Bennis Wühlkiste

mz_logo

Live
Sonntag, 6. November 2016 7

Bennis Wühlkiste Live

Lesen bedeutet für mich, die Seele auf Reisen zu schicken. Schon Oscar Wilde wusste: "Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben, sonst nichts." Gleiches gilt für Hörbücher oder DVDs. In meinem Blog finden Sie Rezensionen über Neuerscheinungen und ältere Titel.

  • Raimund Schulz: Abenteurer der Ferne

    2000 Jahre Entdeckungsgeschichte: Raimund Schulz nimmt uns mit auf die großen Abenteuerfahrten der antiken Welt und berichtet von Begegnungen mit fremden Kulturen – von Sibirien bis in die Sahara, von Indien bis nach China. Zugleich ordnet er das erste Zeitalter der Entdeckungen ein in eine große Weltgeschichte der Antike.

    Die Antike war eine Welt des Aufbruchs. Lange vor Kolumbus wagten sich Menschen des Mittelmeerraums in die Sahara und nach Sibirien, befuhren das stürmische Eismeer der Nordsee und erreichten China über Land und Meer. Raimund Schulz folgt ihren Spuren, beschreibt die Begegnung mit fremden Kulturen und fragt danach, wie es kam, dass antike Seefahrer Afrika umrunden und den Atlantik überqueren wollten. Er erzählt die packende Geschichte der kleinen und großen Abenteurer, ihrer Ziele und Hoffnungen. Erst ihre Vor stöße ins Unbekannte setzten die Erkenntnisschübe in Technik, Geographie, Kosmologie und Philosophie in Gang, die zu unserer europäischen Wissenskultur gehören und die Expansion der frühen Neuzeit ermöglichten.


    Abbildung: Klett-Cotta 

    Beim Stichwort "große Entdecker" kommen den meisten Menschen vermutlich Seefahrer wie Christoph Kolumbus, Vasco da Gama  oder James Cook  in den Sinn. Diese erschlossen mit ihren Expeditionen neue Wege nach Amerika, Indien oder in den Pazifik. Doch bereits weit früher, schon in der Antike, trieb es die Menschen in die Ferne. Der Geschichtswissenschaftler Raimund Schulz zeichnet diese oft längst vergessenen Reisen nach und liefert im vorliegenden Buch eine gelungene Übersicht über historische Erkundungsfahrten in alle Himmelsrichtungen.

    Das Werk hat acht Kapitel, die annähernd chronologisch die Erschließung der Welt vor und in der Antike beschreiben. Schulz beginnt seine Darstellung mit Schiffsreisen während der Bronzezeit, um anschließend auf die Erkundungen der Phöniker, Griechen, Karthager, Perser und Römer einzugehen.

    Die Perspektive, die Schulz einnimmt, variiert im Laufe des Buches und ist eben nicht nur auf Griechen und Römer beschränkt, wobei hierauf ganz klar der Fokus liegt. Soweit möglich werden andere Sichtweisen präsentiert und mit jenen kontrastiert und in Beziehung gesetzt. So werden neben die römisch-kaiserzeitlichen Vorstellungen des Aufbaus der Ökumene etwa auch die chinesischen Weltbilder gestellt, die ihrerseits in den Erkundungen des Zhang Qian  und dem Vorstoß des Pan Chao  ihren realweltlichen Niederschlag fanden. Auch hier ist Schulz bemüht, eine integrierte Entdeckungsgeschichte zu schreiben.

    Positiv hervorzuheben sind vor allem die vielen zwar schwarz-weißen, aber sehr übersichtlichen Karten in den Kapiteln, die eine gute Orientierung im behandelten Raum ermöglichen. Auch Seitenverweise innerhalb des Textes auf vorangegangene sowie kommende Themen und das ausführliche Personen- und Ortsverzeichnis im Anhang geben dem Leser die Chance, das Buch bei Interesse quer und nicht chronologisch zu lesen.

    Insgesamt liefert Schulz nicht nur ein Buch über Abenteurer und Entdecker, sondern eine antike Globalgeschichte, in der alle Bereiche von Politik über Wirtschaft, Geografie, Philosophie sowie antikem Weltwissen abgedeckt werden. Sein Versuch, eine integrierte Entdeckungsgeschichte für die Antike zu verfassen, gelingt in vollem Maße.


    Raimund Schulz: Abenteurer der Ferne - Die großen Entdeckungsfahrten und das Weltwissen der Antike654 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit Tafelteil und zahlreichen Karten, Lesebändchen; 34,95 Euro;

    ISBN: 978-3-608-94846-2


  • "2084" ist sehr gut, kommt aber nicht ganz an "1984" ran

    In Abistan, Reich der fernen Zukunft, bestimmen die Verehrung eines einzigen Gottes und das Leugnen der Vergangenheit das Herrschaftssystem. Individuelles Denken ist abgeschafft: eine allgegenwärtige Elite unter Führung von Abi dem Entsandten steuert die Ideen und verhindert abweichendes Handeln.

    Offiziell heißt es, die Bevölkerung lebt einvernehmlich und im guten Glauben.
    Doch Ati, der Protagonist dieses Romans, der ausdrücklich anknüpft an Orwells Klassiker „1984“, hinterfragt die vorgegebenen Direktiven: Er macht sich auf die Suche nach einem Volk von Abtrünnigen, das in einem Ghetto lebt, ohne in der Religion Halt zu suchen ...
    In seinem Roman entwirft Boualem Sansal ein Regime, das auf der religiösen Überhöhung einer Ideologie beruht und sich die Suche des Individuums nach persönlichem Glück auf erschreckende Weise zunutze macht: Das vom System auferlegte Streben nach spiritueller Erleuchtung diktiert das Leben eines jeden Bürgers und wird zum Motor der Gemeinschaft.

    Sansals Vision ist zugleich faszinierend und beunruhigend – in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche mahnt sie zu gelebter Brüderlichkeit, toleranter Demokratie und einsichtiger Freiheit.


    Abbildung: Merlin-Verlag 

    Abistan, das „Land der Gläubigen“, ist nach dem Propheten Abi genannt, dem Abgesandten Yölahs auf Erden. „Gkabul“ oder „Hinnahme“ heißt das Heilige Buch, verfasst in „abilang“, der einzigen Sprache, die in Abistan benutzt werden darf. „Die Unterwerfung ist der Glaube und der Glaube ist die Wahrheit“ lautet einer der 99 Schlüsselsätze, die Abistans Jugend lernen muss. 
    Neun Mal am Tag muss gebetet werden. Ansonsten werden die Massen mit Pilgerfahrten und Exekutionen von Ungläubigen beschäftigt.

    Sind es radikale Islamisten, die in Abistan herrschen? Das Werk spielt in ferner Zukunft, und Boualem Sansal behauptet im Vorwort, alles frei erfunden zu haben. Parallelen mit aktuellen Ereignissen tun sich dennoch auf: So gibt es in Abistan keine Vergangenheit, keine Geschichte. Der Leser denkt an die reale Zerstörung der Tempel in Palmyra...

    Ati, Anfang Dreißig, ein kleiner Beamter, steht vor der Entlassung aus einem Sanatorium in den Bergen der Provinz Sîn, wo er seine Tuberkulose ausgeheilt hat. Sorgsam befolgt er alle Gebote und Riten, um nicht als Mitglied der Sekte der „makoufs“ verdächtigt zu werden, den Propagandisten des „Großen Unglaubens“. Und doch wachsen Zweifel in ihm: Vom Sanatorium führt eine verbotene Straße zur „Grenze“.

    Wenn es eine Grenze gibt, muss es auch ein Jenseits der Grenze geben. Wie ist dies möglich, wenn nichts existiert als Abistan? Ein Jahr lang dauert Atis Rückkehr in die Hauptstadt Qodsabad, vorbei an endlosen Pilgerzügen: „Auf der Erde laufen wir, in den Himmel wollen wir, lasst fahren dahin das Leben“. Seine Zweifel am Gottesstaat wachsen...

    Das Thema mag bekannt vorkommen: Die Islamisierung behandelte auch Michel Houellebecq in seinem Roman Unterwerfung. Der Roman war am am 7. Januar 2015 erschienen, dem Tag des Anschlags auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo.

    Und es gibt eine zweite literarische Parallele: “2084” – das erinnert an “1984”, dem berühmten Roman von George Orwell. Der Sozialist beschrieb ebenfalls eine Diktatur – die des totalitären Überwachungsstaats, des “Big Brother”. Boualem Sansal sieht seinen Roman als dessen Fortsetzung. Sansal kommt aber nicht an das große Vorbild ran - zu kompliziert ist die Sprache zu Beginn. Sie wirkt besonders zum Einstieg starr, scheint nicht zu fließen. Vielleicht spielt der Autor aber auch auf die "novlang" an: Denn Sansal geht  so weit, das Orwell’sche „Neusprech“, die „novlang“, wie sie in 2084 heißt, als Basis des abistanischen Systems auszugeben, eine Sprache, die den Willen und die Neugierde der Sprecher vernichte und zu Pflichterfüllung und Gehorsam anleite. Dann ist es genial! (Aber ich musste anfangs kämpfen...)

    Dann ändert Sansal seinen Stil, spricht in Petahpern, zaubert Bilder in die Köpfe des Lesers - einfach nur gut. Boualem Sansal hat mit 2084 Das Ende der Welt einen großartigen Roman geschrieben, der im französischen Original – 2084 La fin du monde – bereits im Erscheinungsjahr 2015 mit dem Grand prix du roman de l'Académie française ausgezeichnet wurde; ein politisches Werk und ein Werk über die Schönheit der Sprache, das uns eindringlich warnt vor einem Ende der Geschichtlichkeit und einer Abilangisierung der Sprache - und schreibt damit ein Plädoyer für die Freiheit.

    Boualem Sansal: 2084 - Das Ende der Welt; gebunden mit Schutzumschlag; 288 S., Verlag: Merlin; 24,00 Euro;

    ISBN: 978-3-87536-321-0

  • Jochen Oltmer: Globale Migration

    Migration ist ein globales Zukunftsthema. Debatten über die Folgen des Wachstums der Weltbevölkerung, den Zustrom von Flüchtlingen vor allem aus Afrika oder die Alterung der Gesellschaften im reichen ‚Norden’ belegen dies in aller Deutlichkeit. Nur selten wird jedoch klar gesehen, dass Migration und Integration Ergebnis historischer Prozesse und staatlich verordneter Politik sind. Jochen Oltmers souveräner Überblick zeigt die Hintergründe, Formen und Konsequenzen globaler Migration in der Neuzeit und schildert die großen Bevölkerungsbewegungen, die die Welt im 19. und 20. Jahrhundert fundamental geprägt haben.

    Abbildung: C. H. Beck 

    Migration kann als die auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder auch ganzen Bevölkerungen verstanden werden. Unterscheiden lassen sich verschiedene Erscheinungsformen globaler räumlicher Bevölkerungsbewegungen. Dazu zählen vor allem Arbeits- und Siedlungswanderungen, Nomadismus, Bildungs-, Ausbildungs- und Kulturwanderungen, Heirats- und Wohlstandswanderungen sowie Zwangswanderungen.

    Jochen Oltmer skizziert - in reinster beckscher Kürze und Prägnanz, das Thema der globalen Migration. Er widmet sich diesem aktuellen Thema mittels der Schwerpunkte „Migrationsgeschichte als Menschheitsgeschichte“, „Bedingungen, Formen und Folgen weltweiter Wanderungen in der Neuzeit“, „Erschließung und Verdichtung des globalen Raums durch Migration vom 16. bis zum 19. Jahrhundert“, „Arbeits- und Siedlungswanderungen im Zeichen rapider Globalisierung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert“, „Flucht, Vertreibung, Deportation" sowie "Neue Weltordnung und globale Handlungsräume“.

    Die skizzenhaften Darstellungen der Geschichte der Migration in der Neuzeit vermitteln einen Überblick über Ursachen, Bedingungen und Auswirkungen von globalen Migrationsbewegungen und liefern Argumente und Entscheidungshilfen für gesellschaftliches und politisches Handeln. Mögliche Lösungsansätze werden dabei nicht als Rezepte geliefert, sondern als Grundlage für humanes, verantwortungsbewusstes Denken und Handeln angeboten. Die Literaturauswahl zu den Bereichen „Globale Migration und übergreifende Fragen“, „Inter- und transkontinentale Massenintegration im (langen) 19. Jahrhundert“, „Migration und Kolonialismus, postkoloniale Migrationen“, „Migration und Krieg“ und „Beschleunigte Globalisierung und Migration im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert“ bietet eine intensivere Auseinandersetzung an; das Länder-, Regionen- und Orte-Register erleichtert die Handhabe des Büchleins; zur Veranschaulichung werden drei Kartenskizzen angeboten.

    Jochen Oltmer: Globale Migration, 128 S.: mit 3 Karten. Paperback;

    ISBN 978-3-406-64092-6


  • Die Blutkrähen

    Britannien, A. D. 51: Seit zehn Jahren kämpft das Römische Reich, um seine Herrschaft über die britannischen Stämme aufrecht zu erhalten. In dieser Situation ist es fatal, dass der größenwahnsinnige Kommandant Quertus einen grausamen Privatkrieg führt, der den Hass in Britannien weiter schürt. Mit seiner Kohorte der »Blutkrähen« richtet er tief im Feindesland wahre Massaker unter der Bevölkerung an. Nun liegt es an den beiden Kriegsveteranen Cato und Macro zu verhindern, dass das Land in einem Chaos versinkt ...

    Abbildung: Heyne 

    Band 12 von Simon Scarrows Rom-Serie knüpft einerseits an alte Stärken an, lässt aber auch alte und neue Schwächen erkennen.

    Die gute Nachricht: Endlich sind Cato und Macro zurück in Britannien!  Ägypten, Syrien und Judäa waren als Schauplätze eine willkommene Abwechslung, aber die Geschichte um die Eroberung Britanniens hatte Scarrow so dicht gestrickt und mit einigen Fragezeichen hinterlasse, dass sie nach einer Fortsetzung dürstete.

    Nachdem schon „Die Garde“ wieder viel vom alten Enthusiasmus Scarrows für seine Rom-Serie erkennen ließ, geht es in „Die Blutkrähen“ weiter bergauf. Kommt die Story erstmal in Gang, geht es mächtig zur Sache. Jede Menge abwechslungsreiche Action erwartet den Leser, und man mag das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.

    Bis dahin ist jedoch eine erhebliche Durststrecke zu überstehen. Scarrow braucht - auch das ist mitunter nicht neu - 200 Seiten, um auf Touren zu kommen. Von den ersten 200 Seiten sind 150 eben auch kürzer zu fassen. Insbesondere der Sub-Plot um Macros Mutter, die in Britannien eine Schenke eröffnen will, ist bloßer Ballast. Zumal die Mutter danach komplett aus der Geschichte verschwindet und ihr Unternehmertum nicht die geringste Rolle mehr spielt. Allerdings könnte dies ja in einem der weiteren Bände noch für Furore sorgen...

    Alles in allem ein guter Band der Adler-Serie - Blutsbrüder steht schon im Regal und wartet darauf, gelesen zu werden.

    Simon Scarrow: Die BlutkrähenTaschenbuch, Broschur, 688 Seiten, Verlag: Heyne; 9,99 Euro
    ISBN: 978-3-453-47121-4
  • Markus Heitz: Wedora

    Lebensspendend oder todbringend, geheimnisvoll oder verkommen - Juwel der Wüste oder Ende aller Hoffnung? Willkommen in Wédōra, dem Schauplatz von Markus Heitz' neuem Dark-Fantasy-Roman "Wédōra - Staub und Blut.
    Im Mittelpunkt einer gigantischen Wüste liegt die schwer befestigte Stadt Wédōra. Sämtliche Handelswege der 15 Länder rings um das Sandmeer kreuzen sich hier, Karawanen, Kaufleute und Reisende finden Wasser und Schutz. In diese Stadt verschlägt es den Halunken Liothan und die Gesetzeshüterin Tomeija.
    Doch Wédōra steht kurz vor einem gewaltigen Krieg, denn die Grotte mit der unerschöpflichen Quelle, die die Stadt zum mächtigen Handelszentrum hat aufsteigen lassen, war einst das größte Heiligtum der Wüstenvölker. Nun rufen die geheimnisvollen Stämme der Sandsee zum Sturm auf die mächtige Stadt.
    Liothan und Tomeija geraten schnell in ein tödliches Netz aus Lügen und Verschwörungen, besitzen sie doch Fähigkeiten, die für viele Seiten interessant sind.



    Abbildung: Knaur 

    Markus Heitz kann mich mal. Nein wirklich. Was fällt dem Typen ein, einen so megageilen Roman in die Welt zu setzen, mich mit einem in alle Richtungen offenen Ende zurückzulassen und dann auch noch im Nachspann kryptisch bekannt zu geben, dass sich in der Wüstenstadt noch zahlreiche Geschichten verbergen? Mann, ich bin angefixt - nur die Fortsetzung kann mich retten.

    Es ist letztlich kein und doch ein typischer Heitz, denn der Leser mit Wedora vor sich hat. Das Setting mutet anfangs altbekannt an - Königreich, Helden eingeführt, es gibt wohl einen Bösewicht - blablabla.  Aber dann landen die Helden  - ohne dass der Leser weiß, wie - in der Wüste. Sie erreichen ein Stadt und die ist nicht typisch Heitz. Dieses Setting ist auch für ihn neu. Wüste, Hitze, Sand ohne Ende. Hatte man so noch nicht von ihm gelesen. Und doch ist es auch typisch Heitz. Die Zeitrechnung der Stadt neu erfunden, Fetzen einer Sprache ersonnen, tolle Namen, tolle Charaktere, die Stadt bis ins kleinste Detail geplant, der Zusammensetzung von Magie einen neuen Touch mitgegeben, Legenden und Geschichtsschreibung, Feindschaften, neue Völker und, und, und. Markus Heitz - das habe Sie gut gemacht. Spannung ist stets gegeben, die Dramaturgie sehr durchdacht aufgebaut. Es kommt genau dann eine neue Facette, wenn der Leser denkt, "ah, jetzt weiß ich, wie der Hase läuft".

    Anfangs haben mich nur die Sprünge zurück nach Telonia - das Königreich, aus dem die Helden stammen - genervt. Doch dann nimmt die Story auch hier rasant an Fahrt auf. 

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bisher nur die Zwerge von Markus Heitz gelesen habe - zumindest aber alle Bände. Kein Judas und Konsorten, kein Ulldart, nix mit Drachen...sollte ich nachholen. Muss ich nachholen.Werde ich nachholen.

    Fazit: Top-Roman. Mehr gibt's nicht zu sagen! Außer: Mehr davon!


    Markus Heitz: Wedora - Staub und BlutKlappenbroschur, Knaur HC ;  608 Seiten; 16,99 Euro;
    ISBN: 978-3-426-65403-3

  • Nick Cutter: Die Erlöser

    Unsere Welt in naher Zukunft: Die westliche Hemisphäre wird von religiösem Fundamentalismus regiert. Das Mantra der Neuen Republik lautet: Die Kirche ist der Staat. Jonah Murtag ist ein treuer Staatsdiener. Er arbeitet für die Religionspolizei, die brutal gegen Andersgläubige vorgeht. Alle sogenannten Sünder werden »umerzogen « oder hingerichtet. Als die Republik von einer Serie grausamer Attentate heimgesucht wird, gerät Jonahs Weltbild ins Wanken. Er stellt sich gegen die Republik – und wird zum Gehetzten …


    Abbildung: Heyne 

    Nick Cutter zeichnet ein düsteres Szenario: Der christliche Glaube dominiert die Welt und lässt keinen anderen Glauben zu: Moslems oder Juden werden in Ghettos gedrängt, in denen sie ihrem Glauben heimlich ausüben. Wer gegen das fundamentalistische Weltbild verstößt, wird  gefügig gemacht.

    Eine Spezialeinheit aus "Gläubigen" sorgt für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung: Jonah Murtag ist einer dieser Männer. Als gottesfürchtiger Mann ist er der festen Meinung, dass er den Opfern durch seine Taten "Heilung" bringt.

