Bennis Wühlkiste

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Sonntag, 6. November 2016 7

Bennis Wühlkiste Live

Lesen bedeutet für mich, die Seele auf Reisen zu schicken. Schon Oscar Wilde wusste: "Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben, sonst nichts." Gleiches gilt für Hörbücher oder DVDs. In meinem Blog finden Sie Rezensionen über Neuerscheinungen und ältere Titel.

  • Wild Cards 2 - ich hab's nicht geschafft!

    Ich habe mich tagelang gequält, wollte "Wild Cards - Der Sieg der Verlierer" nicht einfach weglegen - letztlich muss ich aber gestehen, dass die Qual zu groß war. Mehr als Seite 287 habe ich nicht gesehen...
    Es tut mir leid, die Idee, ein Buch in Einzelepisoden von mehreren Autoren schreiben zu lassen, ist gut - aber in diesem Fall nicht mein Geschmack. Schon der erste Band kostete mich Überwindung (siehe 3. Juli), fesselte mich dann aber zumindest in einigen Passagen, aber der Nachfolger? Nein. 
    Der Einstieg ist wie bei Band 1 zu vollgeladen, die Passagen sind teilweise zu abgehackt, zu dröge, das Buch zu zerrissen. Vielleicht war es auch die bleierne Hitze, die mir zu schaffen gemacht hat und ganz vielleicht gebe ich Wild Cards noch eine letzte Chance - aber wirklich nur ganz vielleicht.
    Wer eine Herausforderung sucht, bitte, der ist hier richtig. Aber ich gebe zu Bedenken, ich bin ein zäher Leser - oft habe ich noch nicht aufgegeben. 
    Letztlich ist es aber wie immer Geschmackssache.

    Der Vollständigkeit halber: 


    Abbildung: penhaligon 

    Wie weit darf ein Held im Namen der Gerechtigkeit gehen?

    Eine Atomexplosion erschüttert Texas! Doch es handelt sich nicht um einen Akt des Terrors, sondern um einen schrecklichen Unfall. Ein kleiner Junge namens Drake kann sein mächtiges Wild-Cards-Talent nicht beherrschen und hat die Katastrophe ausgelöst. Die aus Assen und Jokern bestehende Eingreiftruppe der UNO – genannt Das Komitee – will den Jungen unter ihren Schutz stellen. Doch als seine Mitglieder in Texas eintreffen, ist Drake verschwunden …

    Gleichzeitig versucht Drummer Boy, die Krise in der arabischen Welt zu beenden. Aber während des Einsatzes kommen ihm Zweifel. Kämpft er für die richtige Seite?


    UND: Es gibt auch positive Rezensioen

    Nini (entdeckt auf randomhouse.de): "Eine gelungene Fortsetzung, die beinahe nahtlos dort anknüpft, wo der erste Teil endete und von den Entwicklungen bekannter und neuer Charaktere lebt."

    Solaria (entdeckt bei amazon.de): "Hier sind viele Handlungsstränge miteinander verknüpft, die zu einem Showdown herauslaufen und es ist kein Buch für zwischendurch, da die Story sehr komplex ist und man das erste kennen sollte.Für mich sehr gut umgesetzt und gelungen und ich bin schon gespannt auf mehr!!!"

    Eva (entdeckt bei amazon.de): "Die Autoren bleiben ihrer Linie treu und überzeugen durch einen sehr gut durchdachten Plot und einen roten Faden, der vielleicht erst am Ende vollends erkennbar ist, aber dennoch alles felsenfest zusammenhält. Die Figuren sind tiefgründig und haben ihre eigenen Geschichten, was sie mehrdimensional macht und lebendiger wirken lässt. Eine echte Freude. Zum Ende nur so viel: Nach dem Buch ist vor dem Buch. Ich freue mich auf Band 3."

    Aly (entdeckt bei http://magischemomentefuermich.blogspot.de/): "Ein gelungener zweiter Teil der Wild Cards Trilogie. Faszinierende und interessante Charaktere und mehr als spannende und explosive Szenen, machen dieses Buch unheimlich lesenwert. Eine klare Leseempfehlung. Ich vergebe 4 von 5 Punkten."

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    George R. R. Martin (Hrsg.), Wild Cards - Sieg der Verlierer; Klappbroschur, 576 Seiten; Penhaligon, 15,00 Euro


  • BGH bestätigt Verbot von Amazon-Rabattaktion auf Bücher

    Bücher sind ein Kulturgut in Deutschland, ihr Preis ist geschützt. Rabatte
    auf neue Bücher sind nicht erlaubt.
    Der BGH hat das Verbot einer
    Gutschein-Aktion von Online-Händler Amazon bestätigt.
     

    Karlsruhe. Rabatte auf neue Bücher sind auch weiter nicht erlaubt: Der Bundesgerichtshof
    (BGH) bestätigte das Verbot für eine Rabatt-Aktion von Online-Händler Amazon.
    Die Werbenaßnahme habe gegen das Gesetz zur
    Buchpreisbindung verstoßen, hieß es am  Donnerstag. Damit hatte eine Klage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Erfolg.
    Der Verein hatte Amazon einen unzulässigen Preisnachlass auf neue Bücher vorgeworfen. Diese dürfen in Deutschland nur zu den vom Verlag festgesetzten Preisen verkauft werden.
    Die umstrittene Amazon-Aktion fand beim sogenannten Trade-In-Programm des Online-Händlers statt, über das Kunden gebrauchte Bücher gegen einen Wertgutschein eintauschen können.
    Wer mindestens zwei alte Bücher einschickte, bekam im Rahmen einer zweiwöchigen Werbeaktion zusätzlich zu diesem Wertgutschein eine Gutschrift in Höhe von fünf Euro auf sein Kundenkonto.
    Dieser Gutschein konnte später auch beim Kauf preisgebundener Bücher eingesetzt werden.
    Der BGH musste klären, ob die zweite Gutschrift überhaupt einen realen Gegenwert hatte, etwa durch die eingesandten Bücher. Das bestritt der Börsenverein: Gebrauchte Bücher seien auf der Plattform für ein paar Cent zu haben, sagte etwa BGH-Anwalt Thomas Winter in Karlsruhe: "Goethes Faust, Teil eins und zwei bei dtv für 16 Cent".
    Die fünf Euro seien kein "willkürlich überhöhter Betrag", widersprach ein Amazon-Anwalt. Dem Händler gehe es schließlich darum, einen Warenbestand an gebrauchten Büchern aufzubauen.
    Der BGH-Senat folgte nun der Argumentation des Börsenvereins.
    Der Fünf-Euro Gutschein habe keinen reellen Gegenwert gehabt, da er zusätzlich zu dem Wertgutschein ausbezahlt worden sei, hieß es.
    Beim Einlösen dieser Gutschrift beim Verkauf eines preisgebundenen Buches habe der Online-Händler dann im Endeffekt nicht den vom Verlag vorgeschriebenen Preis für das Werk erzielt. Und das dürfe nicht sein, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Büscher.
    Der Börsenverein begrüßte das Urteil als einen "Erfolg für die Buchkultur, die Buchpreisbindung, den Buchhandel und damit auch für die Leser". Der BGH habe Aufweichungen bei der Buchpreisbindung einen Riegel vorgeschoben, sagte Alexander Skipis vom Börsenverein. Anderenfalls hätte jede denkbare Leistung von Kunden wie die Abgabe von Bewertungen oder Rezensionen mit Gutschriften für preisgebundene Bücher belohnt werden können. Ein ähnlich konsequentes Handeln zugunsten der Buchpreisbindung erwarte der Börsenverein auch von der EU-Kommission in den Verhandlungen über das Freihandelsabkommen TTIP.
    Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt hatte dem Börsenverein recht gegeben. Dagegen war amazon in Revision gegangen. "Das Verbot haben wir bestätigt", sagte Büscher. 

    Somit haben die kleinen Buchläden, die zum schmökern und verweilen einladen und Teil unserer Kultur sind, auch weiterhin eine Zukunft! GUT SO!!!
  • BGH prüft Rabattaktion beim Bücherkauf
     
    Der Bundesgerichtshof (BGH) prüft ab heute,  Donnerstag, 23. Juli, 10 Uhr, eine Rabattaktion des Online-Händlers Amazon im Zusammenhang mit dem Kauf von Büchern. Die Richter wollen klären, ob das Unternehmen mit seinem Angebot gegen das Gesetz zur Buchpreisbindung verstoßen hat. Geklagt hatte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Wann der BGH sein Urteil verkündet, ist noch unklar. (Az.: I ZR 83/14)
    Die Aktion fand beim sogenannten Trade-In-Programm von Amazon statt, über das Kunden brauchte Bücher gegen einen Wertgutschein eintauschen können. Wer mindestens zwei alte Bücher einschickte, bekam im Rahmen einer Werbeaktion zusätzlich zu diesem Wertgutschein eine Gutschrift in Höhe von fünf Euro auf sein Kundenkonto.

    Dieser weitere Gutschein konnte später auch beim Kauf preisgebundener Bücher eingesetzt werden. Der Börsenverein sieht darin einen unzulässigen Preisnachlass. Denn verlagsneue Bücher dürfen nur zu festgesetzten Preisen verkauft werden. Der Börsenverein erhofft sich nun ein BGH-Grundsatzurteil zu Rabattaktionen im Buchhandel. (dpa)

    Man darf auf den Ausgang gespannt sein. Die Buchpreisbindung ist schließlich essenziell, besonders für kleinere Buchläden - ein Fall der Buchpreisbindung, wie er etwa in den USA praktiziert wird, wäre wohl das Todesurteil für zahlreiche kleine Buchläden und somit ein Stück Kultur. Ich halte euch auf dem Laufenden.
  • Simon Scarrow endlich zur See

    Rom, A. D. 45: Während vor der Küste Ravennas der Piratenkapitän Telemachos ein Handelsschiff kapert und nicht nur den Römer Secundus, sondern auch dessen wertvolle Fracht, geheime Schriftrollen, die zu Kaiser Claudius hätten gelangen sollen, in seinen Besitz bringt, fristen Cato und Macro drei Monate nach ihrer erzwungenen Rückkehr aus Britannien ein klägliches Dasein im Elendsviertel der Subura.  Bürokratische Winkelzüge haben dafür gesorgt, dass ihnen ihr ausstehender Sold bislang nicht ausgezahlt worden ist. Mit schwindender Hoffnung, je wieder für das Militär abkommandiert zu werden, suchen die beiden Hilfe im Palast, als auch ihr letztes Geld sich gen Ende neigt -  doch statt Hilfe finden sie Narcissus, den Sekretär des Kaisers, der ihnen anbietet, die noch immer wegen Subordination drohende Hinrichtung abzuwenden, sofern sie sich bereit erklären, die verschollenen Schriftrollen zurück zu beschaffen.

    Zähneknirschend willigen die beiden Centurionen ein, nur um alsbald zu erfahren, dass Vittelius, ihr intriganter Widersacher in Britannien, die Befehlsgewalt über die römische Flotte hat, mittels derer sie im geheimen Auftrag dem Piratenkapitän die Schriftrollen abjagen sollen. Doch bereits die erste Begegnung mit den Piraten gerät zum Desaster und eine Vielzahl Schiffe kentern, während Vittelius, der ebenfalls von Narcissus instruiert worden ist und dieselbe geheime Order erhalten hat, versucht, Cato die Schuld in die Schuhe zu schieben und dessen Schicksal zu besiegeln.

    Abbildung: Heyne 
    Simon Scarrow wagt nach den Abenteuern von Macro und Cato in Britannien - das drohte ja schon langweilig zu werden - in "Die Prophezeiung des Adlers" einen Ausflug auf die See. Hier gelingt Scarrow  durchaus der Aufbruch zu sprichwörtlich neuen Ufern, ebenso legt er den Grundstein für weitere Abenteuer, die ja schon längst bereitliegen, um gelesen zu werden. Scarrow erzählt dabei gewohnt spannend und fesselnd, spinnt falsche Verdächtigungen ein, sorgt für Wendepunkte - sowie das Wiedersehen mit alten Bekannten. 

    Gegenspieler der beiden Centurionen ist der gefürchtete wie gerissene Piratenanführer Telemachos. Dessen seetaktische Schachzüge werden plastisch und eindruksvoll beschrieben, auch das Versteck der Piraten kann man sich vorstellen.Zudem kommen endlich auch wieder die Liberatoren ins Spiel - auch mit einem Finale furioso, wenn ich das richtig gedeutet habe.  Von Britannein geht es über Rom nach nach Ravenna, gekämpft wird  zu Lande und zu Wasser und die wendungsreiche Odyssee  steckt natürlich voller Gefahren und Einzelaufträgen für Macro und Cato.

    Fazit

    "Die Prophezeiung des Adlers" ist allemal lesenswert, wenn auch nicht das Top-Buch der Reihe und zeigt eindrucksvoll die Notwendigkeit wie auch die Abscheu der Römer gegenüber ihrer Flotte.. 

    Simon Scarrow: Die Prophezeiung des Adlers; 656 Seiten, Heyne, 9,99 Euro


  • Hier noch ein kleiner Vorgeschmack auf den Blockbuster "50 Shades of Grey"

  • 50 Shades of Grey
    Weltweites Phänomen, Wochen an der Spitze der Bestsellercharts, mehr verkaufte Exemplare als die Bibel… Laut vieler Kritiken ist die „Shades of Grey“-Romantrilogie von E. L. James dennoch „hundsmiserabel geschriebener Schund“ oder „Hausfrauen-Porno“. Nun stellt sich die Frage: Haben Regisseurin Sam Taylor-Johnson („Nowhere Boy“) und Drehbuchautorin Kelly Marcel („Saving Mr. Banks“) daraus eine überzeugende SM-Romanze gemacht? Bedingt.

     Abbildung: Universal

    Aber im Film steckt viel smarter Humor und eine grandiose Dakota Johnson als Vom-Mauerblümchen-zur-Milliardärssklavin-Protagonistin.
    Denn nur zum Skandalfilm taugt „Fifty Shades of Grey“ wirklich nicht, dafür sind die sexuellen Tabubrüche zu kalkuliert. Es mag hier und da verlegenes Gekicher im Wohnzimmer geben, aber wirklich aufregen braucht sich keiner.
    Weil ihre Mitbewohnerin Kate (Eloise Mumford) mit Grippe flachliegt, springt Literaturstudentin Anastasia Steele kurzfristig für sie ein und befragt den milliardenschweren Junggesellen Christian Grey (Jamie Dornan) für die Studentenzeitung.
    Das Interview geht zwar völlig in die Hose, aber der galante Geschäftsmann scheint einen Narren an der schüchternen Studentin gefressen zu haben: Die nächsten Tage sind für Ana, als wäre sie Aschenputtel – teure Autos und Helikopterflüge inklusive.
    Doch dann eröffnet ihr Mr.
    Grey, dass er für eine romantische Beziehung nicht zu haben sei, stattdessen stehe er auf eher ungewöhnliche Praktiken. Und so findet sich in seinem „Spielzimmer“ keine Xbox, sondern ein SM-Studio. Dann entwickelt sich die SM-Romanze. Leider verliert der Film mit zunehmender Dauer an Fahrt, aber trotz des schwächelnden Schlussdrittels endet der Film – anders als das Buch – im richtigen Moment.
    Die Lust auf den für 2016 angekündigten zweiten Teil „Fifty Shades Darker“ ist auf jeden Fall schon mal geweckt.

    50 Shades of Grey: DVD, Universal, ca. 15 Euro; Blu-ray, ca. 17 Euro
  • Die Wurzeln des Himmels - Metro 2033 ohne U-Bahn
    Tullio Avoledos Roman "Die Wurzeln des Himmels" spielt zwar im Metro 2033-Universum, ist aber anders - ganz anders. Denn auch wenn es der Teaser auf dem Buchrücken verspricht, spielt die U-Bahn in Avoledos dystopischem Werk keine Rolle. 

    "Die Apokalypse hat stattgefunden, und ganz Europa ist verwüstet. Nicht nur in Moskau und Sankt Petersburg, überall haben sich die Menschen in die Tunnel unterhalb der Städte geflüchtet. Dort haben sie neue Zivilisationen errichtet – so auch in Rom, der Ewigen Stadt. Nun herrscht ewiges Dunkel in den Schächten und Tunneln der U-Bahn Roms, bis auf die Stationen, wo Menschen Nahrung, Licht und neue Hoffnung gefunden haben. Doch der Frieden währt nur kurz, denn aus dem Dunkel droht Gefahr …"


    "Die Wurzeln des Himmels" spielt sich vielmehr an der radioaktiv verseuchten Oberfläche ab - und zwar in Rom. Dabei ist die ewige Stadt -  eigentlich ein unpassender Terminus, denn auch Rom ist im Atomkrieg vergangen - nur der Ausgangspunkt einer Reise mit Pater John Daniels und sieben Schweizer Gardisten. Denn Rom ist zwar vergangen, der Papst tot, dennoch regiert der Camerlengo im sogenannten neuen Vatikan in Katakomben unter der ehemaligen italienischen Hauptstadt. Er ist es auch, der Pater Daniels auf die Reise schickt. Und die ist - metrotypisch - gespickt mit Gefahren, mutierten Wesen, Kannibalen und geprägt vom Kampf der überlebenden Menschen untereinander. 

