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Die Kugelschreiber

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    Nochmal leben, auf Deutsch

    Die Regensburger Initiative „CampusAsyl“ bietet Deutschkurse für Flüchtlinge an. Doch die sprachliche Vielfalt ist nicht einzige Herausforderung für die ehrenamtlichen Helfer. Über den Kampf mit den Folgen zäher Asylverfahren.

    Eine ehrenamtliche Helferin von "CampusAsyl" lernt mit einer Familie erste deutsche Wörter. (Foto: Basl) 

    Wenn Hamid Gummibärchen verteilt, verschwinden die Bilder für einen Moment aus seinem Kopf: Seine kleine Tochter. Lachend, mit Kopfhörern. Dunkles Haar, wie der Vater. Glücklich, in Hamids Armen. Ein Maschinengewehr, in Hamids Hand. Zerbombte Häuser. Blutlachen auf den Straßen. Szenen in Syrien, Bilder auf Hamids Facebook-Profil.

    „Hast du Kinder, Hamid?“, fragt eine Studentin. Ein Standardsatz, Small-Talk auf Deutsch, Lektion eins. Ja, sagt Hamid zuerst, zögert, antwortet dann aber korrekt: „Nein.“ Er hat keine Tochter mehr. Ein Bombenangriff von Assad, sagt er, formt seine rechte Hand zu einem Flugzeug und markiert mit dem linken Zeigefinger den Abwurf einer Bombe. „Mein Haus ist zerstört. Meine Frau und meine Tochter sind tot“, erzählt er, geht zu einem der in kleine Grüppchen zusammengestellten Tische, teilt die Gummibärchen aus, scherzend, und übersetzt für vier Syrer einen deutschen Satz auf arabisch. 

    Hamid ist im Mai aus Damaskus nach Regensburg geflohen. Seitdem lebt er dort in der Erstaufnahmeeinrichtung. Jeden Tag steht er um sieben auf, hilft bis Abends, wo er kann, gönnt sich keine freie Minute. Sonst kehren die Bilder zurück, sagt er. Zwei Mal die Woche besucht er den Deutsch-Crashkurs von „CampusAsyl“, einer Initiative von Regensburger Studierenden und Mitarbeitern der Universität. Hundert Wörter Deutsch habe er da schon gelernt, sagt er, mehr als die meisten anderen Flüchtlinge, die heute in den Speisesaal der Einrichtung zum Deutschkurs gekommen sind. 

    Sechs Leitz-Ordner für ein neues Leben

    Hamid eilt zwischen den Lerngruppen umher. Statt Teller liegen jetzt viele Arbeitsblätter mit einfachen deutschen Sätzen auf den Tischen. Sechs ehrenamtliche Helfer sind gekommen: Studierende und Lehrerinnen, hauptsächlich Frauen. Die meisten seien zum ersten Mal da, sagt Eva König, die den Einsatz der Helfer bei „CampusAsyl“ koordiniert. Oft wüssten die Helfer nicht, mit welchen Schicksalen sie konfrontiert werden, mit welchen Voraussetzungen die Flüchtlinge zu dem Kurs kommen. „Manche sind gerade zwei, drei Tage da. Wirklich vorbereiten kann man sich da nicht“, sagt Eva, „wenn man wirklich alle unter einen Hut bringen möchte, geht das nur, wenn man improvisiert.“ 

    Sechs dicke Leitz-Ordner sind die Grundlage des Kurses, verstaut in einem Metallschrank im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes der Einrichtung. „Wir haben sechs verschiedene Unterrichts-Einheiten entworfen, die alle drei Wochen wiederholt werden“, erklärt sie und zieht einen heraus. Es sind erste Wörter auf Deutsch, grundlegende Sätze, Begrüßungsformeln, wie „Ich heiße Eva, wie heißt du?“, die für die Flüchtlinge erste Bausteine für ein neues Leben sind.

    Im Speisesaal herrscht lautes Stimmengewirr, fröhlich, ausgelassen: die Erleichterung, endlich dem Krieg entkommen zu sein. Fast vierzig verschiedene Stimmen sprechen durcheinander, in mindestens vier verschiedenen Sprachen: deutsch, englisch, arabisch und albanisch. Mehr als deutsch und englisch können die ehrenamtlichen Deutschlehrerinnen aber auch nicht, erzählen sie. Einige haben sich vor dem Kurs noch eine Übersetzungs-App heruntergeladen. Andere erklären mit erst weit ausgestreckten, dann mit zusammengezogenen Armen, was „dick“ und „dünn“ bedeutet. Und wenn gar nichts hilft, tritt Hamid an den Tisch heran, begrüßt die Helfer mit einem zünftigen „Servus“, und übersetzt auf arabisch. „Reschbeckt“, sagt er dann auf bairisch, wenn er weiterhelfen konnte.

    Am schlimmsten ist das Warten

    Hamid möchte in Deutschland leben, arbeiten. In Damaskus habe er ein Internetcafé betrieben und Bekleidung verkauft. Das könne er sich auch hier vorstellen. Der Deutschkurs ist für ihn der erste Schritt in ein neues Leben, das Gummibärchen-Verteilen der Abschied vom alten. 

    Die Chancen als syrischer Flüchtling in Deutschland anerkannt zu werden, sind derzeit gut. Ganz im Gegensatz zu Flüchtlingen aus dem Balkan: die albanische Familie, die heute an einem der Tischgrüppchen hockt, sich gegenseitig Deutsch beibringt, hat kaum Chancen, hier bleiben zu können. Doch am schlimmsten ist das Warten, die Ungewissheit.

    Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dauert die Bearbeitung eines Asylantrags derzeit im Durchschnitt 5,4 Monate, wie die „Welt“ schreibt. Eine Arbeitserlaubnis erfolgt daraus aber noch nicht; ein gestellter Asylantrag bedeutet zunächst einmal nicht mehr, als sich in Deutschland aufhalten zu dürfen: nach den drei Monaten Erstaufnahmeeinrichtung in einer der Gemeinschaftsunterkünfte bleiben zu dürfen. Und dort zu warten. Teilweise Monate. Jahre. So lange, bis die anfängliche Euphorie und Motivation der Frustration gewichen ist.

    „Viele haben klinisch diagnostizierte Depressionen“, sagt Eva über die Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft Grunewaldstraße in Regensburg. „Manchmal ist es schwer, die Leute dort zu erreichen.“ Auch dort bietet „CampusAsyl“ jeden Mittwoch einen Deutschkurs an. Was hier auffällt, ist die Stille. 59 Menschen wohnen derzeit in dem alten Hotel. Nur zwei sind zum Unterricht gekommen. Rêbîn (Name v. d. Redaktion geändert), ein Kurde aus dem Irak und Apti, ein Tschetschene. 

    Jahre später: Frust statt Euphorie

    Der Raum im Keller des alten Hotels erinnert an eine alte Wirtsstube. Roter Steinfußboden mit einfachen Ornamenten, dunkle Holzbalken an weißen Wänden. Stühle wie aus einer gemeinsamen Rumpelkammer eines italienischen Restaurants, einer Schule und eines bayerischen Wirtshauses. Es riecht alt, wie Möbel, die zu lange im Keller gestanden haben. „Nach Sofa“, sagt Maria Gut, die gemeinsam mit Judith Müller den Kurs betreut. Beide sind Studentinnen, Maria studiert Grundschullehramt, Judith Soziale Arbeit.

    Studentin Judith Müller über ihre Arbeit als ehrenamtliche Deutschlehrerin, den Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und ihre Wünsche für die deutsche Asylpolitik.
    von Christian Basl

    An der Stirnseite des Raums ist eine White-Board-Tafel angebracht, darüber hängt ein Zettel: „WICHTIG: Alles, was an der Tafel steht, muss auch ins Heft.“ Judith steht vor der Tafel, schreibt mit einem blauen Stift darauf Wörter, die zum Begriff „Grillparty“ passen.

    „Feuerzeug“, sagt Rêbîn und Judith schreibt es an die Tafel. Wenn Rêbîn deutsch spricht, knüllt er an den Arbeitsblättern, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Er spricht leise, meistens in seine Hand hinein. Von der Euphorie und Erleichterung der Erstaufnahmeeinrichtung ist bei Rêbîn nichts zu spüren. 

    Das Datum, als er aus dem Irak nach Deutschland kam, weiß er genau: 12.12.2009, schreibt er auf einen Notizzettel, die einzelnen Zahlen je von rechts nach links. Er sei vor radikalen Islamisten geflohen. Er erzählt von Angriffen auf seine Stadt im Irak, dort, wo nun keine Menschen mehr leben würden, Bilder, die er nie mehr vergessen könne. 10.000 Dollar habe seine Flucht gekostet, zwölf Tage habe sie gedauert. Seitdem wartet er darauf, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Sie kommt nicht. Er könnte backen und kochen, sagt er, Pizza und Pasta würde er gerne machen. Stattdessen arbeitet er schwarz, geht jeden Tag zum Regensburger Hafen, um zu sehen, ob er sich etwas dazuverdienen kann, meist unter schlechten Arbeitsbedingungen, erzählt er. 

    Der Kampf mit langen Asylverfahren

    Er will deutsch lernen, deutsch sprechen können, um irgendwann eine Arbeit zu finden. Seit Mai besucht er den Deutschkurs von „CampusAsyl“. Wünsche oder Perspektiven für die Zukunft hat er nicht, sagt er. Aus ihm spricht der zähe Fluss deutscher Bürokratie, langer Asylanträge, mit dem auch Judith und Maria zu kämpfen haben: „Wir sind schon einmal durch die ganze Unterkunft gegangen, um für den Kurs zu werben. Wir hätten auch Mandalas zum Ausmalen für Kinder“, sagt Judith. Aber im Durchschnitt kämen gerade einmal vier. 

    Pro Jahr würde nur jedem sechsten Bewohner der Grunewaldstraße der Asylstatus anerkannt, sagt Erich Bauer, Hausmeister in der Unterkunft. Erst dann dürfen die Flüchtlinge einen offiziellen Sprachkurs machen. „Das verschleppt natürlich alles. Und das bei so motivierten Menschen“, sagt Eva. Sie wünscht sich, dass die Asylverfahren verkürzt werden, dass nicht die Ungewissheit überhand nehme über die Motivation, die Euphorie. 

    Wenn Eva von den langen Asylverfahren spricht, von motivierten Flüchtlingen und der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, gerät sie in Rage. Hamid eilt herbei. Er stellt Eva einen kleinen, weißen Plastikbecher hin. Etwas Apfelsaft bei der Hitze. „You are here. You are my guest“, sagt er zu ihr. Er hat Hoffnung.

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