    Sein Weltbild gerät erst langsam durcheinander, als er bei der Bewachung der Tochter des Propheten - er ist der von Gott selbst bestellte höchste Posten in den neuen Provinzen mit Namen wie New Bethlehem -, verletzt wird und diese stirbt.

    Murtag gerät ins Grübeln, hinterfragt gewisse Dinge und Normen, die ihm als allgemeingültig galten und stöbert dabei Fallstricke der Regligion bzw. Staatsform auf. Eine tolle Ausgangsbasis für eine spannende Story, doch leider springt Autor Cutter zu sehr, hat keine Stringenz in seinem Plot. Über große Teile des Buches fragt sich der Leser, wo er mit der Geschichte hin möchte. Ein klarer roter Faden fehlt. Alleine die Tatsache, dass nicht erklärt wird, wann, wie, und weshalb die Kirche zur neuen Staatsform wurde, irritiert. Auch das Auftauchen seiner "Läuterungsgestalt" in Form eines kleinen Mädchens, wirkt aufgesetzt.

    Fazit

    Cutter verschenkt gute Ansätze und so wird aus einer starken Idee, angelehnt an Klassiker wie "1984" oder "Schöne neue Welt", ein mittelmäßiger Roman, der sich allerdings relativ flott liest.

    Nick Cutter: Die Erlöser; Taschenbuch, Broschur, 368 SeitenVerlag: Heyne, 9,99 Euro;
    ISBN: 978-3-453-41941-4


  • Brian Staveley: Thron der Götter

    Kaiser Sanlitun ist tot, und sein Reich liegt in Trümmern: Die mächtigen Csestriim, seit jeher die tödlichsten Feinde der Menschen, sind nach Annur zurückgekehrt. Magier, die bisher nur im Verborgenen lebten, treten offen ans Tageslicht, um ihre dunklen Künste zu praktizieren, und die Alten Götter, launenhaft und tückisch, wandeln erneut auf der Erde. Während ihre Welt im Chaos zu versinken droht, versuchen Kaden, Adare und Valyn, die drei Erben Sanlituns, den Thron ihres Vaters und ihre Untertanen zu retten ...


    Abbildung: Heyne 

    Die drei Geschwister Kaden, Valyn und Adare - die drei Erben des ermordeten Kaisers Sanlitun - versuchen Ordnung in das Königreich Annur zu bringen. Alle drei auf ihren eigenen Wegen und immer im Kampf mit machtgierigen Widersachern, uralten Mächten und sogar Göttern.

    "War  der Eröffnungsband "Der verlorene Thron" noch geprägt von Langatmigkeit, geht es in"Thron in Flammen" Schlag auf Schlag. Es ist viel Drive in der Geschichte von Brian Staveley.In mehreren Erzählsträngen - rund um die drei Kaiserkinder - schickt der Autor seine Protagonisten auf neue Wege." - das habe ich in meiner Rezension über den zweiten tel der Trilogie geschrieben. In "Thron der Götter bekommt der Leser eine Mischung präsentiert. Tolle handlungsreiche kapitel wechseln sich mit Episoden ab, die man lieber überblättern möchte. 

    Verstehen Sie mich nicht falsch: Staveley mag ein brillanter Autor sein, er hatte tolle Ideen, viel Fantasie, nur hätte man die tausend Seiten auch auf 600 zusammenstreichen können. Oft wird um den heißen Brei herumgeschrieben und agiert, die Geschichte kommt nicht voran. Dazu gibt vier, fünf oder sechs Erzählstränge, die nicht wirklich alle eine Daseinsberechtigung haben. Na gut, wollen wir mal nicht so streng sein. Sie haben mitunter eine Daseinsberechtigung, aber für die Geschichte sind sie nicht essentiell. 

    Es geht also langsam auf das Ende zu, das letztlich aber vorhersehbar ist: Und dann - löst sich, nachdem 980 Seiten lang alles breitgetreten wurde, der große Schlussakkord zu schnell auf. Von manchen taten bekommt man gar nichts mit. das hätte ich mir anders gewünscht. Vorher weniger Langatmigkeit, weniger Vorbereitung des Endes, dafür mehr Details, wenn der Hammer fällt.

    Alles in allem kein schlechter Roman, auch keine schlechte Trilogie, voller Ideen und Fantasie - für mich nicht aber vergleichbar mit den Führern der Branche. Und so mus ich leider sagen, dass mein Wunsch nicht erhört wurde: "Brian Staveley macht mit "Thron in Flammen" wahrlich einen Sprung - vom mittelmäßigen Fantasybuch  zum fesselnden Roman. Gäbe es Punkte, läge "Thron in Flammen bei starken 6,5 von 10 Zählern. Bleibt nur zu hoffen, dass sich Staveley im Abschlussband der Trilogie - "Thron der Götter" - noch einmal steigert."  
    Wenn ich in diesem Punktsystem bleibe, dann gebe ich fünf von zehn Punkten.


    Brian Staveley: Der Thron der GötterPaperback, Klappenbroschur, 992 Seiten, Verlag: Heyne, 16,99 Euro
    ISBN: 978-3-453-31677-5
  • Die Phileasson-Saga:  Himmelsturm --- unglaublich gut!

    Sagen und Mythen ranken sich um die legendäre Rivalität zwischen Asleif Phileasson, den sie nur den Foggwolf nennen, und Beorn dem Blender. Nun soll eine Wettfahrt entscheiden, wer von beiden der größte Seefahrer aller Zeiten ist und sich König der Meere nennen darf. In achtzig Wochen müssen die beiden Krieger den Kontinent Aventurien umrunden und sich dabei zwölf riskanten Abenteuern stellen. Abenteuern, die nur die abgebrühtesten Helden zu bestehen vermögen. Es ist der Beginn des größten und gefährlichsten Wettlaufs aller Zeiten ...

    Abbildung: Heyne 

    Das Rennen um den Titel "König der Meere" geht in die zweite Runde. Asleif Phileasson und Beorn der Blender schenken sich im äußersten Norden Aventuriens nur nichts, sondern bringen ihre Schiffsmannschaften, die Ottojaskos, an den Ran des Zumutbaren - und des Begreifbaren.
    Unsichtbare Rampen, im Eis konservierte Mumien von vor Tausenden Jahren verstorbener Elfen-Könige, schemenhafte Bestien, Chimären, Nachtalben....
    Gerne weitere Stunden dort verbracht
    Ich hätte als Leser noch zig weitere Stunden im Himmelsturm zubringen können - und Bernhard Hennen wären die Ideen dafür wohl auch nicht ausgegangen, aber die Reise muss ja weitergehen. Die Fantasiefülle des Autors tropft regelrecht aus jeder Seite, ist allgegenwärtig, bildhaft greifbar. Hennen beschreibt den Himmelsturm, als wäre er selbst schon zigmal dort gewesen, hätte die Abenteuer selbst erlebt. Klasse!
    Tolle Charaktere
    Die Charaktere werden noch schärfer gezeichnet, Geheimnisse aufgelöst, neue Spannungsfelder geschaffen - stark, welche Tiefe Hennen seinen Protagonisten gibt. Er ist sich auch nicht zu schade, lieb gewonnenen Charaktere sterben zu lassen und dafür auch neue in die Geschichte aufzunehmen.
    Fazit
    Mehr davon und zwar schnell! Das war mein erster Gedanke, als ich die letzte Seite von Himmelsturm aufgeschlagen hatte. Mein zweiter: Leider gibt's nur noch ein Buch - da ich von einer Trilogie ausging. Umso höher war der innerliche Luftsprung, als ich bei der Suche nach dem Veröffentlichungstermin des dritten Bandes merkte, dass es zwölf Romane sein werden. 
    Die Phileasson-Saga kann es ohne Weiteres mit "Das Lied von Eis und Feuer" oder der "Enwor"-Reihe aufnehmen. Bleibt nur zu hoffen, dass Hennen schneller schreibt und publiziert als George R. R. Martin...


    Bernhard Hennen: Die Phileasson-Sage - HimmelsturmPaperback, Klappenbroschur, 480 Seiten, Heyne; 14,99 Euro;
    ISBN: 978-3-453-31752-9
  • Ransom Riggs: Die Stadt der Besonderen Kinder

    Mit Müh und Not konnten Jakob und die besonderen Kinder aus der Zeitschleife, der Insel Cairnholm, vor ihren Feinden fliehen. Nun sind sie im England der 1940er Jahre gestrandet, immer noch verfolgt und ohne Beistand von Miss Peregrine, die sich nicht mehr in ihre Menschengestalt verwandeln kann. Um Miss Peregrine zu retten, brauchen die Kinder eine andere Magierin. Gerüchteweise lebt eine in London, und so machen sie sich auf den gefährlichen Weg in die zerbombte Stadt. Dort angekommen, finden sie schließlich Miss Wren und glauben schon, gerettet zu sein. Doch ausgerechnet hier, in ihrer vermeintlichen Zuflucht, erwartet sie der größte Verrat.


    Abbildung: Droemer-Knaur 

    Im Finale des ersten Bandes der Trilogie gelang den Kindern mit Hilfe von Jacob die Flucht, Miss Peregrine ist in dem Körper eines Vogels gefangen. Hilfe erhoffen sich die Flüchtlinge, die von ihren Häschern gnadenlos gejagt werden, von den Ymbrynes der anderen Zeitschleifen. Als sie erkennen müssen, dass diese fast alle überfallen und die Hüter verschleppt wurden scheinen sie mit ihrer Flucht an einem toten Punkt angekommen zu sein.

    Überraschendes Ende

    Nur ein Refugium scheint bislang den Angriffen widerstanden zu haben – im London der 40er Jahre gelegen sollen die dortigen Besonderen noch eine Hüterin in ihren Reihen habe, die Miss Peregrine vielleicht aus dem Gefängnis zu dem der Körper des Vogels wurde, befreien kann. So reisen die Kinder durch die Zeit in das von den Deutschen Bombern angegriffene London … mit einem in vielerlei Hinsicht überraschenden und natürlich offenen Ende.

    Faszinierende Kulisse

    Inhaltlich setzt der Autor an der Stelle an, an der er seine Leser im Auftaktband zurückgelassen hat. Die Jagd der Häscher, die Suche nach den Refugien, das Treffen mit anderen Besonderen, mit dem fahrenden Volk und das London in den Bombennächten bieten dabei erneut die faszinierende Kulisse für höchst eigenwillige phantastische Wesen und vielschichtige Figuren. Das wirkt märchenhaft, atmosphärisch dicht, verwöhnt mit malerischen, märchenhaften Momenten und ergreifenden Szenen. Dabei spricht sich der Autor immer wieder, nie aufdringlich oder plakativ, sondern zwischen den Zeilen für Toleranz und Mitgefühl aus, gibt seiner spannenden Handlung somit auch eine stimmige Botschaft mit auf den Weg.

    Fazit

    Da passt alles, äußere Gestaltung, die wunderbar stimmige, kongeniale Übersetzung und der Inhalt zueinander, so dass als Fazit nur die Erkenntnis bleibt, dass die Zeit bis zum abschließenden dritten Band wieder lang werden wird und All-Age-Romane durchaus ihre Berechtigung haben.


    Ransom Riggs: Die Stadt der besonderen KinderHardcover, Knaur HC,  480 S.; 16,99 Euro;

    ISBN: 978-3-426-65358-6


    GEWINNSPIEL: Wer eine Ausgabe von "Die Stadt der Besonderen Kinder" gewinnen möchte, sendet bis Montag, 8. August 2016, 12.00 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff "Besondere Kinder" Anschrift und Telefonnummer am benjamin.neumaier@mittelbayerische.de.
    Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, der Gewinner wird ausgelost.

  • Schwerter des Zorns

    Britannien brennt! Die mörderischen Horden von Häuptling Calgus haben den Hadrianswall überwunden und verbreiten Angst und Schrecken in der römischen Provinz. Doch der junge Zenturio Marcus hat ganz andere Probleme. Die Verstärkung, die aus Rom eintrifft, bedroht sein Leben. Denn der Kaiser hat ihn zum Tode verurteilt. Seine eigenen Männer werden ihn decken und seine wahre Identität geheim halten. Aber die neuen Soldaten schulden Marcus nichts. Sie werden ihn verraten, sobald sie ihn erkennen. Dann kann ihn nur noch ein Wunder retten – oder eine bespiellos mutige Tat.


    Abbildung: penhaligon 

    Zenturio Corvus bzw. Aquila ist weiterhin in Britannien stationiert, um den Häschern des Kaisers zu entgehen, die bereits seine komplette Familie ausgelöscht haben und auch ihm nach dem Leben trachten. 

    Riches hat mich schon im ersten Teil dieser Trilogie nicht vollends überzeugt: "Die Ehre der Legion ist kein Meisterwerk, aber ein guter Anfang. Dafür hat Riches Erstlingswerk etwas anderes - es versucht in die Tiefe zu gehen, in die Tiefe der Denkweise der Herrscher, der Präfekten, der Offiziere, der Legionäre und der Auxiliarsoldaten des Imperium Romanum."

    Auch der zweite Band hat durchaus seine Längen und für mich unbefriedigende tote Enden: So bricht die Storyline um den großen Widersacher der Römer, den Stammesführer Calgus, zu abrupt ab. Gut, man könnte nun sagen, dass sich das bestimmt im dritten teil aufklären werde, aber mir war es zu wenig. 

    Ich tat mich auch schwer, nachdem die Lektüre des ersten teils bereits mehr als ein Jahr zurücklag, die zahlreichen Namen ordentlich den handelnden Personen zuzuordnen. Ich mache Riches daraus keinen Vorwurf, schließlich bin ich es oftmals selbst leid, in zweiten oder dritten teilen von Trilogien oder reihen, die Personen haarklein aufs Neue vorgestellt zu bekommen. Dennoch: Riches wirft den Leser mitten ins Geschehen, sozusagen ins kalte Wasser - eventuell ist es aber etwas zu kalt. 

    Nichtsdestotrotz ist der Roman lesenswert. Die von anderen Rezensenten bemängelte Nutzung von zahlreichen Fachbegriffen fiel mir während der Lektüre nicht negativ auf. Vielmehr betrachte ich sie als Beitrag zur Authentizität. 

    Spannung will ich Riches Erzählung nicht absprechen, dennoch legt er viele Geschehnisse, Intrigen oder Liebeleien zu offen und durchschaubar an - kritisierte ich noch im ersten teil der Trilogie: Das hat sich deutlich gebessert. Riches ist zwar weiterhin kein Meister der Verwirrung, schafft es aber deutlich besser, Verwirrspiele zu treiben. Beim manchen Personen, wie etwa den Präfekten Furius und Scaurus, will er das auch nur bedingt. Er stellt deren Brutalität oder Loyalität offen dar, klärt früh auf wessen Seite die Protagonisten stehen. 

    Lesbar? Ja
    Empfehlenswert? Wer Scarrow mag, dürfte auch bei Riches auf seine Kosten kommen.
    Kaufempfehlung? Fans historischer Romane können zugreifen, sollten aber unbedingt Teil eins gelesen haben (versteht sich eigentlich von selbst).


    Anthony Riches: Schwerter des Zorns; Paperback, Klappenbroschur, 480 Seiten, Verlag: penhaligon; 14,99 Euro
    ISBN: 978-3-7645-3149-2


  • Chistian Eichler: 7:1 - Das Jahrhundertspiel

    Als der brasilianische Mythos zerbrach und Deutschlands vierter Stern aufging - Fassungslosigkeit. Mitgefühl. Erst später ein benebelter Freudenrausch. Selbst die Sieger wussten nicht, wie sie ihren Triumph über die erfolgreichste Nationalmannschaft der Geschichte bewältigen sollten. Was war mit der Seleção, was war mit den südamerikanischen Ballvirtuosen geschehen? Christian Eichler saß an diesem denkwürdigen 8. Juli 2014 auf der Tribüne des Mineirão-Stadions, sprach unmittelbar nach Abpfiff mit deutschen Spielern. Seine Erzählung der kuriosen 90 Minuten bettet er ein in das Bild zweier sich schneidender Kurven: die der aufstrebenden deutschen und die der einem überholten Fußball verhafteten brasilianischen Mannschaft. Ein Buch für die Liebhaber des schönen Spiels, die damit – doch noch – in die Verlängerung gehen können.


    Abbildung: Droemer-Knaur 
    "Bis jetzt ist es ein ganz normales Fußballspiel, ein Spiel in Echtzeit gewissermaßen. Die zeit, in der die Dinge geschehen, ist noch kongruent mit der zeit, in der sie wahrgenommen werden. Das wird sich bald dramatisch ändern,  für vierhundert Sekunden, die auf im Fußball nie erlebte Weise das perfekte Paradox der Zeitwahrnehmung erzeugen werden - die Wahrnehmung von Zeit, die zugleich unfassbar verdichtet und unendlich gedehnt erscheint."

    So beschreibt Christian Eichler das Faszinierende am WM-Halbfinale 2014 zwischen Deutschland und Gastgeber Brasilien. Auch ich saß damals vor dem Fernseher - ungläubig, ob der Ereignisse, die sich überschlugen. Unfähig zu glauben, was ich sehe. Unfähig zu verstehen, was sich da gerade abspielte. Unfähig zu realisieren, dass das gerade wirklich passierte.

    Eichler beschreibt Minute für Minute eines der größten Spiele der Fußballgeschichte. Er seziert die Demütigung der Brasilianer durch die deutsche Nationalmannschaft punktgenau - das Spiel  ist Gegenstand des Buches, es gibt den Takt und den Rhythmus vor, aber sein Verlauf ist nur das Gerüst, um das sich immer wieder viele kleine Geschichten, Rückblicke, Portraits, Analysen und Anekdoten ranken. Erst dadurch wird das Buch farbig und prall, abwechslungsreich und aufklärend.

    Khedira spielt nach links zu Özil, der im Strafraum in Schussposition ist - beide verbliebenen Brasilianer, Dante und Marcelo, stürzen auf ihn zu. Özil schießt aber nicht, sondern passt zurück zu Khedira, für den „Telegraph“-Mann der „Architekt dieser Kathedrale der Zerstörung“. Maicon eilt zurück in die Mitte, Khedira schiebt ihm den Ball durch die Beine ins Tor. 5:0. 
    Keine halbe Stunde gespielt. Noch nie in der WM-Geschichte, in keiner der 832 Partien seit 1930, hat eine Mannschaft so früh so hoch geführt. In diesem Moment hat Deutschland Brasilien in der ewigen WM-Torstatistik erstmals an der Spitze abgelöst. 221:220 Tore.

    In diesem Moment, kurz vor 17.30 Uhr brasilianischer Zeit, 84 Jahre nachdem der Peugeot-Mechaniker Lucien Laurent am 13. Juli 1930 im uruguayischen Schneeregen per Volleyschuss das erste WM-Tor schoss, kreuzen sich in Belo Horizonte mit dem 2375. Tor der WM-Geschichte die beiden großen Erfolgskurven des Weltfußballs. Die der Brasilianer, absteigend. Die der Deutschen, aufsteigend.

    Totenstille im Stadion. Mitten hinein die deutschen Rufe: „Oh, wie ist das schön.


    Was Pele oder Beckenbauer am Ball waren, dass ist Christian Eichler an der Schreibmaschine. Dieses Buch ist mindestens so spannend, wie das Ereignis von dem es handelt. Das 7:1 gegen Brasilien wird zwar trotz des hervorragenden Eichlerschen Machwerks nicht mein persönliches Jahrhundert-Spiel - das 3:2 1964 gegen Ungarn im Finale von Bern - verdrängen, aber für das Buch "7:1 - Das Jahrhundertspiel" gilt meine uneingeschränkte Kaufempfehlung.