    Grenzen der Ethik durchbrochen

    Ganz so metrotypisch geht es aber eben nicht zu: Ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber keineswegs störend ist die religiöse und teils sogar esoterische Prägung des Romans.  Avoledo lässt seine Protagonisten grundlegende Glaubensfragen erörtern, über Schuld und Sühne debattieren,  inszeniert heidnische Kulte und durchbricht dabei teils die Grenzen der Ethik - an manchen Stellen des Romans möchte man das Buch vor Abscheu am liebsten kurz zur Seite legen.
    Gut und böse, Wahrheit und Lüge, Glaube und Häresie liegen letztlich eng beieinander, was besonders in den abschließenden Kapiteln der Reise durch den Stiefelstaat und seine touristischen Hochburgen immer deutlicher wird. Avoledo zeichnet seine Charaktere mal hart, mal weich, jedoch meist mit Tiefgang.  Der Autor legt falsche Fährten, hat teils bombastische Ideen, spielt mit Vergangenheit und Zukunft, verliert sich aber dabei manches Mal zu sehr in Details, die der Geschichte nicht unbedingt weiterhelfen.

    Eindrucksvoll verwüstete Welt

    Die Geschichte nimmt schnell Fahrt auf, behält die Geschwindigkeit auch bei, driftet jedoch am Ende beinahe zu sehr ins Mystische ab - klar, Geschmackssache. Insgesamt hat sich Tullio Avoledo mächtig ins Zeug gelegt, um dem Leser eine eindrucksvoll verwüstete Welt zu präsentieren - das ist ihm rundum gelungen, da kann man nicht meckern. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass die erwartete und angekündigte beklemmende Düsternis der Metro-Tunnel ausbleibt. Düsternis bietet der Roman auch so genug.

    Berechtigung im Metro-Universum?

    Ob "Die Wurzeln des Himmels" mit seinem permanenten religiösen und mystischen Unterton nun eine willkommene Abwechslung, sogar eine Öffnung des Metro-Universums ist oder doch besser als  apokalyptischer Einzelroman außerhalb der Reihe erschienen wäre, dieses Urteil möchte ich mir nicht anmaßen. Fest steht jedoch: Endlich ein Metro-Roman, der außerhalb Russlands und seiner Satellitenstaaten spielt (zumindest der einzige, der bereits in deutscher Übersetzung erschienen ist). Das ergibt eine neue Dynamik,  neue Schauplätze, eine Geisteshaltung jenseits der Tristesse, die den Geschichten aus der ehemaligen Sowjetunion eigen ist. Lesenswert! Ich warte schon auf die Übersetzung Avoledos zweiten Metro-Roman, "La crociata dei Bambini" - frei übersetzt dürfte das in etwa "Der Kreuzzug der Kinder" heißen.

    Tullio Avoledo: Die Wurzeln des Himmels; Klappbroschur; Heyne; 590 Seiten; 14,99 Euro

  • Peaky Blinders - die schärfste Gang von Birmingham
    Eiskalte Gangster, korrupte Polizisten, schmutzige Deals: Die Serie „Peaky Blinders“ spielt im England des frühen 20. Jahrhunderts. Das Markenzeichen der Gang um Thomas Shelby - in ihre Schiebermützen eingenähte Rasierklingen...
     Foto: Koch Media
    Die Kulisse und Kostüme sind grandios, so viel sei schon mal verraten - ob die Serie, die gerade in einer Doppelbox mit 1. und 2. Staffel erschienen ist, es auch in sich hat? Eine Rezension der Serie finden Sie hier     


  • Wild Cards - Spiel der Spiele: Mich hat's irgendwie irritiert...in der Jury fehlt Dieter Bohlen
    Seit sich in den Vierzigerjahren das Wild-Card-Virus ausgebreitet hat und Menschen mutieren lässt, gibt es neben den normalen Menschen auch Joker und Asse. Joker weisen lediglich körperliche Veränderungen auf, während Asse besondere Superkräfte besitzen. Da ist zum Beispiel Jonathan Hive, der sich in einen Wespenschwarm verwandeln kann, oder Lohengrin, der eine undurchdringliche Rüstung heraufbeschwört. Doch wer ist Amerikas größter Held? Diese Frage soll American Hero, die neueste Casting Show im Fernsehen, endlich klären. Für die Kandidaten geht es um Ruhm und um so viel Geld, dass sie beinahe zu spät erkennen, was wahre Helden ausmacht.


    Abbildung: penhaligon 

    Bei "Wild Cards - Spiel der Spiele" steht zwar George R.
    R. Martin drauf, aber es ist nicht nur George R. R. Martin drin. Acht Autoren teilen sich die Idee des Wild Card-Universums - und das in den USA schon geraume Zeit. Dort sind zahlreiche Comics und eine Buchreihe erschienen, das in Deutschland als Band 1 erschienen Spiel der Spiele ist in Wahrheit Band 18 aus dem Jahr 2008. 

    Big Brother in einer möglichen Gegenwart

    Was sich anfänglich wie eine Dystopie mit SciFi-Einschlag liest, ist bei genauerer Betrachtung eine alternative Entwicklung der Weltgeschichte nach dem 2ten Weltkrieg. Das Wild-Card-Virus hat die Welt verändert, und gute bzw. schlechte Karten entscheiden über die Zukunft jedes Einzelnen.Die Idee des Wild Card Virus an sich ist grandios, ich muss aber zugeben, dass mich das Buch irritiert hat - massiv: Zu viele Namen, Spitznamen, Protagonisten und Eindrücke, die einen erschlagen - wenn das nur alles wäre. Mir ist die Handlung zu zerrissen. Sicher, es gibt nur zwei "Tatorte" - Hollywood" und den nahen Osten - doch die Zusammenführung dieser Handlungsstränge wirkt auf mich sehr konstruiert. Erstmal geht es hauptsächlich um die Spiel-/Castingshow „American Hero“, die wie eine Mischung aus Big Brother und der perfekten Minute anmutet. Insgesamt treten hier 28 Asse (Menschen mit besonderen Begabungen) gegeneinander an. Eine Jury - ohne Dieter Bohlen - entscheidet über deren Schicksal. Jede Figur ist dabei einzigartig in ihrem Können und überaus faszinierend. Ein zweiter Handlungsstrang spielt im nahen Osten, inmitten politischer Unruhen und gewalttätigen Auseinandersetzungen - bis hin zum Genozid, also Völkermord.

    Das Buch polarisiert

    Dort greifen einige der Asse aus der Spielshow dann ein - angetrieben von einer, durch eine Mutation hervorgerufenen Gottheit, die in einem ehemaligen Ass aufblüht. Wie gesagt mich hat es nicht gepackt - und wenn ich mir andere Rezensionen anschaue, polarisiert Wild Cards sehr stark: Von himmelhochjauchzend bis in die Tonne getreten ist da alles dabei. 
    Mir kam die Story letztlich wie ein in eine SciFi-Verpackung eingebetteter Rundumschlag vor: Kritik an der amerikanischen TV-Industrie und Heldeninszenierung von Hollywood, die sich gleichzeitig aber die Problematik im Nahen Osten heranpirscht und überdies noch dem Westen - und insbesondere der UNO - Untätig- und Unfähigkeit und den Westmächten Kriegstreiberei und Installierung von Herrschern vorwirft. 
    Das klingt so auch intensiv auf der letzten Seite an - inklusive eines Appels an die Menschheit:

     "Also sollte ich mein Buch tatsächlich schreiben [...] was würde ich damit sagen wollen? Dass die Vorstellungen, die Hollywood uns von Helden vermittelt , oberflächlich und im Kokainrausch entstanden sind? Ja, das ist ganz was Neues. Dass Völkermord ne schlimme Sache ist? Dass Leute manchmal aus den völlig falschen Motiven was Ehrenwertes, Gutes, Richtiges machen? Oder aus den besten Beweggründen heraus was Dummes, Zerstörerisches, Kurzsichtiges? Das Problem mit Klischees ist, dass sie in der Wahrheit wurzeln. Wenn du also tief gräbst und kämpfst und dich abrackerst und blutest und gelegentlich vielleicht sogar stirbst, um die Wahrheit zu finden, dann stehst du am Ende manchmal - nicht immer , aber manchmal - mit etwas da, das du auch als weisen Spruch auf einer Postkarte hättest kaufen können: Tu immer das Richtige. Halte zu deinen Freunden, denn du weiß nicht, wie lange du sie noch hast. Du machst Fehler und hast Schwächen, aber das ist okay. Mach einfach das Beste draus."

    Ich habe "Wild Cards - Spiel der Spiele" eigentlich nur gelesen, weil ich den aktuellen zweiten Band rezensieren und mich in die Thematik einlesen wollte.
     Rezensieren werde ich den zweiten (oder vielmehr 19. Band) auch, aber freuen werde ich mich - trotz aller guten Ideen in Band 1 -  auf diese Lektüre nicht wirklich. Aber ich hoffe auf Besserung. UND: Es hätte ja noch schlimmer kommen können: Mir Dieter Bohlen in der America's-next-Superhero-Jury... 

    George R. R. Martin (Hrsg.), Wild Cards - Spiel der Spiele; Paperback, 544 Seiten, Penhaligon; 15,00 Euro
  • Ein kleiner Vorgeschmack auf einen meiner in Kürze folgenden DVD-Tipps: Peaky Blinders - ein Gangsterepos im England des frühen 20 Jahrhunderts!

  • Der Experten-Tipp im Juli
     In unregelmäßigen Abständen wird an dieser Stelle Christiane Lettow-Berger, Inhaberin des Buchladens am Alten Markt in Kelheim sowie aktiv beim  Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Buchtipps zu Neuerscheinungen geben.

    Ralf Rothmann, Im Frühling sterben, Suhrkamp Verlag, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-518-2475-9

    Sprach ich meinen Vater in der Kindheit auf sein starkes Haar an, sagte er, das komme vom Krieg; man habe sich täglich frischen Birkensaft in die Kopfhaut gerieben. Ich fragte nicht weiter nach, hätte wohl auch, wie so oft, wenn es um die Zeit ging, keine genauere Antwort bekommen. Die stellte sich erst ein, als ich Jahrzehnte später Fotos von Soldatengräbern in der Hand hielt und sah, dass viele Kreuze hinter der Front aus jungen Birkenstämmen gemacht waren.

     Abbildung: Suhrkamp


    Im Frühling sterben ist die Geschichte von Walter Urban und Friedrich – »Fiete« – Caroli, zwei siebzehnjährigen Melkern aus Norddeutschland, die im Februar 1945 zwangsrekrutiert werden. Während man den einen als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere,Fiete, an die Front. Er desertiert, wird gefasst und zum Tod verurteilt, und Walter, dessen zynischer Vorgesetzter nicht mit sich redenlässt steht plötzlich mit dem Karabiner im Anschlag vor seinem besten Freund ...

    In eindringlichen Bildern erzählt Ralf Rothmann vom letzten Kriegsfrühjahr in Ungarn, in dem die deutschen Offiziere ihren Männern Handgranaten in die Hacken werfen, damit sie noch angreifen, und die Soldaten in der Etappe verzweifelte Orgien im Angesicht des Todes feiern. Und wir erleben die ersten Wochen eines Friedens, in dem einer wie Walter nie mehr heimisch wird und noch auf dem Sterbebett stöhnt: »Die kommen doch immer näher, Mensch! Wenn ich bloß einen Ort für uns wüsste ...«

    Der Autor:

    Ralf Rothmann wurde am 10.05.1953 in Schleswig geboren und
    wuchs im Ruhrgebiet auf.
    Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der
    Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau
    und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger
    und Koch).
    Er lebt seit 1976 in Berlin.

  • Eberhard Straub: Der Wiener Kongress
    Der Wiener Kongress markiert einen Wendepunkt in der Geschichte Europas: Zum ersten Mal versuchten die Europäischen Mächte, ein dauerhaftes Friedenssystem zu installieren. Zum zweihundertjährigen Jubiläum versucht sich Autor Eberhard Straub - neben anderen - an der historischen Einordnung der Neuordnung Europas.

    "Dem Wiener Friedenswerk gelang eine schöpferische Restauration, eine neue Ordnung Europas aus dem Geist der alten, vorrevolutionären Welt",

    schreibt
    Eberhard Straub in seinem Buch
    "Der Wiener Kongress".
    Das Genie Napoleon - und dass er ein Genie war, hatten selbst seine Feinde einräumen müssen - das Genie Napoleon  hatte jahrelang die alten Strukturen Europas durcheinander gewirbelt und dabei Hunderttausende in den Tod gejagt. Als seine Macht nach der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig 1813 endlich unterging, versammelte sich in Wien das siegreiche Europa, um über die Zukunft des Kontinents zu beraten.

    Eine heilsame Restauration entdeckt  Journalist Eberhard Straub also im Geschehen um den Wiener Kongress. Mit der Französischen Revolution und Napoleons Kriegen sei eine lange Friedenszeit unterbrochen worden, die vom Westfälischen Frieden bis zum Ersten Weltkrieg gedauert habe. Im Wien des Jahres 1814 sei lediglich ein bereits entwickeltes Staatensystem erneuert worden.

    Eberhard Straub "Der Wiener Kongress" Abbildung: Klett-Cotta 

    Nicht Reaktionäre, sondern Realisten sieht er dabei am Werk. Frieden sei möglich geworden, weil weder eine Kriegsschuldfrage noch moralische Überheblichkeit eine Rolle gespielt hätte. Er kann sich sogar vorstellen, dass der österreichische Außenpolitiker Fürst Metternich gern mit dem machtbewussten Bürgerkaiser Napoleon europäische Politik gemacht hätte, wäre der Franzose nur berechenbar gewesen.

    Und darin liegt für ihn das Übel, in politischer Ideologie, in diesem Fall in französischer Erziehungsdiktatur, die ihre revolutionären Ideen wie in einem Konfessionskrieg den Nachbarn aufzwingen will, die den Feind nicht respektiert, ihn total bekämpft, nicht als Partner von gestern und auch von morgen ansieht.

    Deshalb hält Straub für bemerkenswert, dass damals Europa noch den Willen hatte, eigene Konflikte aus eigener Kraft diplomatisch zu lösen. Später nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg habe es dazu die USA gebraucht.   

    Gerade im Jubiläumsjahr - der Kongress fand in den Jahren 1814/15 statt ein lesenswertes Stück Geschichte, das die späteren Ereignisse in Europa maßgeblich beeinflusst hat und teils noch  beeinflusst.

    Eberhard Straub: Der Wiener Kongress - Das große Fest und die Neuordnung Europas; 255 Seiten; Klett-Cotta; 21,95 Euro

  • Der Erbe des Skorpions  - gute Ideen teils nicht voll ausgeschöpft
    Die Söhne des Großen Skorpions haben das Reich in einen blutigen Bürgerkrieg getrieben, denn es kann nur einen Herrscher geben. Jarok kommandiert einen Trupp der Stadtwache, doch seine Fähigkeit, Verbrecher aufzuspüren, und sein beinahe magischer Sinn für Gefahr lassen ihn rasch zum obersten Leibwächter eines der Prinzen aufsteigen. Es dauert nicht lange, bis Jarok erkennt, dass der Mann, den er schützen soll, dem Wahnsinn verfallen ist. Als der Prinz beginnt, die unehelichen Kinder seines Vaters zu ermorden, wechselt Jarok die Seiten. Denn auch er ist ein Erbe des Skorpions.

    Abbildung: randomhouse.de 

    "Der Erbe des Skorpions" ist mein erstes Buch von Torsten Fink (nein nicht der ehemalige Bayern-Kicker...). Es handelt sich dabei um einen abgeschlossenen Einzelroman, in der Welt Finks erfolgreicher Schattenprinz-Trilogie spielt. Mein Vorwissen rund um die Thronstreitigkeiten im Königreich Oramar und den Bürgerkrieg der Söhne des großen Skorpions hielt sich nicht nur in Grenzen, sondern lag bei Nullkommanull.
    Vielleicht lag es auch daran, dass es eine ganze Weile dauerte, bis ich in der Geschichte um Jarok, Weszen, Baran, Schiwara oder Brakas drin war. Ich muss gestehen, dass ich einige Male nahe dran war, das Buch zur Seite zu legen, doch irgendwann trieb mich die Story Seite um Seite weiter.
    Ich bereue nicht, Jaroks Aufstieg von der Wache zum Leibwächter des Padischahs und weit darüber hinaus gelesen zu haben und gestehe sogar, dass mich eine Facette des an sich nicht allzu überraschenden Endes dann doch überrascht hat. Aber richtig begeistern konnte mich der "Erbe des Skorpions" selten.  
    Etwas zu linear gehalten
    Die Story läuft dafür stur geradeaus, es gibt nur einen chronologisch angelegten Erzählstrang - das ist man als Fantasy-Leser mittlerweile anders gewöhnt. Natürlich hat Fink tolle Ideen, wie die unterschiedlichen Magier oder Schamane, das langsame Abdriften Schah Weszens in den Wahnsinn, die Verwebung der Streitigkeiten in Oramar mit dem Nachbarland Damatien und dessen rohen Bewohnern oder der verrückten Seherin Ila.  Gerade deren Weissagungen, auf die der Leser ab Mitte des Buches oftmals trifft, nehmen aber dem aufmerksamen Leser zu viel vorweg, lassen Dinge oft schon klar werden, bevor sie dann einige Zeilen oder Seiten später passieren. Auch die Idee der Legende des Winterjägers ist stark - dafür allerdings einen Greifvogel in die Geschichte einzubauen, der ansonsten nur wachend über Jarok kreist und nur sehr selten in den Plot eingreift? Daraus hätte man weit mehr machen können. Selbiges gilt für Jaroks schon im Infotext auf dem Buckrücken angedeuteten Sinn für Magie und Gefahr: Diese spezielle Fähigkeit klingt immer wieder an und verschwindet dann sofort wieder, wenn es interessant wird. Ich habe immer darauf gewartet, dass er einen Freund als bösen Magier, der nach Macht dürstet, enttarnt. 
    Manchmal ist weniger mehr
    So packt Fink zahlreiche Ideen, die man zugegebenermaßen erst einmal haben muss, in seinen Roman - bei der nur vagen Ausarbeitung einiger von ihnen sind es aber beinahe zu viele. Nichtsdestotrotz verspricht "Der Erbe des Skorpions" Lesespaß - nicht auf dem Niveau von "Das Lied von Eis und Feuer" oder den "Nebelgeborenen", aber mit Brian Staveleys "Der Erbe des Throns" (siehe Rezension vom 30. April) kann es dieses Fink-Werk allemal aufnehmen.

