Verwandlung mal erkrankt, mal heiter, mal gehetzt, mal gefühlskarg - aber er wird Teil des Schiffs. Er akzeptiert sein Schicksal, isoliert sich teilweise, beobachtet - hier treten, ich gebe zu nur spärliche Ähnlichkeiten zu Gregor Samsa aus Kafkas Verwandlung auf...auch wenn Neise nicht wie Samsa isoliert und von der eigenen Familie verachtet stirbt. Er bricht vielmehr in ein neues Leben auf.

    Nach einem richtig starken, ironischen Beginn, verliert Luftschiff allerdings mit den fortschreitenden Seiten etwas an Tiefe - zumindest scheinbar. Man könnte es aber auch als Stilmittel deuten, dass aus dem Siepen analog zu seinem Protagonisten, der seine Mitfahrer immer oberflächlicher betrachtet, eben das auch inhaltlich deutlich macht.  Letztlich ist Luftschiff lesenswert, ein ironisches Büchlein für zwischendurch.

    Stefan aus dem Siepen:  Luftschiff; Taschenbuch; dtv Literatur; 160 Seiten; 9,90 Euro;
    ISBN 978-3-423-14513-8

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