    Christian Eichler: 7:1 - das JahrhundertspielKlappenbroschur, Verlag Droemer TB; 288 Seiten; 12,99 Euro
    ISBN: 978-3-426-30086-2
  • Die Insel der besonderen Kinder

    Manche Großeltern lesen ihren Enkeln Märchen vor. Was Jacob von seinem Opa hörte, war etwas ganz anderes: Abraham erzählte ihm von einer Insel, auf der abenteuerlustige Kinder mit besonderen Fähigkeiten leben, und von Monstern, die auf der Suche nach ihnen sind … Erst Jahre später, als sein Großvater unter mysteriösen Umständen stirbt, erinnert Jacob sich wieder an die Schauergeschichten und entdeckt Hinweise darauf, dass es die Insel wirklich gibt. Er macht sich auf die Suche nach ihr und findet sich in einer Welt wieder, in der die Zeit stillsteht und er die ungewöhnlichsten Freundschaften schließt, die man sich vorstellen kann. Doch auch die Ungeheuer sind höchst real – und sie sind ihm gefolgt …


    Abbildung: Droemer-Knaur 



    Eine sonderbare Geschichte ist es, die sich hinter dem Titel „Die Insel der besonderen Kinder“ versteckt.
    Wundersam, ungewöhnlich und kurios – eben ganz „besonders“. Es ist leicht, sich von ihr  in den Bann ziehen zu lassen. Sie fesselt  mit einer überwältigenden Intensität; man wird es nicht glauben, wenn man sie nicht am eigenen Leibe spürt. Der wird immer wieder überrascht, bis die eigene Neugierde ins Unermessliche gewachsen ist und man in einen Leserausch verfällt, der einen alles um sich herum vergessen lässt. Kaum hat man einen neuen Anhaltspunkt gefunden, steht man vor der bedeutenden Frage: Was ist nun wahr, was ein Hirngespinst? Das dringende Bedürfnis, eine Antwort darauf zu finden, hat Autor Ransom Riggs schamlos ausgenutzt, um den Leser einige Male in die Irre zu leiten – oder doch, um eine schockierende Wendung in seinen Handlungsstrang zu flechten? Um diese Rezension möglichst spoilerfrei zu halten, möchte ich nicht näher auf die genauen Themen eingehen. Eines sei aber gesagt: „Die Insel der besonderen Kinder“ ist ein absolutes Must-Read, das jeder mit einer Vorliebe für das Übersinnliche gelesen haben sollte.


    Zwischen den zwei Buchdeckeln findet sich nicht nur eine großartige Handlung und zahlreiche faszinierende Charaktere, sondern auch eine  Vielzahl von alten und mysteriösen, fast schon unheimlichen Fotos ist dort zu bewundern. Ransom Riggs hat diese Bilder mit großer Sorgfalt und viel Mühe zusammengesucht – ja, es handelt sich tatsächlich um echte Aufnahmen -, als hätte er befürchtet, seine Geschichte brauche einen bildhaften Gefährten. Fakt ist jedoch, dass sie „Die Insel der besonderen Kinder“ durch ihr perfektes Zusammenspiel zu einem unvergesslichen Buch machen. 

    Während des Lesens wurde mir erschreckend häufig bewusst, wie realistisch der Roman durch die Bilder ist. Es scheint, als wäre die Geschichte tatsächlich so geschehen, als wäre sie aus dem Leben gegriffen. Ja, Ransom Riggs hat die Emotionen seiner Leser unter Kontrolle, wenn sie sein Buch lesen. Und er genießt es, mit Angst und Schrecken, aber auch mit Neugierde und Zuneigung zu spielen.

    Das offene Ende der Geschichte hat mich zwar in gewisser Weise überrascht, dass es ein offenes Ende sein würde, war aber klar - schließlich gibt es ja schon einen Nachfolger der Geschichte. Auch den werde ich mir in Kürze einverleiben. Also: Dranbleiben...


    Andere Meinungen:

    Irina Melbourne (auf amazon): "Ich hatte mich, nachdem ich die Beschreibung auf dem Buchrücken gelesen hatte, sehr auf dieses Buch gefreut, wollte einfach mal wieder einen Thriller lesen, mich mitreißen lassen von einer spannenden Handlung.
    Aber das bietet dieses Buch nicht. Es gibt Überlegungen der Hauptpersonen, warum ein Mädchen verschwand und Rückblenden, warum ein anderes Mädchen Jahre vorher verschwand - und dauernd wird herumlamentiert, wie das vielleicht geschehen konnte und wer die Täter sein könnten - und die Handlung geht nicht wirklich vorwärts. Das war mir zu ermüdend, einfach zu langweilig, ich habe zwischendrin dann etliche Seiten übersprungen und den Spruch gelesen. Dieser ist wirklich gut. Ob ich jetzt "zwischendrin" was verpasst habe, ist mir eigentlich egal, mir hat das Buch irgendwann keinen Spaß mehr gemacht."  


    Vimbayi (auf amazon): "Total spannende Geschichte um ein verschwundenes Mädchen. Parallel dazu enthält die Geschichte einen Zeitsprung in eine andere Entführungsgeschichte, die mit der aktuellen in Zusammenhang steht. Es gibt etliche Wendungen und immer wenn man glaubt, man weiß was passiert ist, kommt ein neuer Erzählstrang hinzu. Sehr spannend!"



    Ransom Riggs: Die Insel der besonderen KinderTaschenbuch, Knaur TB, 416 S.; 12,99 Euro;
    ISBN: 978-3-426-51057-5

  • Rolf Hammel-Kiesow: Die Hanse

    Der Begriff Hanse bezeichnete seit der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert eine Organisation niederdeutscher Kaufleute und der von ihnen dominierten Städte von der Zuijdersee im Westen bis zum Baltikum im Osten und von Visby bis zu der Linie Köln – Erfurt – Krakau. Dieses Buch bietet einen prägnanten Überblick über die Geschichte der Hanse von ihrer Frühphase seit Mitte des 12. Jahrhunderts bis zu ihrem Ende im Jahre 1669. Es zeigt, daß die Hanse kein hierarchisch gegliederter Städtebund war, sondern ein Verbund von Egoisten, die sich zur Durchsetzung ihrer Außenhandelsinteressen zusammenschlossen.


    Abbildung: C. H. Beck 

    Wein in Brügge, Pelze in Nowgorod, Fisch in Bergen - und das Highlight: Wenn die Gewürzflotte nach London oder Lübeck kam... Erinnern Sie sich noch an "Der Patrizier" von Ascon? Lang, lang ist's her, seit ich auf dem Amiga - JA! - die Handelssimulaion gezockt habe. Seitdem hat die Hanse eine gewisse Faszinierung auf mich ausgeübt. Was lag da näher, als mir einen Überblick zu verschaffen. Das gelingt oftmals sehr gut mit den Werken der Reihe C. H. Beck Wissen. So ist es auch diesmal.
    ---
    Hammel-Kiesow erörtert grundlegende Gedanken zur Hanse, schildert deren Entstehung, Frühphase,die kommerzielle Revolution, Herausbildung der Kontorgemeinschaften, Organisation und Verfassung der Hanse oder auch den Niedergang.

    "Die Hanse ist ein Phänomen, das von heutigen Deutschen durchweg positiv bewertet wird - ungeachtet der verschiedenen politisch-ideologischen Interpretationen." 

    Der Autor geht dabei meist streng chronologisch vor, Sprünge gibt es seltenst. Dabei presst Hammel-Kiesow eine unglaubliche Vielfalt an Fakten in die 119 Seiten Text. Er geht dabei teils auch in die Tiefe: Oder haben sie jemals zuvor von Tohopesaten, der civitas lubeke oder  dem gemenen kopmans gehört? Ich nicht.
    ---
    Bei allem Interesse und aller Faktentiefe und Informationsdichte, muss ich aber auch eines festhalten: Hammel-Kiesow  schreibt trocken. Sehr trocken. Dieser Mann mag ein Wissen über die Hanse haben, wie kein Zweiter, aber dieses Büchlein ist trockener als Knäckebrot. Informativ? Ja! Genau? Ja! Lesenswert? Jein.. Wer sich über die Hanse informieren will, ist hier richtig. Unterhaltung findet man wo anders. ABER: Darum geht es ja auch nicht. Es geht um Information, es geht um Genauigkeit. Deshalb ist Die Hanse von Rolf Hammel-Kiesow ein gutes Buch, wenn auch...lassen wir das.
    ---

    Rolf Hammel-Kiesow: Die Hanse5., aktualisierte Auflage; 128 S.: mit 2 Karten. Broschiert; C.H.Beck Wissen; 2131; 8,95 Euro

    ISBN 978-3-406-58352-0




  • Die Insel der besonderen Kinder: Ransom Riggs phantastischer Roman kommt 2016 in die Kinos, vorher steht für mich allerdings die Lektüre des Fantasy-Romans an. Eine Rezension folgt in Kürze

  • Klaus Rosen: Attila

    "Die ganze Saat des Verderbens und der Ursprung der verschiedenen Katastrophen, welche die Wut des Kriegsgottes, alles mit außergewöhnlichem Brand erfüllend, heraufbeschwor, hatte folgende Ursache … das Volk der Hunnen." So beginnt der Historiker Ammianus Marcellinus seine Ausführungen über jene Reiterscharen von unbeschreiblicher Wildheit, deren Vordringen den römischen Erdkreis mit Entsetzen erfüllte. An der Spitze dieses Heeres stand um die Mitte des 5. Jahrhunderts Attila, die "Geißel Gottes" – wie er in der mittelalterlichen Überlieferung genannt wird.
    Klaus Rosen legt eine spannende Darstellung der Hunnen und ihrer Geschichte und zugleich eine Biographie ihres Königs Attila vor. Er bietet einen exzellenten Überblick über die Hunnen von ihren Anfängen bis zum Zerfall des Attilareiches unter den Söhnen des Herrschers. Und er entwirft ein anschauliches Bild von den Konflikten zwischen Barbaricum und Imperium Romanum, von den Machtstrukturen, den Protagonisten, den Schlachten – insbesondere der dramatischen Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (451) – und schließlich vom Ende Attilas.



    Abbildung: C.H. Beck 


    Über jemanden zu sagen, er benehme sich wie Attila und die Hunnen, ist wahrlich kein Kompliment. Auch heute steht der Name für negative Eigenschaften und das so deutlich, dass jeder den Vergleich sofort versteht. So beginnt die Biografie Attilas denn auch mit einem Kapitel aus der jüngeren Geschichte, bevor der Autor Klaus Rosen sich ins fünfte Jahrhundert nach Christus begibt und zeitgenössische Berichte zitiert. Dabei setzt er sich nicht nur mit dem Hunnenkönig auseinander, sondern beleuchtet auch die damaligen Lebensverhältnisse des hunnischen Volkes sowie des Römischen Reichs. Wer den Kriegsherrn nur als gnadenlosen Schlachtenlenker kennt, wird überrascht sein, dass er durchaus auch diplomatische Beziehungen zum Römischen Reich unterhielt und von dort auch finanziert wurde.

    Nicht nur Feind, auch Partner der Römer

    Klaus Rosen beleuchtet das Reitervolk aus ungewöhnlicher Perspektive. Für den Bonner Althistoriker waren die Hunnen keine Bestien mit blindwütigem Zerstörer als Anführer, sondern "Global Player" der Völkerwanderungszeit, die sich klug den Gegebenheiten anpassten und Nutzen aus den instabilen politischen Verhältnissen zogen – einmal als Partner, einmal als Gegner Roms.

    Ebenso wie andere "barbarische" Heerführer seiner Zeit wollte Attila das Imperium Romanum nicht zerstören. Er wollte dessen verführerische Ressourcen anzapfen. Er wollte integriert werden in die militärischen und administrativen Strukturen des Imperiums, um an den Überschüssen der mediterranen Welt teilzuhaben. Er ist also keineswegs nur der Schlächter, als der er vielfach dargestellt wird. Er ist allerdings der Kitt, der sein Volk zusammenhält: Nach dem Tod Attilas zwei Jahre später verschwanden die Hunnen ebenso schnell von der historischen Bühne, wie sie diese betreten hatten. Hundert Jahre nach ihrem Erscheinen zerfiel ihr "Reich", das mehr ein Personenverband als ein fest umgrenztes Staatengebilde war, sehr rasch.

    Global Player

    Rosen schildert in seiner Biographie, nicht nur des Herrschers, sondern einer ganzen Ethnie, eindrucksvoll unterschiedlichste Facetten der Hunnen, eines der Global Player der Völkerwanderung.


    Klaus Rosen: Attila - Der Schrecken der Welt; gebunden, 320 S.: mit 15 Abbildungen und 3 Karten. Verlag. C. H. Beck; 24,95 Euro;
    ISBN 978-3-406-69030-3.



  • Scarrow: Die Legion

    Der ehemalige Gladiator Ajax wurde aus Kreta vertrieben und macht nun Ägypten unsicher. Seine Überfälle auf Flottenstützpunkte und Handelsschiffe stellen eine Bedrohung für die Stabilität des römischen Imperiums dar, da sich seine Männer als Römer ausgeben und so den Hass der Bevölkerung auf die Besatzungsmacht schüren. Die beiden erprobten Kämpfer Cato und Macro werden von Ägyptens Statthalter damit beauftragt, sich der 22. Legion anzuschließen und Ajax zur Strecke zu bringen, bevor das Land endgültig verloren ist.


    Abbildung: Heyne 



    Bin gerade im Scarrow-Fieber - naja, das ist etwas abgekühlt. Die Legion, der 10. Ban der Adler-Serie, ist zwar nicht schlecht, ich habe mich bei der Lektüre aber immer wieder erwischt, wie ich Zeilen und sogar Seiten übersprungen habe. Bei einem richtig guten Buch passiert mir das nicht.

    Mag die Jagd nach Ajax anfangs noch ganz interessant inszeniert sein, ein Spion innerhalb der römischen Legion Spannung in die Sache bringen und das erste offizielle Oberkommando - irgendwie sind Macro und Cato doch immer schon Chefs - dem Leser Vergnügen bereiten, ist der Spannungsbogen nicht ausgereizt. Anstatt mit Ajax zu spielen, hätte die Figur des Prinz Tamlis weit mehr hergegeben - er bleibt aber in seiner Nebenrolle haften.

    Ich hatte mich auf Ägypten als Handlungsort gefreut und auch wenn der Tempel Karnak oder auch das Tal der Könige eine Rolle spielen, hätte man weit mehr aus der Szenerie herausholen können. Ansonsten ein typischer Scarrow: Vor der großen Schlacht gibt es kleine, blutige Scharmützel, verwundete Protagonisten, entfleuchte Widersacher und indisponierte Vorgesetzte...

    Ich hake die Legion unter "Ausrutscher" ab und freue mich auf die Garde - hoffentlich kommt durch die Verschwörer, die nun einige Bände geschwiegen haben, Drive in die Adler-Serie. Außerdem bietet der Schauplatz Rom einiges an Potential!

    Simon Scarrow: Die LegionTaschenbuch, Broschur, 592 Seiten, Verlag: Heyne; 9,99 Euro;
    ISBN: 978-3-453-43620-6



  • Scarrow/Andrews: Invasion

    Britannien, A. D. 44: Die Invasion Roms auf Britannien hat viel Blut gekostet. Doch noch immer gibt es Widerstand. Die Männer der Zweiten Legion kämpfen trotz hoher Verluste weiter. Unter ihnen ist Figulus, ein junger Centurio, der sich durch besondere Tapferkeit hervortut und den Schlachtentod nicht fürchtet. Während der Winter naht, sehen sich die römischen Truppen einem neuen, gnadenlosen Feind gegenüber: einer Horde entfesselter Krieger, die sie aus dem Verborgenen angreifen. Für Figulus beginnt eine gefährliche Mission, die nur Sieg oder Verderben kennt!


    Abbildung: Heyne 

    Invasion - eigentlich als E-Book-Novellen in fünf Teilen erschienen - gibt es mittlerweile gesammelt in einem 656-seitigen Werk zu kaufen.  
    Es spielt in der von Simon Scarrow in seiner Adler-Serie etablierten Epoche der Expansion des römischen Imperiums. der Kampf um Britannien tobt noch immer, denn auch nach der Niederlage von Caratacus leisten einzelne Stämme erbitterten Widerstand. Allen voran die Durotriger. 

    Vom Neben- zum Hauptdarsteller

    Mitten ins Geschehen gerät dabei der Optio Horatio Figulus, der in der Adler-Serie bereits an der Seite der römischen Centurionen Macro und Cato kämpfte. Nun ist er der Protagonist in einem zwar gut geschriebenen, aber dann doch Scarrow beinahe zu ähnlichen Roman. Man hat als Leser hin und wieder das Gefühl, einzelne Szenen bereits erlebt zu haben. In ähnlicher Form, eben mit Macro und Cato. Auch die Kämpfe laufen dann doch oft ähnlich ab und erinnern an Scarrows Schilderungen. Sicher, der Autor kann nicht die Kampfweise der Römer verdrehen, aber etwas mehr Abwechslung hätte das gut getan. Zu oft schlägt ein Brite mit seinem Langschwert von oben auf den Schild des Römers, der dann den Schlag abblockt und seinem Gegner per Stich in Hals oder Bauch den Garaus macht. Auch die Ausbildung von Einheimischen oder deren Maßregelung auf dem Exerzierplatz wurden in der Adler-Serie schon en masse abgehandelt.

    Fazit

    Das ändert aber nichts daran, dass Invasion ein spannender Roman ist, der Leser in die Geschichte hineingezogen wird - einige Längen ausgenommen - und mit Figulus, Rullus oder Helva zittert sowie Scylla oder Tenagasus verdammt. Letztlich eine schöne Ergänzung zur Adler-Serie und durchaus gut zu lesen. Oder sagen wir es mal so: Ich habe es nicht bereut, Invasion gelesen zu haben. 

    Simon Scarrow / T. J. Andrews: InvasionTaschenbuch, Broschur, 656 Seiten, Verlag: Heyne; 9,99 Euro
    ISBN: 978-3-453-43835-4

  • Hans Woller:  Mussolini - der erste Faschist

    Mussolini war der erste Faschist, doch hat man ihn lange als Hitlers harmlosen Bruder wahrgenommen. Hans Woller zeichnet nun ein völlig neues Bild, das viele überraschen wird: wegen Mussolinis Rassismus, seines Antisemitismus und der Schreckensbilanz seines Regimes, die den Atem stocken lässt. 
    Der italienische Alleinherrscher hat Geschichte geschrieben und Bilder hinterlassen, die im Gedächtnis hängen geblieben sind. Man kennt ihn – bullig, im Dialog mit seinem Volk, gebieterisch. Man sieht ihn vor sich – kahlköpfig, mit bloßer Brust am Strand, strotzend vor Energie und Willenskraft. Dann das Ende in Mailand 1945: der geschändete Leichnam, an einer Tankstelle aufgehängt, verhöhnt und verspottet, vom antifaschistischen Furor zusammen mit seiner toten Geliebten aus der Geschichte gejagt. Ungeschönt und anschaulich erzählt Hans Woller das Leben Mussolinis, der die totalitäre Massendiktatur erfand und zu Hitlers wichtigstem Verbündeten wurde.



    Abbildung: C. H. Beck 


    Er gehörte zu den bestimmenden Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Benito Mussolini gründete in Italien das erste faschistische Regime. Lange Zeit galt der "Duce" als Hitlers harmloserer Bruder. Doch stimmt das wirklich? 

    Verschiedene Gesichtspunkte

    In seinem Buch "Mussolini. Der erste Faschist" beleuchtet der Münchner Historiker Hans Woller das Phänomen Mussolini unter verschiedenen Gesichtspunkten, etwa als totalitären Sozialisten, als Imperialisten, als Faschisten oder Verbündeten Hitlers. Interessant ist speziell das Kapitel, das
    sich mit dem Rassisten und Antisemiten
    Mussolini beschäftigt. So setzte der Diktator 1938 ein Gesetz zum "Schutz der italienischen Rasse" durch, nach dem Juden nur noch Juden heiraten und Mischehen nachträglich annulliert werden sollten. So weit waren nicht einmal die Nazis gegangen. In den ostafrikanischen Kolonien führte Mussolini zudem eine krasse Apartheid-Politik ein. Woller beschreibt in seinem hervorragenden Buch den Diktator als einen "hemmungslosen Imperialisten", der seine Kriege mit maßloser Brutalität führte.

    Nicht weniger rassistisch als Hitler

    Ganz deutlich macht Hans Woller vor allem: Italiens Faschismus war nicht weniger rassistisch und antisemitisch als der Nationalsozialismus. Er schildert die Kriegsverbrechen im Abessinien-Krieg und legt Mussolinis langgehegten Judenhass dar. Kurz: Er zeigt auf, die Vorstellung Italiens Diktatur sei nur "halb so schlimm" gewesen, gehört ins Reich der Märchen. Dabei wird nicht alles über einen Kamm geschoren, sondern differenziert und pointiert dargestellt. 