    Thorsten Fink, Der Erbe des SkorpionsPaperback, Broschur, 608 Seiten, Blanvalet, 13,99 Euro.
  • Rom - die Biographie eines Weltreichs (mal ganz anders)

    "Rom hat die Welt unterworfen und sie zivilisatorisch und politisch geeint. Souverän und stilistisch bravourös schildert Greg Woolf, wie es gelang, diesen bis heute einzigen Weltstaat der Geschichte zu sichern und ihm Dauer zu verleihen: ein packender Parcours durch 1500 Jahre Weltgeschichte - das neue Standardwerk." 

    So beschreibt der Klappentext das neue Werk "Rom - die Biographie eines Weltreichs" von einem der renommiertesten Historiker bezüglich des antiken Roms, Greg Woolf. Der erzählt die Geschichte des Staates der aus dem kleinen Latium heraus seine Finger in die Welt hinaussteckte nicht zum ersten Mal - aber anders.   

    Abbildung: Klett-Cotta 

    Woolf betrachtet die Geschichte der römischen Republik und Kaiserzeit als Einheit. Dadurch lässt er ganz Europa und die Mittelmeerwelt vor unseren Augen lebendig werden. Alle wichtigen Facetten der römischen Zivilisation kommen zur Sprache. Der Autor zeigt, wie das Römische Reich funktionierte, und behandelt es im Zusammenhang anderer Reiche von China bis Peru. Allerneueste archäologische und historische Erkenntnisse lassen den weltgeschichtlich einzigartigen Erfolg Roms in einem neuen Licht erscheinen. Nicht zuletzt geht es um die alles bedeutende Frage: Warum konnte gerade Rom unter allen uns bekannten Imperien so lange überdauern und eine derart unvergleichliche Wirkung ausüben – bis zum heutigen Tag?

    Keine gänzlich neuen Fragen - aber andere Blickwinkel

    Dieser und Fragen wie: Wie ist das Reich gewachsen? Wie überstand die Reichsherrschaft Krisen? Warum wankte es, gewann von Neuem sein Gleichgewicht und schrumpfte dann aber wieder auf die Größe eines Stadtstaates zusammen? Welche Rolle spielten Glück und Schicksal? stellt sich der Autor.
    Viele dieser Fragen wurden bereits gestellt und beantwortet - aber Woolf geht sie anders an: Er hängt die Geschichte Roms nicht an nackten Zahlen , Namen und fakten auf - was natürlich aber nicht fehlt - sondern widmet sich in 18 kurzen und knackigen Kapiteln (wie sollte es anders auch möglich sein 1500 Jahre Geschichte in knapp 500 zu erzählen) etwa der "Ökologie eines Weltreiches", "Der Sklaverei und Reichsherrschaft", "Der Identität in einem Weltreich" und nimmt sich moralischen, religiösen oder puren Verständnisfragen des römischen Selbstverständnisses an. Natürlich dürfen Kapitel über Kaiser, Feldherren sowie Aufstieg und Fall nicht fehlen. Zur Einführung spendiert Woolf dem Leser neben einem Appell, wie er sein Werk verstanden haben will, einen Schnelldurchlauf römischer Geschichte - auf 16 Seiten. 

    Oberflächlich und dennoch tiefgründig

    Woolf stürzt sich zwar auf Details, verzettelt sich aber nicht darin. Er beleuchtet scheinbare Randaspekte und erhellt dadurch das große Ganze. Dennoch bleibt er trotz aller Liebe zum Detail, zum anderen Blickwinkel  - auch wenn es ambivalent klingen mag - an der Oberfläche, hält sich allgemein und geht dennoch dabei in die Tiefe. Der Britische Autor behandelt das Imperium Romanum als lebenden Organismus und erklärt dabei nicht nur Funktion und Disfunktion der Arterien und Venen, sondern auch der Kapillargefässe. 

    Auch wer eigentlich nur in Woolfs Werk blättern und einzelne Kapitel anlesen will, wird schnell hineingezogen und liest dann weit mehr, als er eigentlich vorhatte - so ging es zumindest mir. Und wen es noch tiefer in die Materie zieht, der findet in der empfehlenswerten, hervorragend zur umfassenden Betrachtung der Geschichte Roms geeigneten Lektüre,  genügend Hinweise auf weiterführende Literatur.  Ein geschichtliches Werk über das antike Rom, das mich begeistert hat.

    Greg Woolf, Rom - die Biographie eines Weltreichs; Klett-Cotta, 495 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Karten und Abbildungen, 29,95 Euro


  • HAUS DER WÖLFE - Ein Schritt in die richtige Richtung für "Destiny"

    Ja, ich wage einen Ausflug in die Welt der Konsolen-Spiele - wer die MZ-Homepage und Printausgabe verfolgt, dem dürfte das aber nicht neu sein. Ein bisschen Auflockerung tut doch mal gut!


    Bild: Activision 

    Mit dem DLC "Haus der Wölfe" zum Kassenschlager "Destiny" ist Bungie auf dem richtigen Weg. Die frischen Inhalte sind dringend notwendig, denn viele Spieler kehrten dem auf zehn Jahre angelegten Ego-Shooter und erfolgreichsten Spiel des vergangenen Jahres bereits im ersten Jahr den Rücken. Millionen Spieler dürfen sich nun aber mit dem zweiten Update "Haus der Wölfe" über eine neue Storyline, neue Spielmodi, ein überarbeitetes Upgrade-System für Waffen und Rüstungen, einen neuen Social Hub sowie ein komplett runderneuertes Angebot an Waren bei den Händlern im Spiel freuen - das ist weit mehr, als  Bungie/Activision ihren Usern im ersten DLC "Die Dunkelheit lauert" spendierten.

    Auf zehn Jahre angelegt

    Zur kurzen Erklärung: "Destiny" ist ein Ego-Shooter mit Rollenspielanteilen in einem MMO-Setting. Als Hüter müssen die Spieler in einer fernen Zukunft die Erde vor unterschiedlichen Alienrassen - Gefallene, Kabale, Schar und Vex -  beschützen. Dabei haben die Entwickler von Bungie viel Wert auf kooperative Spielmechaniken gelegt. 

    Das Spiel ist laut den Entwicklern auf zehn Jahre angelegt - immer wieder durch Erweiterungen und gänzlich neue Teile gepusht. Knapp sechs Monate nach dem Release des ersten Inhaltsupdates sind die meisten Spieler aber ausgebrannt. "Destiny" ist ein hochrepetitives Spiel, seine starke Community und unerreichte Gameplay-Mechaniken haben es  zwar vor einem schnelleren Verstauben im Spieleregal bewahrt, dennoch trifft man gefühlt weniger Hüter im Turm an, als noch vor einigen Monaten.

    Wieder Leben einhauchen

    Mit "Haus der Wölfe" wollen die Entwickler von Bungie  ihrer Spielewelt wieder neues Leben einhauchen. Damit die User die Finger wieder an s Gamepad legen, werden  zwei neue Spielmodi für High-Level-Spieler eingeführt.

    Für den Koop-Modus gibt es mit der Erweiterung das "Gefängnis der Alten" (Prison of Elders). In Dreierteams stellen sich die Spieler immer größeren und stärkeren Gegnerwellen die ihnen vor die aufgemotzten Flinten laufen  – ein aus MMOs wie World of Warcraft bekannter Spielmodus. Dafür fehlt diesem DLC allerdings eine neuer Raid. Für den kompetitiven Teil des Spiels gibt es wöchentliche Turniere. Auch hier treten drei Hüter gemeinsam an, stellen sich jedoch menschlichen Gegenspielern. Das Besondere:Wer stirbt, muss von seinen Teamkollegen wiederbelebt werden. Ist das ganze Team eliminiert, ist die Runde verloren. Neu sind auch die vier zusätzlichen und schick gestalteten Multiplayer-Maps, die dem PvP-Part weitere Abwechslung bescheren.

    Bild: Activision 

    Dazu ist es den Hütern endlich möglich, das Riff zu betreten - auch wenn sie  spielerisch nicht viel zu bieten hat. Neuer Auftraggeber, neuer Händler, aber ansonsten werden euch auch hier mit den Beutezügen, dem Tresor oder dem Postfach nur die gleichen Möglichkeiten geboten wie im Turm, nur halt an anderer Stelle.

    Ebenfalls nicht vom Hocker reißen die neuen Story-Missionen: Es gibt zwar eine Reihe davon, aber einmal mehr bekommt der User wenig Neues geboten. Sie sind nicht allzu lang, bieten keine neuen Zwischensequenzen und nutzen vorhandene Assets oder Level-Abschnitte. Solche Missionen zu spielen, ruft kein gutes Gefühl hervor, das wirkt etwas lieblos.

    Ein positiver Aspekt ist das Loot-System. Klar, es gibt haufenweise neue Ausrüstung zu verdienen, aber auch eine kleine, feine Änderung, die euch alte Waffen oder Rüstungsteile verbessern lässt. Auch werden vorherige Upgrades nicht mehr zurückgesetzt, was eine noch viel bessere Nachricht ist. Der einzige Nachteil ist, dass ihr das dafür benötigte Ätherische Licht nur im wöchentlichen Nightfall Strike, dem Prison of Elders oder über die Trials of Osiris bekommt.

    Ein Schritt in die richtige Richtung

    Mit dem neuen DLC macht Bungie dennoch den nötigen Schritt in die richtige Richtung. Während Hardcore-Spieler mit der letzten Erweiterung quasi bestraft wurden, sind die Änderungen in Sachen Belohnungssystem, dem Upgraden von Ausrüstung und die Einführung der neuen Spielmodi die richtigen Konsequenzen, um die Routine aus dem Spiel zu nehmen und den Spielern dafür frische Inhalte zu liefern. 

    Die "Destiny"-Erweiterung "Haus der Wölfe" kostet 19,99 Euro. Eine Vollversion des Spiels ist erforderlich. "Destiny" ist für Playstation 3 und Playstation 4 sowie für die Xbox 360 und Xbox One erhältlich.

  • "Die Ehre der Legion" - kein Meisterwerk, aber ein guter Anfang
    Anthony Riches Debütroman "Die Ehre der Legion" hat nicht unbedingt das, was man ein überraschendes Ende nennen kann (Achtung Spoiler): Eine Schlacht, in der die römische Armee nach anfänglich großen Verlusten und einem drohenden Desaster obsiegt und den britannischen Gegner, den fiktiven König Calgus, letztlich doch eine desaströse Niederlage beibringt (Spoiler Ende). Dafür hat Riches Erstlingswerk etwas anderes - es versucht in die Tiefe zu gehen, in die Tiefe der Denkweise der Herrscher, der Präfekten, der Offiziere, der Legionäre und der Auxiliarsoldaten des Imperium Romanum.

    Schon zu Beginn des Romans wird schnell klar, dass es der Held, Marcus Valerius Aquila nicht leicht haben wird. "Sein Vater ist ein Verräter, doch ihm ist es bestimmt, das römische Reich zu retten. 
    Kaum ist Marcus Valerius in Britannien angekommen, muss er um sein Leben fürchten, denn Kaiser Commodus hat ihn zum Tode verurteilt. Das lässt Marcus keine andere Wahl, als unter falschem Namen in einer Legion am Hadrianswall zu dienen, bis ihm irgendwann Gerechtigkeit widerfährt. Da stürmt eine zu allem bereite Rebellenarmee auf den Wall zu, und seine Chance ist gekommen. Als Zenturio muss Marcus beweisen, dass er seine Männer in der blutigen Schlacht zum Sieg führen kann ...", beschreibt der Klappentext den Plot.

    Denkweise der Protagonisten im Fokus

    Während in Simon Scarrows "Adler"-Romanen das militärische Handeln, Taktieren oder die ständig gleich Vorgehensweise der Legionäre in der Schlacht im Mittelpunkt steht, will Riches - neben den für einen historischen Roman essentiellen Passagen zu militärischem Drill oder Kampfszenen - den Geist der Protagonisten und ihre Denkweise in den Fokus rücken. Das gelingt ihm etwa mit Marcus Valerius, der als tragende Figur viel Charaktertiefe aufweist, aber auch mit Dubnus, seinem Optio oder auch einigen Randfiguren der 1. Tungrischen Kohorte, in der Marcus nach seiner Flucht dient. Denen fehlt es im Gegensatz zu Marcus, auch wie etwa dem ein oder anderen Präfekten, Legaten oder Gegenspieler, zwar an Tiefe, da "Die Ehre der Legion" aber nur den Auftakt in die Reihe der "Imperiums"-Romane darstellt, lässt dies eher Spielraum offen, als dass es dem Roman schadet. Im Gegenteil, so behält die Geschichte um den Protagonisten ihren Fluss, wird nicht unnötig an Nebenkriegsschauplätzen künstlich verlängert.

    Oft zu durchschaubar

    Spannung will ich Riches Erzählung nicht absprechen, dennoch legt er viele Geschehnisse, Intrigen oder Liebeleien zu offen und durchschaubar an. Das zu kritisieren steht mir nicht zu, denn natürlich will Riches spannend und erfolgreich erzählen, aber ihm geht es auch darum, zwischen den Zeilen zu lesen, wie er es selbst in historischen Quellen über Jahre gelernt habe. Wer dann was zwischen den nicht überladenen, sondern zielstrebig formulierten Zeilen entdeckt, das liegt an jedem selbst. Ich habe in römische Dickschädel geblickt, das unverwüstliche Selbstvertrauen und die tödliche Arroganz der römischen Armee kennengelernt und den Machthunger und das Selbstverständnis eines Imperiums herausgelesen, das selbst bis in die kleine Zehe des Soldaten der römischen Hilfstruppen dringt.

    Fazit:

    "Dei Ehre der Legion" ist kein Meisterwerk, aber ein gut lesbarer, historischer Roman, der trotz aller Ähnlichkeiten zu Vorbildern doch eine spezielle Note trägt. Ich werde die Imperiums-Serie weiterverfolgen, denn es bleiben ja am Ende einige Fragen offen... Zwischendurch werde ich auch wiedermal einen Scarrow lesen.

    Anthony Riches, Die Ehre der LegionPaperback, Klappenbroschur, 480 Seiten, Penhaligon, 14,99 Euro 

  • Ich weiß, der Trailer zum XBOX-Titel passt nicht perfekt zur Buch-Rezension, aber die eindrucksvolle Bildsprache vermittelt zumindest einen guten Eindruck, wie man sich das Leben und die Welt im Metro 2033-Universum vorstellen könnte.

  • Doppelrezension Metro 2033: Grandioser Abschluss der Djakow-Trilogie

    Bilder: randomhouse.de 

    Meine Faszination für das Metro 2033-Universum von 
    Dmitry Glukhovskyliegt in einer langen Urlaubs-Autofahrt begründet (siehe Post am 23. April) - nun war ich wieder im Urlaub und habe  ein weiteres Werk von Andrej Dajkow  wahrlich verschlungen. (Zur besseren Orientierung ist die Rezension mit dem vorangegangene Band, den ich bereits eigens rezensiert habe, gekoppelt)

    "Reise in die Dunkelheit" und "Hinter dem Horizont" vollenden die Geschehnisse um den jungen Gleb und seinen Adoptivvater Taran, die in der St. Petersburger Metro um ihr Leben kämpfen. Die Menschen klammern sich in den Metro-Stationen Jahrzehnte nach einem verheerenden Atomkrieg ans Leben. Es gibt auch Kolonien auf den Inseln vor der Stadt, eine davon auf Moschtschny - die haben Gleb und eine Truppe Stalker um Taran in "Reise ins Licht entdeckt. Die Hoffnung auf ein Leben außerhalb des Untergrunds und abseits von der tödlichen Strahlung sowie mutierten Bestien scheint nahe. Als dort Jahre nach dem letzten verheerenden Krieg eine Atombombe detoniert und die Kolonie vollständig auslöscht, überleben nur zufällig einige Seefahrer, die sich jetzt in die Metro flüchten müssen. Die Seeleute vermuten, dass die Metro-Bewohner die Bombe gezündet haben, und drohen, die Stationen anzugreifen. Stalker Taran soll beweisen, dass niemand in der Metro zu einem solchen Attentat in der Lage ist. Doch dann verschwindet sein Ziehsohn Gleb …
    Djakow nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise quer durch die  Petersburger U-Bahn, wirft neue Völker in die Schlacht um die Vorherrschaft, lässt diese teils vom wutentbrannten Taran auslöschen und ihn auf seiner Suche nach Gleb - der seinerseits ebenfalls auf der Suche nach einer neuen Zuflucht ist - neue und alte Verbündete finden bzw. wiederfinden. Da tut sich ein gewaltiger neuer Feind auf - Achtung Spoiler - der schwarze Vernichter, der mehr ist, als ein Kämpfer gegen die in der U-Bahn angeblich  wuchernde Pest und eine weit höheres Ziel, den Schutz einer elitären Oberschicht verfolgt - Spoiler Ende.