    Und: Hans Woller schreibt nämlich nicht, er erzählt. Ihm sind ellenlange, verdrehte und vor Fachausdrücken strotzende Schachtelsätze zuwider, er liebt es eher plastisch. Ein Pluspunkt - so lebendig wird Geschichte selten dargestellt.


    Hans Woller: Mussolini. Der erste Faschist, gebunden; C.H. Beck Verlag, München, 397 Seiten, 26,95 Euro;
    ISBN 978-3-406-69034-1

  • Carlo Ancelotti - Quiet Leadership

    Carlo Ancelotti gehört zu den erfolgreichsten Fußballtrainern der Welt, fünf Champions-League-Siege gehen auf seinen Namen. Dabei könnte sich sein Ansatz nicht stärker unterscheiden vom aggressiven Führungsstil anderer Trainerlegenden. In „Quiet Leadership“ gibt der neue Cheftrainer des FC Bayern Einblick in seine Führungsphilosophie: Worauf kommt es Ancelotti an, wenn er ein Team übernimmt und an die Spitze führt? Wie baut er Talente auf? Wie geht er mit den Topstars um? Und wie schafft er es, die Leidenschaft für den Fußball trotz Erfolgsdruck und Professionalisierung immer weiter brennen zu lassen?

    Ancelotti nimmt den Leser mit in die Kabine, auf eine Spurensuche zu Vorbildern, Herausforderungen und wichtigen Entscheidungen seiner internationalen Laufbahn. Mit exklusiven Beiträgen von David Beckham, Cristiano Ronaldo, Zlatan Ibrahimovic, John Terry, Sir Alex Ferguson u.a.



    Abbildung: Knaus 


    „Erfolgskurven“, „Das Kerngeschäft“ und „Führen lernen“ - das sind die essentiellen Dinge, die der neue Bayern-Trainer Carlo Ancelotti in seinem Werk "Quiet Leadership" den Lesern näherbringen will. Dabei lohnt die Lektüre nicht nur für Bayern-Fans, sondern für generell Fußball-Interessierte aber auch angehende Manager. 

    Im Zentrum des Buches stehen nicht taktische Überlegungen, Trainingsaufbau oder Spielerverpflichtungen, auch wenn all diese Bereiche angeschnitten werden. Ancelotti konzentriert sich auf den seiner Meinung nach wichtigsten Baustein für Erfolg in einer Gruppe: die Beziehungen untereinander. Diese sollen von Vertrauen und gegenseitigem Respekt geprägt sein.

    "Aber wichtiger ist das andere: Ich respektiere die Menschen, mit denen ich
    zusammenarbeite.
    Die Leute trauen mir zu, dass ich das Richtige tue, so wie ich
    darauf vertraue, dass sie ihre Rolle in der Organisation wahrnehmen.
    "

    Dass dies in seiner Arbeit funktioniert, beweisen die Gastbeiträge am Ende eines jeden Kapitels: Geschrieben etwa von John Terry, David Beckham oder Paolo Maldini. Sie sprühen geradezu vor Lob für ihren ehemaligen Trainer und dessen Mannschafts- und Menschenführung.

    Als Beispiel für seinen ruhigen Führungsstil führt Ancelotti ausgerechnet einen
    Mafia-Boss an: Vito Corleone aus dem "Paten".
    Der Film zeige, dass die beiden
    wichtigsten Dinge Respekt und ruhige Autorität seien.
     

    "Vito Corleone ist eine
    Führungspersönlichkeit, an der man sich orientieren kann, weil er von allen
    respektiert wird - von der Familie, den Freunden, den Leuten, die mit ihm
    zusammenarbeiten, und sogar von seinen Feinden." 

    Das schreibt der italienische
    Meister-Trainer, besteht dabei aber ausdrücklich darauf, die kriminellen
    Machenschaften der Mafia damit nicht verharmlosen zu wollen.


    Der italienische Starcoach wird auch nicht müde, die Wichtigkeit der Sprache zu betonen - die ist bei ihm keinesfalls Englisch, sondern die Amtssprache desjenigen Landes, in dem er eine Mannschaft trainiert. Er wolle diese diese Sprache beherrschen, fordert dies innerhalb eines Jahres auch von seinen Spielern ein - das werden sich einige beim FC Bayern anstrengen müssen.
     
    Fazit

    Wer das Buch liest bekommt nicht nur einen tiefen Einblick in Ancelottis Kopf, sondern auch Dinge vermittelt, die jeder abgewandelt in seinem Alltag umsetzen kann. Und - sehr wichtig - Ancelotti schreibt von Respekt als einer Art Grundeinstellung, mit der man auf andere zugehen solle -  eine menschliche Eigenschaft, die in heutiger Zeit nicht mehr so ausgeprägt vorhanden ist, wie noch vor einigen Jahren. Respekt, Herr Ancelotti! 

    Carlo Ancelotti: Quiet Leadership - wie man Menschen und Spiele gewinntGebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten, Verlag: Knaus; 19,99 Euro; 

    ISBN: 978-3-8135-0752-2

  • Die Pforte der Schatten - schöne Ideen, tolle Charaktere

    Das Reich von Peredain verdankt seine Macht dem mystischen Abendvolk. Alle 23 Jahre öffnet sich ein Tor, und der Imperator von Peredain lädt die Gesandten des Abendvolks zu einem Fest ein. Als Dank erhält er eine Gabe der Magie oder überlegenes Wissen, mit dessen Hilfe die Familie des Imperators ihr Reich errichtet hat. Doch dieses Jahr tritt nicht das elfengleiche Abendvolk aus dem Tor, sondern riesige Bestien, die sich sofort auf die Anwesenden stürzen. Nur Kronprinz Lar und einige seiner Freunde können dem Gemetzel entkommen. Können sie verhindern, dass das Imperium zerbricht, und die Invasion aufhalten?


    Abbildung: blanvalet  

    „Die Pforte der Schatten“ enthält viele Erzählelemente klassischer Fantasy: magische Völker wie das Abendvolk, eine kleine Gemeinschaft, die aufbricht, um die Welt zu retten, sowie eine klare Einteilung in Gut und Böse. Doch Harry Connolly bereitet es große Freude, mit diesen Elementen und der damit verbundenen Erwartungshaltung zu spielen. Leser müssen sich dadurch auf einige Überraschungen gefasst machen.

    Zwei Protagonisten - nach einer Zeit

    Im Gegensatz zu vielen anderen Fantasy-Werken, die nicht nur von vielen Figuren geprägt sind, sondern auch häufig die Erzählperspektive verändern, beschränkt sich Harry Connolly auf zwei Protagonisten. Zumindest nach einem Drittel des Romans - nichtsdestotrotz sollten Leser ein gutes Namensgedächtnis haben: Denn die zahlreichen Adelsgeschlechter oder immer wieder kurzzeitig auftauchende Nebendarsteller sowie Kreaturen können dann doch für Verwirrung sorgen.
    Tyr Tejohn Treygar ist der männliche Part, ein erfahrener Krieger, der aus einfachen Verhältnissen stammt und geprägt ist von großem Pflichtbewusstsein. Den weiblichen Part verkörpert Cazia Freibrunn, aufgewachsen am Hofe als Geisel, aber dennoch befreundet mit Prinz Lar und angehende Gelehrte. Ihre magische Begabung erlaubt es Connolly, die Nutzung und Wirkung von Magie in „Die Pforte der Schatten“ zu beschreiben und zugleich auf den Preis einzugehen, den die Gelehrten zahlen müssen.

    Handlungsstränge laufen nebeneinander

    Die Handlungsstränge der beiden Hauptfiguren überschneiden sich nur im ersten Drittel. Das hat zur Folge, dass der Perspektivwechsel leider nicht mehr so erfrischend ist, wie zu Beginn, wenn die Gegensätze der beiden Protagonisten zum Tragen kommen. Außerdem gehen die Handlungsstränge weit auseinander – während Tejohn mehr in die politischen Umwälzungen verwickelt wird, folgt Cazia der Spur der Magie. Das bringt sie mit immer neuen magischen Wesen in Kontakt, die die Geschichte überfrachten. Durch die beständige Gefahr, in die sich die beiden begeben und die geschickt gesetzten Cliffhanger hält Harry Connolly seine Leser bei der Stange.

    Fazit

    Eine Stärke des Buches ist, dass der Autor unterbewusst mit den Gefühlen und Ängsten des Lesers spielt. Denn dieser kann sich nie sicher sein, dass gut auch gut und böse auch böse ist...
    Ein Toller Auftakt in „Der strahlende Weg“ - wohl eine Trilogie.


    Harry Connolly: Die Pforte der SchattenPaperback, Klappenbroschur, 608 SeitenVerlag: Blanvalet; 14,99 Euro;
    ISBN: 978-3-7341-6087-5






  • Oliver Hilmes: Berlin 1936 - 16 Tage im August

    Im Sommer 1936 steht Berlin ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. Zehntausende strömen in die deutsche Hauptstadt, die die Nationalsozialisten in diesen sechzehn Tagen als weltoffene Metropole präsentieren wollen. Oliver Hilmes folgt prominenten und völlig unbekannten Personen, Deutschen und ausländischen Gästen durch die fiebrig-flirrende Zeit der Sommerspiele und verknüpft die Ereignisse dieser Tage kunstvoll zum Panorama einer Diktatur im Pausenmodus.

    Die »Juden verboten«-Schilder sind plötzlich verschwunden, statt des »Horst-Wessel-Lieds« klingen Swing-Töne durch die Straßen. Berlin scheint für kurze Zeit eine ganz normale europäische Großstadt zu sein, doch im Hintergrund arbeitet das NS-Regime weiter daran, die Unterdrückung zu perfektionieren und das Land in den Krieg zu treiben.

    In »Berlin 1936« erzählt Oliver Hilmes präzise, atmosphärisch dicht und mitreißend von Sportlern und Künstlern, Diplomaten und NS-Größen, Transvestiten und Prostituierten, Restaurantbesitzern und Nachtschwärmern, Berlinern und Touristen. Es sind Geschichten, die faszinieren und verstören, überraschen und bewegen. Es sind die Geschichten von Opfern und Tätern, Mitläufern und Zuschauern. Es ist die Geschichte eines einzigartigen Sommers.



    Abbildung: Siedler 


    Die Propaganda, zumindest die rassistische, antisemitische, hält im August 1936 für kurze Zeit die Luft an - die Olympischen Spiele sind zu gast. Das Dritte Reich möchte sich von seiner besten Seite zeigen, friedvoll, friedliebend und weltoffen - schließlich istiide Welt zu Gast. Im selben Jahr hatte Hitler zwar die Verträge von Locarno gebrochen und die Wehrmacht im Rheinland einmarschieren lassen, aber dies sollte nicht die größte Sportveranstaltung der Welt stören. 

    Nicht nur das Sportereignis skizziert

    Oliver Hilmes, bekannt durch seine Arbeiten zu Ludwig II., der Familie Wagner und Franz Liszt hat die Zeit der olympischen Spiele in Berlin als Aufhänger für sein neues Buch genommen. Der Berliner Historiker beleuchtet aber keineswegs nur das Sportereignis, sondern wirft sich ins Nachtleben der 30er Jahre, blickt hinter die Kulissen der Propaganda und schaut den damaligen "Promis" über die Schulter. Diese knapp zwei Wochen vom 1. bis zum 16. August 1936 reichen Hilmes um kaleidoskopartig das beinahe umfassende Bild einer Epoche zu zeichnen, den letzten Akt der Inszenierung einer Regierung, die nur drei Jahre später die Menschheit in einen desaströsen Krieg verwickelt.

    Gleichgewicht aus Tratsch und Zeitgeschichte

    Hilmes verwendet Tagebuchaufzeichnungen von Harry Graf Kessler und Hitlers rechter Hand, Josef  Goebbels, offizielle Äußerungen und Pressemitteilungen und Wetterberichte sowie Zeitzeugenberichten. Berlin 1936 ist vor allem daher so gelungen, weil Hilmes es schafft, das Gleichgewicht aus unterhaltsamen Tratsch, nüchterner Meldung, Tagespolitik und Zeitgeschichte zu halten. Zur Balance trägt bei, dass eben nicht nur Anekdoten von Stars nacherzählt werden, sondern Zeitgeschichte anhand des Lebens einfacher Bürger aufgezeigt wird, der Barbesitzer und Soldat auf Geheimmission, bereits gegängelte Juden und Sinti, Besucher der Spiele und Fans von Sportlern. 

    Ein tolles Buch, Zeitgeschichte authentisch und menschennah präsentiert. 


    Oliver Hilmes: Berlin 1936 - 16 Tage im August; Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 304 Seiten, Verlag: Siedler; 19,99 Euro; 

    ISBN: 978-3-8275-0059-5

  • Bauer Giles von Ham - jiiaaaa, passt!

    Um das Dorf Ham von dem furchteinflößenden Drachen Chrysophylax zu befreien, braucht es mehr als nur den Mut seiner Einwohner. Mit dem Bauern Giles begegnen wir einem typischen Helden Tolkiens, der Großes vollbringt, dabei aber gar kein Held sein möchte.

    Bauer Giles sieht gar nicht wie ein Held aus. Er ist eher rundlich, hat einen roten Bart, und genießt das ruhige bequeme Leben. Eines Tages verjagt er einen Riesen und sein Ruhm verbreitet sich im ganzen Land – zu seinem Unglück, wie sich herausstellt: Denn als der listige Drache Chrysophylax das Königreich heimsucht, wird der Ruf nach Bauer Giles laut … 
    J.R.R. Tolkien veröffentlichte dieses klassische Märchen zwischen dem Hobbit und dem Herrn der Ringe. Die vorliegende Ausgabe orientiert sich an dem Text, der erstmals 1949 mit den Illustrationen von Pauline Baynes publiziert wurde. Außerdem enthält sie eine noch frühere Version und Tolkiens Notizen für eine Fortsetzung. 


    Abbildung: Klett-Cotta 

    Tolkien, Scarrow, Tolkien - so lasse ich mir das gefallen. Nach harter Kost bei "Die Abenteuer des Tom Bombadil" und spannender Unterhaltung bei "Gladiator", wartete nun ein Kunstmärchen.

    Was passiert, wenn ein genervter Bauer Nachts zu seiner Donnerbüchse greift und damit eine Riesen in die Flucht schlägt? Genau, er erlangt ungewollt Berühmtheit. Da kann er natürlich nicht ewig kneifen, wenn plötzlich ein Drache auftaucht und das gesamte Land bedroht.

    Eine Geschichte in die Zeit gesetzt, als Britannien noch aus vielen kleinen Königreichen bestand und König Arthur noch Zukunftsmusik war. Eine Parodie auf die Hierarchien, die zur Zeit des Schreibens (um 1937) in Großbritanien herrschte. Das Märchen beinhaltet die Entstehung verschiedener Namen innerhalb des heutigen Königreiches. Allen voran den Fluss Themse. Sarkastisch und humorvoll schreib Tolkien hier über Mut, Glück, Geschickt und List. Er bedient sich auch an Elementen, die mich ein wenig verwundern. So trägt der Hund des Bauern Giles den Namen des Hundes der Totengöttin Hel.

    Ob ich es gelesen hätte, wäre es von XY? Wohl kaum. War es das beste Buch, das ich je gelesen habe? Wohl kaum. Hätte ich es noch nicht gelesen, würde iche s wieder lesen wollen? Ja.

    Mal was anderes, fernab vom Mainstream. Aber gewöhnungsbedürftig, das muss jedem Leser bewusst sein.

    J. R. R. Tolkien: Bauer Giles von HamAus dem Englischen übersetzt von Angela Uthe-Spencker und Susanne Held; 1. Aufl. 2016, 241 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes; Klett-Cotta; 14,95 Euro;

    ISBN: 978-3-608-96092-1
  • Simon Scarrow: Gladiator
     
    Die Krieger Macro und Cato sind auf dem Weg nach Rom, als ihr schwer beschädigtes Schiff vor Kreta anlegen muss. Dort tobt ein Aufstand – die Revolte unter der Führung des brutalen Gladiators Ajax droht die Mittelmeerinsel ins Chaos zu stürzen. Ajax steht dem römischen Reich mit unversöhnlichem Hass gegenüber, und auch gegen die beiden Centurionen hegt er tiefen Groll ...
     
    Abbildung: Heyne
     
    Gladiator ist der nächste Schritt ind er konsequenten Weiterentwicklung - sowohl der Rom-Serie und seiner Protagonisten, als auch der Erzählweise. Waren die ersten Bände - Macro und Cato als einfache Legionäre - noch geprägt von stetes gleichen Kampfhandlungen, obsiegt nun die Variabilität des Autors.
     
    Ein alter Bekannter
     
    Scarrow verpflanzt seine Protagonisten immer wieder in neue Teile des römischen Imperiums, gibt Ihnen scheinbar neue Aufgaben und lässt in Gladiator einen alten Bekannten wieder auftauchen. Ajax (Vorsicht Spoiler) der Sohn des Piratenfürsten, den die beidne Römer fingen und kreuzigten, übernimmt in Kreta das Regime (Spoiler Ende)
     
    Die Provinz ist von einem Erdbeben und einer Flutwelle zerstört worden, die Führungsschicht dahingerafft, die Sklaven proben den Aufstand. Nicht nur das, sie übernehmen die Insel. Wie es der teufel will, stolpern Macro und Cato mal wieder mitten ins Getümmel. Sie kämpfen wie eh und je, lieben und trauern wie eh und je, nur werden sie diemsal nicht verraten oder in einen Hinterhalt gelockt. Wobei...
     
    Nicht sein bestes Buch
     
    Auch ein großer Nebenerzählstrang, der in den vorangegangenen Büchern Fahrt aufzunehmen schien, versiegt wieder. Dennoch bietet Scarrow wieder gute und spannende Unterhaltung. Wenn ich allerdings von dem hohen Niveau ausgehe, das er schon angeschlagen hat, bekommt dieses Buch eine 2-. Gute Ideen, aber ausreizbar. Das Ende kann man so machen, hätte aber dramatischer ausfallen könne - dann wäre eine Fortsetzung aber wohl zumindest für eine Person schwieriger umzusetzen gewesen. 
     
    Alles in allem gute Kost.
     
    Simon Scarrow: Gladiator; Taschenbuch, Broschur, 544 Seiten, Heyne, 9,99 Euro;
    ISBN: 978-3-453-43506-3 
     
  • Die Abenteuer des Tom Bombadil

    Die Märchen und Abenteuergeschichten aus dem gefährlichen Königreich gehören zu Tolkiens weniger bekannten Werken. Drei bibliophil ausgestattete Ausgaben im kleinen Format stellen sie einer breiten Leserschaft neu vor.

    Tom Bombadil ist eine der geheimnisvollsten und schönsten Figuren aus dem Herrn der Ringe. Außerdem ist er auch Gegenstand spielerischer Gedichte, von denen es heißt, sie seien von Hobbits selber erdacht und im Roten Buch überliefert. 
    Die Abenteuer des Tom Bombadil vereinigt diese mit weiteren Gedichten, die im Auenland am Ende des Dritten Zeitalters spielen. Sie liegen hier erstmals in einer zweisprachigen Ausgabe vor. 

    Mit dem Fragment eines unbekannten Textes zu Tom Bombadil.


    Abbildung: Klett-Cotta 

    Gedichte also: Naja, ich war nicht überzeugt - und bin es auch nach der Lektüre nicht restlos. Ich hatte mir wohl mehr erhofft.  Mehr erhofft von einer tollen Figur, die in den Romanen und besonders Filmen viel zu kurz kommt. Es war mir dennoch eine wertvolle Lektrüe - für zwischendurch.

    Denn: Viele Geschichten, die Tolkiens Gedichte hier erzählen, sind lustig, komisch, laden zum Lachen ein. J. R. R. macht sich offensichtlich einen Spaß daraus, Tiere auf amüsante und doch hintergründige Weise vorzustellen. Auch die Texte über die Abenteuer Tom Bombadils haben etwas besonderes an sich. 

     Vorgeblich entstanden diese „Gedichte aus dem Roten Buch“ im Westland, der Region um das Auenland herum. Andere Texte mit ernsterem Charakter könnten in Gondor entstanden sein, denn hier kommt mehrmals das Meer vor, ebenso die Elben, als sie Mittelerde verlassen.

    Eine Enttäuschung mag das Buch für Fans bieten, die sich - wie ich - mehr Informationen erhoffen. Denn die  Sammlung trägt keine neuen Informationen zu den großen Werken „The Hobbit“, „Silmarillion“ und „Herr der Ringe“ bei, doch sie zeigt Tolkien von seiner poetischeren Seite und vertieft die wichtige Figur des Tom Bombadil.

    Also: Passt so - aber wohl nur für Tolkien-Fans. Ein Absoluter Pluspunkt: das Büchlein ist zweisprachig.


    J. R. R. Tolkien: Die Abenteuer des Tom Bombadil; Aus dem Englischen übertragen von Ebba Margaretha von Freymann; 1. Aufl. 2016, 195 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, zweisprachig, mit zahlreichen Illustrationen von Pauline Baynes; Klett-Cotta; 14,95 Euro

    ISBN: 978-3-608-96091-4
  • The Hateful 8 - klasse inszenierter Western


    Quelle: Universum 

    Sieben Männer, eine Frau, eine abgeschiedene Hütte, ein blutiger Showdown - klingt nach einem spannenden Setting. Dabei passiert lange Zeit fast nichts in "The Hateful 8" (2015), dem achten Film von Quentin Tarantino. Hätte irgendein namenloser Nachwuchsregisseur diesen Film vorgelegt, gut möglich, dass er ihm um die Ohren gehauen worden wäre. Aber irgendeinem namenlosen Nachwuchsregisseur wäre es eben auch nicht gelungen, eine solch grandiose Schauspielerriege zusammenzuführen wie Tarantino in "The Hateful 8". Nachdem hierzulande über eine Million Kinotickets gelöst wurden, erscheint das sehenswerte Kammerspiel am 30. Mai auf DVD, Blu-ray Disc und als Video-on-Demand.

    Irgendwo in Amerika, kurz nach dem Bürgerkrieg: In einer Kutsche treffen der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) und seine Gefangene Daisy Domerque (Jennifer Jason Leigh) auf Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), gleichfalls Kopfgeldjäger, und den Deserteur Chris Mannix (Walton Goggins). Da ein Schneesturm droht, macht die Kutsche Station bei Minnies Kleinwarenladen, der zugleich eine Kneipe ist.

    Dort sitzt der Rest der "Hateful 8": der schweigsame Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), der ehemalige General Sandford Smithers (Bruce Dern), der Maxikaner Bon (Demian Bichir) und der Henker Oswaldo Mobray (Tim Roth). Man redet, feixt, misstraut einander, während draußen der Sturm tobt. Es ist das gesammelte prahlerische Geschwätz eitler, selbstverliebter Amerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts. Rassismus, Gewalt, Stolz - Stammtisch anno 1870. Aber weil das hier ein Tarantino-Film auf der Basis eines Tarantino-Buches ist, wartet man geduldig - wenn es sein muss auch mal zwei Stunden lang, ehe das passiert, was es eben auch in jeder Erzählung des ungewöhnlichen Filmemachers gibt: Mord und Totschlag.

    Es ist eine eigenwillige Mixtur aus Western, Thriller und einem Hauch Komödie, die Tarantino hier kompromisslos in Szene setzte. Gewissermaßen als Bühnenstück, interessant fotografiert  und klanglich brillant untermalt von Ennio Morricone, der mit einem Oscar für die beste Filmmusik ausgezeichnet wurde. So ist "The Hateful 8" ein Film, der ob seiner gezielten Längen das Potenzial zu gefallen ebenso hat wie zu erzürnen. Mit feinen Dialogen, mit einigen humorvollen Momenten und am Ende mit reichlich Blut. Sowas mag man oder nicht. Tarantino ist und bleibt der eitelste Filmemacher dieses Planeten. Was er macht, ist Kunst. Glaubt er. Und wahrscheinlich hat er ja auch Recht.


    Genre: Western
    Studio: Universum
    Vertrieb: Universum
    Erschienen am 30. Mai 29016 auf DVD und Bluray


    GEWINNSPIEL: Wer eine Bluray von "The Hateful 8" gewinnen möchte, sendet eine Mail mit dem betreff "Hateful 8" sowie seinem Namen und seiner Adresse und Telefonnummer an benjamin.neumaier@mittelbayerische.de.

    Einsendeschluss 6.6.16, 12.00 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.


  • Die 5. Welle

    Abbildung: Sony Home Entertainment 


    Außerirdische, “die Anderen” genannt, thronen mit ihrem Raumschiff über einer Stadt in Ohio. Ihr Vernichtungswerk erstreckt sich auf die ganze Erde, und sie sind noch lange nicht fertig mit den Menschen. Es ist ein unheilvolles Setting, mit dem “Die 5. Welle” startet. Mal wieder ein Untergangsszenario, wie man es aus vielen Sci-Fi-Spektakeln kennt. Dieses Action-Drama, das nun fürs Heimkino erhältlich ist, sticht dennoch heraus. Die Aliens legen global die Elektronik und Kommunikation lahm, Naturkatastrophen machen die Metropolen platt, und eine Vogelgrippenvariante dezimiert die Bevölkerung - das sind die ersten drei Angriffswellen. Army-Colonel Vosch warnt eine Schar Überlebender vor der vierten Welle: Außerirdische übernehmen wie Parasiten die Kontrolle über die Menschen. Zu seinen Zuhörern gehört die 16-jährige Cassie Sullivan. Noch vor kurzem eine normale High-School-Schülerin, streift sie nun mit ihrem kleinen Bruder Sammy durch die Wälder, während sich ihre heimliche Liebe Ben zwangsrekrutiert im Krieg gegen die Invasoren wiederfindet. Die fünfte Welle des Angriffs steht bevor. Und mit ihr jede Menge Action...

    Die 5. Welle: DVD, ca. 13 Euro; Blu-ray, ca. 15 Euro, Sony Home Entertainment


    Gewinnspiel: Wer eine Bluray von "Die 5. Welle" gewinnen möchte, sendet bis 2. Juni 2016, 12.00 Uhr, eine E-Mail mit dem "Betreff 5. Welle" sowie seiner Adresse und Telefonnummer in der Mail an benjamin.neumaier@mittelbayerische.de.
    Der Gewinner wird gezogen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Die Kaiserforen Roms

    Noch heute beeindrucken jeden Rombesucher die Überreste der Tempel, Basiliken und Ehrenmonumente der Kaiserforen. Der italienische Archäologe Roberto Meneghini, langjähriger Grabunsgleiter auf den ›Fori Imperiali‹, untersucht die Entstehung, Entwicklung und Gestaltung der kaiserlichen Platzanlagen, die Bauten und ihre Ausstattung sowie ihre Infrastruktur. Mithilfe zahlreicher erstmals für diesen Band erstellter Fotos, Grundrissen und schematischen Zeichnungen erläutert der Autor, wie die Menschen in der Antike auf den Kaiserforen gehandelt und gelebt haben. Die Ergebnisse von mehr als zwanzig Jahren Forschung werden erstmals vorgestellt, die eindrucksvolle Menge an archäologischen Ergebnissen zusammengefasst und auf anschauliche Weise präsentiert.



    Abbildung: Philipp von Zabern 


    Roberto Meneghini, einer der führenden Archäologen Italiens mit dem Spezialgebiet Rom und wissenschaftlicher Leiter der jüngsten Ausgrabungen in Rom, hat in seiner Veröffentlichung "Die Kaiserforen Roms" die aktuellsten Ergebnisse der Ausgrabungen der letzten 20 Jahre im Bereich der Via Alessandrina und der Via dei Fori Imperiali zusammengestellt. Dabei geht er sehr systematisch vor und beschreibt zunächst das Gebiet und die städtebaulichen Voraussetzungen, die Caesar, der als Erster ein Forum zur Repräsentation seiner Macht und Größe errichten ließ, vorfand. Nicht selten mussten die Kaiser das Land für ihre Foren teuer erkaufen und ganze Häuserzüge umsiedeln.

    Chronologisch abgearbeitet

    In den folgenden Kapiteln arbeitet Meneghini die Kaiserforen chronologisch ab: Caesarforum, Augustusforum, Friedenstempel, Nervaforum und Trajansforum. Die Entstehungsgeschichte der Foren mit ihren prächtigen Tempeln und Portiken wird von vielen Fotos, Rekonstruktionszeichnungen, Grabungsplänen und Grundrissen begleitet und dadurch äußerst anschaulich dargestellt. Dies macht es für den interessierten Laien einfacher, die sehr wissenschaftliche Sprache Meneghinis und die reichlich verwendeten Fachbegriffe, die nicht immer alle im Glossar erläutert werden, zu verstehen und den Ausführungen dennoch interessiert und begierig auf mehr zu folgen.

    Kompakt und überschaubar

    Mit gut 100 Seiten liefert diese Veröffentlichung über die römischen Kaiserforen eine überschaubare und kompakte Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands. Dabei wird der Fokus nicht nur auf eine bestimmte Epoche gelegt, sondern es wird auch auf Veränderungen der Foren durch An- und Umbauten im Laufe der Zeit eingegangen. Im letzten Kapitel schildert Meneghini sogar die städtebaulichen Entwicklungen im Mittelalter und in der Neuzeit, als Wohnsiedlungen auf den Foren entstanden sind und sie so nach dem Untergang des römischen Reichs immer mehr ihren ursprünglichen Charakter verloren haben.


    Roberto Meneghini: Die Kaiserforen RomsAus dem Ital. von Dagmar Penna Miesel. 2015. 112 S. mit 82 farb. u. 54 s/w Abb., 21 x 29,7 cm, Fadenh., geb. Zabern, Darmstadt; 29,95 Euro; 
    ISBN: 9783805348522


  • Wilfried Stroh: Cicero
     
    Diese kleine Biographie bietet einen kompetenten Überblick über die wichtigsten Stationen im Leben einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Antike – Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.). Sie zeigt ihn als aufstrebenden Juristen und glänzenden Rhetor, als ehrgeizigen und erfolgreichen Politiker, als überzeugten Republikaner und nachdenklichen Philosophen – schließlich als todgeweihten Verfechter der Freiheit.
     
    Abbildung: C.H. Beck
     
    Er war einer der bedeutendsten Staatsmner der Antike, ein Verfechter der römischen Republik und ein Todgeweihter - letztlich zerrieben im Machtgefüge Roms.
     
    Ein Mann der 1000 Talente
     
    Cicero war ein Mann der 1000 Talente - Redner, Philospoh, Staatsmann. Das beschreibt Stroh ausdrücklich. Angefangen von der Lehrzeit bei Apollonis Molon, über erste Schritte in der Justiz und dem damit einhergehenden ersten Schritten in der Politik. Quaestor, Praetor, Konsul - am Höhepunkt angekommen, gestaltet sich Ciceros leben danach wie eine Berg- und Talfahrt. Er macht sich bedeutende politische Feinde, setzt auf wankelmütige Verbündete. Besonders seine Feindschaft zu Catilina und später Cäsar sind die dicksten Sargnägel. Cicero landet im Exil, kehrt zurück, muss fliehen, schwimmt wieder oben auf, fällt erneut tief...
     
    Historisch genau, kurz und knapp
     
    Stroh erzählt das alles historisch genau, kurz und knapp, aber dennoch ausfühlrich genug, für mehr als einen bloßen Einstieg in das Leben des Marcus Tullius Cicero - das allerdings weit mehr Stoff bietet, als man in  die üblichen Dimensionen (unter 130 Seiten) von C.H.Beck-Wissen pressen kann.
     
    Daumen hoch!
     
     
    Wilfried Stroh: Cicero - Redner, Staatsmann, Philosoph; 3., durchgesehene Auflage 2015. 128 S.: Paperback; (C.H.Beck Wissen; 2440); 8,95 Euro
    ISBN 978-3-406-56240-2 
     
  • Die Phileasson-Saga: Nordwärts

    Sagen und Mythen ranken sich um die legendäre Rivalität zwischen Asleif Phileasson, den sie nur den Foggwolf nennen, und Beorn dem Blender. Nun soll eine Wettfahrt entscheiden, wer von beiden der größte Seefahrer aller Zeiten ist und sich König der Meere nennen darf. In achtzig Wochen müssen die beiden Krieger den Kontinent Aventurien umrunden und sich dabei zwölf riskanten Abenteuern stellen. Abenteuern, die nur die abgebrühtesten Helden zu bestehen vermögen. Es ist der Beginn des größten und gefährlichsten Wettlaufs aller Zeiten ...


    Abbildung: Heyne 

    Schon seit 1990 gibt es die Phileasson-Saga - als Mehrspieler-Kampagne des Rollenspiel-Klassikers "Das schwarze Auge". Autor Bernhard Hennen hat die Sage um die beiden Kapitäne Phileasson und Beorn nun als Roman auf den Markt geworfen. Während DSA-Fans die Ausgabe durchaus kritisch betrachten, ist Band 1 - Nordwärts - für mich der Auftakt in ein tolles Fantasy-Epos.

    Vorgeschichte fesselt

    Schon die Vorgeschichte um Tylstyr, einen Magier, voll von Blut, Vergewaltigung und Mord, ist nichts für schwache Nerven. Im Laufe der Geschichte verlagert sich der Plot nach Thorwal - die Vorgeschichte wirkt dort noch nach, wird aber mehr und mehr von dem Wettkampf der beiden großen Kapitäne und ihrem Kampf um den Titel "König der Meere" verdrängt. Erst ganz am Ende scheint die Geschichte wieder aufzuflammen - was aber durchaus eine falsche Fährte des Autors sein könnte.

    Die Stärke des Romans liegt auch  in den sehr lebensnah beschriebenen Charakteren. Jeder hat seine Eigenarten und auch eigene Motivationen und Hoffnungen, sodass es beim Lesen, trotz der schieren Menge an Personen, immer gut möglich war, den Überblick zu behalten.

    Sture Thorwaler

    Zudem strotzt der Roman vor Fantasie. Sicher, die Thorwaler sind an die Wikinger angelehnt, Schneeschrate an Yetis oder die Elfen an, naja, eben Elfen. Hennen und sein Co-Autor Corvus verstehen es aber, ständig Drive in der Geschichte zu halten und die Neugier soweit zu wecken, dass man das Buch ungerne weglegt.

    Band 2 wandert mit ziemlicher Sicherheit wieder durch meine Hände...und eventuell versuche ich mich sogar mal an der DSA-Vorlage.

    Bernhard Hennen: Die Phileasson-Saga 1 - NordwärtsPaperback, Klappenbroschur, 496 SeitenHeyne; 14,99 Euro;
    ISBN: 978-3-453-31751-2

  • Kass Morgan: Die 100 - Heimkehr

    100 Jugendliche wurden aus dem Weltraum entsandt, um die Erde neu zu besiedeln. Womit sie nicht gerechnet hatten: Auf dem blauen Planeten gibt es immer noch Menschen - Menschen, die die Neuankömmlinge um jeden Preis vertreiben wollen. Nun spitzt sich die Situation noch einmal dramatisch zu: Auf der Raumstation geht die Luft aus, und eine kampfbereite Truppe rund um den zwielichtigen Vizekanzler Rhodes landet auf der Erde. Die 100 geraten endgültig zwischen alle Fronten, von überall droht Gefahr. Und nur gemeinsam werden die Jugendlichen die Freiheit, die sie auf der Erde gefunden haben, verteidigen können.


    Abbildung: Heyne 


    In ihrem Schiff, der letzten Zuflucht, im Weltall gibt es keine Luft mehr und die Evakuierung der "letzten Menschen" wird eingeleitet. Es gibt jedoch nicht annähernd genügend Plätze in den kleinen Transportern, um alle zu retten. Chaos bricht aus. Zahlreiche Menschen sterben in den Tumulten, andere schaffen es an bord der Segen versprechenden Raumschiffe - doch die Landung ist alles andere als sanft. Es gibt weitere Tote und Verletzte.

    Keine Straffreiheit für die 100

    Bellamy, der den Kanzler umgebracht hat, um ins Schiff der 100 zu gelangen, hat Angst von dem Vize-Kanzler verhaftet zu werden und versteckt sich. Den 100 wurde bei ihrem Aufbruch zur Erde zwar Straffreiheit versprochen, die sie aber nicht bekommen. Sie werden als Sklaven gehalten und schuften rund um die Uhr an neuen Hütten für die neu angekommenen. Bellamy soll hingerichtet werden. Das Camp der 100 ist von einer demokratischen Gemeinschaft in eine ungerechte, brutale Monarchie verwandelt worden.

    Letztlich laufen aber hier alle Erzählstränge zusammen: Bellamy, Clarke, Wells, Glass und Lukas fliehen. Jeder von ihnen steht nun auf der Fahndungsliste. Bellamy, Clarke und Wells verstecken sich bei den Erdgeborenen und werden ein Teil von ihnen. Solange bis der Vize-Kanzler seine Leute schickt um alle abzuschlachten, die sich ihnen in den Weg stellen. Zum Schluss gehen die Geflüchteten freiwillig mit, um ihre Freunde zu schützen. Dann passiert Unglaubliches...


    Roman ganz anders als TV-Serie

    Im Abschluss von Kass Morgans Trilogie ist die Romanvorlage in ihrer Handlung weit von der TV-Serie entfernt. Nicht nur fehlende Personen - wie die Mountain-Men, komplette handlugnsabschnitte fehlen. Das Buch ist völlig anders gestrickt, als die Serie - was aber nichts Schlechtes bedeutet, beides hat seinen Charme. Analog zur Serie wird es auch im Roman brutal. Es gibt viel Blut, Tod und Terror (für die Leseempfehlung ab 14 Jahren eventuell sogar etwas zu viel). Nur eben von anderen Seiten, als in der TV-Serie.

    Beziehungen zwischen den Protagonisten sind andere, die Charaktere an sich oft anders gezeichnet und dennoch eint sie eines: Sie stehen füreinander ein und treffen unpopuläre Entscheidungen,, wenn es darauf ankommt.


    Kass Morgan: Die 100 - Heimkehr; Paperback, Klappenbroschur, 320 SeitenHeyne-fliegt, 12,99 Euro;
    ISBN: 978-3-453-27071-8



  • Blake Crouch: Die letzte Stadt - fulminantes Ende der Trilogie um Wayward Pines

    Willkommen in Wayward Pines, der letzten Stadt auf der Welt. Secret-Service-Agent Ethan Burke ist vor drei Wochen in Wayward Pines, Idaho, eingetroffen. In dieser Stadt schreibt man den Leuten vor, wen sie heiraten, wo sie wohnen und wo sie arbeiten sollen. Ihre Kinder lernen, dass David Pilcher, der Gründer der Stadt, Gott sei. Niemand darf die Stadt verlassen. Allein wenn man Fragen stellt, kann das schon den Tod bedeuten. Aber Ethan kennt das erstaunliche Geheimnis und weiß, was jenseits des Elektrozauns liegt, der die Stadt umschließt und sie vor der furchtbaren Welt, die außerhalb lauert, schützt. Dieses Geheimnis ist der Grund dafür, warum die gesamte Bevölkerung unter der Kontrolle eines Verrückten und seiner Armee ist, und es ist drauf und dran, den Zaun zu durchbrechen und diese letzten, kümmerlichen Überreste der Menschheit zu überrennen.


    Abbildung: amazoncrossing 

    Ich hatte vergangene Nacht einen bösen Traum: Ein Abby stand in meinem Vorgarten, weidete unseren Hund aus und starrte mich mit seinen funkelnden Augen an. Eine Ausgeburt der Hölle, blass, blutverschmiert und mit Mordlust in den Augen. Er setzte sich in Bewegung, sprang mitten auf der Terrasse ab, durchbrach in einem wahren regen aus Glassplittern die Terrassentür und  - dann wachte ich auf. Nicht schweißgebadet, aber doch irritiert. Ich bin normalerweise niemand, der Alpträume wegen Büchern oder Filmen hat, aber daran ist abzulesen, wie sehr mich die Wayward Pines-Trilogie gefesselt hat.