    Eine weite Reise

    Dass Taran und Gleb in "Reise in die Dunkelheit" wieder  zusammenfinden und danach auch wieder auf Reisen gehen, lässt schon alleine der dritte Teil der Serie erahnen. Dabei verlassen die beiden - zusammen mit dem wohlbekannten Mutanten Gennadi und ihren neuen Freunden - St. Petersburg. Denn "in den Tunneln von St. Petersburgs Metro gehen seltsame Dinge vor sich. Menschen verschwinden spurlos, und ganze Stationen werden förmlich ausradiert. Eine Gruppe von Stalkern rund um Taran wird losgeschickt, um die Geschehnisse zu untersuchen. Keinem von ihnen ist wohl bei der Mission – doch das, was sie in der Finsternis jenseits der sicheren Stationen auffinden, sprengt alles, was sie über die Metro und ihre Geheimnisse zu wissen glaubten …" Soweit der Klappentext, doch die atemberaubende Reise, die die Gruppe erlebt - mitunter scheut sich Djakow nicht davor, Haupt-Protagonisten ins Jenseits zu schicken -, ist weit mehr. Denn es gibt Leben außerhalb der Metro - und nicht nur mutierte Gen-Bestien, nein, Menschen. Doch die sind teils weit gefährlicher und aggressiver als die Monster. 
    Es ist wohl nicht zu viel verraten, dass die Gruppe in einem Raketentransporter Richtung Wladiwostok auf bricht, um ein sagenumwobenes Heilmittel zu finden. Der Weg dorthin und die Erlebnisse der Gruppe inszeniert Djakow aber gewohnt fantasiereich, spannend und blutig. Bei einigen seiner Ideen muss man nur noch Staunen. Höhe- und Wendepunkte folgen Schlag auf Schlag, Langeweile kommt nicht auf - das gilt auch für "Reise in die Dunkelheit".

    Meine Empfehlung:

    Wer auf dystopische Literatur steht, muss bei Djakow zugreifen. Wer gerne apokalyptische Bücher liest,  muss zugreifen. Wer gerne Science Fiction liest, muss eigentlich auch zugreifen - Djakow versteht es, das beklemmende Gefühl der Metro-Bewohner nicht nur in den Katakomben unter St. Petersburg in Gänsehaut-Momenten zu schildern, er transportiert es auch hinaus in die Tundra und Taiga, über den Ural, bis hin an den Pazifik!


    Andreij Djakow, Reise in die DunkelheitPaperback, Klappenbroschur, 416 Seiten, Heyne, 14,99 Euro
    Andreij Djakow, Hinter dem HorizontPaperback, Klappenbroschur, 432 Seiten, Heyne, 14,99 Euro

  • Nimm dir für morgen nicht zu viel vor. Immerhin wirst du sterben.

    Wie alle anderen auch kennt der 17-jährige Denton seinen genauen Todestag. In der Zeit davor, der Todeswoche, tun die Menschen traditionell alles, was sie schon immer tun wollten. Am Tag vor seinem Tod erwacht Denton aber im Bett eines Mädchens, das definitiv nicht seine Freundin ist, die ihn irgendwie letzte Nacht verlassen haben muss. Das kann er kurz vor seiner Beerdigungszeremonie am Nachmittag eigentlich nicht gebrauchen. Auf welche Weise Denton den Tod finden wird, das weiß er noch nicht. Ein mysteriöser Fleck auf seiner Haut gibt jedoch einen ersten Hinweis. Doch dann taucht ein merkwürdiger Fremder auf seiner Beerdigung auf und erzählt allerhand Dinge, die Dentons bevorstehendes Ableben in ein ganz neues Licht rücken. Etwas stimmt hier nicht. Doch kann er noch herausfinden, was?


    Bild: piper.de 

    Mittelpunkt im Roman "Ich bin mal kurz tot" von Lance Rubin, der den Auftakt zu einer vierbändigen Serie macht, ist, wie auch das Cover unschwer erkennen lässt, der Umgang mit dem Tod. Lance Rubin nimmt den Leser mit auf eine humorvolle, spaßige, jugendlich-naive aber wenig spannende Reise - den letzten Tag im Leben des 17-jährigen Denton. Häppchenweise füttert Rubin den Leser aus der Ich-Perspektive heraus mit immer mehr Details, verfolgt -auch wenn es teils nicht so wirkt - rigide seinen roten Faden. 
    Bei allem Humor und jugendlich-naivem Charme werden dennoch (besonders für Jugendliche) tiefgründige Fragen aufgeworfen  - und Antworten gesucht. Was passiert nach dem Tod? Wie werden diejenigen, die jetzt schon so lange mit dem frühen Todesdatum umgehen müssen, den Tod selbst bewältigen? Was muss man erlebt haben, bevor man stirbt?

    Die liefert Rubin oder vielmehr Protagonist Denton in der das Buch prägenden humorvollen, lockeren Art. Und das ist es auch, was "Ich bin mal kurz tot" im Grunde ist: Ein humorvolles Buch über den Tod und die unaufschiebbaren Dinge, die es bis dahin zu erledigen gilt. Wer wirklich Tiefgründiges erwartet, wird enttäuscht werden.

    Dabei gehen die Meinungen der Rezensenten auseinander:

    "Wer sich auf diesen besonderen Weltenentwurf einlassen und sich durch die absolut witzigen Dialoge mitreißen lassen kann, erlebt von Lachen durchzogene Lesestunden – ohne nervenaufreibende Spannung oder großartiges Drama." (Steffi, www.hisandherbooks.de)

    "Leider hat mich “Ich bin mal kurz tot” ziemlich enttäuscht. Die Idee mit dem Wissen um das eigene Sterbedatum gefällt mir schon länger, daran liegt es nicht. Aber zwei Drittel des Buchs wird nur geschwafelt und geschwafelt und es passiert nichts. [...Dann aber kommt das Ende dermaßen überraschend, dass ich mir ehrlich an die Stirn gestippt habe. Zuvor ewig lange Ödnis und am Ende ein Hammer. Nein, so begeistert man mich nicht." (Leserattz, www.die-leserattz.de)


    Lance Rubin, Bin mal kurz tot; 352 Seiten, Klappenbroschur, Piper-Verlag, 16,99 Euro

  • Urlaubslektüre - und wie sie nachher aussehen kann...


    Nach einer Woche Urlaub am Meer kann ich ein paar weitere Kerben in meinen imaginären "Bücherbettpfosten" ritzen (nicht alle abgebildeten, Rezensionen folgen in Kürze). Auch meine Gattin und Schwägerin haben sich in unserem italienischen Urlaubsdomizil ihrerseits zumindest je eines Buches angenommen - allerdings sind die Werke nach deren Lektüre nun beinahe nicht wiederzuerkennen.  Klar, am Strand kommt schon mal etwas Sand ins Buch oder etwas Wasser tropft  unbeabsichtigt auf die ein oder andere Seite, doch was die Mädels mit ihren Büchern veranstaltet haben, grenzt an Vergewaltigung.
    Ich gebe zu, ich bin ein vorsichtiger, akribischer Leser. Nachdem ich ein Buch gelesen habe und es ins Regal stelle, sollte es möglichst noch so aussehen, als wäre es eben nicht gelesen worden.  Das gelingt mir nicht immer - ein Knick im Buchrücken oder ein Eselsohr kann schon mal vorkommen, willentlich eingeknickte Seiten als Lesemarkierung, ein umgeknickter, völlig verzogener Buchrücken  oder gar eine derartige Malträtierung des kostbaren Lesestoffs, dass Seiten - nein, ein ganzes Kapitel -  wie chirurgisch präzise herausgeschnitten aus dem Buch fallen ne, ne, ne... das geht selbst im Urlaub nicht. 
    Es ist ja nicht so, dass ich die Damen nicht auf ihre bestialische Art der Lektüre hingewiesen hätte, aber die blieben eiskalt gegenüber ihren Taschenbüchern -  es kam unisono nur ein etwas verstimmtes  "bei unseren Büchern merkt man eben, dass sie gelesen wurden" zurück. Naja, zerlesen trifft es  da wohl eher! Wobei: Letztlich waren Gattin und Schwägerin wohl nur konsequent - ihre Buchtitel: "Harter Schnitt" und "Eisige Schwestern"...


  • Zum 100. Geburtstag von Orson Wells: The War of The Worlds - das Kult-Hörspiel
    30. Oktober 1938, ein Rundfunkabend mit Orchestermusik. Dann eine Explosion. Noch eine. Marsbewohner landen in New Jersey. Der aufgeregte Radioreporter berichtet von Aliens, von ihrem Angriff auf die Bevölkerung, von Giftgas, von Lichtblitzen. Die Hörer erleben ein beklemmendes Szenario und werden von Panik gepackt, weil viele die Invasion für eine wahre Nachricht halten. Dies lag daran, dass Welles eine neue Art der Einspielung benutzte: Er nahm das Hörspiel am Tag vorher auf und ließ es dann mit Musik unterlegen. Dadurch wirkten die Aufnahmen wie das normale Radioprogramm, in dem der Moderator ab und zu unterbricht, um die neusten Nachrichten zur Invasion zu verbreiten. Einspieler von Live-Reportern oder Aussagen von Generälen oder Wissenschaftlern tun ihr Übriges.

    „Das war für uns ein Schock, dass H.G. Wells alter Klassiker, Vorbild für so viele Stories und sogar Comic Strips, bei den Hörern solche Reaktionen auslöste. Die Invasion von Mars-Monstern war für uns nur ein Märchen.“   Orson Wells


    "Die Berichterstattung über diese Vorfälle machte die Sendung und damit auch den jungen Orson Welles weltberühmt. Einige Beschreibungen einer landesweiten Massenpanik sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Die jüngere kommunikationswissenschaftliche Forschungsliteratur stellt die allzu gerne geäußerte kopflose Hysterie in Frage. Heute wird davon ausgegangen, dass sie eine Erfindung der Tagespresse war, hinter der zum einen Sensationsgier gesteckt haben mag, zum anderen die Absicht, das Konkurrenzmedium Radio als verantwortungslos zu brandmarken. Gegen die vor allem von der Boulevardzeitung New York Daily News verbreitete Darstellung einer Massenpanik spricht auch, dass Welles' Programm einer zur Zeit der Ausstrahlung durchgeführten telefonischen Erhebung zufolge eine Einschaltquote von gerade einmal 2 Prozent erreichte (was immerhin rund 6 Mio. Hörern entsprach). Allenfalls einige wenige (28 %) dieser Zuhörer sollen auf das Hörspiel hereingefallen sein; das Anrufaufkommen im Sender CBS war zwar höher als sonst, aber Berichte über Suizide oder auch nur die Behandlung von Schockpatienten ließen sich nicht verifizieren." (Quelle: Wikipedia)

    Nostalgische Gefühle

    Auch wenn das Hörspiel heute, im Jahr des 100. Geburtstags von Orson Wells, kaum mehr jemanden in Panik versetzt - was auch daran liegt, dass es von CD kommt, sorgt es immer noch für Beklemmung oder  zumindest für nostalgische Gefühle. Das mag die Vinyl-Ausgabe noch verstärken. 
    Nicht nur H. G. Wells Roman "Krieg der Welten ist ein Welt-Bestseller, auch das Kulthörspiel ist ein Muss. Wer "War of the Worlds" noch nicht kennt, sollte zugreifen! Nach einigen Minuten ist auch die (englische) Sprache kein Problem mehr.

    Bild: der Hörverlag 
    H. G. Wells/Orson Wells: The War of the Worlds, ca. 58 Minuten; CD: 14,99 Euro; Vinyl: 24,99 Euro


  • Das Wunder von Berlin

    Foto: Randomhouse.de 

    Auch bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin läuft es ähnlich wie bei den vergangenen Spielen in London - das Gastgeberland hascht nach möglichst vielen Medaillen. Es gilt, den Medaillenspiegel zu gewinnen, Prestige zu ernten. Schon Jahre vorher beginnt die Vorbereitung, die Sportförderung wird massiv hochgefahren. 1936 geschieht dies mit noch weit mehr Hintergedanken als heutzutage - Stärke zeigen, auch im Sport.
    Propagandashow läuft
    Und Adolf Hitlers Propagandashow läuft wie geplant. Seine Athleten siegen und siegen. Doch die eine oder andere bittere Niederlage musste auch der '"Führer" hinnehmen, so verliert die haushoch überlegene Damensprintstaffel im Olympiastadion kurz vor dem Ziel den Staffelstab, so  muss die deutsche Fußballmannschaft schon in der Zwischenrunde die Segel streichen und so muss sich das Flaggschiff der Ruderflotte, der Deutschland-Achter, gar mit der Bronzemedaille begnügen - knapp geschlagen von einem College-Boot der University of Washington.

    Der amerikanische Autor Daniel James Brown hat die  Geschichte der neun Ruderer aus Seattle knapp siebzig Jahre nach den Geschehnissen in Berlin wieder zum Leben erweckt. Sein '"The Boys in the Boat" stand vor zwei Jahren in den USA monatelang auf Platz 1 der '"New York Times"- Bestsellerliste, nun ist es auch in Deutschland erschienen. 

    Joe Rantz war einer der Jungs aus dem Boot, den der Autor zum Mittelpunkt seiner Geschichte kürt. Kurz bevor Rantz  2007 starb, traf Brown ihn mehrmals und ließ sich von den Erzählungen des Sterbenden über den unglaublichen Geist im '"Boot", das viel mehr als ein hölzernes Rudergefährt zu sein scheint, derart begeistern, dass er sein Projekt für das vorliegende Buch startete. Auch nach Rantz‘ Tod führte Brown seine Recherchen mit Hilfe von dessen Frau Judy konsequent fort, so dass nun eine detaillierte Erzählung über eine Mannschaft vorliegt, die den Leser von den ersten Ruderschlägen an begeistert.

    Spannend erzählt, aber mit Längen

    Brown legt seine Erzählung sehr breit an, um die Hintergründe und die Motivation der Jungs aus dem Boot besser verstehen zu können - das sorgt teils für Längen im Lesefluss. Lange Zeit wird im Buch  vor allem das Hinarbeiten und Trainieren auf eine besondere amerikanische Meisterschaft in Pughkeepsie, für die im eigenen Lager echte Konkurrenz erwächst und im Verlauf derer der Trainer Ulbrickson mehr als einmal an seinem Achter verzweifelt. Er glaubt einerseits fest daran, dass ein unglaubliches Talent in dieser Mannschaft steckt, sieht aber auch die Schwierigkeiten, die psychische Instabilität der jungen Männer, die mal wie im Rausch alles hinter sich lassen und beim anderen Mal wie lahme Enten hinterhertreiben.

    Dass dann in Berlin die Organisatoren natürlich (gegen alle üblichen Regeln) für Nachteile sorgen, im Finale der deutschen Achter die beste Bahn zuerkennen (für die die Zeiten im Vorfeld diesen Achter nicht berechtigt haben), dass einiges an Druck sich aufbaut und der scheinbar unmögliche Triumph gelingt, das stellt Brown fesselnd und anschaulich erzählt  als Höhepunkt der Geschichte am  Ende dar.

    Fazit:  

    "Das Wunder von Berlin" mag  den Leser an eine typisch amerikanische Helden-Story a la "Miracle on Ice" mit etwas zu viel Pathos erinnern, dennoch ist es mehr als das - es ist das Streben von neuen jungen Männern, einer Mannschaft mit unglaublichem Teamgeist,  nach sportlichem Erfolg und Lebensglück.

    Daniel James Brown: Das Wunder von Berlin - Wie neun Ruderer die Nazis in die Knie zwangen; Riemann-Verlag, 496 Seiten, 21,99 Euro


  • Inside IS - 10 Tage im Islamischen Staat
    Es ist blanker Hass, der einem aus vielen der 288 Seiten  aus Jürgen Todenhöfers neuestem Werk "Inside IS - 10 Tage im Islamischen Staat" entgegen schlägt. Die Lektüre des Buches lässt mich verstört zurück, teilweise ratlos, teilweise zornig, oftmals kopfschüttelnd. Es ist die krude totalitäre Ideologie des IS, die Rechtfertigung der Taten durch den Koran und es  sind vor allem Sätze wie "Enthauptungen gibt es definitiv. Je nachdem, welches Verbrechen jemand begeht, wird ihm der Kopf oder die Hand abgeschlagen. [...] Bei Christen ist es so, dass sie die Möglichkeit haben, Jizya [eine Schutzsteuer] zu zahlen und den Islam anzunehmen, oder sie werden halt getötet. Ihre Frauen werden dann versklavt. [...] Wir werden nach Deutschland zurückkehren - aber nicht mit Freundlichkeiten, sondern mit der Waffe in der Hand." , die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

    Deutsche IS-Kämpfer im Interview
    Dieser Satz stammt von Abu Qatadah, einem deutschen IS-Kämpfer und überzeugten Jihadisten aus Solingen, der in der Medien-Abteilung des IS arbeitet. Über ihn nimmt Todenhöfer Kontakt  zum IS auf und plant seine zehntägige Reise. Während dieser schildert Todenhöfer Unglaublliches, überlebt manche Situationen nur knapp, wird offen angefeindet, bedroht - immer auf der Suche nach Antworten: Wie mächtig ist der IS wirklich? Welche Motive leiten die Anführer? Was treibt ihre Gefolgschaft zu Greueltaten? Um was geht es dem Westen in diesem Konflikt? Ist Deutschland Terrorziel des IS? 

    Auf manche Frage findet der langjährige Bundestagsabgeordnete, der mit seinem Sohn und dessen Freund reist, Antworten, aber oft bleibt er ratlos und zutiefst erschrocken zurück.
    Doch vielmehr als die Reise selbst fesseln die vorangegangenen Interviews mit zwei deutschen Jihadisten, darunter eben Abu Qatadah alias Christian Emde. Todenhöfer spricht offen, kritisiert, geht auf Konfrontationskurs, überdreht teilweise. Doch es sind nicht die Fragen, es sind die Antworten, die mehr als einige Male schockieren: "Was verstehen Sie unter Vergewaltigung? Das ist immer relativ. Was bedeutet [zum Sex] zwingen? Was bedeutet zwingen, wenn einem diese Frau als Sklavin gehört?" 