    Autor nimmt den Leser mit

    Autor Blake Crouch versteht es den Leser mitzunehmen - in eine Veruschsanordnung aus der Hölle. Wayward Pines, die letzte Zuflucht der Menschen auf Erden, ist von den Abbys, einer aggressiven  Mutation, die sich aus dem Menschen entwickelt hat, überrannt worden. Crouch ändert in seinem Abschlussroman die Perspektive: Verfolgte der Leser in den ersten beiden Romanen das Geschehen beinahe ausschließlich durch die Augen von Ethan Burke, greift Crouch nun auf zahlreiche Charaktere und deren Perspektive zurück. Dadurch ergibt sich ein Spannungsfeld und der Leser lechzt danach, endlich zu erfahren, wie es mit dieser oder jener Person weitergeht.

    Crouch zeichnet die Story mit viel Blut, lässt auch lieb gewonnene Charaktere sterben, ist jedoch in ein paar wenigen Punkten zu vorhersehbar. Klasse ist die Figur Tobias alias Adam Hassler und die Konflikte, die sich aus ihr ergeben - allerdings ist die Auflösung dieses Konflikts zu einfach gestrickt... Das nimmt der Geschichte aber nicht ihren Drive. 

    Klasse Epilog

    Klasse finde ich den Epilog, der nur aus einem einzigen Satz besteht und sogar Hoffnung auf eine Fortsetzung macht - die es aber wohl nie geben wird. Eventuell nur in form der TV-Serie, die sich zwar nahe am Buch orientiert, gegen Ende aber stark davon abdriftet. 

    Meine Empfehlung: Lesen. Lesen. Lesen - die ganze Trilogie!


    Blake Crouch, Die letzte Stadt, Taschenbuch, 304 Seiten, amzoncrossing, 9,99 Euro;
    ISBN-10: 1477821813
    ISBN-13: 978-1477821817

    GEWINNSPIEL: Es gibt eine Ausgabe von "Die letzte Stadt zu gewinnen. Wer gewinnen möchte, sendet bis 6. Mai 2016, 12.00 Uhr, eine Mail mit dem betreff "Wayward Pines" an benjamin.neumaier@mittelbayerische.de. Bitte Name, Adresse und Telefonnummer angeben.
    Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Brendan Simms: Kampf um Vorherrschaft

    In einem großen, umfassenden Wurf erzählt Brendan Simms die Geschichte Europas seit dem 15. Jahrhundert. Er beschreibt sie als Geschichte ständig wechselnder Machtverhältnisse und Rivalitäten, des Kampfs der großen und kleinen europäischen Länder um Einfluss sowie der Begehrlichkeiten entfernterer Mächte wie des Osmanischen Reiches oder der USA – vor allem aber schildert er sie als Geschichte der Auseinandersetzung um die Mitte des Kontinents, vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bis zum wiedervereinigten Deutschland.

    Abbildung: Pantheon 

    Seit dem späten Mittelalter ist der Boden der Mitte Europas getränkt vom Blut der Schlachten, der Eroberungs- und Verteidigungskriege,  der Kriege um die Vorherrschaft der Religionen wie der Nationen. Sei es zu Zeiten der Kleinstaaten, der Fürstenresidenzen, sei es zu Zeiten Preußens und Habsburgs, sei es zu Zeiten Napoleons und der deutsch-französischen Kriege, sei es im Rahmen des Hundertjährigen Krieges oder anderer Religionskriege. Immer war diese geographische Landschaft zwischen Süden und Norden und Osten Europas Mittelpunkt der kriegerischen Auseinandersetzungen.

    Blutreiche Geschichte

    Eine blutreiche Geschichte, die von vielfach wechselnden Machtverhältnissen kündet, von Koalitionen und Koalitionswechseln, vor allem aber von der Suche nach Macht, Einfluss, Vorherrschaft, religiöser Einheit, Vernichtung der Konkurrenten bis hin zu den Bürgerkriegszuständen des Dreißigjährigen Krieges.

    Chronologische Blöcke

    Simms folgt bei seiner Darstellung zwar einer chronologischen Reihenfolge (1453-1648; 1649-1755; 1756-1813; 1814-1866; 1867-1916; 1917-1944; 1945-1973; 1974-2011) , die sich in weiten Teilen durch das jeweilige „Ende einer Epoche“ kennzeichnen orientiert sich aber auch an  konkreten historischen Ereignissen wie Protestantismus, napoleonische Kriege oder dem Hundertjährigen KriegSimms spürt der der kriegerischen Geschichte in der Mitte Europas nach und fasst diese in große Abschnitte zusammen, die durch Themen und weniger durch konkrete geschichtliche Daten und chronologische Abläufe zusammengehalten werden.

    Machtpolitisches Eunuchentum

    "Er erinnert das mehr oder minder vereinte Europa an sein machtpolitisches Eunuchentum und zieht Schlussfolgerungen, bis hin zur aktuellen Situation um Putin, die Ukraine und die ungeklärte Nach-Nachkriegsordnung in Osteuropa. Sein Buch ist keineswegs eine Geschichte Europas von oben herab, sondern eine spezifisch deutsche Geschichte Europas – will heißen, eine Geschichte aus der Perspektive dieses in der Mitte liegenden Landes mit unklaren, unsicheren, missachteten Grenzen. Und doch war und ist dieses Deutschland immer das Gravitationszentrum Europas, mit furchtbaren Folgen im 20. Jahrhundert. Simms ist weit davon entfernt, die Deutschen an den Pranger zu stellen. Er schreibt nicht über historische Finsterlinge, sondern über Strukturen, die über die Jahrhunderte hinweg wirkmächtig bleiben. Am Ende steht der ebenfalls bekannte Befund, dass Deutschland heute der wichtigste Akteur in der Europäischen Union ist und sich mit Blick auf außenpolitische Krisen auffällig zurück hält", schrieb der Tagesspiegel und trifft damit genau den Punkt. 

    Umfassende europäische Integration

    Brendan Simms plädiert am Ende seiner deutschen Geschichte Europas für eine umfassende europäische Integration – eine wirkliche politische Union, etwa nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten. Wie und ob das gelingen kann, verrät er nicht.

    [Neu als Paperback aufgelegt...]

    Brendan Simms: "Kampf um Vorherrschaft. Eine deutsche Geschichte Europas 1453 bis heute". Aus dem Englischen übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt; Paperback; Pantheon; 896 Seiten; 19,99 Euro
    ISBN: 978-3-570-55302-2


  • Nicht nur Maradonna hat "Die Hand Gottes"

    Im Fußball muss man mit allem rechnen. Selbst mit Mord auf dem Spielfeld. Scott Manson, Cheftrainer und Ermittler wider Willen, ist zurück im grausamen Geschäft des Spitzensports. 

    Griechenland im Hochsommer: Die Sonne brennt, auf den Rängen im Hexenkessel des Karaiskakis Stadions toben die Fans. Scott Manson und sein Team vom skandalträchtigen Erstligisten London City wollen nur das Champions League Spiel gewinnen und nichts wie zurück ins kühle England. Da bricht Scotts Topstürmer vor laufenden Kameras tot zusammen. Die griechische Polizei stellt die gesamte Mannschaft unter Verdacht, und der ukrainische Clubchef und Ex Mafiaboss Sokolnikow verlangt schnelle Aufklärung. Doch als wenig später ein totes Escortgirl aus dem Hafenbecken von Piräus gefischt wird, weiß Scott, dass der Schuldige nicht unter seinen Spielern, sondern in der Chefetage von London City zu finden ist. Ein Spiel gegen den Gegner aus den eigenen Reihen beginnt.


    Abbildung: Klett-Cotta 

    Philip Kerr legt schon wie in seinem Fußball-Krimi "Der Wintertransfer" den Fokus zwar auf den kriminologischen Teil seines Romans, gibt aber zudem tiefe Einblicke in die Welt des Profifußballs.
    Drogensumpf, Rassismus und vor allem Callgirls spielen eine große Rolle in "Die Hand Gottes".
    Edel-Huren, die Spieler am Vorabend eines wichtigen Spiels besuchen gehören da ebenso dazu wie die ausufernde Libido der Top-Stars oder wie Trophäen unter Offiziellen und Kickern umhergereichte Escort-Damen. Und: Man nimmt es Kerr ab, dass die Dinge, die er beschreibt, tatsächlich überall so passieren.

    Trainer als Detektiv

    Zentral ist aber natürlich wieder Scott Manson, der Trainer des fiktiven Premier-League-Clubs London City, der nach einer desaströsen Niederlage, bei der auch einer der City-Spieler stirbt, in Griechenland, genauer gesagt in Athen festsitzt. Da Manson immer nur an das nächste Spiel denkt und ein Arbeiten so nicht möglich ist, nimmt er die Ermittlungen - auch eine Edel-Prostituierte wurde ermordet - selbst in die Hand. Das treibt in tief in das Rotlichtmilieu der griechischen Hauptstadt.

    Kerr beschreibt dazu eindrucksvoll - immer am Rande zwar aber dennoch allgegenwärtig -  die Feindschaft zwischen den Athener Top-Klubs Olympiakos Piräus und Panathinaikos Athen. Da wäre man gerne - oder eben auch nicht - Gast beim Derby...

    Es gibt bessere Krimis

    Letztlich lüftet Manson das Geheimnis - wenn auch dem Leser in mitunter langatmigen Passagen erklärt. Kein schlechtes Buch, aber eher für Fußballfans. Krimi-Leser sollten sich anderweitig umsehen. Der erste Roman war besser - ich warte nun auf den dritten!

    Philip Kerr: Die Hand GottesThriller aus dem Englischen von Hannes Meyer (Orig.: Hand of God)
    1. Aufl. 2016, 397 Seiten, Klappenbroschur, 14,95 Euro;
    ISBN: 978-3-608-50139-1


  • Wayward - die Geschichte um Ethan Burke dreht sich rasant weiter

    Willkommen in Wayward Pines, Einwohnerzahl: 461. Mitten in den malerischen Bergen liegt eine idyllische Kleinstadt, das moderne Eden ... abgesehen vom Elektrozaun mit Stacheldraht, Scharfschützen, die ständig alles im Auge haben, und der gnadenlosen Überwachung jedes Worts und jeder Geste.

    Keiner der Einwohner weiß, wie er hergekommen ist. Man sagt ihnen, wo sie arbeiten, wie sie leben und wen sie heiraten sollen. Einige denken, sie wären tot. Andere glauben, sie wären in einem schrecklichen Experiment gefangen. Insgeheim träumen alle von der Flucht, aber jene, die es wagen, erwartet eine böse Überraschung.

    Ethan Burke hat die Welt, die da draußen lauert, gesehen. Er ist der Sheriff und einer der wenigen, die die Wahrheit kennen: Wayward Pines ist nicht nur eine Stadt. Und auf der anderen Seite dieses Zauns lauert das unvorstellbare Grauen...


    Abbildung: amazon crossing 

    Schon der erste teil der Wayward-Pines-Trilogie war gut, sehr gut sogar. Im zweiten Teil legt Autor Blake Crouch aber noch mal eine Schippe drauf. Stichwort: Seitenfresser. Es fällt wirklich schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. 

    Vom Aufständischen zum Sheriff

    War Ethan im ersten Teil noch der Aufständische, der von allen gejagt wurde, dreht sich die Szenerie nun komplett:  Er ist nun Sheriff des kleinen Örtchens. Doch dem ehemaligen FBI-Agenten fällt es weiterhin schwer, das leben im Örtchen anzunehmen: Denn er weiß was gespielt wird und wie die Welt außerhalb aussieht, in die er aber nicht zurückkehren kann. 

    Drive kommt in die Story, als Ethan eine Leiche im Ort findet und Oberguru Pilcher möchte, dass Burke den Mord aufklärt. Angeblich soll es in Wayward Pines eine Untergrundbewegung geben, die gegen Pilcher rebellieren wolle. Nun nimmt das Buch richtig Fahrt auf. Der Leser begleitet Ethan bei seinen Ermittlungen und fragt sich oft, wie verrückt Pilcher eigentlich ist. Und: Es wird dramatisch.

    Dazu gibt es ein paar Rückblenden in das frühere Leben von Pilcher und der Leser begleitet einen Mann namens Tobias, der ausgeschickt wurde, um das Leben draußen - also außerhalb von Wayward Pines - zu beobachten. Von ihm wird man wohl nicht zum letzten Mal gehört haben...

    Ein genialer Coup

    Ethan ermittelt fleißig und plant am Ende einen genialen Coup - mehr sei nicht verraten. Nur soviel: Das Ende kann locker mit dem schon starken Ende in teil eins mithalten und weckt die Begierde, gleich den Abschlussband nachzulegen.  

    Insgesamt eine mehr als gelungene Fortsetzung. 


    Blake Crouch: Wayward; Taschenbuch, 410 Seiten, Verlag: Amazon crossing;  9,99 Euro

    ISBN-10: 1477825401

    ISBN-13: 978-1477825402



    GEWINNSPIEL:

    Wer eine Ausgabe von Wayward gewinnen möchte, sendet bis Montag, 25.4.2016, 12 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff "Wayward", seiner Adresse und Telefonnummer an benjamin.neumaier@mittelbayerische.de

    Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, der Gewinner wird ausgelost.


  • Endlich - Metro 2035

    Seit ein verheerender Atomkrieg zwanzig Jahre zuvor die Erde verwüstet hat, haben die Menschen in den Tiefen der Metro-Netze eine neue Zivilisation errichtet. Doch die vermeintliche Sicherheit der U-Bahn-Schächte trügt: Zwei Jahre, nachdem Artjom die Bewohner der Moskauer Metro gerettet hat, gefährden Seuchen die Nahrungsmittelversorgung, und ideologische Konflikte drohen zu eskalieren. Die einzige Rettung scheint in einer Rückkehr an die Oberfläche zu liegen. Aber ist das überhaupt noch möglich? Wider alle Vernunft begibt sich Artjom auf eine lebensbedrohliche Reise durch eine Welt, deren mysteriöses Schweigen ein furchtbares Geheimnis birgt …


    Abbildung: Heyne 


    Viele haben darauf hingefiebert und nun ist sie endlich da  die Fortsetzung um Artjom, den Helden aus Metro 2033. Am 11. April erschien Dmitry Glukhovskys Metro 2035.

    Artjom lebt immer noch an der WDnCH - einer Station im Moskauer U-Bahn-Netz, das den letzten Überlebenden der menschlichen Rasse als letzte Zuflucht dient. Doch der Held - der sich aber als Anti-Held sieht - scheint nicht mehr der Alte zu sein. Täglich streift er an der Oberfläche umher, immer auf der Suche nach Funksignalen weiterer Überlebender. Doch er findet nichts.

    Vom umjubelten Helden zum belächelten Ex-Helden

    Immer mehr wird er zum Außenseiter, kapselt sich von seiner Umwelt ab, wendet sich von seiner Frau ab und wird von seinen Gefährten sogar belächelt. Artjom schöpft aber Hoffnung, als einer alter Bekannter aus der Metro-Reihe plötzlich an der WDnCh auftaucht - Homer. Der will jemand kennen, der einen Funkspruch empfangen hat...die Reise und Suche quer durch die Unterwelt beginnt damit aufs Neue.

    Dabei zeichnet Glukhovsky wieder eine düstere Endzeitstimmung  - durchsetzt mit einem Fünkchen Hoffnung. Artjom schließen sich während der Reise unterschiedliche Gefährten an, er trifft auf alte Bekannte - unter anderem seinen Mentor Melnik... -, hat mit wohlbekannten Feinden - das 4. Reich, die Roten... - zu tun, trifft teils verheerende Entscheidungen, sieht die Polis wieder und, und, und...

    Typisch und doch untypisch

    Metro2035 ist kein typischer und doch ein typischer Metro-Roman. Glukhovsky spielt mit den Genres, setzt weniger als früher auf monströse Mutantenwesen oder Anomalien, rückt den Menschen in seiner Art und seinen unterschiedlichen, teils teuflischen Ausprägungen, noch mehr in den Mittelpunkt.

    Das Buch ist ein Seitenfresser - einzig eine Passage in der Artjom unter Drogen gesetzt wird, war für mich ein Lese-Killer. Glukhovsky versucht hierbei zwar auch textlich den Zustand des Protagonisten zu verdeutlichen, doch irgendwie werfen einen die ständigen Dialoge und schnellen Wechsel der Sprecher aus der Bahn. Zumindest mir ging es so. Ist man da durch, laufen die Seiten wieder von selbst  dahin.

    Fazit

    Um ein Fazit zu ziehen: Natürlich sind die Erwartungen an Metro 2035 hoch, schon aufgrund der langen Wartezeit - der Autor wird dem meist gerecht. Teilweise hätte man sich aber - so schön es auch ist, alte Bekannte zu treffen und bereits bekannte Stationen wiederzusehen - mehr Neues gewünscht. Das gibt es aber spätestens ab der Hälfte des dystopischen Romans zur Genüge. Also: Starke Fortsetzung!

    Dmitry Glukhovsky: Metro 2035Paperback, Klappenbroschur, 784 Seiten, Heyne 2016; 14,99 Euro;
    ISBN: 978-3-453-31555-6



  • Wolfgang Behringer - Hexen

    Der Glaube an Hexen ist weltweit verbreitet - auch heute noch. In beinahe allen Kulturen gab oder gibt es Menschen, die glauben, daß bestimmte Personen mit . Wolfgang Behringer, einer der führenden Experten zur Geschichte der Hexenverfolgung, schildert in diesem Band knapp und präzise die Traditionen des Hexenglaubens, die Zeit der großen Prozesse und Hinrichtungen in Europa sowie die spätere Rezeption und Vermarktung. Und auch die heutige Situation wird nicht ausgespart.


    Abbildung: C. H. Beck 


    Das Handbuch „Hexen – Glaube, Verfolgung und Vermarktung“ von Wolfgang Behringer wurde 2016 im  C.H. Beck Verlag neu aufgelegt und befasst sich mit der Hexenverfolgung im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Der Autor gibt mit diesem Buch einen allgemeinen Überblick zu dem Thema. Dazu hat er sich mit verschiedenen Quelleneditionen zum Thema Hexen beschäftigt.
    Das Handbuch ist in vier große Themenbereiche aufgeteilt. Im ersten Kapitel befasst sich Behringer mit dem „Hexenglauben“ allgemein und im zweiten Kapitel mit der „Hexenverfolgung“ und deren Ausmaß in verschiedenen Ländern Europas. Als nächstes wird der „Kampf gegen die Hexenverfolgung“ beschrieben und im letzten Kapitel berichtet der Autor über die „Verwertung und Vermarktung“.

    In beinahe allen Kulturen zu finden

    Der Glaube an Hexen finde sich in fast allen Kulturen. Länder mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen besäßen zwar unterschiedliche Auffassungen, grundsätzlich sei der Glaube an Magie aber überall gegeben. Behringer definiert die unterschiedlichen Hexereivorstellungen und die kulturübergreifenden Ähnlichkeiten. Den Glauben an Hexerei belegt Behringer mit Umfrageergebnissen  die teils unglaublich wirken.
    Einen weiteren teil seiner Monographie widmet Behringer den Hexenverfolgungen. Die seien  im gesamten Verlauf der Geschichte von kirchlichen und staatlichen Institutionen zwar verboten worden, hatten aber ein enormes Ausmaß und ihren Höhepunkt d zwischen 1560 und 1630. Inquisitionen wurden vom Papst verordnet und Verdächtige wurden untersucht. Dabei wurde oft die Folter verwendet. Den Hexen unterstellte man, dass sie den Teufel anbeteten.

    Kampf gegen die Verfolgung

    Im Nachgang dazu beschäftigt sich Behringer im dritten Kapitel mit dem  Kampf gegen die Hexenverfolgung - denn nicht jeder sei von der Existenz der Hexen überzeugt  gewesen, schreibt er, viele hätten gezweifelt. 
    Im Schlusskapitel „Verwertung und Vermarktung“ befasst sich der Autor mit der Veränderung des „Hexenbildes“ von der Vergangenheit bis zur Gegenwart.

    Fazit:

    Das Handbuch bietet dem Leser einen guten Überblick zur Thematik. Durch Umfragen, Zeittafeln und  Tabellen ordnet Behringer die Thematik zeitlich und gesellschaftlich ein  ein Pluspunkt. Eine Monographie die nicht nur bildet, sondern auch unterhält - lesenswert!


    Wolfgang Behringer: Hexen - Glaube, Verfolgung, Vermarktung6., durchgesehene Auflage 2016. 119 S.: mit 4 Abbildungen und 3 Tabellen. Paperback; Das Werk ist Teil der Reihe: C.H.Beck Wissen; 2082; 8,95 Euro;

    ISBN 978-3-406-41882-2

  • Heinz Halm: Der Islam

    Rund eine Milliarde Menschen - etwa ein Fünftel der Erdbevölkerung - bekennt sich zum Islam; fast drei Millionen Muslime leben in Deutschland. Der Islam ist allerdings kein uniformes Gebilde. Im Laufe seiner langen Geschichte hat er eine große Vielfalt von religiösen Richtungen, kultischen Praktiken und regionalen Sonderformen entwickelt. Der vorliegende Band schildert in knapper Zusammenfassung die grundlegenden historischen Entwicklungen des Islam, erklärt die zentralen Begriffe seiner Lehre und zeigt, wie der Islam der Gegenwart im Alltag funktioniert.

    Abbildung: C.H.Beck Wissen 

    Heinz Halm ist ein deutscher Islamwissenschaftler. 
     Seine Forschungsgebiete sind die Geschichte des islamischen Vorderen Orients, besonders die Ägyptens, Nordafrikas und Syriens bzw. der Ismailiten (Siebener-Schia), der Imamiten (Zwölfer-Schia) und anderer schiitischer Sekten. 
    Er beschreibt ind er Monographie "Der Islam - Gegenwart und Geschichte" detailliert, sofern dies auf 103 Seiten möglich ist,  die Entstehung wie auch die Weiterentwicklung des Islam.

    Veränderungen

    Er beginnt mit der Entwicklung, wie aus  einer einheitlichen Religion die Gruppen der Schiiten und Sunniten und zahlreiche weitere Glaubensrichtungen entstanden, die bei allen Gemeinsamkeiten (beispielsweise den fünf Säulen des Islam) doch  unterschiedliche Auffassungen vertreten. 
    Ein weiteres Thema ist, wie der Islam begann sich auszubreiten und von den Kolonialmächten wieder zurückgedrängt wurde. Halm begrenzt seine Publikation aber nicht auf historische Begebenheiten, sondern  stellt auch dar, wie die Umsetzung des Islam in der Gegenwart gelebt wird. Wobei Gegenwart  sich auf das Jahr 2007 bezieht, das Jahr in dem das Buch letztmals überarbeitet wurde. Dennoch ist dieser doch recht große Zeitabstand nur an wenigen Stellen essenziell, beispielsweise aber  wenn angemerkt wird, dass einige Islamforscher glauben, die Islamisten würden bald aus der Wahrnehmung verschwinden (eine Auffassung, die der Autor nicht teilt).

    Auf engstem Raum ist viel Stoff versammelt, knapp und doch in der Themenwahl vielfältig. Negativ anzumerken: Halms Tendenz zur Beschönigung der kriegerischen Seite des Islam. Dessen Expansionsbewegungen möchte der Autor offenbar nicht aus der Aufforderung des Koran zum Dschihad, dem Heiligen Krieg, begründet sehen. 

    Fazit

    Um ein Fazit zu ziehen: Wie von der Reihe Beck Wissen gewohnt eine gut ausgearbeitete, ob der Seitenzahl detaillierte und informative Monographie, die der schnellen Information dient, aber dennoch teilweise in die Tiefe geht.

    Heinz Halm: Der Islam - Geschichte und Gegenwart; 7. Auflage 2007. 103 S.: Paperback; 
    ISBN 978-3-406-51917-8 

  • 156 Romane für Deutschen Buchpreis eingereicht

    Der beste deutschsprachige Roman wird in diesem Jahr unter mehr als 150 Titeln ermittelt. Für den Deutschen Buchpreis haben 98 Verlage 156 Neuerscheinungen ins Rennen geschickt. 72 Häuser kommen aus Deutschland, jeweils 13 aus Österreich und der Schweiz. Dies teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Dienstag in Frankfurt mit. 

    Der zur Frankfurter Buchmesse am 17. Oktober verliehene Preis gilt als wichtigste Auszeichnung der Branche. Die Jury kürt den Sieger in einem mehrstufigen Auswahlverfahren. Dem Sieger winkt neben 25 000 Euro auch ein Platz auf der Bestsellerliste. Im vergangenen Jahr gewann Frank Witzel für seinen Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" den Preis.

    Jeder Verlag kann maximal zwei Titel einreichen. Dieses Jahr stammen 89 aus dem aktuellen Frühjahrsprogramm, 53 weitere werden im Herbst auf den Markt kommen. 14 Titel sind bereits im vergangenen Herbst erschienen. Außerdem kann die Jury aus einer Empfehlungsliste der Verlage weitere Titel anfordern. 

    Zum Sprecher der siebenköpfigen Jury wurde auf der ersten Sitzung der freie Kritiker Christoph 
    Schröder gewählt.
    Ende August will das Gremium eine 20 Titel umfassende Longlist vorlegen. Diese wird dann vier Wochen später für das Finale auf eine Shortlist mit sechs Romanen reduziert. (dpa)
  • Autorin Meg Rosoff bekommt Astrid-Lindgren-Preis für "funkelnde Prosa" 

    Sie versteht, wie Jugendliche sich fühlen - genau wie die  große schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren. Dafür wird die Autorin Meg  Rosoff mit dem Lindgren-Preis geehrt. 

    Die amerikanisch-britische Jugendbuchautorin Meg Rosoff bekommt den Astrid-Lindgren-Preis 2016. "In funkelnder Prosa schreibt sie über die Suche nach Sinn und Identität in einer eigentümlichen und bizarren Welt", begründete Jury-Chefin Boel Westin die Wahl in Stockholm. "Ihre mutigen und humorvollen Geschichten sind einzigartig. Sie lässt keinen Leser unberührt.

    Rosoff konnte es am Dienstag zunächst nicht fassen, dass sie den Preis bekommen sollte, der als Nobelpreis für Kinder- und Jugendliteratur gilt. "Oh mein Gott, das ist fantastisch! Ich muss mich setzen, ich kann das nicht glauben", sagte sie kurz nach der Bekanntgabe am Telefon zu Westin. 

    Die Werke der 1956 in Boston geborenen Autorin wie "So lebe ich jetzt" oder "Was wäre wenn" seien nicht nur etwas für Jugendliche, sondern sprächen alle Altersgruppen an, erklärte die Jury. Wie Astrid Lindgren verstehe Rosoff es, sich in junge Menschen hineinzuversetzen. Für ihre Jugendbücher, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt sind, hat die Schriftstellerin bereits etliche Preise bekommen. Dazu zählen der Kinderbuchpreis der britischen Zeitung "Guardian" und der Deutsche Jugendliteraturpreis

    2015 hatte die südafrikanische Organisation Praesa den Astrid-Lindgren-Preis für ihre Rolle bei der Leseförderung von Kindern bekommen. Mit fünf Millionen schwedischen Kronen (540 000 Euro) gilt die Auszeichnung als weltweit höchstdotierte in der Kinder- und Jugendliteratur. Verliehen wird der diesjährige Preis am 30. Mai in Stockholm. (dpa)
  • Stefan Luft: Flüchtlingskrise

    Schwere humanitäre Krisen und die Kluft zwischen Arm und Reich haben 2015 weit über eine Million Menschen den Weg nach Europa suchen lassen. Das umstrittene europäische Migrationsmanagement stürzte in eine tiefe Krise. Was wissen wir über die Ursachen der aktuellen Wanderungsbewegungen, die Rolle von Schleusern und die Wahl der Zielstaaten? Kann die Politik Migration steuern und gleichzeitig die Normen des internationalen Flüchtlingsschutzes einhalten? Was muss getan werden, damit sich diejenigen, die dauerhaft bleiben werden, integrieren? Stefan Luft erklärt die Ursachen, zeigt Lösungswege und erläutert Handlungsoptionen.


    Abbildung: C.H.Beck 

    Der Bremer Politikwissenschaftler Stefan Luft liefert in seinem Band "Die Flüchtlingskrise. Ursachen, Konflikte, Folgen" eine knappe Gesamtdarstellung zum Thema auf unter 130 Seiten.
    Die Debatte über die Flüchtlingskrise beherrscht gegenwärtig jede politische Kontroverse. Dabei dominiert aber mehr Aufgeregtheit und weniger Sachkenntnis – und zwar auf allen Seiten. Eine überaus sachkundige, aber spröde Darstellung auf engem Raum legt der Bremer Politikwissenschaftler Stefan Luft mit dem schmalen Band "Die Flüchtlingskrise. Ursachen, Konflikte, Folgen" vor. Sie erschien in der Reihe "Wissen" des C. H. Beck-Verlags, die von den Autoren eine Bestandsaufnahme zu einem Thema auf maximal 128 Seiten erwartet. Daher wäre auch jede Kritik, die eine zu knappe Behandlung von Problemen durch Luft beklagt, formal unangemessen.

    Nominalstil trägt nicht zum Lesevergnügen bei

    Kritik ist allerdings andernorts angebracht: Die Lektüre wird leider durch den extremen Nominalstil des Autors erschwert. Da hätte dem Buch ein gutes Lektorat sehr genützt, um es breitenwirksamer zu machen. Breite Wirkung hätte es nämlich verdient, da wohl nicht wenige Menschen in einer ähnlichen Lage wie ich sind und einen knappen und schnell aufnehmbaren Einblick in die „Flüchtlingskrise“ bräuchten.

    Der Autor hat sich ein bescheidenes wie unbescheidenes Ziel gesetzt: Er will "einen Überblick über die 'Flüchtlingskrise’ und die Fluchtbewegungen nach Europa, ihre Ursachen und ihre Konsequenzen geben“ (S. 7). Seine Darstellung basiert auf dem Stand vom November 2015. Mittlerweile haben sich dramatische Entwicklungen vollzogen, gleichwohl bleibt die schmale Monographie interessant. 

    Vom globalen Blick schließlich nach Deutschland

    Luft schreibt über Migration im 21. Jahrhundert, skizziert Entwicklungen in "Fluchtländern" und bleibt bei seinem global angelegten Blick auf die Krise: Thema sind die Aufnehmerländer Türkei, Iran, Libanon oder Pakistan. Dann zieht Luft den Kreis langsam enger, beschreibt das Grenzregime und die Migrationspolitik der EU.  Der Autor informiert über Exterritorialisierung, "Intelligente Grenzen" und die Visa-Politik. Besonderen Raum nimmt  das Scheitern des Dublin-Verfahrens ein, wobei dies nicht allein, aber letztendlich auf die Entscheidung von Bundeskanzlerin Merkel zur Öffnung der Grenzen zurückzuführen sei, sagt Luft. 

    Im Letzten Drittel konzentriert sich Luft auf Deutschland und die  Einwanderungspolitik. Hierbei wirft er dem bundesdeutschen Staat kontinuierliches Versagen vor. Beim Ausländerrecht habe es zudem erhebliche Vollzugsdefizite gegeben. Auch die Grundvoraussetzungen zum gelingen von Integration sind Thema. Ein kleiner Abschnitt widmet sich der Rolle der Religion - hier hätte ich mir mehr gewünscht.

    Schnelle Information

    Letztlich ist Lufts "Flüchtlingskrise" das was es sein soll: Eine überschaubare Monographie zur schnellen Information. Tiefschürfende Erkenntnisse darf der Leser nicht erwarten. Zum Einordnen der Thematik und einlesen in das Thema aber zu empfehlen.


    Stefan Luft: Die Flüchtlingskrise2016. 128 S.: mit 1 Grafik und 8 Tabellen. Broschiert; C.H.Beck Wissen; 8,95 Euro;

    ISBN 978-3-406-69072-3


  • Grimms Märchen neu aufgelegt - ein Genuss

    Die Original-Litera-Hörspiele mit den wunderbaren Märchen der Gebrüder Grimm für die nächste Generation frisch aufbereitet. Jede GRIMMS MÄRCHEN BOX enthält drei CDs mit beliebten Märchen-Klassikern und unbekannteren Perlen zum Neuentdecken aus der Grimmschen Märchenwelt.


    Abbildung: randomhouse.de 

    Schneeewittchen, Frau Holle, Hänsel und Gretel, König Drosselbart, 
    Das tapfere Schneiderlein, Der gestiefelte Kater, Rotkäppchen, Der Wolf und die sieben Geißlein und, und und...
    Mehr als zehn Stunden Unterhaltung für Groß und Klein bieten die drei Audio-Box-Sets von Litera-Junior. Es ist ein wahrer Hörgenuss. Und klar, es werden Kindheitserinnerungen wach - und es ist schön, wie damals - noch vor dem Kassettenrekorder - zu sitzen und sich berieseln zu lassen.
    Dennoch war auch für mich einiges Neues dabei, denn Litera hat die Grimms Märchen in der DDR-Hörspielfassung neu aufgelegt. 
    Bekannte Sprecher
    Corinna Harfouch beispielsweise ist in "Schneeweißchen und Rosenrot" zu erleben. Dieses Märchen ist zugleich eine der interessantesten und besten Produktionen der ersten CD-Box. Nicht nur klingt der undankbare Zwerg (gesprochen von Reimar J. Baur) in seiner habgierigen Verteidigung der gestohlenen Schätze ("mein eigen, alles mein eigen", "meins, meins, meins") fast so toll wie Golum in Peter Jacksons "Herr der Ringe". Auch Schneeweißchen (Corinna Harfouch) und Rosenrot (Juliane Koren) wirken überzeugend - und richtig schön lebhaft in ihrem gemeinsamen Spiel.
    Musik sorgt für Dramatik

    Vorwiegend die Musikeinspielungen wurden für dramatische Akzente eingesetzt, so beispielsweise, als die böse Stiefmutter Schneewittchen den vergifteten Apfel reicht. Aber auch die Sprecher tun das Ihre:  So bittet Schneewittchen den Jäger verzweifelt um ihr Leben, klingen Hänsel und Gretel im Wald durchaus verängstigt oder ist Hans im Glück fast schon heiter-naiv. 

    Aber Vorsicht: Das gruselige Märchen "Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen" könnte den ganz Kleinen den Schlaf rauben. 


    Grimms Märchen Box 1 - 3; Hörspiel; Gelesen von Diverse; Originalverlag: Litera Junior; Ab 4 Jahren; Preis: je 14,99 Euro;

    Link zum Vertreiber: Grimms Märchen


  • Blake Crouch: Psychose

    Secret-Service-Agent Ethan Burke hat in Wayward Pines, Idaho, eine klare Mission: Er soll zwei Bundesagenten aufspüren, die einen Monat zuvor in der abgelegenen Stadt verschwunden sind. Aber nur wenige Minuten nach seiner Ankunft wird Ethan in einen schweren Unfall verwickelt. Er kommt im Krankenhaus wieder zu sich, und sein Ausweis, sein Handy und sein Aktenkoffer sind verschwunden. Das Krankenhauspersonal scheint freundlich zu sein, aber irgendwas ist … merkwürdig. Im Verlauf der nächsten Tage stößt Ethan bei den Nachforschungen über das Verschwinden seiner Kollegen auf immer neue Fragen anstatt auf Antworten. Warum kann er seine Frau und seinen Sohn zu Hause nicht telefonisch erreichen? Warum glaubt ihm niemand, dass er der ist, für den er sich ausgibt? Und warum ist die Stadt von Elektrozäunen umgeben? Sollen sie verhindern, dass die Bewohner fliehen? Oder sollen sie etwas anderes fernhalten? Mit jedem Schritt, den Ethan der Wahrheit näher kommt, entfernt er sich weiter von der Welt, die er zu kennen glaubte, und von dem Mann, für den er sich gehalten hatte, bis er sich einer schrecklichen Tatsache bewusst wird: Es könnte sein, dass er Wayward Pines nicht mehr lebend verlassen wird.


    Abbildung: amazon crossing 


    Blake Crouch kombiniert geschickt eine Reihe von Hilfsmitteln, um die Spannung aufzubauen beziehungsweise zu halten. Der Erinnerungsverlust des Protagonisten sowie seine durch das Trauma hervorgerufenen Halluzinationen lassen  eine Vielzahl von Fragen im Raum stehen, deren Beantwortung der Leser entgegenfiebert. 
    Es ist jederzeit unsicher, ob eine Wahrnehmung des Protagonisten und ihre Interpretation real oder ein Ergebnis seiner Verletzung ist. Burkes Unsicherheit überträgt sich auf den Leser. Die Angst, nicht zu wissen, was wahr und was eingebildet ist, ist eine Grundstimmung, die sich durch die Handlung zieht. Ein weiteres Spannungs-Tool ist die äußere Begrenzung von Wayward Pines - keine Straße führt aus dem Örtchen heraus.  Die Unentrinnbarkeit des Handlungsortes erzeugt ein Gefühl des Ausgesetztseins und der Klaustrophobie, was wiederum die Spannung erhöht. Das Setting hat fast etwas bühnenhaftes – im positiven Sinne.  Crouch nutzt professionell das ganze Repertoire des Thrillerautors, ohne dass die Story dabei schematisch wirkt.
    Fazit:
    Wayward Pines 1 Psychose ist einer dieser Romane, bei denen die Auflösung aller Rätsel erst auf den letzten Seiten über Top oder Flop entscheidet. 250 Seiten lesen sich knackig und ohne Längen, dann beginnt die Auflösung – zu dem Zeitpunkt herrscht Verwirrung auf ganzer Linie. Und die Auflösung ist gut und überraschend,  verständlich und zufriedenstellend. Teil 2 wartet schon auf mich...


    Blake Crouch: Psychose; Taschenbuch; 324 Seiten; amazon crossing; 9,99 Euro
    ISBN-10: 1477807314
    ISBN-13: 978-1477807316



  • Metro 2035 - Es ist da, es ist da, es ist da!!!

    Lange drauf gewartet, heute ist es angekommen. Die Metro-Sage geht weiter. Am liebsten würde ich sofort loslegen, aber euch darf ich es ja sowieso erst zum Release vorstellen - kommt da Neid auf?


    Foto: Neumaier 

    Für euch habe ich derweil ein Glukovsky-Interview und eine weitere tolle Nachricht: „Metro 2033“  wird verfilmt. Columbia-Produzent Michael de Luca (Fifty Shades of Grey, Captain Philipps, Moneyball, The Social Network) hat bekanntgegeben, dass er zusammen mit Stephen L’Heureux (Sin City) eine Filmadaption von Glukhovskys "METRO 2033" entwickelt.


    Dmitry Glukhovsky, Jg.1979, Autor, Journalist und Intellektueller, inMoskau geboren und lebend. Hat „Internationale Beziehungen“ in Jerusalem studiert, spricht 6 Sprachen und ist Autor der in 37 Sprachen übersetzten Trilogie „METRO 2033/34/35“, die sich weltweit gut 2 Millionen mal verkauft hat. Als Journalist hat er u.a. für EuroNewsTV, für Russia Today TV sowie für Deutsche Welle Radio, Sky News gearbeitet.