    Dramatischer Report
    Todenhöfers dramatischer Report aus dem Herzen des IS-Kalifats ist eine eindringliche Mahnung, einen politischen Ausweg aus der Gewaltspirale zu finden. Dabei ist der Publizist stets um Respekt gegenüber dem Islam bemüht, geht auf dessen Entstehung durch "die Ignoranz des Westens" ein, warnt eindringlich vor den radikalen, unmenschlichen Zielen des IS, für die es keine Rechtfertigung gibt - auch keine islamische.

    Selbstbeweihräucherung hätte man sich sparen können
    Das Buch verstört den Leser, lässt ihn ratlos zurück, lässt in verzweifeln, ist aber fesselnd, spannend und informativ - zumindest meistens: Denn was ich zwischen Seite 32 und 36 zu lesen bekam, hätte mich beinahe dazu veranlasst, das Buch zuzuklappen und wegzulegen. Jürgen Todenhöfers Vita in allen Ehren, aber in einem Kapitel, das "Auf der Suche nach der Wahrheit heißt", eine Selbstbeweihräucherung in diesem Umfang auszubreiten, war mir dann doch zuwider. Da kann Todenhöfer wohl nicht aus seiner "politischen" Haut. Und leider schlägt diese Ader mehrmals zu - auch kurz vor Schluss, wenn Todenhöfer seinen linken Schuh sucht. Ansonsten: TOP! Aber lesen Sie lieber selbst...

    Jürgen Todenhöfer: Inside IS - 10 Tage im Islamischen Staat; 288 Seiten mit Bebilderung, C. Bertelsmann Verlag, 17,99 Euro

  • Andrej Djakow - Die Reise in die Dunkelheit
    St. Petersburg, Jahrzehnte nach dem Atomkrieg: Die Menschen klammern sich in den Metro-Stationen ans Leben. Es gibt auch Kolonien auf den Inseln vor der Stadt, eine davon auf Moschtschny. Als dort Jahre nach dem letzten verheerenden Krieg eine Atombombe detoniert und die Kolonie vollständig auslöscht, überleben nur zufällig einige Seefahrer, die sich jetzt in die Metro flüchten müssen. Die Seeleute vermuten, dass die Metro-Bewohner die Bombe gezündet haben, und drohen, die Stationen anzugreifen. Stalker Taran soll beweisen, dass niemand in der Metro zu einem solchen Attentat in der Lage ist. Doch dann verschwindet sein Ziehsohn Gleb …
    Die Hoffnungslosigkeit entströmt dem Buch "Die Reise in die Dunkelheit" aus allen Seiten - typisch für das Metro 2033-Universum, aber bei Djakow besonders greifbar. Das Land ist verseucht und von Mutanten bevölkert, die Überlebenden vegetieren in Dunkelheit, Armut und unter der Erde vor sich hin. Lebenswert ist etwas anderes. Man hat sich, soweit wie möglich, mit den Gegebenheiten abgefunden und das Beste daraus gemacht. Dennoch nimmt die Zahl der Überlebenden ab und der totale Niedergang ist bereits jetzt abzusehen. In dieses ohnehin schon hoffnungslose Szenario erfolgt für die Überlebenden der nächste Tiefschlag - die völlige Auslöschung der Insel Moschtschny.
    Ein zerstörtes Paradies

    Moschtny, ein Paradies ohne Strahlung, eine nicht verseuchte Insel. Kurz zuvor entdeckt und nun schon ausgelöscht. Nun soll der bereits aus dem vorangegangenen Band (siehe vorangegangene Rezension) bekannte Stalker Taran den Vorfall aufklären. Der nimmt den Auftrag an - widerwillig zwar, denn er kämpft zusehends mit einer Vergiftung, doch die Aussicht auf ein rettendes Medikament treibt ihn an.
    Doch bevor Taran ermitteln kann, wird sein Ziehsohn Gleb entführt. Ab da spaltet
    sich die Geschichte in zwei Teile.
    Der erste handelt von den Erlebnissen Glebs,
    der zufällig das Mädchen Aurora kennenlernt, der zweite Teil von der Suche
    Tarans nach Gleb.

    Bildhaft, fesselnd, ideenreich

    Andrej Djakow schildert gewohnt bildhaft, ideenreich und jederzeit  fesselnd. Setzt ein Handlungsstrang aus, treibt einen die Neugier schnell in den anderen Handlungstran hinein, in der Hoffnung, bald wieder auf die Fortsetzung der abgebrochenen Handlung zu treffen. Geschickterweise hängen beide Stränge eng zusammen und die Lösung des einen, bedingt die Lösung des anderen - irgendwie auch logisch.
    So verstricken sich die drei Protagonisten - der Leser trifft im Buch übrigens auch auf Bekannte aus dem Vorgängerroman - immer tiefer in die Geheimnisse und Verästelungen der Metro. Sie erleben Wendungen, und Schicksalsschläge.
    Djakow gelingt es auch diesmal, trotz aller Abhängigkeit vom Metro-Universum interessante Neuerungen einzubringen - seien es nun neue Monströsitäten oder unbekannte "Stämme" von Überlebenden.
    Fazit
    Ein durchaus lesenwertes Buch - spannend, ideenreich, fantasievoll. Eine würdige Fortsetzung von "Reise ins Licht" und ein Appetizer auf den Abschluss der Trilogie "Hinter dem Horizont".


    Andrej Dajkow, Reise in die Dunkelheit, Randomhouse/Heyne, 14,99 Euro

  • Das Leben des Sonnenkönigs (Kurzrezension zu Mark Hengerer: Ludwig XIV)
    "L'état c'est moi! -  Der Staat bin ich! --- Dieser Satz steht beispielhaft für den Absolutismus, wird mit Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, gleichgesetzt, wobei nicht klar ist, ob dieses Zitat wirklich von ihm stammt.



    Nichtsdestotrotz wurde Ludwig XIV. während seiner 72-jährigen Regentschaft als König von Frankreich zum Inbegriff des absolutistischen Herrschers. Mark Hengerer beschreibt in seiner Publikation "Ludwig XIV", erschienen in der Reihe C.H.Beck-Wissen, das Leben des Sonnenkönigs von der Regentschaft der mächtigen Kardinäle Richilieu oder Mazarin während Ludwigs Kindheit über die Durchsetzung seiner autokratischen Herrschaft bis zum Krieg um das spanische Weltreich.
    Kurz, knapp, informativ
    Wie in einer Ausgabe von Beckschem Wissen erwartbar, schildert Hengerer, Professor für Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, kurz, knapp und informativ die wichtigsten Fakten und geht dann in die Tiefe, wenn es ihm wichtig erscheint. Hengerer zeichnet dabei auf eindrucksvolle prägnante Weise Ludwig XIV. sowohl als Sonnenkönig, als auch als "roi de guerre", Kriegskönig, Kolonialist oder alternden Monarchen. Das auf 120 Seiten zu Wege zu bringen, ist alleine schon eine Leistung. Weiteren Aufschluss über Ludwig XIV. geben die zwar spärliche aber aussagekräftige Bebilderung, eine Zeitalter-Karte Frankreichs mit den wichtigsten Ereignissen der Epoche sowie eine Genealogie im Anhang.
    Fazit
    Hengerers Werk ist ein kleiner feiner Überblick über das Leben und Wirken des Sonnenkönigs, bestens geeignet etwa als einführendes Werk in ein Uni-Seminar oder für eine Proseminar-Arbeit sowie für den Hobby-Historiker zuhause im Lesesessel. 

    Mark Hengerer: Ludwig XIV. - Das Leben des Sonnenkönigs, C.H.Beck, 120 Seiten, 8.95 Euro
     

  • Döner Hawaii - unser globalisiertes Essen
    Marin Trenk zeigt, wie sich in den vergangenen 500 Jahren bis heute nicht nur fremde Lebensmittel und einzelne Speisen, sondern komplette Küchen erfolgreich ausgebreitet haben. Dabei erfährt man, wie heute in anderen Kulturen gekocht wird. Das Buch öffnet uns die Augen für die mitunter sonderbar anmutenden Tabus, mit denen wir manche Speisen belegen. Und es macht Lust, die vielen kleinen kulinarischen Inseln zu entdecken, an denen der Geschmack der Welt bisher vorübergezogen ist. Nicht zuletzt wirft der Autor einen Blick in die Zukunft kulinarischer Entwicklungen.


    "Marin Trenk räumt auf mit lieb gewordenen Vorurteilen über das globalisierte Essen."
    Jutta Hoffritz, Die Zeit, 23.4.2015

    "Trenk weiß, warum sich der Maggi-Brühwürfel selbst in Westafrika durchsetzte (Faszination des weißen Lebensstils) und wieso ein Chicken Tikka Masala, ein Hühnchen in Tomatensoße, den Sieg Großbritanniens über die einstige indische Kolonie symbolisiert (ein Brite bestand auf viel Soße)."
    Katja Thimm, Der Spiegel, 14.3.2015


    Nahe meiner Wohnung hat im beschaulichen Städtchen, in dem ich wohne, gerade die internationale Küche Zuwachs bekommen. Ein portugiesisches Restaurant hat seine Pforten geöffnet. Nebendran ist ein Italiener, wiederum daneben ist gerade ein Tapas-Restaurant im Entstehen, wiederum daneben gibt es im Bistro Steak und Burger, keine hundert Meter entfernt ein Serbe und zum McDonalds kann man den Blick von dessen Dachterrasse ebenfalls schweifen lassen - man isst, auch im beschaulichen Niederbayern, international. Nur ein Running-Sushi fehlt uns noch und der Mexikaner ist eingegangen.

    Mediterran statt Eisbein

    Mitte der 60er-Jahre waren Eisbein und Schweinshaxe noch die Leib- und Magenspeise der meisten Deutschen. Heute schütteln sich viele seiner Studenten, wenn sie nur davon hören, sagt Autor Marin Trenk, Ethnologieprofessor an der Uni Frankfurt.

    Mediterran zu essen, sei dagegen in. Und als Imbiss ist der Döner nicht zu schlagen. Deutsches Essen mit Migrationshintergrund! Selbst in die Tiefkühlregale ist Exotik eingezogen oder zumindest das, was exotisch klingt, wie zum Beispiel: die "Mexiko-Pfanne" - die man so im Land der Maya nie finden werde, sagt Trenk. Ebenso wie die Karibik-Pfanne - ein Hauch von Kokos verleiht Exotik -  in der Karibik.

    "Döner Hawaii"  ist  in drei Kapitel aufgeteilt: Das erste Kapitel stellt drei wesentliche Wellen der kulinarischen Globalisierung vor (Kolumbus, den Kolonialismus, und die Ethnofood-Welle). Im zweiten Kapitel wird Ethnofood eingehender betrachtet. Trenk wnadert dabei durch die südeuropäischen Küchen (italienisch, jugoslawisch, türkisch etc.), hält sich in Asien auf (chinesisch, thailändisch, japanisch) und schweift dabei auch durch den Rest der Welt (nord-, mittel- und südamerikanisch, afrikanisch etc.). 

    Kochshows sehen?  JA! Selbst am Herd stehen? NEIN!

    Das ist essenziell für seine drittes Kapitel - ich nenne es, die Abrechnung, die Vision oder Alltagsschau - Trenk nutzt seinen selbst kreierten Begriff „Gastro-Anomie“ und beschreibt die die unübersichtliche, gegenwärtige Kulinariksituation. Kritik bleibt da natürlich nicht außen vor: Seit Jahren werfen zwar unzählige Starköche und solche, die es gerne wären, ebenso viele Kochbücher auf den Markt und ergehen sich in  Kochshows, aber es werde gleichzeitig immer weniger oder gar nicht mehr an den heimischen Herden gekocht. Und falls mal doch, dann meist überkandidelt, in teuren Küchen und nur mit hochwertigstem Equipment, schwer erhältlichen Zutaten und ausgefallenen Rezepten und Zubereitungsmethoden. Immer neuere kulinarische Trends lösen sich immer schneller gegenseitig ab, Standort und Saison spielen kaum noch eine Rolle, alle möglichen Zutaten sind fast überall und oftmals in guter bis bester Qualität erhältlich, regionale Zubereitungstraditionen werden von globalisierten in den Hintergrund gedrängt und geraten zunehmend in Vergessenheit, schimpft Trenk.  Neue Speisekonventionen (Allergien, Intoleranzen, Veggie, Vegan, keine Innereien, nur mageres Fleisch, kurze Zubereitungszeiten, zuckerarm, saisonal, regional, bio etc.) erzeugen höchst individuelle Menü-Pläne in deutschen Städten und Dörfern. Auf der anderen Seite ist Convenience- und Fastfood bei den deutschen Möchtegern-Gourmets allgegenwärtig - und weiterhin auf dem Vormarsch.

    Anekdoten, die manchem zu viel werden

    Trenk würzt seine Beobachtungen mit zahlreichen Anekdoten - spricht etwa von Kakao als Aphrodisiakum oder einem Fauxpas von Hemut Kohl in China - und weiß den Leser vor allem in den ersten beiden Kapiteln zu überzeugen. Das sagt zumindest Jakob Strobel y Serra von der FAZ: "Der historische Teil über die Globalisierung des Essens nach der Entdeckung Amerikas ist spannend und schwungvoll geschrieben. Doch der Rest des Buches stochert mitunter ziellos im großen kulinarischen Globalisierungtopf herum und wird mit jeder Seite anekdotischer, sprunghafter, fahriger. Und wenn der Ethnologe erst zum Völkerpsychologen wird, um uns unsere Esssitten zu erklären, wird das Eis ganz schnell ganz dünn."

    Dem muss ich teilweise entgegentreten: Es kommt auch darauf an, wie man dem Trenkschen Werk entgegentritt. Wer eine wissenschaftliche Abhandlung erwartet oder gar voraussetzt, der wird enttäuscht werden. Wer Information verpackt in launige Unterhaltung sucht, der bekommt genau das. 

    Marin Trenk: "Döner Hawaii - unser globalisiertes Essen; Klett-Cotta, 297 Seiten, 17.95 Euro 

  • Ein Video zur "Gebrauchsanweisung für den FC Bayern" - damit jeder auch weiß, welches Tor Helmut Krausser geradezu besingt!

  • Gebrauchsanweisung für den FC Bayern
    Der FC Bayern München ist wieder deutscher Meister, spielt aber, wenn man einigen Medien glauben schenkt, keine gute Saison. Das Aus im Champions League Halbfinale gegen Barca und im DFB-Pokal gegen Dortmund schmälere die Leistungen der Bayern. Sicher, der FCB setzt selbst hohe Ansprüche an sich, aber das Triple zu erwarten, ist dann doch weit hergeholt. Das denkt sich auch Helmut Krausser, der mit seinem Werk "Gebrauchsanweisung für den FC Bayern" seine schonungslose Liebe zum Rekordmeister offenbart, Kritikern den Wind aus den Segeln nimmt und Bayern-Fans für immer wieder geartete Rechtfertigungen gegenüber anderen Fußballfans Futter gibt.


    Foto: Piper Verlag
    Krausser wuchs nahe dem Olympiastadion auf, ist seit jeher treuer Bayern-Fan und weiß noch genau das Datum, an dem seine Liebe für den Münchner Vorzeigeklub entbrannte - der 31. August 1974 beim Heimspiel des FCB gegen Hertha BSC Berlin:
    "Seither ist viel Wasser die Isar hinabgeflossen. Das Spiel hat undenkbare und unheimliche Dimensionen erreicht - und nicht alles daran gefällt mir. Aber bis heute bin ich für eines außerordentlich dankbar: quasi neben dem Olympiastadion aufgewachsen zu sein in jenen großartigen Jahren, denn von daher benötige ich keine, aber auch nicht die geringste Erklärung oder gar Entschuldigung dafür, Fan dieses Vereins zu sein, der einen zur Ekstase wie zur Weißglut bringen kann, der polarisiert wie kaum sonst etwas auf der Welt."

    Das kleine, aber feine Büchlein mit knapp 200 Seiten ist in fast 40 Kapitel zu vielen verschiedenen Facetten des FC Bayern unterteilt. Krausser widmet sich darin natürlich den großen Spielern und den Trainerlegenden des Vereins, darüber hinaus aber auch Immateriellem wie dem Bayern-Dusel, dem "Mia san mia"-Gefühl oder dem Hass, dem man als Bayern-Fan unweigerlich ausgesetzt ist. Selbst für den kürzlich zurückgetretenen Mannschaftsarzt des FC Bayern hat er ein eigenes Kapitel reserviert, die Spielerfrauen unterschlägt Krausser ebenso wenig wie diejenigen Spieler des FC Bayern, die keine einzige Pflichtspielminute in der Bundesliga absolvieren durften. Ihnen setzt er mit einer eigenen Seite quasi das Denkmal für den unbekannten Spieler. Er behandelt die bayerische Transferpolitik, schreibt über Spaßvögel und unfreiwillige Clowns und lässt auch dunkle Kapitel des Vereins nicht außen vor.
    Eine gewollt höchst subjektive Darstellung
    Die "Gebrauchsanweisung für den FC Bayern" ist beileibe keine weitere Zusammenstellung der Erfolge und der größten Spieler des Vereins. Stattdessen wird in Kraussers Ausführungen ganz im Sinne der "Gebrauchsanweisungen" deutlich, dass es sich hierbei um die höchst subjektive Einschätzung eines einzelnen Menschen geht. Krausser spült nicht weich, sondern nennt seine persönlichen Favoriten klar beim Namen. Aus der Perspektive eines im Jahre 1964 Geborenen ist es daher völlig nachvollziehbar, dass er "Katsche" Schwarzenbecks 40-Meter-Kracher aus der Nachspielzeit der Verlängerung des 74er-Europapokalfinals der Landesmeister als das wichtigste Tor des FC Bayern bezeichnet. Schließlich begann mit dem dadurch erzwungenen und wenige Tage später stattfindenden Wiederholungsspiel der erste Siegeszug der Bayern durch Europa.
    Wunderbares Lesevergnügen
    Krausser schafft mit seinem Büchlein ein wunderbares Lesevergnügen, das auch für den eingefleischten Bayern-Fan interessante neue Ansichten enthält und nicht nur ebenjenem gefallen dürfte. Es ist eine augenzwinkernde Verneigung vor dem FCB, dem Stern des Südens, dem lukrativen Wirtschaftsunternehmen und Synonym für bayerischen Nationalstolz.

    Helmut Krausser: Gebrauchsanweisung für den FC Bayern, Piper-Verlag, 200 Seiten, erschienen März 2015, 14,99 Euro




  • Buchtipps vom Profi
    In unregelmäßigen Abständen wird an dieser Stelle Christiane Lettow-Berger, Inhaberin des Buchladens am Alten Markt in Kelheim sowie aktiv beim  Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Buchtipps zu Neuerscheinungen geben. Bei ihrer Premiere in der Wühlkiste hat sie sich auf vier Werke gestürzt:
     Christiane Lettow-Berger

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    Siri Hustvedt, Die gleißende Welt


    "Die gleißende Welt" ist der Titel eines utopischen Romans von Margaret Cavendish, die im 17. Jahrhundert als eine der ersten Frauen überhaupt unter ihrem eigenen Namen publizierte. Als frühe Universalgelehrte ist sie Vorbild und Idol von Harriett Burden, der Witwe eines einflussreichen New Yorker Galeristen. Nach dessen vorzeitigem Tod in den siebziger Jahren beginnt Harriett - in der öffentlichen Wahrnehmung nichts als die Frau an der Seite des berühmten Mannes, aber in Wahrheit hochtalentiert - ein heimliches Experiment: eine Karriere als Installationskünstlerin, die sich hinter dem angeblichen Werk dreier männlicher "Masken" verbirgt, das in Wahrheit sie selbst erschaffen hat. Doch der Faustische Handel schlägt fehl - einer dieser Maskenmänner, selbst ein bekannter Künstler, durchkreuzt ihr Rollenspiel und setzt sein eigenes dagegen, und es kommt zum Kampf zweier großer Geister.

    Siri Hustvedt, geboren in Northfield, Minnesota, studierte Literatur an der New Yorker Columbia University und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Sie lehrt an der psychiatrischen Abteilung des Weill Medical College in Cornell und lebt in Brooklyn und ist mit Paul Auster verheiratet. Bislang hat sie sechs Romane publiziert, mit "Was ich liebte" hatte sie ihren Durchbruch. Zugleich ist sie eine profilierte Essayistin. Bei Rowohlt liegen von ihr die Essaybände "Leben, Denken, Schauen", "Nicht hier, nicht dort" und "Being a Man" vor. Zuletzt erschienen die internationalen Bestseller "Die zitternde Frau" und "Der Sommer ohne Männer".

    Lettow-Bergers Einschätzung:

    „Siri Hustvedts Roman ächzt bisweilen erheblich unter seinem geballten Bildungs- und Bedeutungsanspruch und dennoch hat der Weg durch dieses Erzähllabyrinth seinen Reiz,“ so konstatiert Claus-Ulrich Bielefeld vom kulturradio des RBB richtig. Aber die lustvolle, genaue Beschreibung des New Yorker Kunstbetriebs macht Spaß. Und dann geht es natürlich um die Frage inwieweit Geschlecht, Rasse oder sexuelle Orientierung über Erfolg oder Misserfolg in der Gesellschaft (Kunstmarkt) entscheiden.
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    Martin Walker, Provokateure, Der siebte Fall für Bruno, Chef de police

    Saint-Denis im Périgord ist ein Sehnsuchtsort für viele. Auch für einige, die hier aufgewachsen sind. Doch als ein autistischer Junge aus Saint-Denis auf einer französischen Armeebasis in Afghanistan auftaucht und nach Hause möchte, ist unklar, ob als Freund oder Feind. Dies herauszufinden ist die dringende Aufgabe für Bruno, Chef de police, ehe sich verschiedene Provokateure einmischen und alle in tödliche Gefahr bringen können.

    Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und war 25 Jahre lang Journalist bei der britischen Tageszeitung ›The Guardian‹. Er ist im Vorstand eines Think Tanks für Topmanager in Washington, den er sieben Jahre präsidierte, und ist außerdem Senior Scholar am Woodrow Wilson Center in Washington DC. Seine ›Bruno‹-Romane erscheinen in fünfzehn Sprachen.


    Lettow-Bergers-Einschätzung:
    Gute Urlaubslektüre, spannend, kulinarisch und politisch. Walker ist ein sehr sympathischer Autor. Es gibt auch ein ganz schönes Kochbuch von ihm, das letzten September auch im Diogenes Verlag erschienen ist :Brunos Kochbuch: Rezepte und Geschichten aus dem Périgord

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    Saphia Azzedine, Mein Vater ist Putzfrau


    Was tut ein vierzehnjähriger Pariser Vorstadtjunge aus prekären Verhältnissen abends in der Bibliothek? Er hilft seinem Vater, der den Lebensunterhalt der Familie als Putzkraft verdient, und wischt Staub von den Büchern. Hin und wieder schlägt er eines auf, lernt neue Wörter und lacht sich kaputt. Eigentlich gibt es nichts zu lachen in der Pariser Banlieue. Paul, genannt Polo, ist ziemlich klein, hässlich, weiß und arm. Seine Mutter klebt krank und bewegungslos vor dem Fernseher, die ältere Schwester sorgt sich um ihre Fingernägel und träumt davon, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. In der Schule sind alle cooler als Paul und wenn schon nicht reich, dann wenigstens arabisch, jüdisch oder schwarz. Mit dem Vater, der sich nie beklagt und alle Demütigungen mit geradem Rücken wegsteckt, kann Paul gut reden – und schweigen. Von Priscilla erzählt er lieber nichts und auch nicht von Sylvie, die seinen Kopf und seine Hände beschäftigen … Auch dass er sich längst nicht mehr um den Staub auf den Büchern kümmert, sondern begonnen hat, sie zu lesen, behält Paul vorerst für sich.

    Saphia Azzeddines erzählt leichthändig und schnell eine liebevolle Vater-Sohn- Geschichte voller Situationskomik und Galgenhumor.
    Ein unterhaltsamer, ironischer Bildungsroman über das bittere Leben am gesellschaftlichen Rand, der fest daran glaubt, dass nichts verloren ist, solange man Bücher hat.

    Saphia Azzeddine, 1979 in Agadir, Marokko, geboren, zog mit neun Jahren nach Frankreich. Sie  studierte Soziologie, verbrachte ein Jahr in Houston, arbeitete als Diamantschleiferin in Genf und etablierte sich dann als Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Ihr erster Roman Zorngebete
    wurde bereits als Theaterstück inszeniert und ins Spanische, Italienische und Schwedische übersetzt.
    Die Verfilmung ihres zweiten Romans Mein Vater ist Putzfrau war auch in den deutschen Kinos zu sehen.

    Lettow-Bergers-Einschätzung:

    Leicht und locker erzählt, ging mir unter die Haut, ist schnell gelesen, aber lässt einen nicht so schnell los.
    ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Irina Korschunow, Das große Buch vom Wuschelbär, Alle Abenteuer vom Wuschelbär

    Endlich liegen beide Wuschelbär-Bände in gebundener Form wieder vor. Benjamin und sein Wuschelbär sind unzertrennlich. Doch eines Tages fischt Wuschelbär ein weißes Ding aus dem Bach, einen völlig durchnässten Teddybären. Benjamin sorgt sich um ihn und schon bald hat er ihn ebenso lieb wie seinen Wuschelbär. Aber Wuschelbär will keinen Bruder haben! Eine Eifersuchtsgeschichte, wie viele Kinder sie selbst erleben, sehr einfühlsam beschrieben. Meine Tochter hatte, als ich ihr vor 24 Jahren den Wuschelbär vorlas, immer Tränen in den Augen.

    Irina Korschunow stammt aus einer deutsch-russischen Familie. Sie wurde am 31. Dezember 1925
    in Stendal geboren und ist auch dort aufgewachsen. Sie studierte Germanistik in
    Göttingen und schrieb sich vor allem mit ihren Kinderbüchern in die Herzen ihrer Leser. Am 31. Dezember 2013 ist sie in München verstorben. Als Kinderbuchautorin wurde sie zunächst durch ihre "Wawuschel"-Bände bekannt. Neben zahlreichen weiteren Kinderbüchern, die in viele Sprachen übersetzt und vielfach mit
    Preisen
    bedacht worden sind, wurden besonders ihre Erstlesetexte "Hanno malt sich einen Drachen" (dtv junior 7561) und "Der Findefuchs" (dtv junior 7570) große Erfolge und zählen längst zu Klassikern ihres Genres. Bei ihren Kinderbüchern arbeitet Irina Korschunow gern mit dem renommierten Illustrator aus Kelheim Reinhard Michl zusammen.

     

  • Der erste Popstar des internationalen Fußballs - und wie er daran zerbrach
    "Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst." - Dieses Zitat ist untrennbar mit der Person George Best verbunden. In den Köpfen hängengeblieben ist der Nordire als Exzentriker, Alkoholiker, Frauenheld und Ausnahmefußballer - nun beweist Dietrich Schulze-Marmeling in der Biografie "George Best - der ungezähmte Fussballer", dass auch er als Biograph zwar nicht an Bests Eskapaden und Skandalen vorbeikommt,  aber hinter dem Fussballer Best ein teils schüchterner, depressiver, innerlich zerrissener und tiefgründiger Mensch steckt, der an seiner eigenen Popularität zerbrochen ist. Schulze-Marmeling, ausgewiesener Kenner und Biograf des Fußballs, seiner Vereine und Idole, schildert in diesem Buch auf dem Hintergrund des Nordirland-Konflikts, der George Bests Leben mitprägte, den Aufstieg und den Fall eines Fußballers, der wie kein anderer vor und nach ihm den Traum vom authentischen Fußball und die Sehnsucht nach einem freien Lebensstil verkörperte.


    Foto: Die Werkstatt 
    Ich selbst habe George Best nie spielen sehen, kenne ihn nur aus seinen zahlreichen kruden Zitaten - doch nach der Lektüre von Dietrich Schulze-Marmelings Biographie, denke ich anders über den Ausnahmefußballer und Menschen aus Belfast. 

    Best wäre heute wohl unbezahlbar, auf einer Stufe mit Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Zumindest wenn man den Lobeshymnen glauben darf: Pelé: "Er war der beste Spieler, besser als ich." Best wäre heute millionenschwer, er wäre wohl aber dennoch anders als Messi  Co.: Er wäre ein Typ, ein Mensch, der seine Meinung sagt und eventuell würde er heute nicht mehr an seiner Popularität zerbrechen - denn damals war er alleine damit, heute wäre er einer unter vielen.
    Ein schüchterner Junge mit guten Manieren
    Schulze-Marmeling steigt  in seiner Biographie in Best Kindheit ein, erzählt von einem guten Schüler mit guten Manieren, zugleich aber einem unsicheren Jugendlichen und jungen Mann, der mit 15 Jahren von zu Hause auszieht und bei Manchester United sein Glück sucht. Das er dort auch findet: Von 1953 bis 1974 trägt er das Trikot der Red Devils, absolviert 470, erzielt 179 Tore. Sein Stern leuchtet am hellsten, als er 22 Jahre alt ist - 1968 holt er den Pokal der Landesmeister, wird Englands und Europas Fußballer des Jahres. Doch schon damals beginnen seine Probleme.
    Geld, Frauen, Alkohol, schnelle Autos - sein Ruhm steigt Best zu Kopf. Er schwänzt Trainings, verpasst Spiele, weil er sich mit Schauspielerinnen oder Models ein Wochenende lang in Hotelbetten vergräbt.
    Best ist depressiv, verkündet mehrmals seinen Rücktritt, nimmt sich wochenlange Auszeiten, wird oft gesperrt. Er ist ein überforderter Popstar, tingelt nach seinem Abschied von Manchester United von 1974 bis 1986 über vier Kontinente und elf Teams. Er säuft weiter, wird spielsüchtig und entflieht der Realität. "Als ich in den Vereinigten Staaten spielte, wohnte ich in einem Haus direkt am Meer. Ich war nie im Wasser. Auf dem Weg war eine Bar", sagt er oder: "Ich habe mit dem Trinken aufgehört. Aber nur wenn ich schlafe." Er ist ständig betrunken, sogar bei Fernsehauftritten.
    Letztlich geht er daran zu Grunde, stirbt mit 59 Jahren 2005 an Leberversagen. 
    Die andere Seite des George Best
    Das ist der George Best, wie ihn viele kennen, doch Schulze-Marmeling weiß mehr, analysiert Bests Spielkunst, seine überragenden technischen Fähigkeiten, seine Dribblings, seine individuellen Coups. Dem rustikalen Spiel der 60er und 70er scheint Best einen Schritt voraus. Zugleich geht der Autor aber auch auf den nordirischen Bürgerkrieg ein, Bests Gefangenheit darin, auch wenn er neutral blieb, Mordrohungen  gegen ihn, Todesfälle in seiner Familie, ständigen Polizeischutz. Der Protestant Best zerbricht auch daran - er macht sich Vorwürfe, dass aufgrund seiner Bekanntheit seine Familie leiden muss. 
    Schulze-Marmelings Werk liest sich trotz biographischer Detailtreue mehr wie eine fantastische Erzählung, denn als eine Biographie, ist spannend aber aufschlussreich. Er vermittelt Erkenntnisse, die über die gängige Best-Mythologie hinausgehen. 
    Die beste Zusammenfassung seines Werkes und auch der Person George Best liefert der Autor selbst in den letzten drei Zeilen der Biographie: "George Best hat sich die Freiheit genommen, zu fliegen. Auf dem Platz und im übrigen Leben ist er auf seine radikale Art authentisch geblieben. Auch wenn er wusste, dass dafür ein Preis zu zahlen war.

    Dietrich Schulze Marmeling: George Best - Der ungezähmte Fussballer, 272 Seiten, Paperback; Verlag: Die Werkstatt; 16,90 Euro.
  • Gefährliche Frauen sind wie eine Schachtel Pralinen 
    "Dangerous Women", der Originatitel der Anthologie von George R. R. Martin und Gardner Dozois trifft das Thema weit besser, als der im Deutschen adaptierte Titel "Königin im Exil". Denn es geht schlicht und einfach um gefährliche Frauen - Kriegerinnen, Königinnen, Zauberinnen, Kopfgeldjägerinnen, junge und alte, schöne und hässliche Frauen. In 21 Kurzromanen erzählen Autorengrößen wie Brandon Sanderson, Joe Abercrombie, Diana Gabaldon oder George R. R. Martin selbst Geschichten von tödlichen, wagemutigen oder verräterischen Weibsbildern.


    Eins vorweg: Ich habe nicht alle Geschichten gelesen, mir nur gut die Hälfte der 1120 Seiten zu Gemüte geführt. Den Rest werde ich aber nachholen. Und: Ich war teils gefesselt und begeistert, lechzte nach mehr, war aber auch teils enttäuscht - allerdings sehr selten. Lassen Sie es mich mit einem abgewandelten Forrest Gump-Zitat ausdrücken: "Dieses Buch ist wie eine Schachtel Pralinen - man weiß nie, was man kriegt." Gut, das mag auf jedes Buch zutreffen, aber für dieses im Besonderen.

    Der Einstieg fiel mir leicht: Gleich zu Beginn findet sich mit Joe Abercrombies "Welch ein Desperado"  eine Geschichte eines meiner Lieblings-Fantasy-Autoren - und sie hält, was der Name des Autors  verspricht. Der Erschaffer der "Klingen-Romane" beweist seine Qualität, erzählt von einer Gejagten jungen, hoffnungslosen, verletzten Frau. Dabei spielt er mit einer Verwebung der Klingen-Welt mit dem Wilden Westen - bombastisch.

    Auch meine zweite Wahl, Brandon Sandersons Kurzroman "Schatten für Stille in den Waldungen der Hölle" hat mich gefesselt. Der Ideenreichtum Sandersons - aus seiner Feder stammen die "Nebelgeborenen" - ist phänomenal. Das Szenario in der von mysteriösen und von gefährlichen Schattenwesen durchstreiften Wildnis der Waldungen ist spannend und voller unerwarteter Wendungen. Und wie sollte es anders sein, spielt wie bei den "Nebelgeborenen" ein Metall wieder eine tragende Rolle.  

    George R. R. Martin enttäuscht mich

    "Zweite Arabesque", von Nancy Kress - eine düstere Endzeit-Geschichte - erzählt aus der Sicht einer alten Frau ist absolut lesenswert. Trotz der schlimmen Umstände in der apokalyptischen Welt, schafft es die Autorin die Hoffnung auf Schönheit zu wecken. Ihre Protagonistin ist eine ungewöhnliche, aber starke Frau und das Ende ist authentisch und emotional. 

    Auch Megan Abbott, Sharon Kay Penman und Megan Lindholm wissen, den Leser zu verzaubern und tief in ihre Story zu ziehen. Enttäuscht war ich hingegen von George R. R. Martin. Der Herr über "Das Lied von Eis und Feuer" schreibt seinen Kurzroman als eine Art Chronikeintrag. Er erzählt in "Die Prinzessin und die Königin" vom Thronkrieg bzw. Bürgerkrieg in den Sieben Königslanden zwischen den Targaryens etwa 130 Jahre nach der Herrschaft von Aegon dem Eroberer. Drachenkämpfe sind an der Tagesordnung und bieten Potenzial, doch die schier unglaubliche Menge an Namen, Adelshäusern, Bastarden und unterschiedlichen Targaryen-Sprösslingen verdirbt einem die Lust am Lesen. Irgendwann wusste ich vor lauter Namen nicht mehr, wem ich diesen Drachen oder jenen Adligen zuordnen musste. Das hätte Martin eleganter lösen können - die Fantasie dieses Mannes ist aber wieder einmal mehr als bewundernswert.

    Fazit: Dennoch - und das ist der Sinn einer Kurzromansammlung - landen wir am Ende wieder bei Forrest Gumps Pralinenschachtel. Auch beim Griff in diese, kann man mal daneben liegen, hat aber die Möglichkeit, sich gleich wieder eine neue herauszupicken. Abschließend - oder besser gesagt nach der Hälfte des Werkes - behaupte ich, dass "Königin im Exil" eine wunderbare Kurzroman-Sammlung ist: Abwechslungsreich, auf kein Genre festgelegt, überraschend und besonders. Es ist toll zu sehen, dass nicht alle Heldinnen und starken Frauen, Anfang 20, super athletisch, wunderschön und sexy sein müssen. 

    George R. R. Martin, Gardner Dozois: Königin im Exil und 20 weitere Kurzromane; Originaltitel: Dangerous Women; Paperback Klappenbroschur, 1120 Seiten; Blanvalet; 16,99 Euro.
  • Wolfram Pyta, Hitler - Der Künstler als Politiker und Feldherr - eine Herrschaftsanalyse
    Am 8. Mai jährt sich das Ende offizielle des Zweiten Weltkriegs das 70. Mal. Das ist aber nicht der Grund, warum Wolfram Pyta, Professor für Neuere Geschichte und der Leiter der Abteilung für Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart, seine Monographie über Adolf Hitler publiziert. Vielmehr will er in der "überforschten Person Hitler" eine weitere Facette aufzeigen, "Schneisen durch das Dickicht der Forschung schlagen", wie er selbst im Vorwort sagt. Pyta nutzt für seine Herrschaftsanalyse den Blickwinkel auf die "radikale Anwendung ästhetischer Prinzipien, die Ästhetisierung der Politik" durch den Diktator und die NSDAP.

    "Der Künstler als Politiker und Feldherr" wirft  einen frischen, unverbrauchten Blick auf die Herrschaft Hitlers und zeigt dabei den Aufstieg des "brotlosen Künstlers" zum allmächtigen Diktator. Pyta zeigt anhand verschiedener Facetten, wie Hitler seine Massengefolgschaft fand. Dem verhinderten Theaterarchitekten und Wagnerianer aus Braunau half dabei vor allem die konsequente Inszenierung seiner politischen Auftritte.

    Essentiell war dabei Hitler als Redner, was Pyta im Kapitel "Am Anfang war das Wort: der Redekünstler" schildert. Er streift dabei Hitlers komplette politische Vita: Von dessen Anfängen als Redner in kleinen Sälen und Wirtschaften, in denen Hitler instinktiv die Gesetze der Rethorik beherzigte und mit wenig Gestik seine Stimme als Alleinstellungsmerkmal nutzte, über seine Kriegsreden, de sich meist gegen Winston Churchill richteten, bis hin zu Hitlers Reden über den Volksempfänger, bei denen laut Pyta, "der Funke nicht mehr überspringt". Hitlers Reden seien nicht als reiner Text zu betrachten, wichtig sei nicht unbedingt was er sagte, sondern wie er es sagte, schreibt Pyta.

    Durch Hitlers zahlreiche Reden, gerade im Wahlkampf lief der Diktator laut Pyta Gefahr, "seine Stimme durch die häufigen Auftritte so zu ramponieren, dass ihre Wirkung am Ende eines Redemarathons durch Heiserkeit und Rauheit erheblich eingeschränkt war". Deshalb holte sich Hitler Hilfe, engagierte Sprecherzieher -  mit mehr oder weniger Erfolg. Letztlich verlor Hitler, auch durch die gegen Kriegsende immer mehr fehlende öffentliche Präsenz und militärischen Misserfolge auch seine Anziehungskraft als Redner. "Hitlers Reden verlieren an Mobilisierungskraft", schreibt Pyta, Hitler habe sich "mit der Rolle des Vorlesers im Radio" abgefunden.

    Als ein weiteres Standbein von Hitlers Politik sieht Pyta das "Genie als Charisma-Ergänzung", dem er ein Kapitel widmet, aber auch zum Ende der Monographie auf den "Genieverfall" eingeht. Der Diktator als überhöhte Person, als Genie, wird vor allem durch militärische Erfolge gespeist. Der Geniekult, der auch auf die Architektur und öffentlichen Inszenierungen Einfluss nimmt, verleiht Hitler die nötige Legitimation für seine totalitäre Herrschaft. Denn anders als der Redner Hitler muss das Genie nicht ständig auf- oder vor Augen geführt werden. "Hitler rückte damit in eine Traditionsreihe ein, die durch Bismarck geprägt wurde. Bismarck verkörperte das staatsmännische Genie par excellence. [...] Hitler erwarb sich dieses Prädikat auch bei Menschen, die anfänglich seiner Bewegung skeptisch gegenüberstanden." Doch der Geniekult weicht auf, je näher die Front an Deutschland rückt. Das Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944 belebt den Kult, die "mirakulöse Erretung des Führers" wird ausgeschlachtet.  "So blieb selbst ein Hitler, der kommunikative Abstinenz praktizierte und eine Kette militärischer Niederlagen zu verantworten hatte, bis in seine letzten Monate ein Herrscher, der auf umfassende Gefolgschaftstreue bauen konnte", schreibt Pyta.

    Pytas Monographie ist eine wissenschaftliche Abhandlung, will kein Besteller sein. Pyta führt vor Augen, dass der Diktator und militärische Führer Hitler ohne sein für sich reklamiertes Künstlertum nicht zu verstehen sind. Wie schreibt etwa Rainer Volk beim SWR: "Auch wenn die Ausführung Längen hat: Wolfram Pyta überträgt seinen "Überbau" konsequent auf die Untersuchungsfelder Politik und Militär: Der Möchte-Gern-Architekt, der sich zum "größten Festungsbauer aller Zeiten" aufschwingt, der Feldherr, der am Kartentisch sein Gefühl für Raum und Landschaft der Kriegführung überstülpt, Millionenheere bis zum Untergang kommandiert, weil sein Tatgenie Generalstabs-Wissen übertrumpft all das ist intellektuell anregend, wird in der Fachwelt vermutlich heftig analysiert werden und könnte die ewige "Wie-konnte-das-passieren"-Debatte wirklich beleben."

     Wolfram Pyta, Hitler - Der Künstler als Politiker und Feldherr - Eine Herrschaftsanalyse, Siedler, 848 Seiten, gebunden, ca. 40 Euro.


     

     

  • Gute Ideen, aber mitunter etwas träge...
    Eins vorweg: Brian Staveleys Debüt-Roman "Der verlorene Thron", ist keineswegs schlecht, die Lobeshymnen auf dem Buchrücken und vor allem der Verweis auf "Game of Thrones" sind aber eine Hypothek, der das Fantasy-Epos leider nicht ganz gerecht wird.

    Denn zwar hat Staveley eine bemerkenswerte Fantasie, schafft eine wunderschöne Welt, hat gute Ideen für seine Charaktere, erzählt gut lesbar und zum Ende hin auch fesselnd, aber leider vor allem im Anfangsdrittel etwas träge. Bis etwa Seite 250 hatte der Lesestoff etwas leicht Quälendes an sich: Die Ausbildung der Thronerben Valyn zu einem Elite-Soldaten, einem sogenannten Kettral sowie die des älteren Bruders Kaden zum Schin-Mönch und Kaiser ist teils etwas langatmig. 



    Dazu kommt, das ist Jammern auf hohem Niveau, dass es viele Ideen eben so oder so ähnlich schon mal gab. Elitesoldaten, asketische Mönchskulte, alte, längst vergangene Völker, die wieder an die Macht wollen - das alles gab es irgendwie irgendwo schon einmal. Aber wie gesagt, das Rad neu zu erfinden, ist nicht einfach. Zudem wartet Staveley mit starken Ideen wie etwa dem Reisen durch Dimensions-Tore - klassisches Beamen oder Stargate - auf, was aber nur in dem Zustand der völligen Leere, der sog. Vaniate möglich ist. Stark! Auch die Kettral, die analog zu modernen Spezialeinheiten aus der Luft per riesigem Flugvogel an den Einsatzort gebracht werden - und besonders deren detailreiche Beschreibung, sind ein Pluspunkt. Auch die Erhöhung des Charakters Valyn durch den Verzehr eines besonderen Reptilien-Eis,  hat mir gut gefallen.
    Negativ ist aber anzumerken, dass die falsch gelegten Fährten der Verschwörung gegen die kaiserliche Familie meist zu leicht durchschaubar sind. Überhaupt kommt die Verschwörung etwas zu kurz.
    Doch das größte Ärgernis wartet am Ende des Buches - der Hinweis auf einen Nachfolgeband! Damit hatte ich nicht gerechnet und auch nicht vor, noch einen Staveley-Band zu lesen, auf den ich nun ja gewissermaßen doch warten muss...

    ABER: Darin liegt auch die große Chance des Autoren. Er kann es besser machen. Er kann die Erzählstränge zusammen und wieder auseinander laufen lassen. Er kann mehr über die Csestriim - die Bösen im Epos - erzählen, den Charakteren mehr Tiefe geben.
    Wofür er wohl nichts kann, ist der hinkende Vergleich auf dem Buchrücken mit Game of Thrones. Das ist zum einen schade, weil mittlerweile jeder Fantasy-Autor marketingtechnisch irgendwie in die Nähe von George R. R. Martin gerückt wird und diesem Vergleich selten standhalten kann, zum anderen hoffe ich, dass Staveley nicht wie Martin ist. Nämlich, dass er seine Fans ewig warten lässt und mit zig Büchern, die er zwischen die sehnlichst erwartete Fortsetzung seines Epos schiebt, den Fan zur Melkkuh macht.

    Sei es drum. "Der verlorene Thron ist ein solides, nein, ein gutes Fantasybuch, auf dessen zweiten Teil (Veröffentlichung 9. November) ich wohl, trotz der Negativ-Beispiele, nicht verzichten werde. Ich hoffe nur dass die Reihe nicht Martinssche Dimensionen annimmt.

     BRIAN STAVELEYDer verlorene Thron; Originaltitel: The Emperor's Blades - Chronicle of the Unhewn Throne; Verlag: Heyne; ca. 15 Euro; 752 Seiten, Paperback

  • Juhuu, mein Blog wird gelesen!
    Mein Literatur-Blog läuft seit einigen Tagen und wird GELESEN! 227 Besucher waren es Punkt 12.54 Uhr, am 29. April - nicht die Welt, aber dennoch. Stolz machte mich aber heute morgen unsere Redaktions-Sekretärin - mit einem Päckchen in der Hand, adressiert an "Bennis Wühlkiste". Hatte mir doch tatsächlich ein Verlag zahlreiche Flyer seiner Neuerscheinungen und ein Verlagsprogramm zukommen lassen - das Besondere daran: unaufgefordert und zudem ein Verlag, mit dem ich bisher nicht zu tun hatte! Denn bisher kam die Initiative stets von meiner Seite, ich hatte mich immer an die Verlage gewandt und um Rezensionsexemplare gebeten. DANKE liebe Damen und Herren des Gietl Verlags, ihr habt mir meinen Tag versüßt.
    Ist das der Startschuss einer neuen Zeitrechnung? Ganz ehrlich, ich glaube nicht. Aber wer weiß, vielleicht komme ich ja doch noch groß raus...


    P.S: Nachdem ich das beigelegte Anschreiben des Verlags gelesen hatte, anfangs war ich zu nervös dazu, hat sich meine Euphorie etwas gelegt. Lektorin und Projektbetreuerin Verena Rösch hatte sich an mich gewandt, weil sie - aufgepasst - meine Frau vom Volleyball kennt. Klarer Fall von zu früh gefreut? Nein, nicht wirklich, denn auch im Rezensionsbusiness gilt scheinbar die Devise: "Es geht nichts ohne Vitamin B". Hoffentlich kennt meine Frau noch mehr Lektoren oder Verlagsleiter...
  • Andrej Djakow - Die Reise ins Licht
    Dmitry Glukhovsky hat mit Metro 2033 und dem Nachfolgeband Metro 2034 nicht nur zwei Bestseller auf den Literaturmarkt geworfen, er hat mit seinen Endzeit-Romanen ein Universum rund um die Metro in Moskau erschaffen, in dem sich seit geraumer Zeit auch andere Autoren austoben. Der erste war Andrej Djakow, der mit "Reise ins Licht", dem  ersten Teil einer Trilogie, die Geschehnisse nach einem verheerenden Atomkrieg in der russischen Metropole St. Petersburg unter die Lupe nimmt.


    Wie versprochen, habe ich, vom Hörbuch Metro 2033 angefixt, mir nun einen weiteren Band des Metro 2033-Universums vorgenommen. Die Beschreibung auf dem Buchrücken hat mich gleich in den Bann gezogen - vor allem die Aussichten, nicht nur in den schattenwabenden Tunneln einer U-Bahn, sondern auch an der verstrahlten Oberfläche Abenteuer zu erleben, zog mich förmlich ins Buch hinein.

    In der Geschichte, die wort- und bildgewaltig erzählt wird, geht es  um einen 12-jährigen Jungen namens Gleb, der mit seinem Meister, dem Stalker Taran, Abenteuer, Gemetzel und  zahllose Überraschungen erlebt.
    Da der Schreibstil bzw. die Übersetzung ins Deutsche den beiden Hauptteilen sehr ähnelt, fliegt man förmlich über die Kapitel hinweg und befindet sich relativ schnell in der Geschichte.
    Ein Trupp von Stalkern, darunter auch ein Mitglied einer einflussreichen Sekte, beginnt eine Reise zu der Quelle eines mysteriösen Lichts außerhalb von St. Petersburg. Man vermutet dort  eine Art Arche, einen Ort, an dem es keine Zerstörung gibt. Ein kleines Stück Paradies in der von Menschenhand erschaffenen Hölle der Nach-Atomkriegs-Ära. Die Aufgabe des Trupps, in dem auch Taran und Gleb mitmarschieren, besteht darin, das Geheimnis um diesen Ort zu lüften.
    Zähe Kämpfe, Alphatier-Gehabe der Protagonistengruselige  Schreckensszenarien und einige unerwartete Wendepunkte machten mich zu einem wahren Seitenfresser - und im Buch wird noch etwas ganz anderes als Seiten gefressen!  Man hat das Gefühl, selbst mit Taran und Gleb zu marschieren und vermutet hinter jeder Ecke neue mutierte Wesen, neue Gefahren.

    Fazit:
    Wer Metro 2033 und 2034 gelesen hat und davon begeistert war, der sollte auch bei der "Reise ins Licht" zugreifen . Die bedrückende Atmosphäre, die  Welt in Endzeitstimmung und das beklemmende Gefühl der Menschen in ihrer scheinbar ausweglosen Situation werden teils sogar besser vermittelt als in Glukhovsky Vorlage - die man allerdings nicht gelesen haben muss. Djakow versteht es sehr gut die Eigenheiten verschiedener Charaktere aufzuzeigen und mit den Kontroversen der Protagonisten zu spielen. Die Spannung steigt stetig und bleibt bis zum - durchaus überraschenden - Ende des Buches auf hohem Niveau.

    Deshalb: Für mich mit Sicherheit nicht der letzte Teil aus dem Metro-Universum. Gerade das offene Ende macht Lust auch mehr. Wie würde Arnold Schwarzenegger sagen: "I'll be back!".

    Andrej Djakow; Die Reise ins Licht; Originaltitel: Metro-Universe - Towards the Light; Verlag: Heyne; Paperback; 14 Euro;


  • Die goldene Zeit der DDR-Fußballklubs


    Der 1. FC Magdeburg, Dynamo Dresden und Lok Leipzig - einst große Namen auf der internationalen Fußball-Bühne. Heute spielen sie nur eine Nebenrolle – und das in der 3., 4. und 5. Liga. Das Buch "Als Maradona 80.000 lockte", aus der Feder von Gottfried Weise, wirft einen Blick zurück auf die glorreichen Zeiten des Ost-Fußballs, auf deutsche Bruderduelle, auf Europapokalfinals.



    Offiziell spricht man von 80.000, doch an diesem Abend sind mehr als 100.000 Zuschauer gekommen. Alle wollen ihn spielen sehen: Diego Maradona. Oktober 1988, Lok Leipzig im Europapokal gegen den SSC Neapel. Kommentator im DDR-Fernsehen: Gottfried Weise.

    "Es war eine ganz bizarre Situation. Weltklassespieler wie Careca, wie Alemão, die wurden überhaupt nicht beachtet. Von keinem Journalisten, nur ein Rattenschwanz hinter Maradona her. Und insofern, es war ein 1:1- Spiel, 80.000, das gehört schon zu den Höhepunkten meiner Laufbahn."

    Das Spiel liefert Weise den Titel zu seinem Buch. "Als Maradona 80.000 lockte" ist kein klassisches Nachschlagewerk für Statistikfreaks, eher ein persönlicher Rückblick.

    Auf Wismut Aue zum Beispiel, die erste DDR-Mannschaft im Europapokal. Jedem Oberliga-Club der international spielte, widmet Weise ein eigenes Kapitel. "Dynamo- ewige Liebschaft" ist das zu Dresden überschrieben. Unvergessen, das erste deutsch-deutsche Duell (im Cup der Landesmeister) 1973; Bayern München gegen Dynamo Dresden. Vor dem Rückspiel kommt es zum Eklat: die  Münchner weigern sich in Dresden zu übernachten. Nur knapp erreichen die Westdeutschen die nächste Runde.

    "Als Maradona 80.000 lockte" ist auf den ersten Blick ein Wohlfühlbuch für Nostalgiker. Viele Fotos, persönliche Geschichten und Interviews mit großen Spielern wie Cruyff, Sparwasser und Beckenbauer. Für die Fans in der DDR sind Duelle gegen Liverpool, Madrid oder Turin wahre Festtage. Doch wer sein Team ins westliche Ausland begleiten darf, das bestimmt die Stasi. Auch davon erzählt Weise.

    "Kleine Wunder" sind es gewesen, erzählt Trainerlegende Hans Meyer im Buch, dass überhaupt drei DDR-Mannschaften ein Europapokal-Finale erreichten. Verstärkung aus dem Ausland zu holen, auch aus den so genannten Bruderländern, bleibt bis zum Schluss unmöglich. Selbst Vereinswechsel innerhalb der Liga werden von der SED meist verhindert.


    Aber was ist geblieben vom Ost-Fußball, außer  in der Versenkung verschwindenen Traditionsklubs? Weise sieht es so:  

    "Es geht weiter. Ein Mann wie Toni Kroos, ausgebildet in Greifswald, spielt jetzt bei
    Real Madrid.
    Also das ist eine Entwicklung, wo man auch sagen kann, das ist noch
    im Bereich des DDR-Fußballs.
    "

     

    Gottfried Weise: "Als Maradona 80.000 lockte. Die DDR-Klubs im Europapokal." ;
    Verlag "Die Werkstatt", Göttingen;

    204 Seiten, 19,90 Euro




     

  • Zwischen Nervensäge und scharfzüngigem Mahner

    Henrik M. Broder, deutscher Publizist und Autor mit polnischer Herkunft. Der Spross einer jüdischen Handwerkerfamilie schrieb Kolumnen und Polemiken für das Magazin Der Spiegel” und für die Berliner Tageszeitung “Der Tagesspiegel”. Seit 2011 ist er für die Welt”, die “Welt am Sonntag” und “Welt online” tätig. Dabei ist eines stets gleich - er polarisiert. Das ist auch in seiner Publikation “Hurra, wir kapitulieren” so, die seit 2006 unterschiedlichste Kommentare nach sich zieht und dabei wenig an Aktualität verloren hat. Eine kleine Auswahl…

    “Es gibtNervensägen, und es gibt Nervensägen, und Henryk M. Broder ist mit Sicherheit eine Nervensäge. Er ist gegen Gutmenschentum und Claudia Roth, gegen Iris Berbens Hilfe für Israel und im Zweifel immer für Amerika. Sein Buch, das er sich gut gelaunt selbst gewidmet hat (“Für mich, zum Sechzigsten”), handelt “Von der Lust am Einknicken”, wie der Untertitel verrät, und ist, auch das steht auf dem Umschlag vorne drauf: “Der ultimative Albtraum für alle Verfechter der Political Correctness”. Dabei besteht kein Grund zum Zwinkern: Das Buch ist eine scharfsinnige Gesellschaftsanalyse, deren Argumentation so einleuchtend, so klar, konzise und gnadenlos zwingend ist, daß selbst ärgste “Verfechter der Political Correctness” Probleme haben dürften, dagegen anzukommen. Sie werden versuchen, Broder Polemik vorzuwerfen. Aber ist etwas weniger wahr, wenn jemand es amüsant auf den Punkt bringen kann?” (Johanna Adorján, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Oktober 2006)

    “Was soll man noch dazu sagen? Man muß nicht unbedingt Broders polemische Art mögen, Sachverhalte darzustellen. Aber er bringt es immer auf den Punkt. Es ist stichhaltig und aktueller denn je.(Antonie Stryja, amazon-Kundenrezension, August 2014)

    “Generell ist ein Ärgernis an Broders Buch, dass es lediglich eine allgemeine Verunsicherung aufgreift und auf einer recht banalen, provokativen Ebene thematisiert, aber keine brauchbaren Lösungen anbietet. Kompromisse sind in Broders Welt ‘Einknicken’, Dialog ist 'Appeasement’.(Arne Hofmann, amazon-Kundenrezension, August 2006)

    “Alles in allem ein streitbares, aber in jeder Hinsicht lesenswertes Buch, welches jede Menge Diskussionsstoff und Denkanstöße liefern sollte.” (Parsec, amazon-Kundenrezension, September 2010)

    “Henryk M. Broder verliert mit diesem Buch nicht nur jede Legitimation, sich über irgend eine Art des Extremismus zu erbosen, sondern er ist Teil davon.(H. Edinger, amazon-Kundenrezension, Oktober 2006)

    “Propaganda! So sieht es jedenfalls in meinen Augen aus. Etwas einseitig und teilweise unglaubwürdig aber nun gut, wer es sich antun will soll es sich kaufen.(Alex, amazon-Kundenrezension, April 2013)

    “Primitive Meinungsmache - dieses Buch eignet sich sicher hervorragend für die Leser der Bild!” (Jollysday, amazon-Kudnenrezension, April 2012)

    “Am Ende der tragikomischen Lektüre hat man leider keine Patentlösung in den Händen, aber man hat zumindest ein paar gute Argumente gegen die ‘Terrorversteher’ gehört und hatte dank Broders Stil auch viel Spaß beim Lesen.” (Nadine1978, amazon-Kundenrezension, April 2009)

    “Henryk M. Broder ist einer der scharfsinnigsten Köpfe Deutschlands, ein höchst unterhaltsamer Autor, ein Journalist mit erstaunlichem Horizont – und der ultimative Albtraum für alle Verfechter der ›political correctness‹. In diesem tragikomischen Essay analysiert Broder die gegenwärtige Appeasement-Politik Europas, die seine zerbrechlichen Freiheiten gefährdet. Sein aufrüttelndes Buch ist eindringlich, ironisch, traurig – und offenbart Broders grenzenlose Liebe zu Europa, jenem geschundenen Teil der Welt, in dem sich nach Jahrhunderten des Blutvergießens freie Gesellschaften entwickelt haben, die es unter allen Umständen zu verteidigen gilt.(Leon de Winter, niederländischer Schriftsteller)

    “Sachargumente und konstruktive Lösungsvorschläge hätten Broders Argumentation sehr gut getan. Doch diese sucht man auch vergeblich.
    So ist dieses Buch leider nur Polemik auf einem anderen, höheren Niveau. Schade.(Media-Mania, amazon-Kundenrezension, April 2008)

    “Leider schießt Broder wieder einmal übers Ziel hinaus: Sicher, es handelt sich um eine Streitschrift und Polemik, und diese will auch verkauft werden, aber viele der vom Autor aufgeführten Beispiele sind doch sehr an den Haaren herbeigezogen und wenig überzeugend. Zudem wird ständig verallgemeinert und vereinfacht.(Tim Tillermann, amazon-Kundenrezension, Januar 2007)

    “Wer sich für die ganze Debatte rund um das Stichwort ‘Kampf der Kulturen’ interessiert, kommt an Broders ‘Hurra, wir kapitulieren’ nicht vorbei. Und unabhängig davon, es bietet eine gute Unterhaltung.(Thomas Delecat, amazon-Kundenrezension, Oktober 2006)

    “Broder sucht keine Antwort auf den richtigen Umgang mit dem Terror. Für ihn steht sie von der ersten Zeile an fest. Sie lautet: Stärke zeigen, und letztlich wohl auch Krieg. Darüber kann auch die originelle Titelidee nicht hinwegtäuschen, die einen dänischen Vorschlag aus den Zeiten des Kalten Kriegs aufgreift. Danach sollen die Armeen abgeschafft werden und stattdessen ein Anrufbeantworter besprochen werden mit den Worten: „Wir kapitulieren!“ Broder möchte das Gegenteil. Für ihn lauten die entscheidenden Fragen: Wie wichtig sind uns unsere Werte und welchen Preis sind wir bereit, für ihre Verteidigung zu zahlen? Noch sträubt sich Europa vor einer Antwort. Das ärgert Broder. Zu Recht.(Christian Noss, e-politik.de, Oktober 2006)

    „Ironischerweise geht Broder […] genau so vor wie ein islamistischer Scharfmacher, nur eben spiegelverkehrt.“ (Daniel Bax, tageszeitung, November 2006)

    “Henryk Broders jüngster Essay kommt gerade zur rechten Zeit. In gewohnt scharfsinniger und scharfzüngiger Manier geißelt er darin die weit verbreitete Appeasementhaltung gegenüber dem Islam und dem totalitären Islamismus […]Broders Essay ist ein wunderbarer Aufruf, die Freiheiten und die Errungenschaften der westlichen Aufklärung gegenüber dieser Bedrohung zu verteidigen.(Ulrike Ackermann, Süddeutsche Zeitung, September 2006)

    “Broders Tiraden über das angebliche Einknicken Europas vor den ach so bitterbösen Moslems schüren eine neue Kreuzzugsmentalität und sind grundfalsch, sichern ihrem Verfasser aber einen Ehrenplatz an jedem deutschen Stammtisch.“ (Denis Scheck, Politikwissenschaftler in der ARD-Sendung “Druckfrisch”)

    Meinungen zu Broders “Streitschrift” gibt es also genug - ich habe mir meine auch gebildet, die ist hier aber nicht von Belang: Am besten bilden Sie Sich aber Ihre eigene!

    Henryk M. Broder: Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken. Pantheon, München 2007


  • Carl Mørck fesselt auch in „Verheißung“

    Der dänische Bestseller-Autor Jussi Adler-Olsen überzeugt auch mit dem sechsten Band seiner Serie um das Sonderdezernat Q. 

    Hier finden Sie meine Rezension    

    Jussi Adler Olsen, Verheißung; dtv, ca. 20 Euro

    Jussi Adler Olsen im Portrait - von den Kollegen des NDR

     

  • Game of Thrones: Nicht immer nah am Buch
    Es darf auch mal eine DVD sein...

    Die vierte Staffel "Game of Thrones" ist kürzlich auf DVD erschienen - und auch wenn zur Romanvorlage von George R. R. Martin doch klare Unterschiede zu erkennen sind, ist die filmische Umsetzung gewohnt spannend und bildgewaltig. Leider waren die zehn Episoden wie immer in einigen Tagen "aufgebraucht"...jetzt heißt es, außer man ist Pay-TV-Kunde - wieder ein Jahr warten!

    Hier geht es zu meiner Rezension

    Game of Thrones - Die komplette 4. Staffel, Warner, [5 DVDs], ca. 30 Euro; [Blu-Ray], ca.35 Euro

  • Freiheit für Katalonien!

    Gleich mit seinem Debüt “Im Rausch der Stille” gelang Albert Sánchez Piñol der internationale Durchbruch, es folgte sein viel gerühmter Roman “Pandora im Kongo”. Nun stellt Piñol mit "Der Untergang Barcelonas” seine Erzählkraft erneut unter Beweis. “Der Untergang Barcelonas” wurde als Bestseller zum meistverkaufte Buch Spaniens 2013 und ist seit Kurzem in Deutschland erhältlich.


    Der Plot: Barcelona um 1700: Zuvi ist vierzehn, etwas unverschämt, ein Taugenichts mit rabenschwarzem Haar. Als ihn der Graf Vauban auf sein Schloss einlädt, ändert sich Zuvis Leben schlagartig. Tochter Jeanne führt ihn in die Liebeskunst ein und Vater Vauban, der berühmteste Baumeister seiner Zeit, lehrt ihn, die sichersten und schönsten Festungsmauern zu bauen. Aber dann tobt der Spanische Erbfolgekrieg und Zuvis Heimatstadt Barcelona droht, eingenommen zu werden. Zuvi, inzwischen mit allen Wassern gewaschen, hat einen genialen Plan - und scheitert bitterlich. Machtlos muss er zusehen, wie seine geliebte Stadt in Schutt und Asche zerfällt.

    Es ist nicht so ganz einfach sich in den vierzehnjährigen Zuviria Marti , eine rebellischen Taugenichts hinein zu versetzen - für Pep Guardiola wäre es das vielleicht, denn beide sind stolze Katalanen. Und in “Der Untergang Barcelonas” geht es um das Ende des unabhängigen Kataloniens, wie es dazu kam, wie das alles hätte verhindert werden können und wie sich Spanien die Jahrzehnte voller Terror hätte sparen können. Bis heute ist Katalonien nicht frei, obwohl es das gern wäre.

    Zurück zum Buch: Wenn man sich erst einmal mit Piñols Schreib- oder besser gesagt Erzählstil angefreundet hat, ist es eine wahre Freude, das Buch zu lesen - bis, ja bis sich Piñol in teils endlosen Ergüssen über Architektur ergeht. Interessante, fesselnde Passagen wechseln sich mit dann doch sehr trockenen Berichtsteilen ab - das war sogar mir als historisch interessiertem Leser teils zu viel des Guten. Ich kann gut verstehen, wenn andere Rezensenten schreiben, der Funke sei nicht übergesprungen. Bei aller Qualität, die das Buch hat, muss man sich teilweise durch die Seiten quälen. Leichte Unterhaltung am Abend sieht anders aus.

    ABER: Das ist es, was “Der Untergang Barcelonas nicht sein will - ein leichter Unterhaltungsroman, ein Roman, den man einfach so verschlingen kann. Die Schwermütigkeit, die den Leser befällt, drückt die Stimmung aus, schließlich ist es ein Buch über den Untergang Barcelonas im Spanischen Erbfolgekrieg am Anfang des 18. Jahrhunderts, mit vielen militärischen und technischen Details, voller Kampf und eben voller architektonischer Feinheiten. Davon lebt das Buch.

    Fazit: Wer sich mit mitunter tief- und schwergängiger Literatur mit vielen Details und geballtem historischen Hintergrund anfreunden kann, der ist bei Albert Sánchez Piñols “Der Untergang Barcelonas” genau richtig.

    Albert Sánchez Piñol, Der Untergang Barcelonas; Aus dem Spanischen von Susanne Lange; Fischer; 24,99 Euro


  • An die Lautsprecher gefesselt

    Ich bin eigentlich kein großer Fan von Hörbüchern, doch während der acht Stunden Fahrt zur Verwandtschaft nach Norddeutschland erschien mir die “Lektüre” eines solchen dann durchaus willkommen. Dass ausgerechnet Dmitry Glukhovskys “Metro 2033″ (gelesen von Detlef Bierstedt) den Weg in den CD-Player finden sollte, verwunderte mich selbst. Zu lange schon lag das Hörbuch verstaubt herum und auch die gedruckte Version hatte es nicht weiter als bis auf meinen Lese-Wunschzettel geschafft. Im Nachhinein bin ich froh drum - ich bin angefixt und bleibe dem Metro 2033-Universum treu!

    Der 3. Weltkrieg hat die Erde atomar verwüstet, die letzten Menschen hausen in U-Bahn-Tunneln, ernähren sich von Pilzen und Ratten. In der Moskauer Metro sind trotz alles Not rivalisierende Gesellschaftsformen entstanden: Faschisten, Kommunisten, Revoluzzer, Gemäßigte und Elitäre. Der junge Russe Artjom macht sich auf den Weg durch das U-Bahn-Netz, um nach einem geheimnisvollen Objekt zu suchen, das die Menschheit vor der endgültigen Vernichtung bewahren soll.

    Endzeitromane sind eigentlich nicht mein Ding und gerade die zahlreichen russischen Namen, vor allem die der Moskauer U-Bahn-Stationen, waren gewöhnungsbedürftig. Aber Detlef Bierstedt fesselte mich an die Lautsprecher - er liest mehr als ansprechend, schlüpft in zahlreiche Rollen, die man ihm alle abkauft und schauspielert überzeugend. Bierstedt gelingt es formidabel die Bedrücktheit, den Wahnsinn, die Hoffnungslosigkeit der Protagonisten, aber auch den einstigen Prunk des Schauplatzes rüberzubringen.

    Auf Artjoms Reise nimmt Glukhovsky den Leser, respektive Hörer, mit auf eine Reise, in der der Protagonist bei der Aufgabe, seine Station zu retten, bei den Überlebenden die “besten” menschlichen Eigenschaften hautnah erlebt: Gier Hass, religiöser Wahn, Intoleranz, Verrat und die Angst vor dem Unbekannten. Zahlreiche mutierte Monster - wie die “Schwarzen” oder Bibliothekare” - sowie die Zufälle, die Artjoms Trip prägen, liefern das gewisse Etwas.

    Dass dabei die Logik manches Mal ein wenig auf der Strecke bleibt und die Handlung wie Perlen aneinandergereiht ist, trübte mein Vergnügen nicht im Geringsten - der Spannungsbogen ist meist auf Anschlag.

    Fazit: Ein faszinierendes und spannendes Buch, das sich Sci-Fi-Fans nicht entgehen lassen sollten. Aber auch wenn das Metro 2033-Hörbuch mir meine Reise gen Norden versüßte, ärgere ich mich mittlerweile doch ein wenig, dass ich das Buch nicht gelesen habe - das werde ich aber beim Nachfolgeband sowie den weiteren Romanen des Metro-Universums ändern.


  • Wenn Träume wichtiger als das Leben sind

    Meine Rezension zu Hajajs Erstlingswerk, das beileibe nicht nur ein “Frauenroman” ist, lesen Sie hier: http://bit.ly/1EQI7KL

    Claire Hajajs Roman „Ismaels Orangen“ schildert den Nahost-Konflikt anhand einer von unterschiedlichen Kulturen geprägten und auf die Probe gestellten Liebesgeschichte.

  • Neues Futter für die Game of Thrones Fans
    George R. R. Martin liefert mit „Westeros – Die Welt von Eis und Feuer“ den Prolog für seine Kult-Romanserie.


    Hier geht es zu meiner Rezension

     

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