    Der dritte Band Ihrer Weltuntergangs-Trilogie Metro 2035 scheint politischer aufgeladen
    zu sein als die Vorgänger-Romane (33 und 34), stimmt das?
    Meine Geschichten waren schon immer politisch. Und eine Dystopie ist einfach das wirkungsvollste Instrument, die Lage einer Nation gleichsam freizulegen: Die Machtverhältnisse, die Geisteshaltung der Menschen. Nachdem sich die Situation in Russland auf dramatische Weise einer Dystopie immer mehr anzugleichen scheint, ist dies doch der perfekte Zeitpunkt für eine beinharte Spiegelung der Realität. Wo auch sonst könnte man bei uns so unverblümt Wahrheiten benennen? Die Medien sind bereits gleichgeschaltet. Absurde Paraden und ritualisierte Hasskampagnen haben das politische Leben ersetzt. Literatur ist die letzte Bastion der Freiheit. So lange dies noch so ist, nutze ich meine Chance.
    Die Metro scheint hier eine Metapher für Russland zu sein: „ausserhalb der Metro würden wir aufhören ein Volk zu sein. Wir wären keine große Nation mehr.“ Wie sehen Sie Russland aktuell?
    Dieses Gefühl ist, davon bin ich überzeugt, der größte Komplex aller Russen und Russlands. Was einmal ein großes Imperium war – auch wenn es von aussen als „böse“ wahrgenommen worden war – kollabierte mit dem Untergang der Sowjetunion. Das Reich brach förmlich auseinander und die Menschen, die eine relative okönomische Stabilität bis in die 80er Jahre erfahren hatten, wurden arm. Wir blieben eine riesige aber stark geschwächte Regionalmacht. Ein Koloss aus Lehm, dem es jedwede Beweglichkeit verklebt hatte. Diejenigen, die den Kalten Krieg gewonnen hatten, blickten mit einer Art mitfühlender Herablassung auf uns. Das war uns zuwider. Als wir wieder erstarkten durch die Ölgeschäfte, kam der Ehrgeiz, es dem (arroganten) Westen zu zeigen, zurück. Dabei wurde schnell klar, dass Wohlstand und Statussymbole, Porsches und Rolexuhren den fehlenden Nationalstolz und vor allem auch den Respekt des Auslandes nicht kompensieren konnten. Und wenn wir schon nicht respektiert werden würden, dann wenigstens gefürchtet. Diese beiden Dinge verwechseln Russen oftmals. Der hysterische Applaus, mit dem die meisten Russen den „Anschluss“ der Krim quittierten, demonstriert diese Sucht nach Größe und Anerkennung. Als Nation etwas zu bedeuten. Der Durchschnittsbürger ist genauso viel wert wie eine Ameise. Aber als Teil eines riesigen Ameisenhaufens wird er - in seiner eigenen Wahrnehmung - stark aufgewertet.
    Die verschiedenen Systeme in der Metro behandeln die Bürger wie Kinder und die lassen sich das gefallen (Bestechung oder Erpressung von Feinden, Hunger wird als Mittel der Domestizierung eingesetzt, Feinde werden erfunden). Sehen Sie Parallelen zur gegenwärtigen russischen Situation?
    Genau das IST die Situation, und auch nicht erst in neuerer Zeit. METRO 2035 ist ein Versuch, den Leser den Puls der Russen fühlen zu lassen, ihnen unser Lebensgefühl nahezubringen: Sie sollten idealerweise auf gut 700 Seiten das ganze 20. JH und durchaus auch frühere Epochen zusammengefasst bekommen in einer Fiktion. Kinder sagen Sie? Wohl eher Sklaven. Wir waren schon immer Sklaven unseres eigenen Gebildes. Natürlich fühlten wir die Unterdrückung und versuchten zu rebellieren. Doch das neue System hatte das alte schon ersetzt. Wir lernten, uns mit der Situation anzufreunden. Sie müsssen sich das so vorstellen, als ob man einer Frau sagt, sie solle sich selbst schützen in dem sie ihrer Vergewaltigung irgendeine Art von Lustgefühl abgewinnt. Aber bitte gehen Sie nicht zu hart mit uns ins Gericht. 
    Nochmal deutlicher: METRO 2035 kann man lesen als eine ätzende Kritik an der herrschenden politischen Klasse, die das einfache Volk durch absichtlich manipulierte Informationen über die wahre Situation im Dunklen lässt, die bewusst Lügen als Mittel zum Machterhalt einsetzt. War das Ihre Intention?
    Ich werfe hier tatsächlich die Frage in den Raum, ob wir Russen verflucht sind. Warum haben wir so viel Angst vor der Freiheit? Warum brauchen wir Feinde? Wo man doch nichts über sich selbst lernen kann, wenn man nicht weiß, wogegen man eigentlich kämpft? Warum ist uns Frieden so fremd? Und weshalb fühlen wir uns nur dann in unserem Element, wenn wir bedroht sind und um unsere Existenz kämpfen? Und ja, wir akzeptieren Lügen. Wir fühlen genau, dass es nicht die Wahrheit ist, aber wehren diese Informationen ab, weil sie zu schmerzhaft sind. Während ich mich also bisher mit dem Ausdruck politischer Autorität beschäftigte, geht es in METRO 2035 eindeutig darum, zu verstehen, was mit uns nicht stimmt und ob wir noch Hoffnung auf Erlösung haben.
    Der Wandel in der russischen Gesellschaft bis zur selbstverschuldeten Unmündigkeit – Wie wütend sind Sie über diese Entwicklung Ihres Heimatlandes?
    Ich bin nicht wütend, ich bin verzweifelt. Mein Volk verdient die Befreiung, das Lossagen des Staates von all dieser Manipulation. Für all unser Leid 1000 Jahre lang verdienen wir es. Meine Hoffnung war, dass es nach dem Kollaps der Sowjetunion langsam aber sicher eine zivilisierte Demokratie geben würde, in der die Rechte von Frauen und Männern heilig wären. Unsere Führer sagten uns: Dieser Zug fährt gen Westen. Der Weg ist lang und die Gleise haben eine andere Masseinheit , an die wir uns erst gewöhnen müssen. Die Reise wird auch länger dauern, als Ihr es Euch gewünscht habt. Und die Leute glaubten das und vertrauten ihnen. Und warteten. Jetzt ist klar geworden, dass es sich bei diesem Gott verdammten Zug nicht um den Orient-Express handelt, der uns in Venedig tanzen lassen würde, sondern dass wir auf dem Weg nach Sibirien sind. Ganz gleich wie schön der Zug dekoriert ist, seine Wagons sind gerade gut genug, Gefangene zu transportieren. Und die Menschen schwingen ihre Fahnen und singen, sie sind scheinbar fröhlich, dass sich die Richtung geändert hat. Genau so fühlt sich Verzweiflung an.
    Einmal heißt es in METRO 2035:„Die Menschen vertragen die schreckliche Wahrheit nicht“. Welche Wahrheit wäre das in Putins Russland?
    Die Wahrheit wäre einfach ensetzlich deprimierend. In den 2000er Jahren waren wir eine als  Demokratie verkleidete Bananen-Republik. Jetzt ist die Bananen-Republik angeblich wieder eine Weltmacht geworden. Wir gleichen dementen Kriegsveteranen, die sich in ihren Medaillen behängten Uniformen am wohlsten fühlen und Nachbarn beleidigen in der Annahme, der Krieg sei noch nicht vorbei. Dieser Spiegel, der sich unendlich in den Medien und auf den Strassen festgesetzt hat, muss zerstört werden.
    Die einzige Währung, die in der Metro zählt, sind Kalaschnikow-Patronen. Wie kamen Sie
    darauf?
    Na ja, die haben ja dort unten einen besonderen Wert. Geld ist in diesem unerbittlichen Untergrund doch nur Papier oder ein rundes Metallstück. Aber eine Patrone ist das Symbol veritabler Macht: Die Macht, ein Leben zu beenden. Das hat immer schon funktioniert: Die Metro ist das neue Höhlenzeitalter. Back to the roots.
    „Scheiße ist das Blut der Wirtschaft“ – Broker heißen die Schweinemisthändler in ihrem neuen Buch, ist das eine Kritik am internationalen Bankwesen?
    Da sind wir ja noch gar nicht angekommen in Russland. Der Komplott internationaler Banken kommt ja erst dran, wenn die kapitalistische Gesellschaft in voller Blüte steht. Dann erst werden wir uns daran erinnern, was uns unsere sozialistischen Ideen ggf mal bedeutet haben könnten nach 70 Jahren Kommunismus. Nein, ich meinte hier unsere Abhängigkeit allein von Öl und Gas. Der „Humus“ früherer Lebensformen und das Material, das uns unsere vermeintliche Größe wiedergegeben hat.
    „Wir selbst sind die Hydra“ heißt es auch, wie ist das gemeint?
    Ich habe Freunde, die um die 30 sind – nur wenige wünschen sich Veränderungen im System Putin. Diejenigen, die sich nicht wohl fühlen, machen sich auf den Weg, Russland zu verlassen. Aber das ist eine Minderheit. Die meisten jungen Leute– auch wenn sie das Ganze durchschaut haben – wollen partizipieren am Geld, das der Staat den Leuten genommen hat. Putins Staat ist in der Tat eine Hydra. Sein Kopf ist natürlich der populärste, aber bei weitem  nicht der einzige. Wie heisst es in der Legende vom Krieger und vom Drachen: Der, den Drachen tötet, um die Leute zu erlösen, die unter ihm litten, wird selbst einer. Hier in Russland möchte jeder zum Drachen werden. Und der einzig legitime Beweggrund, einem Drachen den Kopf abzuschlagen, ist der, den eigenen draufzusetzen.
    Der Politiker Bessolow sagt zu Ihrem Helden Artjom: „Du bist ein Scheiß-Romantiker.“ Sind
    Sie auch einer?
    Er hat Prinzipien. Es geht ihm um die Unterscheidung von Gut und Böse. Und das Böse akzeptiert er nicht als notwendiges Übel. Sein Herz ist voll Mitgefühl für die einfachen Leute, aber es gibt Dinge, die unentschudlbar bleiben. Auch Menschen, mit denen er nichts zu tun haben möchte, obschon sie ihm nützlich sein könnten. Er ist also das Gegenteil eines Politikers, aber zu weich für einen echten Revoluzzer. Ja, er ist einfach ein Scheiss Romantiker, mein Artjom. Ein viel besserer Mensch als ich es bin.
    Haben die Visionen des apokalyptischen Denkens (Rasputin, Messias, 18./19. Jhrd) Sie
    beeinflusst?
    Auf Propheten oder überhaupt religiöse Bezüge geht meine Vorliebe für eine Apokalypse nicht zurück. Meine Leidenschaft gilt auch ganz klar dem „Danach“, was nach dem Zusammenbruch auf den von Moos bedeckten Ruinen wieder aufersteht. Genau so wie ich erlebten Millionen den Zerfall der Sowjetunion: Es war das Ende einer Welt voller Mythen und Werte, einer eigenartigen Kultur mit komplexen und verrückten Ritualen. Und nun also der Versuch das wenige Vertraute, das übrig geblieben war, mehr schlecht als recht zu rekonstruieren. Wer braucht schon die Bibel, wenn die zeitgenössische Geschichte so lehrreich ist?
    Sind die Russen aufgrund ihrer geistesgeschichtlichen Disposition reif für die Demokratie
    oder ist Putin das Beste, das ihnen passieren kann?
    Putin ist ein cleverer Taktiker, als Stratege taugt er nicht viel. Er versteht sich darauf, das einfache Volk für sch einzunehmen, mit sexistischen Witzen im Macho outfit. Sein Umfeld besteht aus seinen mediokren Schulfreunden, die er in totaler Abhängigkeit hält. Warum bewundern ihn die Menschen bei uns? Wissen Sie, wenn Sie jemanden 24/7 in den Medien als Nationalheld feiern, dann kommt das irgendwann auch an. Das haben wir übrigens der Anwendung aller „coolen“ Marketing- Ideen eines Goebbels zu verdanken, die im Zeitalter von CNN Wunder wirken.
    Warum leben Sie noch immer in Moskau? Haben Sie keine Angst als Putin-Kritiker verhaftet zu werden?
    In Russland gibt es ein Sprichwort: Du bist niemals gefeit vor Gefängnis oder Bettelsack. Wir sind wohl ein Volk, das den Nervenkitzel sucht, das Risiko. Wir kennen es nicht anders. Wenigstens kommt so keine Langeweile auf. (Quelle: Heyne bzw. agentur weissundblau / Dorle Kopetzky)

  • Bei John Grisham kämpft "Der Gerechte" gegen die Justiz 

    Sebastian Rudd ist kein typischer Anwalt. Seine Kanzlei ist ein Lieferwagen, eingerichtet mit Bar, Kühlschrank und Waffenschrank. Er arbeitet allein, sein einziger Vertrauter ist sein Fahrer, der zudem als Leibwächter und Golfcaddie fungiert. Sebastian Rudd verteidigt jene Menschen, die andere als den Bodensatz der Gesellschaft bezeichnen. Warum? Weil er Ungerechtigkeit verabscheut und überzeugt ist, dass jeder Mensch einen fairen Prozess verdient.


    Abbildung: Heyne 


    John Grisham hat mit seinen Justizthrillern Millionen Bücher verkauft. In immer neuen Variationen hat er Anwälte gezeigt, die ihren Mandanten zu ihrem Recht verhelfen. So auch in seinem neuen Roman. Aber "Der Gerechte" ist ein Anwalt ganz eigener Art. 
     Sebastian Rudd hat viele spannende Geschichten zu erzählen. Immerhin ist er Strafverteidiger in der amerikanischen Provinz. Vor allem ist  die Hauptperson in John Grishams (61) neuem Roman "Der Gerechte" ein Kämpfer für die Gerechtigkeit, die seiner Ansicht nach im amerikanischen Justizsystem oft zu kurz kommt. 
    Und er ist ein Selbstdarsteller erster Güte. So steht er ganz selbstverständlich im Mittelpunkt der diversen Episoden, die er im Buch erzählt. Von Anfang an ist klar, dass er ein Außenseiter des Justizbetriebs ist. Sein Büro hat er in einen kugelsicheren Lieferwagen verlegt, während seiner Prozesse wechselt er aus Sicherheitsgründen alle paar Tage das Hotel, und sein einziger Mitarbeiter ist sein Fahrer und Leibwächter, der nur auf den Namen Partner hört.
    Kampf mit harten Bandagen
    Der erste Fall, den Rudd im Roman vor Gericht ausficht, ist typisch für ihn und seine Vorgehensweise. Ein junger Mann wird verdächtigt, zwei kleine Mädchen ermordet zu haben. Die ganze Stadt ist von seiner Schuld überzeugt, einschließlich Richtern und Geschworenen. Ganz besonders, weil der junge Gardy nie die Chance hatte, ein Mitglied der Gesellschaft zu werden und auch entsprechend  aussieht. 
    Der Anwalt ist in seinem Element und weiß, worauf er sich eingelassen hat: "Wir spielen mit harten Bandagen, und der Einsatz ist Gardys Leben." Gegen alle Wahrscheinlichkeit und unter Einsatz zweifelhafter Mittel gelingt ihm doch noch die entscheidende Beweisführung. 
    Auch Rudds weitere Fälle sind ungewöhnlich: So verbringt er die letzten Stunden vor der Hinrichtung mit einem ehemaligen Klienten und nimmt sich eines Boxers an, der nach einer Niederlage einen Ringrichter zu Tode prügelte. Auch seinen eigenen Sorgerechtsstreit um seinen kleinen Sohn, der wohl der einzige Mensch ist, der ihm etwas bedeutet, führt er mit harten Bandagen. 
    Kritik am Justizsystem
    Aber John Grisham nutzt die Hauptfigur seines Romans nicht nur, um spannende Episoden aus Gerichten zu erzählen. Immer wieder gibt es Sebastian Rudd den Raum, sich grundsätzlich über das amerikanische Justizsystem und seine Unzulänglichkeiten zu echauffieren. Justiz und Gerechtigkeit gehen für ihn häufig nicht Hand in Hand, sondern die Justiz steht der Gerechtigkeit im Weg.
    Solche Tiraden sind nicht ungewöhnlich für Grishams Romane. Aber da Grisham in "Der Gerechte" auf eine durchgehende Handlung verzichtet, fallen diese Passagen umso mehr auf. Wenn sich Rudd als "Revolverheld" bezeichnet, als "Einzelgänger, der gegen das System kämpft und Ungerechtigkeit hasst", dann stellt er sich in eine Reihe mit Robin Hood und ähnlichen legendären Figuren. Und der Gedanke drängt sich auf, dass der ehemalige Anwalt John Grisham einige seiner eigenen Überzeugungen in diese Figur hat fließen lassen. 
    Nicht der gewohnte Grischam-Roman
    "Der Gerechte" ist nicht der gewohnte massive Grisham-Roman, der sich ausführlich einem Thema mit juristischer Bedeutung widmet. Aber die Herangehensweise, einen prägnanten Anwalt mehrere Fälle bearbeiten zu lassen, lässt die Möglichkeit weiterer Bücher um die Fälle eines bemerkenswerten Anwalts offen. (dpa)


    John Grisham: Der Gerechte. gebunden mit Schutzumschlag, Heyne
    Verlag, München, 415 Seiten, 22,99 Euro;
    ISBN 978-3-453-27068-8
  • Die Tribute von Panem - Mockingjay 2

    Katniss Everdeen - mehr als eine männliche Fantasie

    Abbildung: Studiocanal 


    Der Krieg in Panem spitzt sich immer weiter zu. Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence), die mittlerweile als Gesicht der Rebellion der Distrikte gegen Präsident Snow und sein totalitäres Regime gilt, bereitet sich auf die Konfrontation vor, die alles beenden und die Bevölkerung befreien soll. Mit jedem Erfolg der Aufständischen wird Snow nur noch besessener davon, Katniss zu stoppen.

    Zeit um Abschied zu nehmen

    Mit “Mockingjay Teil 2” schließt die Verfilmung von Suzanne Collins' dystopischer Romanreihe “Die Tribute von Panem” und somit heißt es Abschied nehmen: von einer Heldin, die eigentlich keine sein will, aber doch nach mehr strebt, als als Marionette nach den Vorgaben von Rebellenführerin Alma Coin zu tanzen.

    Katniss ist dabei ein Gegenentwurf zu allen Disneyprinzessinnen der alten Schule. Sie ist eine revolutionäre Identifikationsfigur, ist weder untätig oder schwach, noch übersexualisiert oder gefühllos. Sie ist kein vollbusiges Abziehbild à la Lara Croft oder eine Kriegerprinzessin in zu knappen Outfits. Katniss ist mehr als eine männliche Fantasie - und dennoch eine Heldin mit Charme und Sex-Appeal, die allerdings gefangen ist in ihrer Rolle als Spotttölpel und in einer Welt, die alle hoffnungsvollen Töne immer mehr in den Hintergrund rücken lässt.

    Die Grenzen verschwimmen

    Der Film, analog zum Buch, beschäftigt sich aber nicht nur mit einem veränderten Heldenbild - er prangert auch an: Der Propagandakrieg eskaliert in Mockingjay 2 - Kameras beider Seiten sind immer allgegenwärtig, zeigen Elend und Verzweiflung. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den Gegnern Snow und Coin endgültig. Wenn die Rebellen etwa die Strategie für ihren Angriff auf Distrikt 2 besprechen, dann steht schnell die Tötung von Zivilisten im Raum - der Zweck soll die Mittel heiligen. Die Unterschiede zwischen Richtig und Falsch, Wahrheit und Lüge, Realität und Täuschung sind beinahe aufgelöst.

    Am Ende wird klar: Krieg kennt keine glorreichen Sieger, nur Überlebende, Versehrte und Opfer. Ihnen widmet der Film viel Aufmerksamkeit, Leidenschaft und Zuneigung. Wenn aber die Helden am Schluss in eine Bauern-Idylle und die Hauptdarstellerin in eine Klamotte à la “Maggi-Hausfrau aus den 80ern” gezwungen werden, ist das zu viel des Guten. Leider werden ihr pathetische Worte in den Mund gelegt, die das Ende mehr als kitschig werden lassen - und sie letztlich doch noch zur Disneyprinzessin. Aber das muss wohl bei einem “All-Age-Blockbuster” so sein.

    Insgesamt betrachtet bleibt Mockingjay 2, wie schon die Vorgänger, sehr nah an der Romanvorlage - samt allen ihren Stärken und Schwächen.


    Tribute von Panem - Mockingjay 2 ist für ca. 13 Euro als DVD und für ca. 17 Euro als Blu-ray bei Studiocanal erschienen.

    Infos: www.thehungergames.movie


    GEWINNSPIEL:

    Wer ein Fan-Paket von "Die Tribute von Panem" gewinnen möchte, sendet bis Montag, 21. März 2016, 18 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff Panem, Name und Adresse an benjamin.neumaier@mittelbayerische.de. 

    Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.



Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht